Alte Pillen: Wer nimmt die faulen Äpfel?

21. Januar 2010
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Nachdem die Verhandlungen über eine Fortführung der Rücknahme von Altmedikamenten gescheitert sind, zwitschert im politischen Berlin jeder nach seinem Gusto. Die Apotheker wollen die Pillen wiederhaben, aber nichts zahlen. Die Hersteller auch nicht. Und die Politik hält sich die Ohren zu.

Eigentlich sollte bis Ende 2009 alles klar sein. Nachdem der Entsorger Vfw Remedica die seit Jahren laufenden Entsorgungsverträge mit den Landesapothekerkammern nicht mehr verlängert hatte, sollte Vfw ein neues Angebot auf den Tisch liegen. Das kam erstens verspätet und zweitens nicht zur Zufriedenheit von Apothekern und Herstellern. Die hätten nämlich auf die eine oder andere Weise Geld in die Hand nehmen müssen. Und das wollten weder die Hersteller noch die Apotheker. Insgesamt soll es um etwa vier Millionen Euro pro Jahr gehen. Die fehlen, und damit darf das bundesweite Entsorgungsmodell via Vfw Remedica nun endgültig als mausetot angesehen werden.

Politik für die (graue) Tonne

Die Frage lautet jetzt, wie es weitergehen soll. Stand Mitte Januar 2010 darf konstatiert werden, dass im politischen Berlin diesbezüglich beredte Ratlosigkeit herrscht. Bei der ABDA sieht man nach wie vor die Hersteller in der Pflicht. Wenn die sich weigern, wie das die Mehrheit der relevanten Verbände tut, dann müsse eben der Gesetzgeber ein Machtwort sprechen: „Wir brauchen jetzt schnell eine politische Lösung“, sagte ABDA-Chef Heinz-Günter Wolf in einem Gespräch mit dem Magazin „Der Spiegel“. Die Politik freilich will davon nichts wissen. Im Bundesgesundheitsministerium wird konstatiert, dass kein Handlungsbedarf bestehe, weil Altmedikamente ohnehin in den Hausmüll gehörten: „Die 5. Novelle der Verpackungsverordnung sieht vor, dass Verkaufsverpackungen, die zu privaten Endverbrauchern gelangen, grundsätzlich bei dualen Systemen lizenziert werden müssen“, betont Ministeriumssprecher und Apotheker Dr. Roland Jopp im Gespräch mit DocCheck. Entsprechend seien Verpackungen für Arzneimittel vom Verbraucher ebenso wie alle anderen Verpackungen zu behandeln. Was die Arzneimittel selbst angeht, stelle die Hausmüllverbrennung einen sicheren Entsorgungsweg dar, da bei der Verbrennung die in den Arzneimitteln enthaltenen Wirkstoffe zerstört würden. Fazit: Der forsche Ruf nach dem Gesetzgeber, den die ABDA pünktlich zum neuen Jahr erschallen ließ, findet bislang keinerlei politisches Echo. Und es sieht derzeit auch nicht so aus, als ob das noch kommen könnte.

Kartellrechtliche Bedenken

Seitens der Hersteller gibt es für den Ruf nach der Politik auch keine Unterstützung: „Wir sind absolut nicht der Auffassung, dass diese Sache vom Gesetzgeber geregelt werden muss“, sagte Pro Generika-Sprecher Thomas Porstner zu DocCheck. Wer sich ein wenig umtut im politischen Berlin, der hört sogar Sätze wie: „Den Apothekern geht es doch nur darum, Kunden in den Laden zu bekommen.“ Schlechte Stimmung also. Medial haben die Apotheker bisher jedenfalls die Oberhand: Dass die Hersteller zu geizig für die Pillenrücknahme seien, ist der vorherrschende Tenor der Berichterstattung. Den Industrieverbänden stinkt das schon ein wenig. Viel wichtiger seien andere Aspekte, so Porstner: „Zum einen blieb bei dem von Vfw vorgelegten Konzept völlig unklar, wie die Kosten aufgeteilt werden sollen.“ Gerade für Generikahersteller macht es nämlich einen großen Unterschied, ob Umsatz oder eher Absatz als Grundlage der Kostenverteilung hergenommen werden. Im letzteren Fall trügen die Generika-Hersteller die Hauptlast, im ersteren nicht. Auch kartellrechtliche Bedenken machen die Hersteller geltend: „Wenn sich alle Herstellerverbände bundesweit auf einen Anbieter einigen, dann wird das beim Kartellamt Probleme geben“, so Porstner, der auch darauf hinweist, dass Entsorgungsmodelle bei anderen Produkten nicht einfach auf Medikamente übertragen werden könnten, weil Medikamente kein Sondermüll seien. Soll heißen: So lange Gemüseproduzenten nicht ihre verfaulten Kartoffeln zurücknehmen müssen, sollten auch Pharmaunternehmen nicht belangt werden.

Meditonne hält Pillenmüll unter Verschluss

Gerne verwiesen wird von Industrieseite auf die unzähligen regionalen Entsorgungsmodelle, die auch ohne den gesetzgeberischen Hammer gut funktionierten, teils mit, teils ohne Beteiligung der Hersteller. Ein Beispiel ist die im September 2009 gestartete Meditonne in Berlin, die von der Berliner Straßenreinigung (BSR) zusammen mit der Apothekerkammer Berlin entwickelt wurde. Die Apotheker entsorgen von den Kunden zurückgebrachte Medikamente dabei in abschließbaren Tonnen. Das Ganze wird dann von der BSR abgeholt und im Müllheizkraftwerk Ruhleben verbrannt. Dieser Ansatz hat freilich Grenzen. Denn bisher stehen die Entsorgungstonnen nur in drei Berliner Bezirken zur Verfügung. Die anderen Bezirke sollen zwar folgen, doch wann ist unklar. In weniger dicht besiedelten Gegenden dürfte das Meditonne-Modell definitiv ungeeignet sein, wenn dem Apotheker keine Fernreisen in Sachen Pillenentsorgung zugemutet werden sollen. Regionale Entsorgungsmodelle mit Abholdiensten gibt es aber auch. Es scheint also zu gehen, wenn man sich kümmert. Auch ohne den Gesetzgeber.

41 Wertungen (3.02 ø)
Allgemein

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12 Kommentare:

Selbstst. Apothekerin

Ich sehe da kein großes Problem. Die Kunden können die Medikamente in die Apotheke bringen wie bisher (und kaufen vielleicht gleich noch ein), und die Apotheke wirft die Alt-AM unbesehen selbst in die graue Tonne. Niemandem ist geschadet und das Image ist gewahrt.

#12 |
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Gudrun Weigel
Gudrun Weigel

Seit 8Jahren haben wir Tonnen von Medi-Recycling in der Apotheke zum Sammeln von Alt-AM und deren Verpackungen. Seit 3Jahren zahle ich jährlich über 200¿ für die Abholung. Der bestehende Vertrag wurde trotz geleisteter Vorkasse von PRD seit der 40.KW 2009 nicht eingehalten. Die Firma scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Wohin nun mit den Säcken voller Alt-AM???
Apotheker kümmere Dich! Danke

#11 |
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Es passt genau in die Denkungsweise vieler Politiker, dass die deutschen Apotheken im Gegensatz zu den ausländischen Versendern neben19%iger Mehrwert- steuer,hohen Kammerbeiträgen,anderen Zwangsabgaben, Minusgeschäften wie Notdienst und BTM-Abgaben nun auch noch für die Kosten der Rückname von Altmedikamenten, die im Ausland bezogen wurden, aufkommen sollen.

#10 |
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Michael Hofheinz
Michael Hofheinz

Wenn man das eigentliche Arzneimittel von der wieder vewertbaren Verpackung getrennt in eine nasse Zeitung gepackt über die Restmülltonne entsorgt, braucht man keine Angst haben, dass sich Unbefugte (Kinder oder Junkies) daran vergreifen. Vor 10 Jahren lagen bei den Vergiftungszentralen keine Fälle vor, bei den Kinder Arzneimittel aus Mülltonnen gefischt hätten.

#9 |
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Apotheker

Die Katze beißt sich in den Schwanz und dreht sich wild im Kreise.
Mit der Empfehlung “Mülltonne” sind wir nämlich wieder genau da gelandet, wo wir schon vor Jahrzehnten waren, bevor Altmedikamente zum “Sondermüll” geadelt wurden.
Damals wie heute ist es nämlich nicht einsehbar, warum eben das Medikament, das der Patient lange Zeit mit bestem Erfolg eingenommen hat, plötzlich dadurch gefährlich wird, dass er es nun nicht mehr braucht.
Was ich einzig als Argument gegen die graue Tonne gelten lasse, ist die mögliche Gefährdung kleiner Kinder, die da “bunte Smarties” finden und essen könnten.
Andererseits sehe ich Kinder eigentlich nie in Mülltonnen wühlen.

#8 |
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Apotheker

Solange der Versandhandel nur die Rosinen pickt, aber keinen Notdienst leistet (hier auf dem Land alle 11 Tage!), solange nur der Apotheker vor Ort Altarzneimittel entsorgen soll, solange ist der Gesetzgeber gefordert.

Von der Industrie einen Anteil zu verlangen, scheint plausiebel, ausser Sie gehen davon aus, dass die Industrie nichts am Arzneimittel verdient.

Mich wundert an der Diskusion, dass noch niemand verlangt, die Arzneimittel, die unmetabolisiert oder als aktive Metaboliten ins Abwasser gelangen, über die Apotheke zurückzunehmen.
Das wäre geauso logisch (wie absurd)und würde wohl den Löwenanteil der Stoffe wieder zurückbringen.

Die einen werden über die Verbrennungsanlage vernichtet, die anderen über die Kläranlage.

Ich persönlich bin nicht schaf darauf, die “leckeren” Arzneimittelabfälle anderer ins haus zu bekommen und seh mich durchaus in der Lage die Kundenfrequenz mit etwas anderem zu steigern.

Die Entsorgung mit dem Hausmüll funktioniert und es gibt ein System dafür, das für alle zugänglich ist.

Man kann sich auch ein Problem basteln.

#7 |
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Michael Hofheinz
Michael Hofheinz

Alte, abgelaufene oder nicht mehr benötigte Arzneimittel gehören in den Hausmüll. Dabei ist die ¿Endstation graue Tonne¿ nicht nur der einfachste, kostengünstigste und bequemste Weg, sich dieser Medikamente zu entledigen, sondern auch der umweltverträglichste. Früher wurde ein Teil des Hausmülls auf Deponien abgelagert. Heute wird der Müll fast ausschließlich den Müllverbrennungsanlagen zugeführt und die arzneilichen Wirkstoffe werden durch Hitze zerstört oder mechanisch- biologisch behandelt so dass kein Eintrag in die Umwelt erfolgt.

#6 |
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Dieter May
Dieter May

¿Den Apothekern geht es doch nur darum, Kunden in den Laden zu bekommen.¿
Das ist sicher das eigentliche Problem.
Die Apotheker wollen kostenloses Marketing durch die Altarzneimittel-Rücknahme betreiben, und die Hersteller wollen dafür natürlich nicht bezahlen.
Ich lach mich kaputt.

#5 |
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Selbstst. Apotheker

normalerweise hat derjenige, der den “zukünftigen Müll” zum Endverbraucher bringt, auch für die Rücknahme bzw. Entsorgung zu sorgen.
Wer dies bislang nicht tut ? Die Versandapotheken !
Nachdem nun öffentliche Apotheken jahr(zehnt)e lang deren anteilige Pflichten auch in dieser Hinsicht (neben Notdiensten und Beratung) übernommen haben, sollten diese es organisatorisch und finanziell in die Hand nehmen.
Andererseits gehören die Medikamente, sofern sie verordnet wurden, den Krankenkassen und nicht den Patienten, Apothekern oder Herstellern. Sollen sich doch die AOK oder die Barmer darum kümmern. Es ist schließlich auch deren “Restmüll”.

#4 |
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Dr. Annerose Zerbe-Kunst
Dr. Annerose Zerbe-Kunst

Was ist aber in den Regionen, wo der Entsorger mitteilt, daß keine Restmüllverbrennung stattfindet. Da hat man immer Bauchschmerzen, egal ab die Apotheke sammelt und der Entsorger nur deponiert oder der Verbraucher in den gleichen Restmüll, in der Regel geringere Volumina entsorgt. Übrigens sorgen sich Versandapotheken nicht um die Rücknahme von Altmedikamenten. Die müßten nämlich kostenpflichtig vom Verbraucher an diese zurückgesandt werden.

#3 |
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Dr. Bernd Fröhlingsdorf
Dr. Bernd Fröhlingsdorf

Zu unterscheiden ist zwischen endgültiger Entsorgung (Verbrennung) und KONTROLLIERTER Rückführung (via Apotheken).
Farbreste sind Sondermüll – und BtM-Reste wirklich Hausmüll ?? Da freuen sich aber die Junkies etc. beim Ausspähen der Mülltonnen von z.B. Schwerkranken und Pflegebedürftigen.
Freuen werden sich auch die Versand- und Internet-Apotheken, wenn dieses bisherige Asset der örtlichen Apotheken den Bach runtergeht und verärgerte Verbraucher auf Versand-Bezug umsteigen.

#2 |
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Volker Keudel
Volker Keudel

Entsorgung kostet Geld, aber keiner will dafür zahlen. Da liegt der “Medikamentenhund” begraben.
Am Ende steht wieder der Verbraucher verwirrt da und versteht nicht, warum die Altmedikamente, die doch sonst immer in den Apotheken abgegeben werden mussten, weil sie doch so gefährlich sind, nun einfach in die graue Tonne kommen. Ich selbst habe da schon mehr als einmal das ungläubige Staunen erlebt, wenn ich versuchte die Sachlage verständlich zu machen.

#1 |
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