Biochemie: Teile und herrsche

28. Januar 2010
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Die Biochemie hat als großes Fach der Vorklinik viele Gesichter. Aus dem abschreckenden, undurchsichtigen Dickicht der Anfangszeit entwickelt sich ein immer logischer erscheinendes Fach mit erstaunlicher klinischer Relevanz. Wie dieser Weg am sichersten zu bestreiten ist, verrät uns Sasan Partovi, ein erfolgreicher Medizinstudent der Uni Heidelberg.

Sasan Partovi studierte nach dem Abitur Humanmedizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg seit Oktober 2005. Er legte sein erstes Staatsexamen erfolgreich im August/September 2007 ab. Sasan ist Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung und engagiert sich seit mehr als 3 Jahren in der Lehre der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.

DocCheck Campus: Sasan, an welchem Punkt steht Deine Medizinerkarriere aktuell?

Sasan: Ich befinde mich gerade im Freisemester vor dem PJ, das eigentlich zum anfertigen einer Doktorarbeit gedacht ist. Da ich meine Doktorarbeit bereits während des Studiums abgeschlossen habe, durfte ich mir aussuchen, wie ich die Zeit am besten überbrücken kann. Deshalb absolviere ich im Moment so eine Art Famulatur in Basel auf der Neuroradiologie. Ich habe zwar nicht vor, diagnostischer Radiologe zu werden – da reizt mich eher die interventionelle Neuroradiologie oder die Neurochirurgie – aber das Fachgebiet hat mich doch so sehr interessiert, so dass ich mich für die Baseler Neuroradiologie entschieden habe. Zumal der neue Chef in der Neuroradiologie dort, Prof. Christoph Stippich, international hohe Anerkennung in diesem Fachbereich genießt. Ich denke, es ist ein gutes Sprungbrett, um meinem Ziel, einer Assistenzarztausbildung an einem großen Zentrum in den USA, näher zu kommen.

DocCheck Campus: Wenn Du Dich nun an die Anfänge erinnerst, wie ging es Dir, als Du zum ersten Mal ein Biochemielehrbuch in der Hand hattest?

Sasan: In der ersten Vorlesung haben uns die Profs natürlich den „großen Löffler“ als bestes Lehrbuch empfohlen. Das habe ich mir dann auch zu Herzen genommen und mir das Werk besorgt. Ich fand den Gedanken, das alles durchzuarbeiten allerdings alles andere als verlockend. Ich fühlte mich sehr an das eben zurückliegende Chemiepraktikum erinnert, das ich als sehr langweilig und fern von jedem klinischen Bezug empfand. Nachdem die Anatomie ganz zu Beginn des Studiums schon sehr medizinisch auftrat, waren die Chemie und der Start in die Biochemie für mich ein ziemlicher Rückschritt. Ich hatte also wirklich keine Lust und musste mich richtig zwingen, dieses Buch zu beackern.

DocCheck Campus: Hattest Du gleich einen gewissen Durchblick oder hast Du Dich vom Lernstoff erst mal überfordert gefühlt?

Sasan: Ich habe mich definitiv überfordert gefühlt. Die Biochemie war eben ein ganz neues Themengebiet. Ich hatte keine Ahnung, wo ich anfangen und aufhören sollte, was wichtig ist, wo das alles hinführen soll. Die Vorlesungen sind sehr detailliert und haben mich echt erschlagen, und im „großen Löffler“ habe ich mich auch nicht richtig zurechtgefunden. Der Anfang war also erst mal Desorientierung auf ganzer Linie. Ich musste ganz schön beißen, um am Ball zu bleiben.

DocCheck Campus: Was hat Dir beim Lernen Schwierigkeiten bereitet?

Sasan: Ich fand es besonders schwierig, den Überblick zu bewahren und aus der in den Lehrbüchern und Vorlesungen angebotenen Informationsmassen auszufiltern, was Pflicht und was Kür ist. Also was man wirklich wissen muss und was ganz nett zu wissen ist. Man wird mit so vielen Begriffen konfrontiert, die man am Anfang noch gar nicht verstehen kann – das ist sehr verwirrend. „Reduktionsäquivalente aus der Betaoxidation“ zum Beispiel begegnet einem auf den ersten Seiten eines Lehrbuchs. Damit kann man zu dem Zeitpunkt noch nichts anfangen. So konnte ich keinen echten Zusammenhang und keine Logik erkennen. Es waren einfach zu viele leere Vokabeln und Fakten, die man einfach mal zur Kenntnis nehmen musste, und zu wenig Hintergrundwissen, das man – oder zumindest ich – hatte.

DocCheck Campus: Und was hat Dir besonders Spaß gemacht?

Sasan: Mit der Zeit hat mich eben der große Zusammenhang begeistert, der mir anfangs gefehlt hat. Wenn man sich länger mit Biochemie beschäftigt hat, erkennt man überall bereits gelernte Prinzipien wieder und kann viel leichter dazulernen. Und mit wachsendem Verständnis kommen dann auch einige Erkenntnisse, was klinische Relevanz und Therapiemöglichkeiten angeht. Gerade im Bereich der Proteinbiochemie und Molekularbiologie gibt es große klinische Perspektiven. Ich denke da zum Beispiel an spezifische Antikörper in der Krebstherapie: richtige molekulare Hightech-Medizin. An diesem Punkt fand ich die Biochemie faszinierend.

Von daher fände ich es toll, wenn unsere Dozenten in der Biochemie der Vorklinik nicht immer reine Naturwissenschaftler wären, sondern auch Mediziner aus den großen Unikliniken. Ich denke da an interdisziplinäre Vorlesungen. So würden mehr klinische Aspekte die Studenten erreichen und damit wahrscheinlich auch mehr Interesse. So würde das Fach Biochemie in der Vorklinik aufklaren, und es würde vielleicht auch etwas mehr Begeisterung erwecken. Umgekehrt gibt es durchaus in der Klinik Themengebiete, in denen Biochemiker als Grundlagenforscher unbedingt integriert werden sollten, sodass ein tieferes Verständnis bei den Studenten entsteht, was mit der heutigen Hightech-Medizin alles möglich ist. Ich denke da zum Beispiel an das Fach Onkologie.

DocCheck Campus: Gab es etwas, das Dir speziell in Erinnerung geblieben ist?

Sasan: Positiv beeindruckt haben mich die Biochemie der neurodegenerativen Erkrankungen und deren Therapiemöglichkeiten. Ein hochrelevanter Stoff, den ich mir bis heute gut merken konnte.

Im negativen Sinne war die Vorlesung über die Synthesewege der ganzen Fettsäuren für mich unvergesslich. Ich habe mit offenem Mund im Hörsaal gesessen und wirklich gar nichts davon verstanden, obwohl ich mir am Tag vorher das ganze angeschaut habe.

DocCheck Campus: Für wie wichtig erachtest Du die Biochemie im späteren Studium und im Beruf?

Sasan: Es gibt sicherlich so einige Fächer wie Allgemeinmedizin, in denen Biochemie keine Rolle spielt. Wenn man allerdings Hightech–Medizin auf dem letzten Stand der Forschung betreiben will und das dann seinen Patienten auch anbieten will, dann sind solide Biochemiekenntnisse unverzichtbar. Es geht sicherlich nicht darum, Stoffwechselwege und Transkriptionsfaktoren auswendig zu wissen, aber man sollte ein Grundverständnis für Mechanismen und Zielmoleküle molekularer Therapie und einen gewissen Überblick über Anfangs, – und Endprodukte mitbringen. Natürlich kann man bei Bedarf auch einiges nachlesen, aber man erspart sich auch Blamagen – insbesondere in interdisziplinären Konferenzen, die im klinischen Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnen – wenn man Bescheid weiß.

Was das Studium angeht, ist Biochemie in der Hämatologie, der Pharmakologie und der Onkologie von Bedeutung. Aber auch die Innere Medizin, speziell die Kardiologie, wird immer molekularbiologischer und biochemischer. Man kommt zwar auch ohne große biochemische Kenntnisse durchs klinische Studium, solides Wissen aus der Vorklinik ermöglicht einem aber leichteres Erlernen und Anwenden von Therapiemöglichkeiten.

DocCheck Campus: Worauf sollte man besonders Wert legen?

Sasan: Prüfungstechnisch würde ich empfehlen, altfragenorientiert zu lernen und oft gefragte Inhalte im Detail zu können. Alles andere kann man auch mal nur so durchlesen vor allem am Anfang. Schließlich wollen wir alle zuerst gut durch die Prüfungen kommen.

Klinisch gesehen, halte ich die Molekularbiologie für wesentlich für die vorher angesprochenen neue Therapieoptionen. Natürlich auch nur in groben Zügen, aber die sollten sitzen. Ich halte es aber nie für verkehrt, sich auch in gewisse Themen, die einen interessieren und vielleicht auch einen potenziell höheren klinischen Wert haben, tiefer einzulesen. Das kann für die Tätigkeit in der Klinik durchaus von Nutzen sein.

DocCheck Campus: Wie hast Du den Lernstoff bewältigt?

Sasan: Nachdem ich mir am „Löffler“ die Zähne ausgebissen hatte, habe ich davon abgelassen und erstmal ganz stur mit Altfragen und Vorlesungsskripten gelernt. Später habe ich schon noch des Öfteren in die Lehrbücher geguckt, aber auch nur zum groben Nachschlagen. Ob das der beste Weg ist, sei mal fraglich. Aber anständig durchgekommen bin ich damit. Man muss jedoch auch ergänzen, dass es zu meiner Zeit noch nicht die große Auswahl an studentenfreundlichen Lehrbüchern der Biochemie gab wie heute.

DocCheck Campus: Welche Lehrbücher kannst Du loben?

Sasan: Sehr empfehlen kann ich für den Einstieg die „Basics“ – Reihe. Das ist ein sehr gut lesbarer und auf den Punkt gebrachter Text, der einem das vermittelt, worauf es ankommt. Eignet sich auch gut als Ferienlektüre, da es in wenigen Tagen als leichte Kost gut zu bewältigen.

Wer etwas mehr Details wünscht, dem kann ich den „Intensivkurs Biochemie“ nahe legen. Das Buch ist klar, attraktiv und prüfungsorientiert geschrieben mit klinischer Orientierung, die so eher selten ist. Die Repetitorien, die ich vorbereitet habe, waren auch an diesen Büchern orientiert.

Kurz vor dem Physikum kann auch der „kleine Löffler“ gute Dienste erweisen. Der ist allerdings sehr stichwortartig und setzt schon viel Vorwissen voraus.

DocCheck Campus: Wovon würdest Du eher abraten?

Sasan: Ich würde ganz ernsthaft für den Einstieg von dicken Schinken die Hände lassen. Die aufgewendete Zeit steht nicht ganz im Verhältnis zum Informationsgewinn. Man muss nicht fünfzig Seiten lesen, um drei wichtige Punkte zu lernen, die man in diesen fünfzig Seiten auch überhaupt mal als wichtig erkennen muss.

Man kann in seiner Freizeit auch sicher schönere Dinge tun, auch in der Medizin wie z.B. eine schöne Hospitation – und damit meine ich nicht das Krankenpflegepraktikum – in einer Abteilung an der Uniklinik.

DocCheck Campus: Welche zusätzlichen Lernhilfen kannst Du empfehlen?

Sasan: In den Vorlesungen und im Internet kann man eine Menge gute Videos sehen, die es einem erleichtern können, sich komplexere Prozesse vorzustellen.

Ich habe mir damals aber eher gerne klassisch selber Karteikarten mit den allerwichtigsten Fakten geschrieben und gut gelernt. Das war für mich persönlich sehr wirkungsvoll.

Und es ist wohl ein offenes Geheimnis, dass Altfragen ein entscheidender Schlüssel dazu sind, was wichtig ist. Das gleiche gilt für Vorlesungen. Selbst wenn man dem Stoff nicht so gut folgen kann in der Vorlesung, kommt trotzdem meistens gut rüber, worauf der Prof Wert legt. Und das ist schon mal ein riesen Gewinn für eine erfolgreiche Prüfung.

Repetitorien können eine gute Ergänzung zum Gelernten sein. Um Unklarheiten zu beseitigen oder auf wichtige Punkte speziell einzugehen. Man darf aber nicht mit falschen Erwartungen in ein Repetitorium gehen, sie können einem das Lernen nicht abnehmen und auch keine Wunder bewirken. Von daher sind kostenpflichtige Repetitorien, die einem an wenigen Tagen Biochemie oder ein anderes Fach beibringen wollen, aus meiner Sicht sehr kritisch zu sehen.

DocCheck Campus: Und noch ein Tipp zum Schluss?

Sasan: Das Wichtigste, was man beim Biochemie lernen beachten sollte, ist ganz nüchtern den Stoff aufzuteilen: Muss ich wissen – muss ich nicht unbedingt wissen. Die Auswahl ist das A und O. Vor allem gilt es, sich nicht in Details zu verbeißen und sich von zähen Themen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen!

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