Von Spermien, die im Kreis schwimmen

2. Juli 2018

Es starten Millionen, aber nur eines macht das Rennen. Mit rotierenden und bohrenden Bewegungen reist das Spermium zur Eizelle – so die bisherige Annahme. Wie genau sich Spermien bewegen, zeigen Mediziner nun mit 3D-Aufnahmen. Wer im Kreis schwimmt, kommt nicht an.

Millionen von Spermien gelangen bei der Ejakulation während des Vaginalverkehrs in den weiblichen Genitaltrakt. Aus ihnen wird in einem hoch komplexen Prozess ein einzelnes Spermium ausgewählt, das die Eizelle befruchtet. Dorthin gekommen ist es durch bohrende und rotierende Bewegungen um die eigene Achse – so die bisherige Annahme. Die Arbeitsgruppe von Prof. Gunther Wennemuth, Direktor des Instituts für Anatomie an der Medizinischen Fakultät Duisburg-Essen, hat nun erstmals mit einer neuartigen 3D-Mikroskopie (Digital Holographische-Mikroskopie) die Bewegung von frei schwimmenden Spermienköpfen und -schwänzen aufgezeichnet.

„Kreisschwimmer sind keine geeigneten Kandidaten“

Die überraschende Erkenntnis: Die Spermien vollführen anders als vermutet keine vollen Drehungen um die eigene Achse. „Es ist vielmehr so, dass die Köpfe der Spermien in einer wechselnden Bewegung hin und her schlagen. Sie werfen sich jeweils von einer Wangenseite auf die andere und bewegen sich dadurch vorwärts“, so Prof. Wennemuth. Gesunde Spermien drehen ihre Köpfe sehr schnell, ca. 3 bis 6 Mal pro Sekunde und erzeugen damit eine vorwärts gerichtete Bewegung. „Diese Bewegung verläuft linear, also geradeaus gerichtet, während der Schwanz sich spiralförmig im Uhrzeigersinn dreht.“

Die Spermien besitzen sogar eine Art Gedächtnis für diesen Vorgang und wissen genau, in welche Richtung sie ihre Köpfe drehen müssen. Liegt der Spermienkopf auf seiner linken Wange, so dreht er sich zunächst im Uhrzeigersinn auf die rechte Wange, danach zurück gegen den Uhrzeigersinn auf die linke Wange. Zudem konnte das Forscherteam zeigen, dass Spermien, die ihre Köpfe nicht hin und her werfen, sich auch nicht mehr vorwärts bewegen können. Sie schwimmen stattdessen im Kreis. „Diese sogenannten Kreisschwimmer sind keine geeigneten Kandidaten, um das millionenfache Rennen zur Eizelle zu gewinnen“, so Wennemuth.

 

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen.

 

Quelle:

Four-dimensional analysis by high-speed holographic imaging reveals a chiral memory of sperm flagella
Michael Muschol et al.; PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0199678; 2018

16 Wertungen (4.88 ø)
Forschung, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Dr. med.vet. Stefan Gabriel
Dr. med.vet. Stefan Gabriel

@1
Evolutionär betrachtet sind Kriterien wie “Klug” oder “schnell” weniger relevant, das sind unsere menschlichen Vereinfachungsbegriffe….
@2
ich stelle mir gerade bildlich die Spermatologen bei der visuellen Kontrolle vor …..
Tatsächlichist in der Spermatologie die Vorwärtsbewegung EIN Vitalitätskriterium. das sagt aber nur was über die Spermienqualität im Ejakulat aus, nicht über den genetischen “Inhalt”.
Evolutionär betrachter ist der Sieger eben der “fitteste”, so wie Charles Darwin es formuliert hat. Survival of the fittest.

#4 |
  4
Nichtmedizinische Berufe

..ich könnte mir vorstellen, dass die “drehenden” Spermien bereits einem Ausleseprozess unterliegen und daher “chancenlos” sind..möglicherweise in der Verdrängung untereinander was ja im Grunde keine neue Erkenntnis ist..die Frage wäre, wie ginge das biologisch vonstatten..

#3 |
  0
Jörg Bindewald
Jörg Bindewald

Zielrichtung und Effizienz machen das Rennen, nicht die bloße Schnelligkeit ;-)
Ob die Kenntnis dieses Mechanismus für die Medizin einen praktischen Nutzen
birgt, bleibt wohl abzuwarten. Ich stelle mir schon die Kollegen vor, die im Rahmen der Präinseminationsdiagnostik eine visuelle Vorauswahl der am besten befähigten Spermien durchführen. Dies könnte, bei der Menge der zu begutachtenden Objekte, den Preis der Fertilitätsbehandlung nochmal in ungeahnte Höhen treiben. ;-))

#2 |
  0
Klaus Bovelet
Klaus Bovelet

Das ist die Tragik der Menschheit… das schnellste Spermium macht das Rennen, leider nicht das Klügste… ;-)

#1 |
  5


Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: