Morbus Single

20. Januar 2010
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Einsamkeit ist ansteckend, wie Psychologen entdeckten. Sie untersuchten anhand der Framingham Heart Study soziale Kontakte. Dabei zeigte sich, dass einsame Menschen ihr Befinden auf ihr Umfeld übertragen, wo es sich wie eine Kaskade ausbreitet.

Was haben ein grippaler Infekt und Einsamkeit gemeinsam? Sie sind beide ansteckend. Das hat der Psychologe Dr. John Cacioppo von der Universität Chicago nun gezeigt. Ebenso wie ein Grippevirus übertragen wird, kann sich auch Einsamkeit innerhalb einer Gemeinschaft ausbreiten. Der US-Wissenschaftler hat herausgefunden, dass einsame Menschen ihr direktes Umfeld tatsächlich mit dem Gefühl, allein und ausgeschlossen zu sein, infizieren können. »Es überträgt sich ebenso wie eine ansteckende Krankheit«, so Dr. Cacioppo.

Spurensuche über Generationen

Dr. Cacioppo und sein Team, die Psychologen Dr. Nicholas Christakis, Harvard Universität, und Dr. James Fowler, Universität von Kalifornien, nutzten für ihre Untersuchung den umfassenden Datenpool aus der Framingham Heart Study. Jener inzwischen geradezu legendären US-Studie, die seit 1948 kontinuierlich in dem Ort Framingham inmitten des US-Staates Massachusetts läuft. Was kardiovaskuläre Risiken aufdeckt, ermöglicht auch wertvolle Einblicke in soziale Netzwerke – ebenfalls über Generationen hinweg. An Hand dessen hatten Dr. Fowler und Dr. Christakis auch bereits die Epidemiologe von Glück untersucht.

Für das Phänomen Einsamkeit analysierten die US-Psychologen nun in ihrer Studie die zweite Framingham-Generation, die Kinder der »Veteranen« von 1948: In dieser ersten Kohorte waren über 5.200 Einwohner von Framingham, Männer und Frauen mittleren Alters, eingeschlossen. Beginnend mit dem Jahr 1984 werteten sie die Angaben von knapp über 4.500 Probanden aus. Diese hatten in Fragebögen vermerkt, wie viele Tage sie sich in der vorangegangenen Woche einsam gefühlt hatten – die Befragungen erfolgten regelmäßig alle zwei Jahre und über einen Zeitraum von zehn Jahren. An den jeweiligen Terminen fand zudem eine umfassende Anamnese der Probanden statt. Da die meisten Freunde und Familienangehörige der Befragten ebenfalls in der Studie erfasst waren, ließ sich gut überprüfen, »ob und wie Einsamkeit das soziale Netzwerk des Betreffenden beeinflusst«, so Dr. Cacioppo.

Die Ergebnisse der Auswertungen waren verblüffend: Das Gefühl der Isolation erwies sich als tatsächlich übertragbar. Hatte ein Proband in einer Befragung angegeben, sich einsam zu fühlen, wirkte sich das direkt auf seine nächste Umgebung aus. Von den nächsten Kontaktpersonen, Freunden oder Familienangehörigen des Betreffenden, fühlten sich laut Dr. Cacioppo »über 52 Prozent in der nächsten Befragung ebenfalls isoliert und einsam«. Dieser Effekt zeigte sich interessanterweise vermehrt unter Freunden als unter Familienangehörigen. Darüber hinaus stellte sich heraus, dass Frauen anfälliger für die »Infektion« mit Einsamkeit sind und dass diese nicht nur das direkte Umfeld gefährdet: »Die Einsamkeit überträgt sich auch auf Personen, die mit Freunden oder Familienangehörigen von einsamen Menschen in Kontakt stehen«, so Dr. Fowler. Von diesen gaben 25 Prozent nach zwei Jahren in der Befragung an, ebenso ein Gefühl der Einsamkeit zu haben. Es gibt laut Dr. Fowler sogar »einen dritten Grad der Übertragung, denn zehn Prozent der Kontakte dieser Gruppe hatten beim nächsten Test selbst Einsamkeitsgefühle«.

Ansteckend isoliert…

Einsamkeit ist nicht Alleinsein – man kann sich bekanntlich in einer großen Menschenmenge sehr einsam fühlen. Nach den Worten von Dr. Cacioppo handelt es sich beim Gefühl des Einsamseins vielmehr um ein »fundamentales Empfinden, ebenso wie Hunger, Durst oder Schmerz«. Mit anderen Worten, so der Chicagoer Wissenschaftler, »ist Einsamkeit nicht das Symptom von sozialer Isolation, sondern die treibende Kraft dahinter«.

Wie jedoch wird der Einsamkeitsvirus übertragen? Durch negative Grundeinstellung, Misstrauen und Feindseligkeit: Neueste Untersuchungen zeigen, dass einsame Menschen verstärkt diese und andere nachteilige Verhaltensweisen an den Tag legen. Laut Dr. Cacioppo reagieren sie abweisend und oftmals aggressiv, sind schwierig im Umgang sowie übermäßig scheu und ängstlich ihrer Umwelt gegenüber. »Einsame sehen ihr soziales Umfeld vielfach als Bedrohung, denken schlecht über andere und misstrauen ihnen«. Ebenso fehl interpretieren sie Reaktionen anderer häufig als Ablehnung oder Angriff. Dieses Verhaltensmuster drängt die Betreffenden, nur verständlich, an den Rand ihres sozialen Netzwerkes und kostet sie nach und nach ihre Kontakte. Doch nicht nur das – die nächste Umgebung wird mit in den Strudel der Negativität und Ablehnung, kurz mit in die Einsamkeit gezogen.

Was umso brisanter ist, als dieser Zustand sowohl für die psychische als auch für die körperliche Gesundheit enormen Sprengstoff birgt. Inzwischen ist hineichend belegt, dass Einsamkeit zu Depressionen und Bluthochdruck führen kann, das Risiko für Demenzen erhöht und das Immunsystem schwächt, Schlafstörungen verursacht und die Freisetzung von Stresshormonen eskalieren lässt. Zudem, so Dr. Christakis, ernähren sich einsame Menschen ungesünder, vor allem fettreicher, konsumieren mehr Alkohol und Nikotin, und bewegen sich weniger als Zufriedene. Umso wichtiger ist es mithin, die Kaskade der Einsamkeit zu stoppen. Unter anderem empfehlen Dr. Cacioppo und seine Kollegen gewissermaßen als »Impfung« gegen den Einsamkeitsvirus, verlorene Bindungen so bald wie möglich zu ergänzen und Einsame vom Rand der Gesellschaft wieder in die Mitte zu holen: »Hier sind auch die Gemeinden und öffentliche Einrichtungen gefordert«.

161 Wertungen (4.11 ø)
Allgemein

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15 Kommentare:

Susanne Gauder
Susanne Gauder

Wohin sind eigentlich die ersten Kommentare zu diesem Artikel (davon 2 von mir) verschwunden?
Verfasst am 20.01.10 gegen 8 Uhr?

#15 |
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Elisabeth Rüger M.A.
Elisabeth Rüger M.A.

Na toll! In unserer immer mehr anspruchsvoller, narzißtischer, habsüchtiger und altersfeindlicher werdenden Gesellschaft ist diese Tendenz doch nicht verwunderlich. Ausgrenzung ist angesagt, die schon etwas menschenverachtendes an sich hat, und es ist ziemlich armselig, dann mal wieder all dieses mit der Deutschen Lieblings-Trend-Diagnose “Demenz” erklären zu wollen. Noch nie was von der psychiatrischen Diagnose “Kontaktmangel-Paranoid” oder anderen Differentialdiagnosen aus diesem Fachgebiet gehört???

#14 |
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Dinah Murr
Dinah Murr

Also mich wundert an dem Artikel- und den Beiträgen- dass keiner nach Henne und Ei kräht,

Was widerspricht denn dem Ansatz, dass der erste Einsame ganz einfach als erster irgendwelche Veränderungen der Umgebung in sich aufnimmt und als Einsamkeit exprimiert, und es also nur eine Frage der Zeit ist, bis sich verändernde Lebensumstände auch auf andere auswirken?

Und jetzt wäre interessant zu überlegen, was denn die Ursache ist. Welche äusseren, kombiniert mit welchen inneren Faktoren führen zum Selbstgefühl “Einsamkeit”?

#13 |
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Dr Joachim Gartzke
Dr Joachim Gartzke

Und was hat das mit der Framingham-Studie zu tun? Hat der Autor auch die vielen weltweiten Post-Framingham-Studien insbesndere in Korrelation zu ihren unterschiedlichen Aussagen untersucht? Man kann dann viel so im Ungefähren schreiben. Als Gutachter wissenschaftlicher Manuskripte kann davon ein Lied singen.

#12 |
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Prof. Dr. Hans-Udo Eickenberg
Prof. Dr. Hans-Udo Eickenberg

Ist das Glas halb voll
oder halb leer?
Das ist doch die Frage

#11 |
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Dr. med. Saadi Jawad
Dr. med. Saadi Jawad

Es ist interessant, dass in letzter Zeit immer Untersuchungen erscheinen, die wir aus der Psychodynamik kennen. Aus der Familien- und Soziodynamik sind diese Erkenntnisse gut, sie untermauern die Hypothese. Es wäre falsch, diese Verhaltensweisen, wieder mal genetisch zu interpretieren.

#10 |
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Dr. med. Joachim Wagner
Dr. med. Joachim Wagner

Ich habe in meiner Praxis häufig bei psychiatrischen Erkrankungen solche Ansteckungsketten beobachtet, z.B.: bei Sucht, Angst, Depressionen…..Dies ist offensichtlich kein isoliertes Phänomen bei Einsamkeit( ist auch per se keine Erkrankung, sondern eher Krankheitsursache)

#9 |
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Ein fauler Apfel kann also den ganzen Korb verderben. Frage an die Psychologen: Warum funktioniert das so herum, und nicht andersherum? Warum kann nicht eher ein “uneinsamer” Mensch – also ein vertrauensvoller, geselliger, in diesem Sinne liebender Mensch – die Einsamen umstimmen? Oder würde man auch diesen Befund finden, suchte man danach? ?

#8 |
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Schon mal was von Übertragung und Gegenü+bertragung gehört, oder von psychodynamik von Persönlichkeiten und deren Wirkungen?
Wenn Werbepsychologen in Metastudien die Framingham Studie von Herz kreislauf auf einsamkeit herunterbrechen , dann ist allein interessant ob und weie das nach statistischen Gesetzen überhaupt signifikant ist

#7 |
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Jörg Kuhn
Jörg Kuhn

Einsamkeit äußert sich zwar in ähnlichen Symptomen, aber im Umkehrschluss, müssen die gleichen Umstände nicht zwangslaeufig zur Einsamkeit führen! Es gibt viele Beispiele dafür, das auch Menschen mit wenigen, sozialen Kontakten glücklich sind. Ich bin der Meinung, das viele Menschen nicht mehr in der Lage sind gesunde, zwischenmenschliche Beziehungen zu führen. Es ist auch einfacher und sicherer, sich mit und über die “neuen” Medien auseinanderzusetzen. Einsamkeit und die dazugehörenden Symptome werden in Zukunft einen noch größeren Raum in der Psychiologie einnehmen. Die Ansteckung in den Familien liegt bei 100%!

#6 |
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Medizininformatiker

Ich habe noch nie von einem Einsamkeitsvirus gehört, wer hat Ihn entdeckt?
Die Ansteckung ist wohl eher im Psychologischen Bereich oder Resonanzgesetz zu suchen.

#5 |
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Helmut Rohrer
Helmut Rohrer

Der Artikel ist leider an den entscheidenden Punkten unkonkret. Z.B.: Wie findet die “Ansteckung” statt? Welche Fragen hat das Team um Dr.Cacioppo für welche Schlussfolgerungen verwendet? Welchen Inhalt haben die “umfangreichen Anamnesen”? Und, die für mich wichtigste Frage: Warum wurde die Einsamkeit nicht in der Familie sondern nur unter Freunden empfunden (oder so gedeutet)?
Dieser Artikel verdient es um die oben gestellten Fragen erweitert zu werden.

#4 |
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Altenpflegerin

Ergänung zum Kommentar:, Nicht nur Singles sind Einsam.

#3 |
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Altenpflegerin

Ich kann mich der Aussage von Frau Petrovsky nur anschliessen. Nicht jeder findet von selber aus seiner Einsamkeit und wer gibt schon gern zu das er Einsam ist.
Einsamkeit kann auch schnell in einer Depression enden.

#2 |
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Ich denke das stimmr vollkommen,ich habe es selbst erlebt,mich aber mit Hilfe netter Freunde und Kollegen aus diesem Zustand wieder befreien können. Es liegt an dem Menschen selbst, Kontakte kann man finden wenn man tolerant und an vielen Dingen interessiert ist. Wir müssen da helfen und den Anstoß geben,wenn der betreffende nicht aus seinem Einsamkeitsloch findet.

#1 |
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