Wundertüte bei MS

21. Januar 2010
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Präparate auf Basis von THC haben günstige Wirkungen auf die Spastik bei Patienten mit Multipler Sklerose. Ein aktueller Review sieht jetzt auch einen Nutzen für Kombi-Präparate, sprich Cannabis-Extrakt aus ganzen Pflanzen. So richtig überzeugt die Statistik aber nicht.

Joints sind populär wie nie. Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass es regelmäßig zu emotionalen Diskussionen kommt, wenn es um den Einsatz von Cannabis-Präparaten in der Medizin geht. Im palliativen Bereich, bei AIDS-Patienten mit Kachexie im weit fortgeschrittenen Stadium etwa und bei Krebspatienten mit schwerer Übelkeit, gilt die Wirkung von Präparaten auf Basis des Hauptwirkstoffs von Cannabis, Tetrahydrocannabinol (THC) als belegt.

Cannabis-Extrakt ist auch aus finanziellen Gründen attraktiv

Bei anderen Indikationen ist die Sache strittiger, etwa bei der Multiplen Sklerose. Die Situation sieht derzeit so aus, dass Cannabis – in welcher Darreichungsform auch immer – in Patientenforen als ein probates Mittel in der Behandlung von mit der MS assoziierten Spastiken angepriesen wird. Einige Experten sehen das auch so, aber weite Teile des Establishments stehen der Sache eher skeptisch gegenüber. Nicht dass die Behandlung rechtlich unmöglich gemacht würde. Eine Verordnung von Cannabis-Extrakten ist zwar grundsätzlich verboten. Es handelt sich um so genannte nicht-verschreibungsfähige Betäubungsmittel. Im Einzelfall kann auf Antrag aber sehr wohl eine Therapie initiiert werden. Einige wenige Dutzend Patienten in Deutschland machen davon derzeit Gebrauch. Es gibt außerdem die völlig legale Möglichkeit, das synthetische THC Dronabinol einzusetzen. Diese Substanz ist allerdings für viele Betroffene prohibitiv teuer: Mehrere hundert Euro pro Monat können leicht zusammen kommen. Die GKV übernimmt die Kosten nicht regelhaft. Auch deswegen bleiben die wesentlich preisgünstigeren Cannabis-Extrakt trotz Dronabinol in der Arena.

Die Datenlage zu Extrakten bei MS ist sehr begrenzt

So viel zur Politik. Aber auch wissenschaftlich ist die Sache noch am Kochen: Die Diskussionen über den klinischen Nutzen von Cannabis-Präparaten gehen auch international weiter. Der Fokus der klinischen Studien lag lange Zeit auf dem aus pharmazeutischer Sicht wichtigsten Bestandteil von Cannabis, dem schon genannten Wirkstoff THC. „Diese Studien haben in der Mehrzahl einen therapeutischen Nutzen bei MS-Symptomen gezeigt. Es gibt jedoch Bedenken wegen potenzieller Intoxikationen und anderer Nebenwirkungen“, betont der Wissenschaftler Shaheen Lakhan von der gemeinnützigen Global Neuroscience Initiative Foundation in Los Angeles. Vor allem aus diesem Grund wird nach Alternativen gesucht. Ein vielversprechender Kandidat war der zweite zentrale Cannabis-Wirkstoff, das Cannabidiol. Auch hierzu gab es Studien im Kontext von MS. „Sie zeigten eine Verringerung der mit der Spastik einhergehenden Schmerzen, aber nicht der Spastik selbst“, so Lakhan. Zunehmend werden deswegen auch bei MS Extrakte der ganzen Pflanze eingesetzt, also Präparate, die THC und Cannabidiol enthalten. Lakhan zufolge sind sie tendenziell verträglicher als THC alleine. Bleibt die Frage der Wirksamkeit.

Insgesamt sei die Datenlage zu den Extrakten bei MS-Patienten noch nicht sehr befriedigend, so Lakhan, der sich in der Literatur umgesehen hat. Das Ergebnis ist ein aktueller systematischer Review zu kombinierten Cannabis-Therapien bei MS und speziell zum Effekt dieser Präparate auf das Kardinalsymptom Spastik. „Cannabis lindert Spastiken bei MS“, so die Interpretation der Ergebnisse, die auf dem Tenor des Abstracts bei BMC Neurology basiert und die dann auch in zahlreichen Foren und Newsportalen im Internet ihren Widerhall fand.

Keine objektivierbaren Effekte auf die Spastik

Bei genauerem Hinsehen freilich ist „Cannabis lindert Spastiken bei MS“ schon eine ziemlich gewagte Auslegung der Daten. Lakhan fand überhaupt nur sechs randomisiert-kontrollierte Studien zu Präparaten, die sowohl THC als auch Cannabidiol enthielten und die bei MS getestet worden waren. Das war schon einmal zu wenig und die Studien waren vor allem heterogen, um eine Metaanalyse nach den strengen Kriterien der evidenzbasierten Medizin machen zu können. Das wollte er zwar ursprünglich, doch davon musste er sich verabschieden. Blieb nur die eher deskriptive Herangehensweise des Reviews.

Dessen wirkliche Ergebnisse sind schnell erzählt. Während fast alle Studien beim subjektiv eingeschätzten Schweregrad der Spastik im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikante Verbesserungen registrierten, wenn mit Cannabis-Extrakt im Verum-Arm therapiert wurde, waren die Ergebnisse bei objektiven Parametern für das Ausmaß der Spastik praktisch durchweg negativ. Auch bei der durchschnittlichen Gehzeit, einem noch relativ objektiven Parameter, gab es in den nur zwei Studien, in denen er untersucht wurde, keinen signifikanten Effekt der Cannabis-Extrakte. Allenfalls im Trend war hier und da eine Verbesserung zu erkennen. Fazit: Dass Cannabis-Extrakt auf Basis ganzer Pflanzen subjektiv gut tut, wurde erneut belegt. Das ist aber keine Neuigkeit, weder bei MS noch sonst wo. Dass Cannabis-Extrakt bei MS objektiv was bringt, dieser Beweis steht immer noch aus.

82 Wertungen (4.09 ø)
Allgemein

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13 Kommentare:

Dr. med. Wolfgang Wittwer
Dr. med. Wolfgang Wittwer

Der Kommentar der Frau Mueller ist einfach nur aergerlich.

#13 |
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Antje Ferdinand-Staude
Antje Ferdinand-Staude

Als Betroffene habe ich Erfahrung sowohl mit Dronabinol als neuerdings auch mit Targin. Die Nebenwirkungen des Letzten sind um Klassen heftiger. Irgendwelche euphorisierende Wirkung habe ich bei Dronabinol nicht festgestellt, wohl aber hat es mir die Schmerzen genommen, wenn auch nicht die Spastik.
Festzustellen bleibt, dass Menschen Individuen sind, Medikamente bei jedem unterschiedlich wirken können, jeder Betroffene immer alles ausprobieren muss, egal ob evidenzbasiert oder nicht. Ich weiß nämlich nie , ob bei einer Trefferzahl von 99, ich dazu gehöre oder die verbleibende 1 bin.Alle evidenzgläubigen Mediziner mögen sich fragen, wie es bei einer zugelassenen Number needed to treat von 9 aussieht. Nicht umsonst gibt es so viele Therapieversager und unnötige Nebenwirkungen, aber gut verdienende Industrien.
Ich jedenfalls halte Cannabis, egal in welcher Form, für einen Versuch wert.Wenn es hilft, sollte die Krankenkasse dafür auch aufkommen. Keiner sollte auf gut verdienende Partner oder auf alles verzichtende Verwandte angewiesen sein.

#12 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Geradezu erstaunlich für mich ist die Tatsache, dass heute noch immer einige unbelehrbare Mediziner (damit sind Sie gemeint Fr. Siegel) von einer gefährlichen Substanz und möglichem Missbrauch im Zusammenhang mit Cannabis bzw. THC, CBD, etc. sprechen.
Gehören Sie auch zu den Medizinern, die jederzeit Oxygesic, Targin, o.ä. verschreiben und sich nicht im Klaren darüber sind, dass es sich hierbei um nichts anderes als um chemisch leicht verändertes Heroin handelt? Nach dem Motto: Nun, es wird von der Pharmaindustrie in schön bunt verpackten Schachteln über die Apothekentheke gereicht – was soll daran schon gefährlich sein?
Machen Sie sich lieber Gedanken darum, wie Sie Betroffenen (MS, chron. Schmerzsyndrom, Morbus Crohn, etc.) helfen können. Ein Freund z.B. hat eine offizielle Genehmigung vom BfArM/Bundesopiumstelle (was hat Cannabis eigentlich mit Opium zu tun???), die ihm erlaubt, 20gr. Cannabis/Monat aus der Apotheke zu beziehen. Allerdings zu einem Preis, der den Schwarzmarktpreis um das 4-fache übersteigt. Bei einer Erwerbsunfähigkeitsrente von netto 580¿ können Sie sich sicherlich selber ausrechnen, dass es nicht möglich ist, 280-300¿/Monat aufzubringen!
Würde er Opiate vertragen und er würde mit Targin behandelt, würden die Kosten (1000-1500¿) von der GKV getragen.
Einfach nur lächerlich!!! Helfen Sie solchen Menschen, oder geben Sie ihre Zulassung ab!

#11 |
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Physiotherapeut

In einem Land, wo es pro Jahr mehrere Tausend Tote durch Alkoholabusus gibt wundert mich diese Diskussion sowieso. Die Zahl der durch Alkohol im Straßenverkehr schwer Verletzten geht ebenso in die Tausende.
Und da wird ernsthaft darüber diskutiert, ob man ein Substanz die nachgewiesener Maßen wirksam bei verschiedensten Erkrankungen ist (nicht nur bei den oben erwähnten) Patienten mit hohem Leidensdruck verwehren sollte.
Ich habe bis jetzt noch nicht soviel Erfahrung mit MS, bin aber der Meinung das diese in der Regel erst nach dem 18. Lebensjahr entdeckt wird.
Meiner Meinung nach sollte man die prohibitive Drogenpolitik insgesamt überdenken, da bei Legalisierung viele Begleitumstände (soziale Verelendung, Kriminalität)
vermieden werden und dem organisierten Verbrechen ein Stück der Lebensgrundlage entzogen würde.

#10 |
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Ärztin

ad 5.: Meinen Sie das so, wie es dasteht, Frau Siegel? Das sollte mich sehr verwundern.

Ich kann Dr. Wolkerstorfer nur zustimmen.

Bitte informieren Sie sich, Frau Siegel, über eine Erkrankung und deren Auswirkungen, bevor Sie sich so eine peinliche Böße geben. Ihre undifferenzierte Forderung, Entzug der Kinder und des Führerscheins ganz allgemein bei MS-Patienten (so haben Sie es geschrieben) per Gesetz zu ermöglichen, ist ein grauenvolles Armutszeugnis Ihrer ärztlichen Kompetenz und zeugt zudem von einer der Menschlichkeit entbehrenden Ignoranz.

Daß Sie den Patienten etwas Lebensfreude gönnen möchten. mildert Ihre Aussage nicht im geringsten. Ihre Aussagen sind beschämend.

#9 |
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Frau Dr. med Dörte Friederike Elisabeth Siegel, geb. Mulert
Arzt/Ärztin schreibt:

“MS-ler sollten mindestens ihren Führerschein abgeben und nicht in Haushalten mit minderjährigen Kindern leben”.

Wie meinen sie das? So wie Rassenhygiene, Eugenik, Euthanasie? Ist das ihr Beitrag zur Gleichbehandlung?

Oder einfach der “Schutz anderer” auf Kosten Leidender? Cannabis ist im Straßenverkehr sowieso verboten und die Abgabe an Jugendlich würde sicheer nicht erlaubt werden.

Also, wie meinen sie das?

#8 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

THC bei enggesteckter Indikation ist z.B. bei chron. Schmerzpatienten das Mittel erster Wahl ohne die bekannten Nebenwirkungen anderer Schmerztherapeutika.
Überwachung muss gewährleistet sein, wie z.B Methadon Programm. Deutschland hinkt im Bereich Schmerztherapie weit hinter vielen fortschrittlicher Staaten zurück( siehe Morphium). Es wird Zeit die Zeichen der Zeit zu sehen und dementsprechend zu handeln.

#7 |
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Altenpflegerin

Cannabis sollte legaliesiert werden, da wäre so manchem chronischem Schmerzpatienten schon geholfen.Cannabis auf Rezept? Warum nicht, in der Schweiz gehts doch auch. Man könnte es über wachen wie bei der Methadon- Substituion auch.

#6 |
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Dr. med Dörte Friederike Elisabeth Siegel, geb. Mulert
Dr. med Dörte Friederike Elisabeth Siegel, geb. Mulert

Grundsätzlich sollte, egal ob eine objektivierbare Verbesserung eintritt, den Patienten etwas Entspannung und Lebensfreude gegönnt sein. Das Problem ist die Abgrenzung zum Gesunden. MS-ler sollten mindestens ihren Führerschein abgeben und nicht in Haushalten mit minderjährigen Kindern
leben, wer will das in Gesetztestexte fassen und den Missbrauch überwachen ?

#5 |
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welchen Anfängen? ;)

#4 |
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Robert Lüthe
Robert Lüthe

Einspruch zu 1, Zustimmung zu 2. THC als Reinsubstanz ist derart abartig teuer (prohibitiv, wie oben vermerkt), daß Cannabis als Gesamtdroge für solche ungünstigen Prognosen erlaubt sein sollte. Man kann es auch als Tee zu sich nehmen.

#3 |
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Tina  Wagner
Tina Wagner

Genau so isses.

Aber wem es durch Kiffen besser geht, soll es auch weiterhin straffrei tun dürfen – allerdings nicht auf Kosten der Solidargemeinschaft.

#2 |
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Joint zur Therape nein,Canabis (THC) als
Extrakt aus der Apotheke ja.
Wehret den Anfängen !

#1 |
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