Ginkgo-jemine

28. Januar 2010
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Arzneimittel aus Goethes Lieblingsbaum gehören im Land der Dichter und Denker traditionell zu den lokalen Blockbustern. Doch Goethe hin oder her: Vor geistigem Verfall schützt Ginkgo nicht, sagen US-Forscher, die tausende Ginkgo-Nutzer viele Jahre lang beobachtet haben.

Seit Johann Wolfgang von Goethe in seinem Westöstlichen Diwan dem Ginkgo-Baum ein eigenes Gedicht – hier im gescannten Original bei Wikipedia – gewidmet hat, ist die an sich komplett undeutsche Pflanze quasi ein germanisches Kulturgut geworden. Und als solches wurde der Ginkgo mit Symbolik überladen, zuletzt vom urdeutschen Kuratorium Baum des Jahres, das den Ginkgo anlässlich der letzten Jahrhundertwende zum Baum des Jahrtausends und zu einem Mahnmal für Umweltschutz und Frieden ernannte.

GKV goes Goethe

Bei so viel Pathos wundert es nicht, dass die Deutschen den Ginkgo auch als Heilpflanze lieb gewonnen haben – aufbauend auf fernöstlichen Traditionen, die dem Baum ebenfalls und schon sehr lange eine heilende Wirkung zusprechen. Während allerdings im fernen Osten die klassische Ginkgo-Medikation darin besteht, täglich zwölf der etwas merkwürdig schmeckenden Ginkgo-Samen mit der ebenfalls merkwürdigen Konsistenz eines halb eingetrockneten Hubba-Bubba zu schlucken, fand der Ginkgo in unseren Breiten den Weg in standardisierte medizinische Präparate. Die kommen in erster Linie als Mittel zur Prävention und Therapie von Gedächtnisstörungen beziehungsweise Demenzsymptomen zum Einsatz. Längst gehört der deutsche Markt zu den wichtigsten Ginkgo-Märkten weltweit. Und weil Goethe im Spiel ist, kann auch die Gesetzliche Krankenversicherung nicht „Nein“ sagen. Zur Therapie der Demenz fand das OTC-Präparat Ginkgo seinen Weg in die berühmte Anlage 1 der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss. Das ist die Liste jener Medikamente, die die GKV bei entsprechender Indikation trotz OTC-Status erstattet.

Großstudie findet auch in neuerlicher Auswertung keinen Effekt

Zweifel an der Wirksamkeit von Ginkgo gibt es allerdings zu Hauf. Aktuell machen US-amerikanische Wissenschaftler mit der der Neuauswertung einer Großstudie auf sich aufmerksam, die dem Ginkgo bereits im Jahr 2008 einen deutlichen Dämpfer versetzt hatte. In dieser damals im Journal oft he American Medical Association publizierten, placebokontrollierten Studie hatten über 3000 Probanden täglich zweimal 120mg Ginkgo-Extrakt oder Placebo eingenommen. Die Behandlungsdauer lag im Median bei bemerkenswerten sechs Jahren. Die Probanden hatten vorher im Wesentlichen keine Gedächtnisstörungen. Nur bei einigen hundert lag eine milde kognitive Beeinträchtigung (MCI) vor. Primärer Endpunkt war die Demenz-Inzidenz. Sie lag bei 3,3 pro hundert Personenjahre in der Ginkgo-Gruppe und bei 2,9 in der Placebo-Gruppe. Nichts zu holen also.

So weit, so bekannt. Nachdem Ginkgo-Fans verständlicherweise etwas unglücklich über diese Ergebnisse waren, haben die Autoren der Studie jetzt an selber Stelle eine Nachuntersuchung publiziert, bei der es darum ging, ob Ginkgo nicht zumindest die Geschwindigkeit des geistigen Abbaus bremst. Die These dabei war, dass die Demenz-Inzidenz in der Studienkohorte zu gering beziehungsweise die Studiendauer nicht lang genug war, um vorhandene protektive Effekte zu zeigen. Doch Ginkgo zog erneut eine Niete: Auch wenn die Studienautoren die Veränderungen im modifizierten Mini Mental-State ausgewertet haben und nicht die Demenz-Inzidenz per se, gab es keinen Hinweis auf eine Überlegenheit von Ginkgo gegenüber Placebo.

Auch das IQWiG ist anfällig für das Ginkgo-Pathos

Dass Ginkgo nach diesen neuerlich negativen Daten in Deutschlands Apotheken nicht mehr über den HV-Tisch wandert, darf allerdings als unwahrscheinlich gelten. Der Grund ist unter anderem oben genannte Anlage 1 der G-BA-Arzneimittel-Richtlinie, bei der Ginkgo zwar nicht zur Prävention aber zumindest zur Therapie der Demenz als erstattungsfähig angesehen wird. Dass Ginkgo in diesem Kontext wirkt, ist zwar genauso umstritten. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat die Studienlage zu Ginkgo als Demenztherapeutikum in einem im November 2008 erschienen Bericht als unklar bezeichnet. In einer ziemlich verquast formulierten Meldung wurde damals allerdings der an sich negative Gesamtbefund mit Verweis auf zwei öffentlich nur teilweise zugängliche ukrainische Studien etwas sehr bemüht ins leicht positive gedreht, was dem Institut einiges an Kritik eingebracht hat. Dennoch bleibt damit jene Möglichkeit einer Wirksamkeit im Raum, die bei einem Präparat wie Ginkgo ausreicht, um weiterhin geliebt zu werden. Denn mal ehrlich, es geht ja nicht nur um die Demenz, sondern um etwas viel Höheres:

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten
Wie’s den Wissenden erbaut.

Sagt Goethe. Und der muss es wissen.

37 Wertungen (3.59 ø)
Allgemein

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4 Kommentare:

Susanne Wawrecko
Susanne Wawrecko

Peinlich für DocCheck, dass Herr Graetzel so schlecht recherchiert!

#4 |
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Apothekerin

Pharmazie in unserer Zeit
Volume 38 Issue 5, Pages 432 – 439
Published Online: 26 Aug 2009

Copyright © 2010 WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Nachtrag zum absract
Entschuldigung für den doppelten Eintrag…

#3 |
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Apothekerin

Ginkgo-Extrakt bei Personen mit nachlassender mentaler Leistungsfähigkeit. Studienergebnisse differenziert betrachten
Reiner Kaschel, PD Dr.
FB Psychologie, Seminarstr. 20, 49069 Osnabrück

Abstract
Ginkgo biloba ist eine der am besten dokumentierten Arzneipflanzen. Ihre größte Verbreitung haben Ginkgo-Extrakte zur Verbesserung nachlassender Gedächtnisleistungen gefunden. Standardisierte Spezialextrakte wie EGb 761® sind als Arzneimittel zugelassen zur symptomatischen Behandlung von hirnorganisch bedingten geistigen Leistungseinbußen im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts bei dementiellem Syndrom mit der Leitsymptomatik: Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung, Schwindel, Ohrensausen, Kopfschmerzen.
Indes weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass der Extrakt auch bei Personen ohne jede Hirnleistungsstörung günstige Effekte auf die kognitive Leistung und die emotionale Belastbarkeit hat. Dennoch erscheint eine umfassende Zusammenschau der bisherigen Studienergebnisse zu Ginkgo zunächst verwirrend und widersprüchlich. Es lässt sich jedoch zeigen, dass dies nicht zuletzt auf methodische Probleme einzelner Studien zurückgeht, die sich an der Anwendung und Auswertung psychometrischer Tests festmachen lassen: Häufig hatte Ginkgo keine adäquate Chance, seine Wirksamkeit unter Beweis zu stellen.
Das zeigt die hier referierte aktuelle Übersicht zu Ginkgo, welche Ergebnisse von objektiven psychometrischen Test aus 28 Studien zusammenfasst. Darüber hinaus zeigt die Analyse, dass Ginkgo-Extrakt sehr spezifische Effekte auf kognitive Funktionen hat, die über die Verbesserung allgemeiner Gedächtnisleistungen hinausgehen: Komplexe Aufmerksamkeits- und Intelligenzleistungen werden gefördert, und die Handlungssteuerung verbesserte sich deutlicher als unter Placebo.
Eine neuere Studie von Grass-Kapanke und Mitarbeitern fand bei Personen mittleren Alters mit sehr leichten kognitiven Einbußen (vMCI) Verbesserungen in eben solchen alltagsrelevanten Gedächtnis- und Aufmerksamkeits-Tests.
Obligate Voraussetzungen einer jeden pharmakologischen Intervention bei gesunden Menschen sind die Sicherheit und gute Verträglichkeit. Diese Conditio sine qua non erfüllt EGb 761®. Die Behandlung mit Dosen bis 240 mg täglich war sicher und gut verträglich.

Rationale Phytotherapie: Das unverzichtbare Standardwerk für Ärzte und Apotheker

Sehr berechtigter Beitrag von Dr. Thomas Kron

#2 |
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Es fehlen leider die Hinweise darauf, dass die Studienautoren mit der Konkurrenz Pfizer liiert sind. Ebenso fehlt der Hinweis auf die erheblichen methodischen Mängel, die nicht nur deutsche Wissenschaftler und “Schwabe”, sondern vor allem auch die “Reviewer” des “JAMA” kritisiert haben, dann die Subanalyse aber durchgewinkt haben, denn immerhin hat der US-Steuerzahler die Studie bezahlt. Mal davon abgesehen, dass Pfizer eine US-Firma ist, Schwabe eine deutsche. Wissenschaft ist halt auch viel Politik. Auch Neurobiologen in den USA, die seit Jahren auf neurodegenerative Erkrankungen spezialisiert sind und weder mit Pfizer und Schwabe liiert sind, haben etwas differenzierte Ansichten zu der JAMA-Studie als die überlicherweise vom Mainstream bestimmte Medienwelt.

#1 |
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