Adipositas: Ist das normal?

29. Juni 2018

Wie normal dürfen Übergewicht und Adipositas sein? Die Gesellschaft fordert Akzeptanz, Ärzte warnen vor gesundheitlichen Risiken. Ein Trend verdeutlicht den Konflikt: Immer mehr Übergewichtige nehmen ihr Gewicht verzerrt wahr und sehen keinen Grund, abzunehmen.

Unsere Definition von Körperidealen wird flexibler. Das merkt man besonders in der Modewelt: Plus-Size-Models haben gesellschaftlich an Akzeptanz und Bedeutung gewonnen und helfen übergewichtigen Menschen, sich im eigenen Körper wohl zu fühlen. Aus gesellschaftlicher Sicht ist dieser Wandel eine Errungenschaft. Aus medizinischer Perspektive ist Übergewicht dennoch ein Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber oder Krebs.

Das Bewusstsein für einen gesunden Körper und Prävention scheint in Deutschland zu wachsen: Jeder Zehnte besucht heute ein Fitnessstudio, heißt es in einem Bericht der FAZ aus dem Vorjahr. Innerhalb der letzten fünf Jahre kamen 2,2 Millionen neue Kunden hinzu. Dass sich immer mehr Menschen intensiv mit ihrer eigenen Gesundheit auseinandersetzen, wird auch durch die steigende Zahl an Ernährungs- und Fitness-Influencern deutlich, die gesunde Rezepte oder Trainingseinheiten auf Youtube oder Instagram teilen.

Es macht also einen deutlichen Unterschied, ob man das Thema Übergewicht aus gesellschaftlicher oder medizinischer Perspektive diskutiert. Hier treffen zwei Sichtweisen aufeinander, die sich nicht so einfach vereinbaren lassen. Ist das ein Problem?

Oft unterschätzt: das eigene Gewicht

Dieser Frage ging Dr. Raya Muttarak auf den Grund. Die Soziologin arbeitet an der University of East Anglia (UEA) und beschäftigt sich mit internationalen Bevölkerungsentwicklungen. Sie setzte es sich zum Ziel, die Lage in Großbritannien genauer zu untersuchen, wo die Zahl der adipösen Menschen seit Jahren zunimmt. Laut dem OECD-Report „Obesity Update 2017“ der Organisation for Economic Co-operation and Development sind etwa 60 % der Erwachsenen in Großbritannien übergewichtig oder adipös. Dass Menschen mit Übergröße in der Gesellschaft nicht mehr stigmatisiert werden, ist eine Veränderung, die von der Soziologin als Prozess der Normalisierung bezeichnet wird. Diese birgt allerdings auch Gefahren, glaubt Muttarak.

Für ihre Studie führte die Soziologin Regressionsanalysen indem sie Ergebnisse einer großen Umfrage auswertete: Die Health Survey for England wurde in den Jahren 1997, 1998, 2002, 2014 und 2015 mit Personen mit einem BMI von mindestens 25 durchgeführt. Ab diesem Wert gilt man als übergewichtig, Adipositas beginnt ab einem BMI von 30. Analysiert wurden die Daten von 23.459 Personen, davon waren zwei Drittel als übergewichtig und ein Drittel als adipös eingestuft. Die Studienautorin berichtet über eine zunehmende Fehlwahrnehmung in Bezug auf das eigene Gewicht in Großbritannien. Besonders Männer und Erwachsene mit niedrigem Bildungsniveau oder Einkommen unterschätzten ihr Körpergewicht und hätten deshalb wenig Ambitionen, abzunehmen, so die Folgerung.

Verzerrte Wahrnehmung mit Folgen

Das Ergebnis der Studie: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine übergewichtige Person abnehmen möchte, liegt bei jenen, die ihr Gewicht unterschätzen, um 85 Prozent niedriger als bei jenen, die genau über ihren Gewichtsstatus Bescheid wissen. Und genau diese Gruppe der Unwissenden wird immer größer: Die Studienautorin verglich die Werte innerhalb des Zeitraums von 1997 bis 2015. Die Zahl der Übergewichtigen, die eine falsche Wahrnehmung ihres Körpergewichts haben, ist bei Männern von 48,4 Prozent im Jahr 1997 auf 57,9 Prozent im Jahr 2015 gestiegen, bei Frauen immerhin von 24,5 auf 30,6 Prozent.

Muttarak beobachtet zudem einen milieubedingten Gewöhneffekt: „Die höhere Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau und Einkommen könnte auch zu einer visuellen Normalisierung beitragen. Das heißt, diese Gruppe kommt regelmäßiger mit anderen Menschen mit Übergewicht in Kontakt als Menschen mit höherem sozioökonomischen Status.“ Eine spannende Frage, auf die Muttarak nicht eingeht: Ist diese Gewöhnung rein milieubedingt? Oder ist es denkbar, dass sich der Effekt auch bei Ärzten einstellt, die täglich mit übergewichtigen Patienten zu tun haben? Eine derart verschobene Wahrnehmung der Ärzte könnte Auswirkungen auf die Behandlung von übergewichtigen und adipösen Patienten haben.

„Man nimmt nicht ab, um auszusehen wie ein Cover-Model“

Die Modeindustrie habe in diesem Zusammenhang eine große Verantwortung, so die Soziologin. „Händler sehen in der Übergrößen-Modeindustrie großes Potenzial und dürften zur Normalisierung, übergewichtig oder adipös zu sein, beigetragen haben.“

 

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Die These der Forscherin: „Während dieser positive Umgang mit dem eigenen Körper dabei hilft, die Stigmatisierung von Übergewichtigen zu reduzieren, kann er auch das Anerkennen des eigenen Übergewichts und die damit verbundenen gesundheitlichen Auswirkungen beeinträchtigen. Der Anstieg von Menschen in England, die ihr eigenes Körpergewicht verzerrt wahrnehmen, ist alarmierend und könnte eine Folge dieser Normalisierung sein.“

Ihr Fazit basiert zum Teil auf Fakten, zum Teil auf Theorie: Die steigende Tendenz bei Übergewichtigen, ihr eigenes Körpergewicht zu unterschätzen, ist etwas, das sich messen lässt. Doch lässt sich diese Entwicklung damit begründen, dass sich die gesellschaftliche Definition eines schönen Körpers verändert hat? Auch wenn die Schlussfolgerung plausibel klingt, empirisch beweisen lässt sie sich nicht.

„Ich finde die Kernaussage dieser Studie spannend und kann mir gut vorstellen, dass an der Theorie etwas dran ist,“ sagt Dr. Jörn Schattenberg von der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Wie gesellschaftlich mit dem Thema Übergewicht und Abnehmen umgegangen wird, sei problematisch. Viel zu sehr gehe es in der Abnehm-Debatte um optische Ideale, gibt er zu bedenken. Der Facharzt für Innere Medizin hat etwa mit adipösen Patienten zu tun, wenn er sie wegen einer Fettleber behandelt. „Wenn man über die Notwendigkeit eines Gewichtsverlust spricht, muss der Gesundheitsaspekt viel mehr in den Vordergrund rücken. Man nimmt nicht ab, um so auszusehen wie ein Cover-Model, sondern um gesund zu sein“, betont er.

Wo ein Wille, da ein steiniger Weg

Doch selbst wenn der Wille, abzunehmen da ist, gibt es andere Hürden, die zu bewältigen sind. Die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen spielt hier eine bedeutende Rolle. Denn ein gesunder Lebensstil geht häufig mit Mehrkosten einher. Als Beispiel nennt Muttarak die Ernährung: „Der Preis von frischem Obst und Gemüse ist häufig höher als der von verarbeiteten und kalorienreichen Lebensmitteln.“

Der innere Kampf gegen Übergewicht und Adipositas ist auch ohne eine verzerrte Wahrnehmung schwer genug, wie Schattenberg betont: „In der Sprechstunde an der Klinik sehe ich vor allem Patienten, die das Körpergewicht als problematisch erkennen und als Folgen des Übergewichts auch schon in Behandlung der damit einhergehenden Komplikationen sind. Dazu zählen Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck.“ Das Problem sieht Schattenberg darin, dass unser Gesundheitssystem darauf ausgerichtet ist, an die Willenskraft des Patienten zu appellieren, aber nicht mehr als das.

„Viele Patienten sagen, dass sie nicht aus eigener Kraft einen Weg finden, um das Gewicht nachhaltig zu reduzieren und dass in weiterer Folge eine gewisse Resignation eintritt.“ Damit es nicht zu einer solchen Stagnation komme, dürfe man den Patienten an diesem Punkt nicht allein lassen. Das sei allerdings leichter gesagt als getan, denn es fehle an Geld und Zeit, kritisiert Schattenberg: „Ich glaube, dass wir diesen Patienten Schulungen anbieten und sie enger begleiten müssten, als dies heute möglich ist.“

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Bildquelle: TeroVesalainen, pixabay / Lizenz: CC0

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22 Kommentare:

Cordula Molz
Cordula Molz

Wie traurig, dass hier weitgehend immer noch der Theorie Kalorien rein vs. Kalorien raus vertraut wird. Nein, der Mensch ist keine Verbrennungsmaschine und es sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass eine Kalorie aus Süßkram was anderes bewirkt als eine Kalorie aus Gemüse.
Dabei werden individuelle Gegebenheiten sowieso völlig außer Acht gelassen. Und ja, es ist möglich, dass bei der selben Menge Essen der eine zunimmt und der andere nicht.
Niedrigkalorische Diäten helfen für eine Weile, danach hat man erfolgreich den Stoffwechsel heruntergefahren. Ein schönes Beispiel sind “The Biggest Loser”.
Nicht zu vergessen, dass eine suboptimale Ernährung nicht mit Bewegung ausgleichbar ist. Bewegung ist wichtig, aber nicht für den Gewichtsverlust.
Der Einfluss von Hormonen wie z.B. Insulin wird gerne ignoriert.
Betroffen macht es mich auch, dass das Thema Übergewicht abbauen als so einfach dargestellt wird (also sind alle Übergewichtigen nur willensschwach..). Unsere Umwelt bevorzugt eindeutig die Insulinsensitiven, alle anderen müssen ständig Nein sagen und den Verlockungen entsagen. Die gute Wahl sollte die einfache Wahl sein – ist sie aber nicht, bei 90% ernährungstechnischem Müll, der im Supermarkt verkauft wird – und auf Reisen verschärft sich das Problem noch. Nicht zu vergessen die allgegenwärtigen Kekse und Süßkram.
Schulungen sind nett, wer aber nicht vernünftig begleitet wird um eine echte Lebensstilumstellung hinzubekommen, der ist zum Scheitern verurteilt. Wissensvermittlung ist eins, Integration in den individuellen Alltag jedoch die große Aufgabe.

#22 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Gehen Sie davon aus, daß Ärzte sich für solche Dinge seltenst interessieren. Die meisten wissen nur, daß Neuroleptika, Antidepressiva etc. den Appetit steigern und gehen dann schlicht davon aus, daß die Patienten dem unkontrolliert nachgeben. Wg. Schilddrüse ist es m.E. unabdingbar, bei jedem Übergewichtigen die Funktion zu kontrollieren und es wäre fahrlässig, das nicht zu tun – unabhängig davon, daß ich denke, daß die Schilddrüsenfehlfunktion tlw. eine Folge des Übergewichtes ist, denn wenn das erstmal da ist, muß man es in der Therapieplanung berücksichtigen.

Selbstredend ist auch nichts falsch daran, wenn jemand versucht, trotz Übergewicht ein erfülltes Leben zu haben. Falsch wäre nur, eine ungesunde Lebensführung fortzusetzen, obwohl diese einen krank macht. Eine Fixierung auf das eigene Körpergewicht ist immer ungesund. Darum berate ich bspw. nur dahingehend, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten umzustellen, ohne sich selbst zu kasteien und ohne sich auf das eigene Körpergewicht zu fixieren.

Gerade bei Eßanfällen würde ich übrigens dazu raten, vorrangig die eigene Einstellung zu sich und zum eigenen Leben zu hinterfragen. So weit ich weiß, steckt da häufig eine Selbstwertproblematik mit drin. Da würde ich sogar sehr dazu raten, zu versuchen, das eigene Leben mit mehr Erfüllung anzureichern, anstatt mit mehr Essen. Um den Kopf freizukriegen und den Körper ins Gleichgewicht zu bekommen rate ich meist noch zu Sport bzw. sonst. bewegungsintensiver Freizeitgestaltung und Achtsamkeitsübungen statt Adeps (soweit verzichtbar), um die entgleiste Neurotransmittersituation etwas besser zu regulieren.

#21 |
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Nichtmedizinische Berufe

danke für diesen link. Ich selbst kannte diese Erklärung , ich wollte aber nochmal nachfragen , in wie weit sie bei den Fachleuten akzeptiert ist. Ich habe eigentlich nur erlebt, dass Ärzte mir Fehlverhalten unterstellt haben O- Ton ” Dann essen Sie halt nicht so viel!”
Ähnliches sagen mir übergewichtige Frauen, die mit Antidepressiva, unerkannten Schulddrüsenproblemen oder ähnlichem, sehr zugenommen haben. Es herrscht schlicht Unglaube.
Im Artikel wird das als “verzerrte Wahrnehmung” bezeichnet, ich frage mich eben, was falsch daran ist, trotz hohem Gewicht zu versuchen, ein erfülltes und schönes Leben zu führen?
Wenn ich alles auf “die Zeit , in der ich endlich schlank bin ” verschiebe, rauscht mein Leben sozusagen an mir vorbei. Depression ist da schon vorprogrammiert. Wenn mir klar ist, dass ich mein Idealgewicht ungefähr zwei Wochen nach meinem Tod erreicht habe, dann höre ich vielleicht auf, mich zwanghaft mit dem Gewichtsthema zu beschäftigen, esse wieder normal und komme aus der Spirale der Essanfälle heraus.
Es gibt sogar Personen, die sagen, sie konnten erst abnehmen, als sie damit aufhörten, es umbedingt zu wollen. Das hat dann eventuell mit dem niedrigeren Cortisolspiegel zu tun.

#20 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

@ Frau Cortes: Eine kurze Google Suche zu Neuroleptika + Grundumsatz klärt auf. Neuroleptika haben umfangreiche Auswirkungen auf den Stoffwechse, wordurch u.ä. der Grundumsatz herabgesetzt wird und der Aufbau von Substanz gefördert wird. Die Vermutung ist, daß das Neuroleptikum den Sollwert des Gewichtes nach oben verschiebt und der Körper solange Gewicht zulegt, bis der neue Sollwert erreicht ist. Nach Absetzen des Neuroleptikums würde sich dann der alte Sollwert wieder einstellen. Mehr dazu unter: https://tinyurl.com/yc5nuqor

#19 |
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Heilpraktikerin

Zum Thema “Überfuttern” möchte ich noch etwas anmerken. So mancher hat da sofort den Coach-Potato im Kopf, der faul vor seinem TV lungert und sich die dadurch entstehende Leere mit Chips o.ä. auffüllt. Aber um zuzunehmen – wie gesagt, alles Mathematik – reicht (nur mal als Beispiel) es, jeden Tag eine Breze zu essen, die über unserem Kalorienbedarf liegt. Eine 80g-Breze hat an die 200 kcal. Macht großzügig gerechnet pro Monat ein zugelegtes Kilo. Im Jahr 12 kg. Uuups. Mal ehrlich – ich würde niemanden als Fresssack bezeichnen, der jeden Tag eine Breze über seinen Bedarf isst… Und wer mehr wiegt, braucht auch mehr, mehr Körper braucht auch mehr Energie, um am Laufen gehalten zu werden. Aber pro Kilo ist das noch nicht so viel, dass es einem auffallen würde. Wie gesagt, das Zunehmen kann relativ diskret verlaufen. Will man abnehmen, ist es schwierig, am Ball zu bleiben, denn die Überkilos müssen mühselig runtergespart werden, und das ist eine wirkliche Leistung, wie ich finde. Und da meine ich vor allem Menschen, die gut über 100 Kilo wiegen. Und bei denen die Kilos nicht vorwiegend aus Muskeln bestehen. Gibt es ja auch.

Das Buch von Udo Pollmer kenne ich nicht, kann dazu also nichts sagen. Aber es ist klar, dass ich hier niemanden einladen will, seine ohnehin wenigen Kilos noch mehr zu reduzieren. Der Schlankheitswahn spiegelt die Werte der Gesellschaft wieder, die sich auf Äußeres beschränken. Ich finde es gut, dass übergewichtige Menschen aus der “Schamecke” rauskommen, denn sie sind genauso Menschen wie andere auch, mit den selben Qualitäten und Fehlern wie alle von uns. Was das Abnehmen angeht, nehme ich an, entweder muss der Leidensdruck überhand nehmen (Erkrankungen usw.) oder aber die Begeisterung reißt einen ausreichend mit, um es zu schaffen. Den Entschluss muss man selber fassen, und das kann einem niemand abnehmen.

Was meine persönliche Gewichtsabnahme betrifft, so hatte ich ursprünglich 93 kg, bei einer Größe von 1,75 durchaus zuviel. Mittlerweile bin ich bei ca. 75 kg, also bei Normalgewicht angelangt. Als junge Frau wog ich (ohne jegliche Essstörungen; ich habe über Essen nie groß nachgedacht) 58-60 kg. Heute muss ich da nicht mehr hin, aber über weitere Kiloreduktion werde ich mich trotzdem freuen. Ich war immer gegen jede Art von Diäten, weil mir klar war, dass man vor allem dauerhaft eine Form finden muss, sich zu ernähren, die nicht zu stark zu Buche schlägt. Oder aber, man verbraucht mehr, indem man sich in Garten oder beim Joggen o.ä. betätigt. Nach der Lektüre von Fettlogik überwinden bin ich dann sehr begeistert dran gegangen, und bereue es nicht. Einen Jojo-Effekt kann ich nicht erkennen.

Ich selbst verwende kaum industriell gefertigte Nahrungsmittel. Und selbst bei den wenigen, die ich nutzte, habe ich bei fddb gesehen: jegliche industriell verarbeitete Ware ist potentiell erheblich höher mit Kalorien gesegnet als selbst frisch verarbeitete. Egal, ob Chips, Erdnüsse, Fertiggerichte, Fertigsaucen oder fertige Aufstriche oder Wurst; und egal, ob Bio oder konventionell. Natürlich kann man bei seinem selbst gemachten Essen ebenso mit Kalorien prunken – man muss es aber nicht. Man hat selbst in der Hand, was man hineintut.

#18 |
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Prof. Dr. Peter Koeppe
Prof. Dr. Peter Koeppe

Zu schätzungsweise mehr als 95% seiner Existenz kannte der Mensch keine zuverlässige Methode einer Nahrungsmittelbevorratung – mit der Folge, dass das erlegte Wild oder die reifen Früchte schleunigst verzehrt werden mussten, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob man noch Hunger hatte.
M. a. W.: Der Mensch ist vermutlich evolutionär geprägt zu futtern, solange Essbares zur Verfügung steht, was vermutlich selten genug der Fall war. So gesehen, ist die Neigung, mehr und häufiger zu essen als notwendig, eine „natürliche“ Verhaltensweise, was die Schwierigkeit ihrer Überwindung erklären mag.
Der Mensch der Neuzeit mit Kühlschrank, Fast Food und ubiquitären Imbissbuden muss versuchen, mit diesem geerbten Problem fertig zu werden, indem er sich stets bewusst ist, dass Übergewicht grundsätzlich und ohne Ausnahme ein Bilanzproblem ist: Er nimmt mehr zu sich als er (ver-)braucht. Alles andere ist Hokuspokus oder Selbstbetrug.

Hier sei ein m. E. wichtiger Begriff ins Spiel gebracht, den man leider in diesem Zusammenhang nur selten erwähnt findet: Die Gewohnheit.
Niemand wird behaupten wollen, dass Rauchen „an sich“ lebensnotwendig ist. Wer sich allerdings erst einmal daran gewöhnt hat, wird mit gewisser Berechtigung sagen können, dass er ohne Zigarette „nicht leben“ kann – die Gewohnheit hat zur Sucht geführt. Der einzig sichere Schutz gegen eine solche Entwicklung ist der, erst gar nicht mit dem Rauchen zu beginnen.
Diese Möglichkeit hat der Mensch in Bezug auf das Essen offensichtlich nicht, so dass der Kampf gegen Adipositas in jeder Hinsicht weitaus schwieriger ist als der gegen das Rauchen.
Der Mensch kann sich zwar das Essen nicht abgewöhnen, wohl aber das „zu-viel“: Er sollte sich angewöhnen(!), gedanklich stets eine Art Bilanz zu ziehen, indem er z. B. nach einem reichlichen Mittagessen darauf verzichtet, abends eine zweite warme Mahlzeit zu sich zu nehmen, weil er es so „gewohnt“ ist.
Und auch das übliche Käsegebäck beim abendlichen „Tatort“ muss nicht sein.

Zugegeben: Einfach ist angesichts unserer Prägung der Verzicht nicht. Aber vielleicht ist Marc Aurel ein Ansporn, der vor fast 2000 Jahren konstatierte: „Drei Teile sind es, woraus du bestehst: Körperliches, Seelisches, Denkvermögen. Von diesen sind die beiden ersten nur insoweit dein, als du für sie zu sorgen hast; der dritte Teil aber ist vorzüglich dein Eigentum.“ (Selbstbetrachtungen; XII, 3.)
Machen wir also Gebrauch von unserem „Eigentum“, dem Denkvermögen, anstatt faule Ausreden zu erfinden.

#17 |
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Die Lebensmittelindustrie muss weg, weil sie schlichtweg krank und wahrscheinlich auch fett macht, teile der Pharmaindustrie kann sich gleich dazu gesellen.

#16 |
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Nichtmedizinische Berufe

Nochmal erwähnt, in “Fettlogik überwinden” geht es um eine realativ junge gesunde Frau, die sehr viel abnimmt, in dem sie ca. 500 kcal am Tag isst und jeden Tag ein Foto ihres Abdomens postet ……. Ich halte das nicht für eine Methode, die für JEDEN machbar ist. Und auch sie hat mir keine Erklärung geben können, warum ich bitte mit Neuroleptika ebenmal mein Gewicht “verdoppeln” kann….
also innerhalb weniger Monate von 60 auf 110 Kilo ,ohne groß mehr zu essen.

Plus-Size- Models sind alle, die nicht Größe 32/34 tragen , da ist die 38 genauso dabei wie die 58.

Im übrigen würde ich mal behaupten, dass die ärztliche Behandlung ziemlich gleich verläuft, egal ob man nicht oder sehr gerne abnehmen möchte.

Arzt: “SIe sollten abnehmen.”
Patientin : “Möchte ich gerne, aber ich schaffe es nicht. Ich habe eine Woche gefastet und kein Kilo ist weg. Ich weiss nicht, was ich noch tun soll.”
Arzt: “Hmmm”

Arzt: “Sie sollten abnehmen.”
Patientin: ” Ich finde meinen Bauch sexy ,und mein Freund mag mich total, wie ich bin . ”
Arzt: “Hmmm”

#15 |
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Dr. med. Melanie Burger
Dr. med. Melanie Burger

Als Ärztin einerseits und normale, sehr essfreudige Frau, die Fan von “Fettlogik überwinden” ist andererseits, kann ich mich der Kalorien-zählen-hilft-Fraktion nur anschließen :-)
Im Freundeskreis erlebe ich Menschen, die abnehmen wollen, oft als sehr ambivalent. Eigentlich wissen viele, dass das eigene Gewicht durch Essen über den Bedarf entstanden ist. Wenn der Frust über erfolglose Abnehmversuche groß ist, kommt dann die Aussage, das mag wohl bei dir funktionieren (Kalorien zählen), bei mir hilft das nicht. Und: wir essen doch eigentlich immer dasselbe, warum bin ich dick und du nicht? Da stimmt einfach die Wahrnehmung nicht und die Mengen und Kalorien werden unterschätzt.
Ich glaube, dass Motivation der Schlüssel zum Erfolg ist und dazu oft sehr viel liebevolle Unterstützung aus dem Umfeld nötig ist. Aber echte Unterstützung in den Bemühungen und keine “dann bleibe so und fühl dich damit wohl” Sprüche.

#14 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Danke, Frau janke! @Susanne Zarius-Neckermann: Was schätzen Sie, wieviele der Übergewichtigen ohne Hyperalimentation, alleine aufgrund einer Stoffwechselstörung übergewichtig geworden sind? In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle ist es tatsächlich so, daß ursprünglich gesunde Menschen durch Fehlernährung zu kranken Menschen werden. Sind diese Menschen dann krank, machen sie ihre Erkrankung für ihr Übergewicht verantwortlich. Die Wahrheit ist, daß sie selber (bzw. bei Kindern die Eltern) dafür verantwortlich sind, daß sie übergewichtig geworden sind und sie sind daher auch selber dafür verantwortlich, daß sie krank geworden sind. Ebenfalls wahr ist allerdings, daß ihre selbstverschuldete Erkrankung einiges dazu beiträgt, daß sie übergewichtig bleiben und nur schwer abnehmen können, weil adipöse Menschen einen veränderten Stoffwechsel haben, weshalb bspw. stark adipöse Menschen selbst bei erfolgreicher Gewichtsreduktion lebenslang gefährdet sind, wieder adipös zu werden, wenn sie sich nicht dauerhaft disziplinieren.

Aber – wie gesagt – am Anfang steht fast immer die Hyperalimentation. Bloß will das kaum einer wahrhaben, darum nimmt fast jeder Adipöse für sich in Anspruch, kaum etwas zu essen und alleine aufgrund einer vermeintlich angeborenen Erkrankung adipös zu sein. Folge dieser Ablehnung jeglicher Verantwortung für das eigene Übergewicht ist dann meist die fehlende Bereitschaft, notwendige dauerhafte Änderungen in der Lebensführung umzusetzen, weil das ja angeblich alles nichts bringen würde. Bekommt der selbstverschuldet kranke Mensch dann noch gut gemeinte Bestätigung aus seinem Umfeld für seine vermeintliche Opferrolle, hebt das zwar seine Stimmung, aber dafür zementiert es die Ablehnung von Verantwortung für die eigene Erkrankung und hemmt zusätzlich die Veränderungsbereitschaft, weil man dann ja den sekundären Krankheitsgewinn verlieren würde.

#13 |
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Dr Eckhart Sajitz
Dr Eckhart Sajitz

Bravo Herr Müller-Späth, Sie haben die Sache genau auf den Punkt gebracht. So und nicht anders ist es. Es wird viel zu viel um diese einfache Tatasache herumgeredet: Wie auch immer, es geht nur um Kalorienreduktion. Mehr verbrauchen als einnehmen. Alles Andere ist leeres Geschwätz und Verunsicherung der Betroffenen (meistens Laien) Hauptsächlich natürlich aus wirtschaftlichen Interessen.Dr.med.vet.E.Sajitz

#12 |
  1
Susanne Janke
Susanne Janke

Liebe Frau Zarius Neckermann,
es geht hier nicht um Fettstoffwechselstörungen. Es geht um Menschen, die erkranken, weil sie zu dick sind und nicht um Menschen, die zu dick sind, weil sie erkrankt sind. “Thema verfehlt” hätte man früher gesagt.

#11 |
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Dipl.-Biol. Susanne Zarius-Neckermann
Dipl.-Biol. Susanne Zarius-Neckermann

An Frau Diederichs: “…. niemand ist ungewollt dick….”!
Was für eine Arroganz. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nie erleben müssen, an einer Fettstoffwechselstörung zu erkranken.
“Setzen, 6” hätte man früher gesagt.

#10 |
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Diätassistent

Ist es wirklich sinnvoll, dass wir versuchen diese Tatsache schönzureden!

#9 |
  1
Nichtmedizinische Berufe

Die deutsche Autoindustrie hat längst Schlüsse aus dem Fettwerden der Leute gezogen. Die Autos wurden breiter, damit sie nicht mehr in frühere Garagen passen, obwohl doch auch die relativ Normalgewichtigen mit weniger Platz im Auto hinkommen würden.

#8 |
  10
Annika Diederichs
Annika Diederichs

Nunja, es geht halt zunehmend um die Fassade und immer weniger um den Inhalt. Ende letzten Jahrhunderts haben wir uns wieder mal verstärkt mit Schönheitsidealen befaßt und dabei das Magermodel zum Ideal erhoben – da war es irgendwie okay, Dicke herabzusetzen. Jetzt geht es vermehrt um Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Politicel Correctnes und dazu gehört auch, daß man Dicke dafür lobt, daß sie sich trauen, in aller Öffentlichkeit dick zu sein. Der Dicke wird zu einer Art modernem Helden stilisiert, der offen gegen den “Magerwahn” rebeliert, wofür er zu bewundern ist. Oder zumindest muß man die selbstverständlich ganz bewußte Entscheidung (- niemand ist ungewollt dick, denn daß wäre ja ein Grund, seine Gewohnheiten zu ändern und wer will das schon?), fett zu sein “respektieren”. Wird der Dicke kritisiert, unterstellt er Diskriminierung. Gesundheitliche Aspekte werden dabei weitest möglich unter den Teppich gekehrt, denn daß ist ja nun wirklich Privatsache! Da Aufklärung bsilang nicht funktioniert hat, plädiere ich auch dafür, an den Preisen für Lebensmittel zu schrauben. Es kann nicht angehen, daß für hochverarbeitete Industrieprodukte von sehr geringem Nährwert derselbe erniedrigte Steuersatz gilt, wie für echte Lebensmittel, sprich unverarbeitete landwirtschaftliche Produkte.

#7 |
  19
Nichtmedizinische Berufe

Hallo

#1Glückwunsch

#2, genau mit FDDB habe ich über 50 KG innerhalb 2 Jahren verloren. Jedes Mal wenn die Waage wieder nicht lieb ist, kommt FDDB wieder für 2 Monate dran, dann pass es wieder. :)

#6 |
  2
Nichtmedizinische Berufe

Ich empfehle die studienbasierte Lektüre von Udo Pollmer “Eßt endlich normal!”
Mal sehen ob Sie dann alle noch guten Gewissens den Patienten das Abnehmen empfehlen können…

#5 |
  17
Mitarbeiter Industrie

Ein ganz erhebliches Problem sehr vieler Berichterstattungen sowie Diktate über anstrebenswerte Körperstaturen besteht in der teilweise sehr konsequenten Schwarzweißmalerei. Demnächst gäbe es nur dünn oder fett. Dass jedoch der Großteil der Bevölkerung eine Statur besitzt, die irgendwo dazwischen liegt, wird dann ignoriert, weil differenzierte Analysen eben nicht zu plakativen Überschrift und sehr leicht verständlichen Texten passen. Und damit beginnt auch schon die Ausgrenzung. Aus medizinischer Sicht ist eine Gewichtsreduktion von z.B. 120kg auf 90kg wesentlich bedeutsamer als eine von 90kg auf 60kg. Wenn man aber mit 90kg noch nicht in das durch die Industrie und viele “Influencer” vorgebene Modediktat passt, gilt man immer noch als fett. Wenn man keine reallistische Aussicht hat, die diktierten 60kg zu erreichen, muss man sich folglich auch gar nicht erst bemühen, sondern bleibt einfach “fett” und kann munter alles in sich hineinstopfen.

Daher halte ich den teilweisen zu verzeichnenden Trend zu sog. Plus-Size-Figuren durchaus nicht für so verwerflich wie fälschlicherweise als Ergebnis der Studie behauptet. Er zeigt vielmehr, dass auch schon die obige Gewichtsreduktion von 120kg auf 90kg ein erstrebenswertes modisches Ziel sein kann.

Apropos Plus-Size-Figuren: In mancher Berichterstattung werden schon Fotomodelle, die ich einfach als “nicht mehr dürr, aber immer noch schlank” bezeichnen würde, als Plus-Size-Models dargestellt. Demgegenüber gibt es auch definitv stark adipöse Fotomodelle, die genauso bezeichnet werden. Aus medizinischer Sicht liegen Welten dazwischen, aber in der Modebranche tragen sie denselben Stempel.

#4 |
  6
Heilpraktikerin

P.S.: und ich habe vergessen, Sie zu Ihrem gewaltigen Erfolg zu beglückwünschen! :-) Denn eines muss man schon: dranbleiben.

#3 |
  2
Heilpraktikerin

Lieber Herr Müller-Späth,

jetzt hat sich Ihr Kommentar just mit meinem überschnitten (quasi).
Auch ich wollte vom Buch von Fr. Dr. Nadja Herrmann “Fettlogik überwinden” schwärmen und auch von der komfortablen Datenbank fddb.info, die einem den Überblick über die aufgenommenen und verbrauchten Kalorien enorm erleichtert (kein mühseliges Kalorienzählen, sondern nur exakt notieren / eingeben, welche Mengen man von was gegessen hat). Jedem Arzt, der seinen Patient dabei begleiten möchte, erfolgreich abzunehmen, kann ich diese Lektüre nur empfehlen – und natürlich allen Patienten, die sich von seiner daraus resultierenden Begeisterung anstecken lassen. Bei mir waren es letzten Oktober und November 8 kg, die auf diese Weise verschwunden sind; allzu streng war ich nicht mit mir, Hunger hatte ich nie, und es hat trotzdem funktioniert. Es ist wie Sie sagen, reine “Mathematik”.

#2 |
  5
Mitarbeiter Industrie

Also nachdem ich eine Nekrotisierende Fasziitis überlebt habe, habe ich mich drangemacht, meine 180kg Lebendgewicht zu reduzieren. 60kg sind schon runter – ich fühle mich wohl wie nie zuvor. Es gibt kein Argument für Übergwicht, nur welche dagegen. Und man muss auch nicht unbedingt nur auf “frisches Obst und Gemüse” umsteigen (Obst hat je nach Sorte sowieso zu viel Zucker …), sondern nur Kalorien zählen und eben weniger einfahren als man verbraucht. 7000kcal eingepart – 1kg verloren – so einfach ist das. Klappte bei mir wunderbar, ich habe die 60kg in ca. einem Jahr “abgeworfen”. Ohne extrem zu hungern. Natürlich sollte man auf eine ausgewogene Ernährung achten, aber das sollte man sowieso. M.E. liegt das Problem woanders: man sollte keine Person wg. ihres Übergewichst ausgrenzen – das ist das Problem. Mir als morbid adipöser Mensch hat das in die Karten gespielt – “Fat Acceptance” bringt einen unterschwellig dazu, die Notwendigkeit der Gewichtsreduktion zu verdrängen … Hier hat mir hat das Buch “Fettlogik überwinden” von Dr. Nadja Herrmann die Augen geöffnet – und danach ging es “bergab”… ;-) Die nächsten 40kg kommen auch noch dran …

#1 |
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