Da bleibt kein Auge feucht

4. Februar 2010
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Zehn Millionen Menschen in Deutschland sollen am „Trockenen Auge“ leiden, einer keineswegs harmlosen Erkrankung, warnt der Berufsverband der Augenärzte. Zunehmend im Mittelpunkt der Forschung stehen die Sexualhormone und eine große Talgdrüse.

Die Ursachen des „Trockenen Auges“, das angeblich mehr als 60 Prozent der Büroarbeiter betrifft, sind vielfältig. Zum einen nimmt die Tränenproduktion mit dem Alter ab, zum anderen gibt es externe Faktoren, die das Austrocknen fördern, wie etwa Rauchen. Hinzu kommen chronische Erkrankungen wie Diabetes, Rheuma und entzündliche Gefäßerkrankungen, bei denen das Symptom häufiger auftritt. Auch Medikamente können die Tränenproduktion beeinträchtigen, etwa Thiazid-Diuretika, Betablocker, tetra- und trizyklische Antidepressiva, Östrogene und Neuroleptika. Eine mögliche Ursache sind auch Ozon und Abgase; außerdem fördert Bildschirmarbeit in Räumen mit geringer Luftfeuchtigkeit eine verstärkte Verdunstung des Tränenfilms. Für die immer wieder geäußerte Vermutung, dass auch die Ernährung etwas mit der Augenerkrankung zu tun habe, gibt es allerdings keine Belege.

Noch zu wenig beachtet: die Meibom-Drüse

Zunehmend wird klar, dass nicht nur die Tränendrüsen, sondern auch die Meibom-Drüsen eine wesentliche Funktion bei Entstehung und Verlauf des „Trockenen Auges“ haben. Diese großen, nach dem deutschen Anatomen Heinrich Meibom benannten Talgdrüsen produzieren die äußere Lipidphase des Tränenfilms und sind daher notwendig, um eine zu starke Verdunstung der Tränenflüssigkeit zu vermeiden und die Stabilität des Tränenfilms zu erhalten. Funktionsstörungen der Meibom-Drüsen sind eine der wichtigsten Ursachen für Benetzungsstörungen der Augen, da sie zu einer mangelhaften Lipidschicht führen. Störungen der Lipidphase des Tränenfilms haben angeblich mehr als drei Viertel der Patienten mit „Trockenem Auge“, und bei rund zwei Drittel der Patienten ist dies Folge einer Dysfunktion der Meibom-Drüsen.

Die Dysfunktion der Meibom-Drüsen (auch hintere Blepharitis genannt) wird leider zu selten beachtet. Sie tritt meist als obstruktive Störung auf, die vor allem durch eine vermehrte Verhornung und/oder Veränderungen des Sekrets ausgelöst wird. Einen großen Einfluss auf die Funktion der Meibom-Drüsen hat das Alter. Die durchschnittliche Zahl aktiver Drüsen nimmt zwischen dem 20. bis 80. Lebensjahr um 50% ab. Nach aktuellen Untersuchungen ist auch das Tragen von Kontaktlinsen mit einer Abnahme der aktiven Drüsenmenge assoziiert – abhängig von der Dauer des Kontaktlinsentragens, aber unabhängig vom Linsenmaterial.

Androgene gut, Östrogene schlecht

Viele Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass ein Androgenmangel, wie er in der Menopause, im Alter und unter antiandrogener Therapie oder auch bei testikulärer Feminisierung auftritt, zur Drüsendysfunktion führt. Denn Androgene kontrollieren Entwicklung, Differenzierung und Lipidproduktion der Talgdrüsen im ganzen Körper des Menschen. Sie wirken primär an den epithelialen Azinuszellen der Talgdrüsen, wo sie unter anderem zu einer gesteigerten Transkription bestimmter Gene führen und Proteine herstellen, die zur Lipidsynthese und -sekretion benötigt werden. Im Gegensatz hierzu hemmt eine antiandrogene Therapie die Aktivität und Sekretion der Drüse.

Während Androgene die Funktion der Meibom-Drüsen eher fördern, wirken sich Östrogene negativ aus – ähnlich wie auch bei der Tränendrüse, wobei Art und Größenordnung der Östrogenwirkung auf die Tränendrüse noch unklar sind und kontrovers diskutiert werden.
Im Gegensatz zum Androgeneinfluss weisen Forschungsergebnisse darauf hin, dass eine Östrogen-Hormonersatztherapie zu einer Meibom-Drüsendysfunktion und einem „Trockenen Auge“ führt. Nach Ansicht von Dr. Frank Schirra von der Klinik für Augenheilkunde im Universitätsklinikum des Saarlandes und seinen Kollegen „basiert dieser Östrogeneinfluss in erster Linie auf einer Suppression der Meibom-Drüsen“ mit der Folge, dass Größe, Aktivität und Lipidproduktion der Talgdrüsen abnehmen.

Östrogene wurden daher auch viele Jahre verwendet, um die Talgproduktion zu unterdrücken. Da Östrogene die Androgenwirkung in den Talgdrüsen antagonisieren, wurden sie laut Schirra auch als das „Haupttherapeutikum zur Reduktion der Androgeneffekte an Talgdrüsen bezeichnet“. Die antiandrogene Wirkung der Östrogene ist dosisabhängig und kann durch physiologische Androgenmengen aufgehoben werden. Androgene reduzieren außerdem die Zahl der Östrogenbindungsstellen in Talgdrüsen. Es ist daher nachvollziehbar, dass Östrogene bei Frauen in der Menopause, die ja einen Androgenmangel haben, zu einer Meibom-Drüsendysfunktion und einem „Trockenen Auge“ führen.

Die Meibom-Therapie: Tupfer, Tropfen, Tetrazykline

Wie sieht nun die Therapie beim „Trockenen Auge“ durch eine Dysfunktion der Meibom-Drüsen aus? Es hat sich bewährt, nach Schweregrad und Beschwerdebild in einem abgestimmten Stufenplan vorzugehen. Selten werden auch chirurgische Eingriffe notwendig.

1. Lidhygiene
Die Lidhygiene wird als Basisbehandlung empfohlen und bewährt sich bei den meisten Patienten. Die Patienten sollen zweimal täglich für etwa 5 Minuten feuchte, warme Kompressen oder Tupfer auf die geschlossenen Lider legen und dann Verkrustungen auf dem Lidrand entfernen.

2. Tränenfilmersatz
Hilfreich sind häufig auch Tränenersatzlösungen. Bei hoher Tropffrequenz sollte dies möglichst mit konservierungsmittelfreien Lösungen erfolgen, um die Oberflächenepithelien nicht zusätzlich zu schädigen. Es kann vorteilhaft sein, wenn diese Tränenersatzmittel Lipide in den unterschiedlichen Darreichungsformen (Tropfen, Gel, Spray) enthalten.

3. Verbesserung der Sekretqualität
Bei schweren Formen der obstruktiven Dysfunktion hat sich eine längerfristige Therapie mit systemischen Tetrazyklinen bewährt. Diese werden über mehrere Wochen, eventuell auch über Monate, in einer Dosis die unterhalb der antibiotischen Wirkschwelle gegeben. Tetrazykline hemmen die Lipasen, die von der vermehrten kommensalen bakteriellen Flora des Augenlids produziert werden und die Zusammensetzung der Meibom-Lipide negativ verändern. Außerdem hemmen sie die Aktivität von gewebezerstörenden Matrixmetalloproteinasen sowie die Bildung inflammatorischer Zytokine und damit mögliche Entzündungsvorgänge, die bei einer Dysfunktion der Drüsen auftreten können.

4. Punctum Plugs
Wenn das „Trockene Auge“ allein Folge einer Störung der wässrigen Schicht des Tränenfilms ist, können auch eine Verödung oder ein Verschluss der Tränenpünktchen (Punctum Plugs) helfen.

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Allgemein

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14 Kommentare:

Herr Peter Beitzel
Herr Peter Beitzel

Leider habe ich bis heute noch nicht die optimale Darreichungsform mit allen hilfreichen Inhaltsstoffen bei günstiger Viskosität gefunden,auch wenn natürlich eine tägliche Mehrfacheingabe nötig wäre.Ich meine,dass eine ganzheitliche Behandlung unter Mitwirkung auch von Augenarzt und Gynäkologe nötig wäre

#14 |
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Dipl.-Päd. Karl-Heinz Krieger
Dipl.-Päd. Karl-Heinz Krieger

Nach vielen Jahren Erfahrung mit “Trockenen Augen”:
Unbedingt Tropfen o h n e Konservierungsmittel in praktikabler Ophtiole bzw. Flasche.
Besonders genial: Flasche mit Pumpmechanismus. Bleibt min. 6 Wochen haltbar. (z.B. Artelac MDO)
Als Ursache sehe ich vor allem den langjährigen Gebrauch von Augentropfen mit Konservierungsstoffen. Zusätzlich zum Trockenen Auge bekam ich schwerwiegende Schleimhautveränderungen im Nasenraum.
Nach Umstellung der Behandlung gingen zumindest die Nasenschleimhautprobleme weitgehend zurück.
Bei Schmerzen im Auge hilft mir: Corneregel EDO (mit Dexpanthenol). Hier sind jedoch die Ophtiole besonders unpraktisch.

#13 |
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Dr. med Annette Barkmann
Dr. med Annette Barkmann

Wie sieht es bei Kindern aus? Mein Sohn (3) hat infolge eines inkompletten Lidschlusses trockene Augen mit Hornhautdefekten bds..
Therapie mit Isoptomax und Thilotears bisher sehr unbefriedigend.
Was gibt es für weitere Optionen?
Dr. Annette Kyas

#12 |
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Dr. med. Wolf Hemsing
Dr. med. Wolf Hemsing

Prof.Huber-Endokrinologeie-Gyn,Wien empfiehlt
Rp. Östrogen-Augentropfen 0,0025 % 20 ml
abds ins Auge (ölhaltig)

in jeder Apotheke

#11 |
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Dr. med. Otto P. Happel
Dr. med. Otto P. Happel

Angeblich sollein Linsenersatz zu der beschriebenen Trockenheit führen, stimmt das?
Gilt da auch ggfdie Tropfentherapie?

#10 |
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Heitraud Köhn
Heitraud Köhn

Es war ein sehr interessanter Artikel jedoch ohne Therapievorschläge. Leide selbst an starke Trockenheit der Augen. Von Augenärzten wurde mir erklärt, dass es eine Folge des Basedows sei, da der Lidschluss sehr geringfügig wäre bei mir, sonst wurde keine weitere Diagnostik gemacht, . Therapieversuch verschiedenster Tränenersatz als Augentropfen, viele waren schlecht verträglich. Jetzt zur Nacht Coliquifilm- Augensalbe am Tag Augengel Hyaluron mit Acidum polyacrylas und Glycerolum. Vom Augenoptiker wurde mir LopoNit-Spray empfohlen. Es ist das Beste von allen Präparaten. Muss dann am Tag nicht mehr stündlich tropfen. Es ist wirklich empfehlenswert.

#9 |
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Dipl.Kfm. Kurt Maier
Dipl.Kfm. Kurt Maier

Wenn chronische Entzündungen eine Rolle spielen sollten sich Betroffene auf Parodontitis untersuchen lassen. Diese chronische Entzündung hat eine extrem hohe Prävalentz gerade bei älteren Menschen. Ich konnte jedoch den Zusammenhang aus Zeitgründen noch nicht recherchieren.

#8 |
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Die Therapie stand sogar drin im Beitrag. Wie gesagt.

#7 |
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Augenoptiker/Optometrist Jörg Ramson
Augenoptiker/Optometrist Jörg Ramson

LipoNit auf das geschlossene Auge sprühen. Stabilisiert die Lipidschicht. Einfach mal ausprobieren. Sehr einfach in der Anwendung.

#6 |
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Th.:Lipide (Mikrosomen) z.B tears again + Filmbildner z.B. Hyaluronsäurepräp.

#5 |
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Inge Donhauser
Inge Donhauser

mir fehlte die Lösung des Problems.

#4 |
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Frau Sibylle Vogt
Frau Sibylle Vogt

Würde mich auch interessieren, welche Therapie und ob der Augenarzt durch /welche Untersuchung festellen kann

#3 |
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Studentin

Ja, so ging es mir beim Lesem des Artikels auch. Ich finde zwar die Erläuterung der Pathopysiologie auch sehr spannend, bin aber in Sachen Therapie keinen Schritt weiter.
Haben die neuen Erkenntnisse der Homburger (saarländischen) Kollegen denn irgendwelche Auswirkungen auf die Therapie des trockenen Auges?

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Dr. med. Markus Heck
Dr. med. Markus Heck

Ich hätte ja gerne mal gewußt, was ich gegen die trockenen Augen tun kann. Dazu steht in dem Artikel kein Wort.
Bis jetzt bleibt mir nur, dauernd Augentropfen rein zu tun. Das stört dann die Sehschärfe. Ohne Tropfen stört die Trockenheit dann irgendwann das Sehen. Alles nicht sehr befriedigend.

#1 |
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