Italien: Abkehr von der Impfpflicht

9. August 2018

„Impfung ja, Verpflichtung nein.“ Das ist das Credo der italienischen Lega-Partei. Wenn es nach Parteichef Salvini geht, sollen Eltern selbst entscheiden können, ob sie ihre Kinder impfen lassen oder nicht. Dabei herrscht in Italien aktuell noch Impfpflicht. Kommt jetzt der Kurswechsel?

Am 3. August wurde laut neuestem Bericht der italienischen Zeitung ANSA eine Verschiebung der Impfpflicht vom Senat genehmigt. Es wurde abgestimmt, dass es eine Änderung der im Vorjahr eingeführten Impfpflicht geben soll. Diese besagte bisher, dass Eltern dazu verpflichtet sind, Impfdokumente als Voraussetzung vorzuweisen, damit ihre Kinder Zugang zu öffentlichen Kindergärten, Kitas oder Schule zugelassen werden. Die Kritik innerhalb des Landes ist groß, Gesundheitspolitiker Antonio Saitta etwa spricht von „einem Schritt zurück“.

Alles neu – oder doch nicht?

Im Vorjahr machte der ehemalige italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni noch die Verbreitung nicht wissenschaftlicher Theorien für den Rückgang an Impfungen verantwortlich. Damals hatte ein Masernausbruch die Debatte über die Impfpflicht neu belebt. Wurden im März 2016 beispielsweise 73 Fälle registriert, waren es im März letzten Jahres 899 Fälle, wie aus einem Report des ECDC hervor geht. Parallel dazu sank die Impfrate: Die Zahl der Zweijährigen, die gegen Masern geimpft waren, war etwa 2017 auf unter 80 Prozent gesunken, berichtete BBC.

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Monatlicher Masern- und Röteln-Report @Surveillance Report Februar 2018, European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)

Die damalige Regierung führte deshalb eine Impfpflicht für folgende Krankheiten ein: Masern, Poliomyelitis (Kinderlähmung), Diphtherie, Tetanus, Hepatitis B, Haemophilus influenzae Typ B, Meningitis B, Meningitis C, Mumps, Röteln, Pertussis (Keuchhusten), Varizellen (Windpocken).

Erst auf Kurs, dann Kommando zurück

Im März 2018 berichtete ANSA über erste Erfolge. „Wir haben über 95 % der Kinder mit dem Sechs-in-Eins-Vakzin geimpft. Der Schwellenwert, ab dem eine Herdenimmunität möglich ist, wurde erreicht,“ wird Giovanni Rezza, Vorstand des italienischen Instituts für Infektionskrankheiten (ISS) in ANSA zitiert. „Wir haben auch einen Anstieg von etwa sechs Prozent bei Masern-Impfungen, wir sind also auch hier bereits nahe an der Schwelle.“ Nicht alle wollen bei dieser neuen Impfbewegung mitmachen. Zu diesem Zeitpunkt schätzte man, dass etwa 30.000 Kinder trotz neuer gesetzlicher Vorgaben weiterhin ungeimpft blieben, heißt es in der italienischen Zeitung.

Grund für den aktuellen Kurswechsel in der Regierung ist die impfkritische Haltung von Innenminister Salvini, Chef der Lega-Partei. Mit Aussagen wie „Zehn verpflichtende Impfungen sind nutzlos und in vielen Fällen gefährlich, wenn nicht schädlich“ wurde er bereits im Juni in ANSA zitiert. „Ich bestätige die Zusage, dass alle Kinder die Schule besuchen dürfen. Die Priorität ist, dass sie nicht aus dem Unterricht ausgeschlossen werden,“ sagte Salvini vor zwei Monaten.

Wählerzielgruppe: Impfskeptiker

Damit stößt er bei einer gewissen Gruppe auf Begeisterung, die in Italien besonders viele Anhänger findet. Impfskeptiker sind hier gut vernetzt, auf dieses Problem machte Burioni, ein italienischer Professor der Microbiologie und Virologie bereits vor Jahren aufmerksam, wie TIME berichtete. Salvinis Partei warb deshalb im Wahlkampf mit dem Versprechen, die Impfpflicht rückgängig zu machen. Dieser Plan könnte nun tatsächlich aufgehen. Die geplante Gesetzesnovelle kann allerdings frühestens im Schuljahr 2019-2020 in Kraft treten, denn die Entscheidung des italienischen Bundestags steht aufgrund von Parlamentsferien noch aus.

Von Reportern wurde der Erziehungsminister Marco Bussetti letzte Woche gefragt, wie die Regierung in Zukunft jenen Kindern den Unterricht ermöglichen will, die an einem geschwächten Immunsystem leiden. Schließlich sind sie darauf angewiesen, dass jedes Kind in der Klasse geimpft ist, ansonsten könnten sie aus Sicherheitsgründen nicht am Unterricht teilnehmen. Die Antwort des Lega-Mitglieds: „Sicherlich werden sie nicht ausgeschlossen,“ zitierte die New York Times. „Impfung ja, Verpflichtung nein,“ sagte er letzte Woche, und, dass man die Entscheidung, zu impfen, den Eltern überlassen sollte.

18 Wertungen (4.72 ø)
Bildquelle: IK's World Trip, flickr / Lizenz: CC BY

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8 Kommentare:

Where do I fond thé English translation ?
Thks

#8 |
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Herbert Och
Herbert Och

Dr. Hartmut Hollerbuhl : die Begründung, warum Ärzte sich selber so selten gegen Influenza impfen lassen, kann ich so nicht durchgehen lassen. Der offizielle Schutz wird zwischen 50% und 80% angegeben. Zur Erinnerung: 99,9% der Todesfälle gehen auf Influenza und gerade hier lassen sich Ärzte im Durchschnitt weniger als die Bevölkerung impfen. Also, wo sollte man die Impfverweigerer suchen?

#7 |
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Hebamme

Wenn Impfung zur Pflicht gemacht werden soll und Menschen Gott spielen wollen( was sie ja schon länger in schlechter Manier versuchen!, meist am schnöden Mammut Geldgewinn orientiert!), dann sollten auch im Gegenzug schriftliche Gewehr über die ach so große Harmlosigkeit erfolgen. Nur weil Pharma Politik und leider auch viele Ärzte bestens verknüpft sind, heißt das nicht, dass man in einer Demokratie den Bürger vollends entmündigen darf. Mit den vielen durch Medien verstümmelten Kindern und Jugendlichen hat auch keiner ein Problem!

#6 |
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Dr. Hartmut Hollerbuhl
Dr. Hartmut Hollerbuhl

Herr Och hat sicher recht, was die unzureichende Durchimpfung von Beschäftigten im Gesundheitswesen gegen Influenza betrifft. Nur ist hier das Problem sicher ein ganz anderes. Zwar soll wohl der Verlauf der Erkrankung bei Geimpften leichter sein als bei Nichtgeimpften, auch wenn, wie meist bei dieser Vakzination, die Serotypen des Impfstoffes so gar nicht mit denen der aktuellen Grippewelle übereinstimmen. Aber darin unterscheidet sich eben z.B. die Masernimpfung völlig von der Grippeimpfung: Hier passt alles einschließlich der Indikation. Und man kann sich eben nicht auf den “gesunden Menschenverstand” von Laien verlassen, die leider keine Einsicht in die Gefahren einer solchen Erkrankung haben und zeigen. Ich bin als Kind nicht geimpft worden, die Impfung gab´s noch nicht, ich hatte Masern, und das war belastend, für meine ebenfalls erkrankte Mutter sogar höchst gefährlich. Und aus diesem Grunde bin ich für eine Impfpflicht- jemand, der keine Ahnung hat und sich nicht überzeugen lassen will oder kann, muss gezwungen werden, wenn es keine vernünftigen Gründe gegen eine Impfung gibt.

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Dr Eckhart Sajitz
Dr Eckhart Sajitz

Ganz tolle Idee, Italien! Oder doch nur Schielen auf mehr Wähler? Wie kann ein vernünftiger, aufgeklärter Mensch – Politiker – fordern, eine so weitreichende, komplexe Frage zu 90+x % Laien, den Eltern, zu überlassen. Für mich ist das schon an der Grenze zum Kriminellen. Dr.E.Sajitz, prakt.Tierarzt

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Dr. med. Jozef Pribula
Dr. med. Jozef Pribula

Eine Korrektur zu meinem vorläufigen Kommentar:
im Region:
– über 400 Masern-Pateinten
– über 200 serologisch bestätigt,….

JP

#3 |
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Dr. med. Jozef Pribula
Dr. med. Jozef Pribula

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

zum Thema Imfung und Verpflichtung will ich Sie darüber informieren, dass wir in der Ostslowakei seit dem Maianfang schon zwei Monaten mit einer Masernepidemie kämpfen (Gebiet Michalovce), bei welcher als Quelle die kleinen Kinder der slowakischen Emigranten, die aus Grossbritanien zurück gekommen sind (und dort nicht geimpft wurden), identifiziert wurde.
Inzwischen zum heutigen Tag (9.8.2018) wurden klinisch und serologisch in diesem Gebiet über 400 weiteren Fälle bestätigt (Kein tödlicher, …Gott sei Dank).
Aus diesem Grund gilt noch weiter eine außerordentliche epidemiologische Situation im Region Michalovce.

Darüber haben auch slowakische Medien informiert:

Erster Artikel ist vom 29.05.2018:
https://spectator.sme.sk/c/20837728/measles-occurred-in-eastern-slovakia.html

die anderen:
zum 20.07.2018:
https://kosice.dnes24.sk/osypky-sa-na-vychode-siria-podozrenia-na-nakazy-eviduju-v-dalsich-okresoch-304619

zum 11.07.2018:
https://detskechoroby.rodinka.sk/viac-o-ockovani/preco-sa-ockovat/ockovat-ci-nie/na-vychode-slovenska-zuri-epidemia-osypok/

JP

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Herbert Och
Herbert Och

Salvini ist vernünftig. Impfung sollte auf freiwilliger Basis basieren. Wenn nicht, müsste man Ärzte und ärztliches Personal zu der Influenza-Impfung verpflichten. Laut RKI gehen in Deutschland 99,9% aller Todesfälle von Erkrankungen, bei denen eine Impfung existiert, auf das Konto von Influenza. Und genau o. g. Berufsgruppe lässt sich weniger häufig impfen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

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