Auf Turkey durch Diät

13. Januar 2010
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Schokolade, Kuchen, Junk-Food – das Verlangen nach ungesunden Nahrungsmitteln hat System. Denn hinter Jo-Jo-Effekt und Heißhunger nach Süßem und anderem Ungesunden stecken schlicht und ergreifend Entzugssymptome mit Angst und Stress.

Erfahrungen mit dem Jo-Jo-Effekt nach Diäten und besonders starken Gelüsten nach Ungesundem haben schon etliche Abnehmwillige gemacht. Wider besseres Wissens isst manch einer, dessen wochenlanger Verzicht auf alles Schmackhafte sogar mit schwindenen Pfunden honoriert wurde, wieder genau die Nahrungsmittel, die dick machen. Alles umsonst.

Essen gegen Stress und Angst

Mangelnder Wille oder Unvernunft aber steckt, wie oft vermutet, nicht hinter dem Phänomen, das Füllige trotz Abnehmversuchen weiter zunehmen lässt. Vielmehr aktivieren wechselnde Perioden von ungesunder und gesunder Ernährung das Stresssystem des Gehirns, so das Ergebnis einer Studie um Pietro Cottone des Committee on the Neurobiology of Addictive Disorders des Scipps Research Instiute in La Jolla Kalifornien. Folge dieser Aktivierung sind laut Forscher vermehrte Fressattacken, die Angst und Entzugssymptome reduzieren.

Zumindest ließ sich dies bei Ratten beobachten, die wechselnde Nahrung erhielten. Während es fünf Tage lang reguläres Fressen gab, wurden sie zwei Tage lang mit einer mit Schokoladen-Aroma versetzten Nahrung gefüttert. Eine zweite Gruppe der Tiere erhielt das gewohnte Futter. Alle Tiere durften soviel essen wie sie wollten.

Ratten mit Schokoladen-Futter wollten sehr bald nicht mehr vom schmackhaften Essen lassen und verweigerten das normale Futter. Zudem vermieden sie angstauslösende Situationen. Bekamen sie wieder die Leckerbissen, normalisierte sich nicht nur ihr Verhalten, sie fraßen auch mehr als eigentlich nötig.

Stresssystem im Hirn beeinflusst Verhalten

In einem nächsten Schritt maßen Cottone und Mitarbeiter die Menge des Cortikotropin-Releasing-Faktors (CRF) in der Amygdala des Gehirns. Die Amygdala ist für die Verarbeitung von Stress und Angst bedeutend. CRF gilt als Schlüsselneuropeptid des Stresses. Eine Aktivierung des CFS-Systems der Amygdala ließ sich bereits in Studien zur Drogen- und Alkoholabhängigkeit nachweisen. Die mit Süßem verwöhnten Tiere wiesen bei „Entzug“ fünffach höhere Werte des CRF auf als normal Gefütterte.

Dass die Aktivierung des Stresssytems Ursache der Verhaltensveränderungen der Tiere war, belegt der folgende Therapieversuch mit der Substanz R121919, ein CRF-Rezeptor-Antagonist minderte Fressanfälle und normales Fressen wurde wieder akzeptiert. Angstverhalten trat nicht mehr auf.

Die CRF-Rezeptor-Blockade ist auch Thema bei der Therapie der Alkoholabhängigkeit. Forschung auf diesem Gebiet betreibt Markus Heilig, Psychiater am National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism in Bethesda, Maryland. Er identifizierte eine vielversprechende Substanz, die Ratten vom Alkoholtrinken abhielt.

Ungesundes Essen als Selbsttherapie

Den Mechanismus des Jo-Jo-Effekts erklärt Eric Zorilla, Mitarbeiter der Studie und Mitglied des Pearson Center for Alcoholism ans Addiction Research des Scipps Research Institute, mit negativer Verstärkung. Demnach essen Menschen nach Diäten nicht der Lust und positiven Verstärkung wegen, sondern aufgrund der Stressreduktion. Das Essen wird auf diese Art zur Selbsttherapie. Die Klärung der neurochemischen Basis von Verhalten nach Diäten macht deutlich, warum v.a. wiederholte Diäten häufig nicht wirksam sind, um Gewicht zu reduzieren.

Die Aktivierung des Stresssystems ist nicht nur mit seelischen Erkrankungen sondern auch mit anderen körperlichen Erkrankungen wie Herzerkrankungen verbunden. Bedeutung könnte die Arbeit auch für Patienten mit Essstörungen wie der Bulimie haben. Ob hier der bei den Tieren eingesetzte Wirkstoff therapeutisch eingesetzt werden könnte, sollte Gegenstand weiterer Untersuchungen sein.

210 Wertungen (4.12 ø)
Allgemein

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15 Kommentare:

Dr. Heidrun Thomas
Dr. Heidrun Thomas

Ach Leute! Schokolade schmeckt doch soooooooo gut!!!!

#15 |
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sehr interessant!prof holsboer,münchenkam vor jahren zu dem gleichen ergebnis.
wäre bloss zu wünschen,dass wir allmählich aus dem psychologisieren heraus kämen und unser hirn genauso wissenschaftlich korrekt behandeln würden wie muskeln oder herz.alle drei gehorchen den gleichen physiologischen grundsätzen.ob gewicht oder depression:es geschieht nichts ohne zugrunde liegende hormonelle steuerung

#14 |
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Wissenschaftliche Artikel ohne Quellenangaben liegen im Bildzeitungsniveau und sind eigentlich die Zeit nicht wert, sie zu lesen.
Was hat ein Truthahn mit misslungener Diät zu tun? Thema verfehlt wrde ich meinen Schülern sagen…

#13 |
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Susanne Gauder
Susanne Gauder

Wenn hinter Heißhunger und JoJo-Effekt Entzugssymptome stecken, dann heißt das für mich, das Zucker & Co süchtig machen kann!
Etwas, was ich schon seit Jahren erzähle, was immer wieder abgetan wurde…

Es fehlr der natürliche Umgang mit natürlichen Nahrungsmitteln.
Gut 90% des Warenangebots der Discounter sind schlicht und einfach Schrott.
Farb- und Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, Füllstoffe, Aromen – alles schlicht und einfach unnötig!

Aber wer will (kann??) heute noch kochen?
Aus frischen Produkten, ohne Tütenkram?

#12 |
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Es zeigt sich mal wieder unser streng mechanistisches Weltbild: wenn’s mir schlecht geht oder ich mich falsch verhalte, nehme ich halt eine Pille, die das ganze wieder richtet. Wenn ich nicht in der Lage bin, mein durch Diät reduziertes gewicht zu halten, wird auch dafür eine Pille erfunden. Selbstdisziplin ist nicht gefragt. Bin ich zu dick, ist es der böse Streß und werde auch noch von bösen Mitmenschen diskiminiert. Die Medizin “hilft” mit Tabletten oder einer Magenverkleinerungs-OP, damit ich mich nicht am Riemen reißen. Rauche ich, ist es der böse Streß und ich nehme Nikotinkaugummis oder -pflaster, statt mich zu disziplinieren und so weiter, und so fort.
(Der Autor dieser Zeilen ist Raucher und eher nicht untergewichtig, sucht dafür aber die Schuld ausschließlich bei sich und nicht bei den Umständen.
“Es ist immer die Badehose, wenn der Bauer nicht schwimmen kann.”)

#11 |
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Dr. Rolf Altemöller
Dr. Rolf Altemöller

Angesichts von vielen “Zivilisationskrankheiten” scheint die eine Hälfte der Menschheit darin ihre vordringliche Aufgabe zu sehen, der anderen Hälfte “Stress” als Ursache von gesundheitlichen Störungen zu diagnostizieren, wenn alle nicht mehr weiter wissen! Was dem Einen sein “Stress”, ist dem Anderen sein “Schutz”, sein überlegenes Zurücklehnen im Sessel, wenn wieder einmal der Übeltäter “Stress” entlarvt worden ist! Gleichsam wie ein Freibrief, therapeutisch nicht mehr tätig werden zu müssen oder zu können!

Da verkriechen sich schon Zehnjährige mit Hochbegabung hinter ihrem Stress, um zu betonen, dass sie selbst nun so gar nichts an ihren Verhaltensauffälligkeiten ändern können. Oder: nicht der Arzt oder Psychotherapeut ist als Helfer gefordert, wenn der Tinnitus als Folge von: “Haben Sie etwa Stress?” festgestellt wird und sofort eingewendet wird, dass man in erster Linie selbst etwas gegen das Ohrensausen tun muss. Klasse Stressabwehr auf seiten des Therapeuten!! Und noch mehr Stress beim armen Tinnituspatienten!

Selbstverständlich leidet auch der Autor dieser Zeilen unter permanenten Stress, wahrscheinlich auch die Macher dieser Webseite. Mit Sicherheit auch der HNO-Arzt, der nach jeder neuen Gesundheitsreform oder KV-Laune seinen Patienten erklären muss, dass Tinnitus “von der Kasse nicht bezahlt wird”.

Wir sind in der westlichen Welt dazu verurteilt, unser Leben eben unter Stress zu führen, wenn wir all die gebotenen Gratifikationen mitnehmen wollen, die das Leben so bietet. Auch der Verzichtende kommt nicht ungeschoren davon, dafür sorgt seit einigen Jahren zuverlässig “Hartz 4”. Kein Unternehmer hätte mehr Leute zu beschäftigen, wenn die ihm beim Einstellungsgespräch rund heraus erklärten: “Arbeiten für Geld ja – aber bitte ohne jeden Stress!”

Und wie naiv: Wenn alle Krankheiten unserer Gesellschaft mehr oder weniger mit Stress zu tun haben, an was sollten die Menschen denn alternativ, d.h. ohne Stress erkranken? Malaria, Gelbfieber und Schlangenbisse wären wünschenswerter?

Wahrlich kaum attraktive Alternativen! Da sind die Aussichten eines Alkoholrausches mit leckeren Völlereien viel angenehmer! Da merkt man den Stress am wenigsten!

Diese Erkenntnisse bedürften eigentlich keiner weiteren Forschungsanstrengungen, außer – die jeweiligen Autoren stünden unter Stress wegen ihrer beruflichen Karrieren…

#10 |
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Kinderkrankenschwester

Ich habe auch eine Diät hinter mir und meine Ernährung danach umstellt. Ich muss sagen, ich kann mein Gewicht sehr gut halten. Ich weiss genau, was ich essen kann und wo ich aufpassen muss! Natürlich leiste ich mir auch diese Lebensmittel, aber weiss danach, was zu tun ist! Ich hatte auch nach meiner Diät nicht die erwarteten Heisshungerattacken! Ich habe mir ein Motto gestellt und will mich daran halten! Es lautet: “Nichts auf diesem Planeten verschwindet für immer nur weil ich es heute nicht esse!!”

#9 |
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Als Chemikerin würde ich gern mehr über dieses Thema erfahren und wäre für die Angabe einer Literaturquelle dankbar.

#8 |
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Josa Preuß
Josa Preuß

Ich finde dass diese Studie den Jojo-Effekt nicht ausreichend erklärt. Warum können die Menschen dem Heißhunger nach der Diät nicht wiederstehen, dem sie meist während der Diät zur Gewichtsreduktion wiederstehen können, bzw. warum treten (eigene Erfahrung) die Heißhungerattacken nach der Diät und nach dem Abnehmen auf obowhl man sich während der Diät trotz diät-streß super fühlt? Außerdem finde ich das Eßverhalten von Käfigratten nicht unbedingt aussagekräftig für Menschen, wo bleibt da die Wahlfreiheit? oder sind wir alle auch schon von der Konsumkost “determiniert”?

Unabhängig davon wäre es natürlich begrüßenswert, wenn durch diese Forschung ein Arzneimittel entwickelt werden könnte, dass mit ihrem Gewicht unglückliche Übergewichtige oder durch selbstbehandelte Streßreduktion abhängig gewordenen Menschen helfen kann.

#7 |
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Dr. Thore  Litta
Dr. Thore Litta

“Ungesundes Essen als Selbsttherapie” hat dann ein Ende, wenn die unbegrenzte Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ein Ende hat. Kaum jemand kennt noch die Zeit der Lebensmittelmarken! Wohlgemerkt: L e b e n s mittel!

#6 |
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Bitte, warum haben die Artikel so selten Literaturangaben, DOI-Nummern oder Links zu Abstracts? Klar kann ich die Originalliteratur auch selbst herausfinden, aber gerade bei so interessanten Sachen wie dieser wäre das ein toller Service.

#5 |
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susann summer
susann summer

guten morgen! habe leider keine zeit für inhaltliches; nur soviel: der artikel ist sehr interessant, offensichtlich gut recherchiert. im übrigen schliesse ich mich den vorschreiberinnen an.

#4 |
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Christiane Bargmann
Christiane Bargmann

Gut wäre es,wenn man diese Studie weiter nutzt, um betroffenen Personenkreis zu helfen.
Ach von Seiten der KV wäre ein Umdenkprozess wünschenswert.
Da es sich hier offensichtlich ja doch um eine Erkrankung des Stoffwechsels handelt, könnte man ja leicht mit der Behandlung des Übergewichtes sämtliche Nebenerkrankungen beseitigen, bzw. lindern.Ich denke hier an Herz-Kreislauf,Gelenkerkrankungen und Erkrankungen der Psyche.

#3 |
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A. Krause
A. Krause

ich möchte mich dem nur anschließen, Schluß mit der Diskriminierung dicker Menschen.

#2 |
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Ärztin

Zum Glück schreiben Sie, dass die in Bezug auf Dicke gemachte Annahme anderer Menschen, das Dicksein sei mit Disziplinlosigkeit gleichzusetzen, unzutreffend ist. Besonders im Hinblick auf medikamentös bedingte, sogar häufig zu Adipositas per magna führende Gewichtszunahme (Cortison, Psychopharmaka, sicher noch mehrere weitere Arzneistoffe…) wird dem Betroffenen so ausgelegt. Insbesondere psychisch erkrankte Menschen werden von Unwissenden, welche auch im Bereich der Psychiatrie Arbeitende sein können, so gesehen. Oder die Gewichtszunahme wird als krankheitsimmanent gesehen, was aber seltener vorkommt als die Nebenwirkung der Gewichtszunahme durch Psychopharmaka. Psychisch kranke Menschen fühlen sich durch die Krankheit und durch die Diagnosestellung schlecht und können auch ein schlechtes Gewissen haben, überhaupt so eine Krankheit bekommen zu haben. Das ist schon Stress genug. Der macht dick. Deshalb wünsche ich mir, dass die Diskriminierung dicker Menschen aufhört. Denn in Ihrem Artikel werden schon einige biologische Ursachen für und Folgen vom Dicksein aufgezeigt. A. Schmüser, Neurologin i. R.

#1 |
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