Lancet zieht Artikel zurück

10. Juli 2018

The Lancet hat zwei Artikel des Chirurgen Paolo Macchiarini zurückgezogen – eine ungewöhnliche Maßnahme. Grund dafür: Die riskanten Experimente zu Luftröhren-Transplantationen sollen an nicht schwerkranken Patienten durchgeführt worden sein.

Nach langem Hin und Her hat die Fachzeitschrift The Lancet zwei Artikel aus den Jahren 2011 und 2012 zurückgezogen. Als wichtigste Gründe nennt das Magazin wissenschaftliche Mängel und ethische Bedenken. Es handelt sich dabei um Ergebnisse des italienischen Chirurgen Paolo Macchiarini, der gefährliche experimentelle Verfahren zur Luftröhren-Transplantation an acht Patienten getestet hat.

Sieben der Patienten verstarben, zu dem Zustand der achten Person liegen keine Informationen vor. Macchiarini wird vorgeworfen, das Verfahren in mindestens einem Fall an einem Menschen getestet zu haben, der nicht schwerkrank war.

Übermäßig positiv und unkritisch

Der neue Präsident des Karolinska-Instituts (KI), Ole Petter Ottersen, hatte The Lancet dazu aufgefordert, die Artikel zurückzuziehen. Zum Zeitpunkt der Experimente hatte Macchiarini bei dem Institut gearbeitet, das für die Vergabe des Nobelpreises für Medizin bekannt ist. Macchiarini wurde vom KI entlassen, als Zweifel an seiner Methode aufkamen.

In seinem Rückforderungsanstrag betont Ottersen, dass „keine ethische Genehmigung für die zugrunde liegende Forschung eingeholt wurde“. Die Experimente seien außerdem ohne ausreichende präklinische Daten durchgeführt worden. Die im Lancet veröffentlichten Ergebnisse sind laut Ottersen nicht glaubhaft: „Das Paper präsentiert seine Daten in einer Weise, die übermäßig positiv und unkritisch sind. Die gemeldeten klinischen Befunde werden von den Quelldaten nicht unterstützt.“

Der abschließende Untersuchungsbesricht des KI stützt sich auf die Ergebnisse von Oktober 2017 des Central Ethical Review Board, einer Expertengruppe für ethische Gutachten. Sie stellte fest, dass sechs Paper, darunter die zwei Lancet-Paper, schwerwiegende Mängel bei der Durchführung und Berichterstattung der Studie enthielten. Alle Autoren, außer die Co-Autoren, hätten sich somit des wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht.

Viele Wendungen im Fall Macchiarini

Bis zu dem finalen Entschluss des Lancets kam es zu einigen Wendungen. Im September 2015 verfassten Lancet-Redakteure einen Leitartikel mit dem Titel „Paolo Maccharini is not guilty of scientific misconduct“, nachdem das KI Ergebnisse einer früheren Untersuchung publizierte:

 

Bildschirmfoto 2018-07-10 um 11.11.07

Stellungnahme der Zeitschrift The Lancet vom 05. September 2015.

 

Jetzt, drei Jahre und einige Untersuchungen später, titel das Magazin mit einem entgegengesetzen Titel:

 

Bildschirmfoto 2018-07-10 um 11.10.32

Stellungnahme der Zeitschrift The Lancet vom 07. Juli 2018.

 

Zuvor äußerte The Lancet im April 2016 schon Bedenken gegenüber dem Forschungspapier, als sich am KI widersprüchliche Aussagen zu dem Verhalten der Studienautoren häuften.

Als Durchbruch gefeiert

Das von Macchiarini getestete Verfahren wurde zunächst als ein Durchbruch in der regenerativen Medizin gewertet. Er beschichtete dabei das Gerüst einer künstlichen Luftröhre mit Stammzellen. Ziel war es, ein künstliches Organ zu entwickeln, das nicht vom Immunsystem der Patienten abgestoßen wird. Die Ergebnisse wurden nach ihrer Veröffentlichung vielfach zitiert.

Der Entschluss, die Artikel zurückzuziehen, stelle laut The Lancet einen „nachdenklichen und klaren Abschluss eines außergewöhnlichen Falles“ dar. Das letzte Wort ist in der Causa Macchiarini aber vermutlich noch nicht gesprochen.

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Bildquelle: michelhrv, flickr / Lizenz: CC BY-SA
Chirurgie, Forschung, Medizin
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