Streit um Zuckersteuer: Ist der Drops gelutscht?

2. August 2018

Deutschland braucht dringend eine Zuckersteuer, sagt der eine. Die Besteuerung zuckerhaltiger Lebensmittel wäre sogar kontraproduktiv, argumentiert der andere. Was spricht für die Einführung einer Zuckersteuer, was dagegen? Zwei Experten im Interview.

 

Weltweit wird derzeit über viele unterschiedliche Maßnahmen gegen zu hohen Zuckerkonsum diskutiert, wie wir kürzlich berichteten. In diesem Beitrag wird nun konkret über den Nutzen einer Zuckersteuer in Deutschland debattiert.

Dr. Dietrich Garlichs, ehemaliger Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Politologe, ist von dem Nutzen einer solchen Steuer überzeugt. Prof. Dr. med. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf, hält die Einführung einer Zuckersteuer für wenig sinnvoll.

 

Die Interviews in schriftlicher Ausführung:

Prof. Dr. Stephan Martin:

„Also zu erst einmal muss ich sagen: Zucker ist gefährlich und Zucker ist nicht gut. Überhaupt gar keine Frage. Nur ob wir den Zucker aus den Lebensmitteln, wo er eigentlich gar nicht reingehört, eliminieren können, indem wir eine Zuckersteuer einführen, halte ich für eine große Frage. Weil Zucker ist nicht die einzige Sache, die dazu führt, dass die Menschen dick werden.“

Dr. Dietrich Garlichs:

„Eine Zuckersteuer würde die Adipositas-Welle stoppen und zurückdrängen, umdrehen und das brauchen wir dringend um die enorme Zahl der Diabetiker, Herz-Kreislauf-Erkrankten, Gelenkserkrankungen und auch verschiedene Krebsarten zurückzudrehen.“

Was bringt Sie zu ihren Überzeugungen Herr Garlichs, Herr Martin?

Prof. Dr. Stephan Martin:

„Wenn ich jetzt Kartoffelpüree zu mir nehme, habe ich einen höheren glykämischen Index, als wenn ich Zucker zu mir nehme. Und wenn ich also eine Zuckersteuer hätte, wäre es ja dem Kartoffelpüree unfair gegenüber. Also bräuchte ich dann auch eine Kartoffelsteuer, eine Brötchensteuer – gerade Brötchen führen zu extrem schnellen Aufnahmen von Zucker – ich bräuchte dann eine Pastasteuer. Die Reissteuer dürfen wir dann natürlich auch nicht vergessen.“

Dr. Dietrich Garlichs:

„Also alle anderen Maßnahmen haben bisher nicht funktioniert. Aufklärung und Information. Worauf die deutsche Gesundheitspolitik bisher allein gesetzt hat. Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, sowohl westliche Länder, wie auch asiatische Länder, die Zuckersteuern eingeführt haben und der Absatz, zum Beispiel von zuckrigen Getränken, ist da deutlich heruntergegangen. Zum Beispiel in Kalifornien, in Berkeley ist der Absatz von zuckrigen Getränken um 21 Prozent – gleich im ersten Jahr – gesunken. Das sind natürlich sehr ermutigende Zahlen.“

Prof. Dr. Stephan Martin:

„Also Zucker in Limonade ist in der Tat eine nicht so günstige Angelegenheit. Nur ob ich jetzt Limonade trinke oder Orangensaft – den frisch gepressten – da gibt es auch keinen Unterschied und ich glaube, diese Kollegen wollen nicht auf dem Orangensaft auch die Zuckersteuer drauf haben.“

Wie sollte die Zuckersteuer konkret aussehen, Herr Garlichs?

Dr. Dietrich Garlichs:

„Wir würden die Zuckersteuer an der Ampelkennzeichnung orientieren, die ja europaweit bekannt und konsentiert ist. Und die Ampel springt auf Rot bei mehr als 15 Prozent Zuckergehalt eines Lebensmittels. Das wäre eine sehr pragmatische Regelung. Und die Höhe, da würden wir vorschlagen die Zuckersteuer an der Mehrwertssteuer-Skala auszurichten. Lebensmittel, die kein Rot nach der Ampel bekommen, belassen wir bei den 7 Prozent. Und Lebensmittel, die ein Rot haben, bei Zucker, Salz oder Fett, 19 Prozent. Und wie gesagt zuckrige Getränke, die ein besonderer Treiber von Übergewicht sind, vielleicht mit einer Sonderstufe von 29 Prozent.“

Was halten Sie von dem Vorschlag Herr Martin?

Prof. Dr. Stephan Martin:

„Also wenn wir die Nährwert-Ampel, so wie sie aktuell diskutiert wird nehmen, dann wird es richtig lustig. Also wenn wir dann Olivenöl haben, das einzige Lebensmittel von dem wir eine prospektive, randomisierte Studie mit der PREDIMED-Studie haben, womit Herzinfarkte und Schlaganfälle reduziert werden können, ist Fett, ist Öl, also würde es rote Punkte bekommen. Es wird einfach nur Unsinn werden und ich kann davor wirklich nur warnen.“

Dr. Dietrich Garlichs:

„Das Olivenöl und das Rot – dann nach der Ampel – für das Olivenöl ist ein bekanntes Totschlag-Argument. Das ist sehr leicht zu entkräften. Man kann zum Beispiel die Ampel nur für verarbeitete Lebensmittel einführen. Nicht für natürliche Lebensmittel. Was sie machen würden. Außerdem könnte man ungesättigte Fettsäuren herausnehmen und nur die gesättigten Fettsäuren [mit reinnehmen]. Also bei Öl und bei Butter ist ja auch die Aufklärung nicht wichtig, da weiß jeder was es ist. Die Aufklärung und die Ampel sind wichtig bei den verarbeiteten Lebensmitteln, wo man gar nicht mehr weiß was drin ist.“

Gibt es Alternativen zur Zuckersteuer?

Prof. Dr. Stephan Martin:

„Ich glaube wir brauchen keine Steuer, sondern wir können ja eine Verpflichtung machen, dass man bestimmte Produkte systematisch nach unten bringt. Das ist viel effizienter. Dann muss der Produzent das jedes Jahr auf 4 bis 5 Prozent reduzieren. Uund man muss natürlich auch eins sehen: Zucker ist ein preiswertes Lebensmittel und wenn ich das irgendwo reinhaue, umso preiswerter wird das Produkt. Und ich glaube, wenn man einfach klar sagt: So, du hast jetzt 10 Prozent Zucker drin, nächstes Jahr hast du 8 und dann hast du nur noch 6 Prozent Zucker drin, das ist verpflichtend – das lässt sich sehr schnell umsetzen und ich glaube, das ist etwas – wir haben auch immer wieder Produkte, die ihre Zusammensetzung ändern und das merkt dann keiner. Ich glaube das ist der Weg, den wir gehen sollten.“

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4 Kommentare:

Diplom Oecotrophologe Johannes Ritschel
Diplom Oecotrophologe Johannes Ritschel

Die Regulierung auf Getränke, denen Zuckervarianten i.S. von Glucosesirup/Fructose-Glukosesirup, Sacharaose u.v.m. aktiv zugesetzt wird greift in allen Ländern, die die Steuer eingeführt haben. Bekannte Hersteller splitten ihre Produkte unter identischen Markennamen mit Gehalten unter der Marge, die eine Steuer verlangt und setzen das Vielfache, bzw. fügen die bisherigen Unmengen an unnötigen Zuckern bei den Produkten für den deutschen Markt ein. Die WHO nennt eine unbedenkliche Zufuhr von ca.30 g pro Tag. Als Durchschnittsverbraucher schaffen wir täglich ca.100-160 g – Tendenz weiter nach oben . Und darum geht es konkret. Ich bin erstaunt, dass die Herren dem Verbraucher so viel Kenntnis von ernährungsmedizinischem Wissen, Differenzierung von Kohlenhydraten und deren Wirkungen im Stoffwechsel etc. unterstellen. (Glyk.Index, Glykämische Last, Glykämischer Effekt) .Die Argumente von Herrn Martin verwundern mich diesbezüglich ziemlich. Auch Kommentar #3 geht mit den Argumenten zu Milch und der Galactose merkwürdigen Vorstellungen nach. Wir können froh sein, dass Hersteller der Milch bisher in dieser Variante noch kein extra Zucker zusetzten.(im Vergleich zu Kakaogetränken u.ä.) Fragt man Ernährungsfachkräfte mit abgeschlossener anerkannter Berufsausbildung , die in der Beratung von Diabetespatienten aktiv tätig sind, ist der Frustfaktor dieser, was von der Beratung in die Umsetzung beim Kunden letzten Endes einfließt recht hoch. Umso wichtiger, es mit einer Steuer zu bestätigen, was um uns herum in Europa schon bewiesen wird, dass diese ist eine elegante Möglichkeit darstellt, der Zufuhr an unnötigen Zucker(n)mengen Einhalt zu gebieten. Und es geht eben nicht nur um Diabetes! Jedes Gramm unnötig zugesetzter Zucker in welcher Form auch immer sind zusätzliche tatsächlich leere Kalorien, die der gemeine Bürger nicht verbrennen wird…auch das wurde eben erst bestätigt, dass der Drang nach Bewegung nicht optimistisch aussieht. Ein Versuch ist es wert!

#4 |
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Erich Dengler
Erich Dengler

Höchste Zeit wird es, dass endlich die Ärzteschaft selbst ordentlich aufklärt und sich nicht mit der Zuckerlobby und der Pharmaindustrie gemein macht, Zucker zu verharmlosen und Fett zu Gunsten der Cholesterinsenker zu verteufeln. Die DGE verlangt für die Schulverpflegung immer noch fettarme Milch und Milchprodukte. Fettarme Milch ist wegen des Milchzuckers ein Problemlebensmittel und macht vermutlich sogar dick, weil die Galaktose wie die Fruktose zum größten Teil schon in der Leber in Fett zum Speichern umgewandelt wird. Anteilig fehlen wertvolle Fettsäuren und fettlösliche Vitamine. Es gäbe noch viele Beispiele, wo die Ärzteschaft bezüglich Kalorienlieferanten bei der Beratung versagt.
Der Anfang müsste mit dem Begriff Zucker und mit den Zuckerarten gemacht werden. Mit den Begriffen „süßer Zucker“ und „Stärkezucker“, sowie Glukose-, Fruktose- und Galaktose-Zucker können die Verdauungs- und Stoffwechselvorgänge ordentlich erklärt werden. Wieso immer von Kohlenhydraten gesprochen wird, obwohl auch Zellulose (aus Glukose) dazu zählt, ist mir ein Rätsel.
Bei der Aufklärung muss klar werden, dass Zucker kein Gift ist, weil wir damit etwa die Hälfte aller Kalorien aufnehmen. Gleichzeitig muss deutlich werden, dass Zucker der aggressivste Mengenstoff ist, der im Blut in sehr engen Grenzen geregelt werden muss, damit nicht die vielen Schäden auftreten, die meistens den Fetten angehängt werden. Außerdem ist Zucker ein Suchtstoff, der heute schon zwei Drittel der Kleinkinder erfasst und vermutlich die Grundlage für die meisten späteren stofflichen Süchte legt.

#3 |
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Mitarbeiter Industrie

Hier geht es nicht um gesundheitsbewusste Ernährung sondern um den fatalen Trend der Lebensmittelindustrie mit billigem Zucker, Kunstaromen etc. die Marge bei industriell verarbeiteten Lebensmitteln zu steigern. Gleichzeitig zwingt man die Menschen mit ihren “Steinzeit-Rezeptoren” zu verstärktem Konsum und in die Zivilisationskrankheiten.
Ist der Mensch erstmal an die Süße oder das starke künstliche Aroma etc. adaptiert will er gar keine natürlichen Produkte mehr und liefert der Industrie so das Argument für ihr unverantwortliches Verhalten: “Die Konsumenten wollten es doch so…. “

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Dr. rer. nat. Frank Werner
Dr. rer. nat. Frank Werner

Selbst wenn ich einer Zuckerbelastung zustimmte (was ich nicht tue), es darf keine Steuer sein deren Erträge ja nicht zweckgebunden sind und einfach im Haushalt untergehen würden (z.B. für eine weitere Militarisierung).
Wenn überhaupt darf es nur eine Abgabe sein mit klarer Maßgabe wofür das Geld verwendet werden darf.
Zum Beispiel für einen ordentlichen Sportunterricht an Schulen oder kostenlose Vereinsmitgliedschaften für Bedürftige.
Bei genügend Bewegung ist Fehlernährung nämlich kein Problem.

BTW: Zucker ist nicht billig, sondern deutlich teurer als Süßungsmittel …

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