Tätowierte Ärzte: Was sagen Patienten?

11. Juli 2018

Krankenhäuser sehen Tattoos und Piercings bei ihren Mitarbeitern nicht gern. Ihrer Meinung nach wirkt sich sichtbarer Körperschmuck auf die wahrgenommene Professionalität aus. Jetzt hat sich eine Studie dem Thema gewidmet – mithilfe von Fake-Tattoos und Ansteck-Piercings.

In Deutschland hat jeder Vierte mindestens ein Tattoo, und jeder 15. trägt mindestens ein Piercing. Ärzte sind von diesem Trend nicht ausgenommen. Aus Angst, Patienten könnten abgeschreckt werden, erlassen Personalabteilungen von Kliniken oder Praxisleiter aber oft strenge Regelungen: Körperschmuck wird nur toleriert, wenn er sich durch Kleidung verdecken lässt. Selbst Ärzte haben dazu in Blogs zwiespältige Ansichten, ob sich Körperkunst mit ihrem Status als Heilberufler verträgt. Alles Quatsch – meint Rebecca Jeanmonod vom St. Luke’s University Health Network in Bethlehem, USA.

Tattoo-Chamäleon

Das Besondere an ihrer Studie war, dass sie mit einer Gruppe von drei Ärztinnen und vier Ärzten gearbeitet hat, die abwechselnd abwaschbare Tribal-Tattoos am Arm, provisorische Nasenstecker (Frauen) oder abnehmbare Ohrringe (Männer) trugen. Die Gruppe veränderte so regelmäßig ihr Aussehen.

Insgesamt behandelten die Ärzte 924 Personen in einer Notaufnahme. Die Patienten hatten, gemessen am Emergency Severity index (ESI), unterschiedlich dringliche Erkrankungen. Die Ärzte vergaben bei einem Patienten den ESI 1, 111 hatten den ESI 2, 430 den ESI 3, 337 den ESI 4 und 7 den ESI 5. Kleinere ESI-Werte stehen für eine höhere Dringlichkeit, aber auch für mehr erforderliche medizinische Ressourcen. Nicht immer gab es in der Kohorte Daten dazu.

Anschließend legte Jeanmonod den Patienten Fragebögen vor. Die Fragebogen-Skala reichte von einem Punkt für die geringste Zustimmung bis zu fünf Punkten für die maximale Zustimmung zu vorgegebenen Statements.

Das gleiche Vertrauen

Bei der Auswertung gab Jeanmonod die maximal mögliche Zustimmung zu Aussagen an:

  • Der Arzt hat sich um mich als Menschen gekümmert (77,3% bei der Kontrolle ohne Tattoo/Piercing, 75,5% beim Tattoo, 80,4% beim Piercing, 76,0% bei Tattoo und Piercing).
  • Ich habe mich beim Gespräch mit dem Arzt wohlgefühlt (82,1% versus 81,1% versus 85,9% versus 81,7%).
  • Der Arzt war ansprechbar, also für Fragen von Patienten offen (78,5% versus 76,8% versus 82,3% versus 81,0%).
  • Der Arzt war fachlich kompetent (77,5% versus 73,9% versus 79,4% versus 80,3%).
  • Die Behandlung verlief – soweit man das in einer Notfallambulanz sagen kann – angenehm (83,5% versus 85,9% versus 85,3% versus 82,6%).
  • Der Arzt verhielt sich professionell (90,3% versus 88,0% versus 91,8% versus 89,9%).
  • Es ist wahrscheinlich, sich vom gleichen Arzt nochmals behandeln zu lassen (83,6% versus 78,6% versus 85,2% versus 85,9%).

Signifikante Unterschiede zwischen den vier Gruppen gab es nicht. Trotz der klaren Aussage hat die Arbeit aber einige Schwächen. Sie umfasst relativ wenige Ärzte in einer sehr speziellen Umgebung. Wer in die Notaufnahme muss, hat andere Sorgen als den Körperschmuck seiner Ärzte zu begutachten. Genau diese Frage, nämlich wie viele Probanden Tattoos oder Piercings überhaupt wahrgenommen haben, bleibt offen.

Restriktive Vorgaben überdenken

Trotz aller Unklarheiten schreibt Jeanmonod im Paper: „Körperkunst scheint keinen erkennbaren Einfluss auf die Professionalität oder Kompetenz ihres Arztes zu haben.“ Bedenken der Verwaltungen von Kliniken, dass Tattoos oder Piercings die subjektiv wahrgenommene Professionalität untergraben und zu einer niedrigeren Patientenzufriedenheit führen könnten, seien nicht gerechtfertigt. Es sei also an der Zeit, restriktive Vorgaben zu überdenken.

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Bildquelle: Daniela, flickr / Lizenz: CC BY

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7 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Einen schönen guten Abend

für mich als Patientin ist es völlig egal, ob tätowiert mit Schmetterling oder Totenkopf, gepierct oder nicht. Glatt gescheitelt oder Dreatlocks, schwarz, gelb, meinteswegen auch lila blassblau karriert, homo oder hetero.

ich will Kompetenz und Empathie :)

#7 |
  2
Student der Humanmedizin

Ich finde dass sich gerade unser Berufsstand durch ein hohes Maß an Empathie, Selbstreflektion und Aufgeschlossenheit auszeichnen sollte. Wenn es alte Meinungen gibt, welche Körperschmuck/kunst als unhygienisch oder eklig empfinden, ist es dann nicht gerade unsere Aufgabe dem entgegenzutreten und einen Patienten durch Professionalität und Empathie zu zeigen dass der tätowierte Arm der Ärztin absolut keinen Einfluss auf die Qualität der Behandlung hat? Ich finde das gerade wir die Möglichkeit haben mit vielen Vorurteilen aufzuräumen und diese nicht weiter pflegen sollten. Abgesehen davon sollte man sich die Frage stellen ob man jedem Patienten zwingend gefallen muss und möchte? Was wenn dem Patient meine Sexualität nicht passt? Muss ich homophobe/rassistische/….. Sprüche tolerieren und meine Person verstecken nur um „der professionelle Arzt“ zu sein? Ich denke der Patient muss seine eigene Meinung im menschlichen Miteinander über mich, genauso wie ich über ihn, bis zu einem gewissen Grad (wenn es eben z.B. sexistisch oder rassistisch wird) runterschlucken und darüber hinwegsehen dass er oder sie an Tatoos selber keinen Gefallen findet. Oder hat der Patient plötzlich ein Recht von nichtbemalten Ärzten behandelt zu werden …. oder nur von Frauen unter 25 …. oder nur von single Männern ….. oder nur von heterosexuellen Ärzten …. oder vielleicht nur von Menschen weißer Hautfarbe? ….

@LotharMarkus: Ich bin Ihrere Empfehlung gefolgt und finde diese Wortsammlung alles andere als passend ….. Man kann sicher trefflich diskutieren wie provokant Literatur sein darf. Zum einen bezweifle ich dass Kästner mit seinem Erguss zur „modisch bewussten Klassefrau“ diese Thematik meinte. Zum Anderen kommt mir bei „Wenn’s doch Mode würde, diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten!
Denn dann wären wir sie endlich los.“ die Galle hoch.

#6 |
  6
Apotheker

@Kirsten Metscher
“Ach ja, ich habe sechs _normale_ Ohrlöcher in zwei Ohrläppchen, und es befinden sich nur _normale_ Silberohrringe oder Perlenstecker darin :-)”
Ach, und wer definiert normal?

#5 |
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Ärzte oder medizinisches personal müssen nicht jede Mode mit machen, denn um eine Mode handelt es sich zweifellos bei Tattoo und Piercing, und Krankenhäuser und Chefs müssen auch nicht jede Mode tolerieren. Ich empfehle immer wieder und jeden das Gesicht von Erich Kästner über die Mode bewussten Frauen. Und das trifft dann und jetzt leider auch auf die Männer zu.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich möchte nicht von einem Arzt/einer Ärztin mit einem oder beiden Armen voller Tattoos untersucht oder behandelt werden. Genauso wenig möchte ich im Restaurant von einem tätowierten Koch bekocht werden. Es hat für mich einen schmuddeligen Anstrich und mir steckt das alte Image (Knast und Seefahrt) immernoch drin (wobei Seefahrt noch was Romantisches hat).

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich in ein Wespennest setze, vertrete ich diese traditionelle und spießige Meinung. Eine Tätowierung steht in keinem Zusammenhang mit fehlendem Können, Fachkompetenz oder Liebenswürdigkeit, ich finde es nur einfach unappetitlich.

Damit meine ich nicht den süßen gelbrosa Schmetterling auf der Pobacke, den niemand sieht, sondern Arme und Beine voller grüngrauer abstoßender Bilder (die nur der Träger toll findet) und bei Frauen zudem noch einen Totenkopf mit herzförmigen Augenhöhlen im Ausschnitt. Gegen ein Glitzerpiercing im Nasenflügel habe ich gar nichts einzuwenden, aber einen halben Schlosserkasten im Gesicht – No Go.

Im Übrigen glaube ich, dass diese Tattoo- und Piercingsucht ein Zeichen unserer kranken Zeit ist. Zum Glück gibt’s noch genügend Menschen, die so denken wie ich. Ach ja, ich habe sechs normale Ohrlöcher in zwei Ohrläppchen, und es befinden sich nur normale Silberohrringe oder Perlenstecker darin :-)

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Dr. med. Thomas Lennert
Dr. med. Thomas Lennert

Das erinnert mich an mein Studium in den 60er Jahren: Internistische Lehrvisite an einer Universitätsklinik. Die Patienten liegen noch in großen Sälen Frage an die Studenten: Der Patient ganz hinten links. Woran müssen Sie diagnostisch denken? Antwort: den Wassermann-Test auf Syphilis. Der Patient war tätowiert. Das waren damals nur Seeleute und Knackis. Und die hatten Syphilis!!

Thomas Lennert, Kinderarzt

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Hebamme

Ärzte sind auch nur Menschen! Wie bescheuert können die Beiträge noch werden? Und im Übrigen wird zensiert! Schade!

#1 |
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