Chemo: Hilfe aus der Biotech-Schmiede

29. Januar 2010
Teilen

Eine Meldung aus Dresden lässt aufhorchen: Inoperable Lebertumoren als Metastasen eines Darmkrebses schrumpften bei mehr als 60 Prozent der Patienten durch Chemotherapie in Kombination mit Medikamenten, die den Antikörper Cetuximab enthalten.

An 114 Patienten und 12 Kliniken testeten onkologische Forschungsgruppen in Deutschland und Österreich fachübergreifend die neuartige Therapie. Nachdem die Erkrankten die Antikörper-Mixtur erhielten, schrumpften die Lebertumore auf jene operable Größe, die eine chirurgische Entfernung ermöglichte. Ungewohnt selbstbewusst stand daher für die Krebsmediziner fest: „Dies ist weltweit die erste randomisierte Studie in der Patientengruppe mit nur auf die Leber begrenzten, nicht operablen Metastasen, die sich aus bösartigem Darmkrebs, den so genannten Kolon- und Rektumtumoren, entwickelt haben“. Was Gunnar Folprecht als Leiter der Onkologischen Tagesklinik und Ambulanz der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus sagt, stößt auf Aufmerksamkeit. Denn mehr als 80 Prozent aller Patienten mit Lebermetastasen leiden an einem nicht resektablen Tumor – operativ lässt sich in solchen Fällen nicht mehr vorgehen, weil zu große Teile der Leber entfernt werden müssten. Diesen Patienten standen bisher Chemotherapien zur Verfügung, nur: Ohne die Entfernung des Leberkrebses sind die Überlebenschancen „erfahrungsgemäß gering“, wie das KrebsCentrum Dresden unlängst wissen ließ.

Die neue Studie stellt daher ein Novum dar, wie Folprecht erklärt: „Es war damals ein ganz neuer Ansatz, als wir im Dezember 2004 die ersten Patienten dieser Studie mit einer Chemotherapie in Kombination mit einem Medikament, das den Antikörper Cetuximab enthält, behandelten“. Der Antikörper bindet an die so genannten Epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptoren (EGFR) und blockiert die Signalübertragung, was die Tumorzelle am weiteren Wachstum hindert. „Bei deutlich mehr als 60 Prozent der zusätzlich zur Chemotherapie mit dem Antikörper Cetuximab behandelten Patienten verkleinerte sich der bösartige Darmkrebstumor“, erklärt Folprecht, und: „Bei einem Drittel der Patienten konnten die Lebermetastasen anschließend operativ entfernt werden“.

Antikörper starten durch

Die Ergebnisse liegen im Trend. Vor allem kleinere Biotech-Schmieden melden immer wieder Erfolge, wenn es um den Einsatz von Antikörpern nicht nur gegen Krebs geht. So startete die deutsche Biotest AG im Oktober vergangenen Jahres eine Studie, deren Ankündigung zumindest medial noch recht holprig daherkam: „Der Antikörper BT-063 ist in die klinische Entwicklung eingetreten. Nach Genehmigung der Phase-I-Studie durch die zuständige Behörde und die Ethik-Kommission wurde BT-063 nun dem ersten Probanden verabreicht“. BT-063 wird in der Leitindikation Systemischer Lupus Erythematodes (SLE) entwickelt. Auch hier soll der Antikörper einen Zellwachstumsfaktor spezifisch außer Gefecht setzen. Dass die Branche neben anderen Indikationen auch an die Vision “Antikörper gegen Krebs” glaubt, zeigt die Pipeline des Unternehmens. Dort befinden sich, ebenfalls in der Erprobung, neben monoklonalen Antikörpern mit der Leitindikation Rheumatoide Arthritis auch solche zur Behandlung des Multiplen Myeloms.

Im April 2009 wiederum erteilte die Europäische Kommission der TRION Pharma für den trifunktionalen Antikörper Removab (Catumaxomab) die Zulassung für die Behandlung von malignem Aszites bei Patienten mit EpCAM-positiven Karzinomen. “Seit Jahrzehnten träumen Ärzte und Forscher davon, einen bispezifischen Antikörper zu schaffen, der die potentesten Killer des Immunsystems, die T-Zellen, gezielt gegen Krebszellen aktiviert. Removab ist der erste zugelassene Antikörper, der dazu im Stande ist“, sagt Horst Lindhofer, Geschäftsführer von TRION Pharma. Tatsächlich vermögen traditionelle, monospezifische Antikörper bislang vorwiegend nur Effektorzellen der angeborenen Immunabwehr zu aktivieren. Die bispezifische, trifunktionale Antikörper-Variante hingegen bindet und aktiviert zusätzlich die potenten T-Zellen. Für Onkologen erweisen sich derartige Details als Fortschritt im Klinikalltag. Laut Herstellerangaben sind infolge dieses Wirkprinzips trifunktionale Antikörper „mindestens 1.000fach effizienter in der Vernichtung von Krebszellen als konventionelle Antikörper“.

Doch es gibt auch die berühmte “Schattenseite”, exemplarisch zu finden bei monoklonalen Antikörper als Therapeutikum bei chronisch lymphatischer Leukämie (CLL). Der auf monoklonalen Antikörpern basierende Wirkstoff Alemtuzumab bindet „spezifisch an ein 21-bis 28-kD-Glykoprotein(CD52) auf der Zelloberfläche von Lymphozyten“, wie Mediziner der Universität Münster bereits 2005 erklärten. Soll heissen: Die Therapie wirkt. Allerdings: Die “neuen Waffen” bergen mitunter eine Menge schwerer Nebenwirkungen, wie der Wirkstoff ebenfalls exemplarisch belegt. Nur eine Woche nach Therapiebeginn haben über 80 Prozent der Behandelten damit zu kämpfen. So gehören „Herzstillstand, Taubheit, Impotenz, Lungenödem, Inkontinenz, Zungenulzeration, Depersonalisation“ zu den gelegentlich beobachteten, unerwünschten Folgen der Antikörpertherapie. Häufig sogar haben Ärzte mit Mundödemen, Konjunktivitis, Depressionen und Hypertonie, GI-Blutungen, Dehydrierung oder Verwirrtheit ihrer Patienten nach Einwirken der Polypeptidketten zu kämpfen. Noch häufiger treten Fieber, Anorexie, Hypotonie, Anämie, Pneumonie, Diarrhoe, Erbrechen oder Herpes simplex auf.

Dieser Nebenwirkungsliste steht jedoch ein signifikanter Gewinn an Lebenszeit entgegen. Die das mittlere Überlebensdauer der sogenannten Responder erhöhte sich in der von den Münsteraner Forschern vorgestellte Studie von 16 auf 32 Monate. Es wäre jedoch – auch für andere onkologische Studien – wünschenswert, wenn dabei der Lebensqualität der Patienten als Parameter mehr Aufmerksamkeit gewidmet würde.

78 Wertungen (4.27 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Angela Bley
Angela Bley

Wer die wissenschaftlichen Arbeiten über die Fette von Frau Dr. Johanna Budwig gelesen hat, kann nur den Kopf schütteln über soviel Ignoranz und Arroganz seitens der “etablierten” Schulmedizin. Die fetten Forschungsgelder verpuffen, weil in die falsche Richtung geforscht wird, und zum Schluss bleibt doch nur eine gnädige palliative Behandlung übrig, verbunden mit Kosten, die keine Gesellschaft mehr aufbringen kann.

#9 |
  0
Medizininformatiker

Sehr geehrte Frau Carius,

ich musste auch selbst suchen und die Alternativmedizin bemühen. Das schlimme daran ist aber, dass viele Schulmediziner die Alternativen Methoden kennen und diese teilweise auch selbst nutzen.
Aber Ihre Patienten lassen viele nicht an Ihrem Wissen teilhaben, dies ist meiner Meinung nach sogar unterlassene Hilfeleistung und nicht mit dem geleisteten Eid zu vereinbaren.

#8 |
  0
Gesundheits- und Krankenpflegerin

Sehr geehrter Herr Hofmann,
schlimm ist auch, dass man von schulmedizinischer Seite”nur”Lebenqualität raubende Medikamente bekommt und man sich für den “Rest”(die den festen Überlebenswillen haben)selbst auf die Suche begeben muss.Das Forschen in alter Heilkunde und Überlebensstrategien von Menschen aus der ganzen Welt bringen dann Erkenntnisse zutage, die ich früher nie in Erwägung gezogen hätte.

#7 |
  0

@4

Der Link zur Originalarbeit befindet sich im Text und im Kasten “Mehr zu diesem Thema”. Na ja, vielleicht können wir das noch ein bisschen auffälliger machen.

#6 |
  0
Medizininformatiker

Das ist ja alles hochinteressant, aber warum wird immer nur in Richtung Krebsbekämpfung geforscht und nicht nach den Ursachen der Entstehung?
Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele Forscher hauptsächlich an den Forschungsgeldern interessiert sind und sich Ihren gutbezahlten Arbeitsplatz sichern.
Deshalb kann man auch keine echten Ergebnisse erwarten, welche den Menschen helfen.

#5 |
  0
Dr. med. Stefan Krüger
Dr. med. Stefan Krüger

Danke fuer den sehr wichtigen Kommentar von Prof. Streckert.

Liebes DocCheck-Team: ich weiss, das ich mich gebetsmühlenartig wiederhole wenn ich jetzt zum x-ten mal sage: bitte einen Link zur Originalpublikation. Ihre Artikel sind interessant als Anregung, aber die eigentliche Information steht nun mal in der Originalpublikation.

#4 |
  0

Um übertriebene Erwartungen zu dämpfen, sollte erwähnt werden, dass von dieser Therapie nur die 60 % der Patienten profitieren können, deren Kras nicht mutiert ist. Um keine falschen Erwartungen zu wecken, ist deshalb eine Kras-Mutationsanalyse vor Beginn der Therapie notwendig. Hierdurch kann man auch vermeiden, dass die Wirkung dieser neuen Therapie zu Unrecht angezweifelt wird.

#3 |
  0
Gesundheits- und Krankenpflegerin

Danke für den letzten Satz ! Es geht um Lebensqualität!
Eine ehemalige Krebspatientin.

#2 |
  0

Sehr interessante, kompakte Zusammenfassung dieses spannenden Kapitels. GB

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: