Parenterale Ernährung: Taxe aus Berlin

4. Februar 2010
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Die Einigung zur Honorierung parenteraler Rezepturen hat nicht für die erhoffte Ruhe an der Front gesorgt. In Berlin hat die AOK jetzt parenterale Rezepturen für Krebspatienten ausgeschrieben. Es droht ein ruinöser Preiskampf.

Eigentlich war alles schick gewesen. Zum Jahresende hatten sich der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Deutsche Apothekerverband doch noch über eine neue Anlage 3 zur Hilfstaxe geeinigt. Das Papier war von den Krankenkassen zuvor einseitig aufgekündigt worden. Die neuen Eckpunkte zur Ermittlung der Apothekenabgabepreise bei parenteralen Rezepturen wurden nach der Einigung von beiden Seiten gelobt.

Europäer, schaut auf diese Stadt!

Die Vereinbarung enthält unter anderem die Regelung, dass die verbrauchten Mengen bei parenteralen Rezepturen aus Fertigarzneimitteln anteilsmäßig abgerechnet werden. Sie präzisiert außerdem die Apothekenabschläge. Endlich Klarheit und vor allem Einheitlichkeit also? Negativ. Denn die zum 1. Januar 2010 frisch fusionierte AOK Berlin-Brandenburg ist gewissermaßen in den Flitterwochen prompt mal mit einer Meldung vorgeprescht, in der sie bekannt gibt, dass sie für parenterale Rezepturen aus Fertigarzneimitteln bei onkologischen Patienten Einzelverträge abschließen möchte.

Das Ganze geschieht zunächst in Berlin, soll aber bei Erfolg auf Brandenburg ausgedehnt werden. Konkret läuft die Ausschreibung berlinweit in insgesamt 13 Gebieten. Dabei kann ein Apotheker jeweils nur ein Gebiet versorgen, übernimmt dort dann aber bei einem Zuschlag sämtliche parenteralen Rezepturen aus Fertigarzneimitteln für onkologische AOK-Patienten. Einzige Ausnahme sind Fälle, in denen die Versorgung durch eine von drei Krankenhausapotheken erfolgt, mit denen die AOK Berlin-Brandenburg ebenfalls Verträge unterhält. Das sind derzeit die Apotheken der Charité Berlin, der Helios-Kliniken in Berlin-Buch und des Paritätischen Krankenhauses Lichtenberg. Die Ausschreibung umfasst sowohl Chemotherapeutika als auch Biologicals, deren Bedeutung in der Onkologie und damit in der parenteralen Arzneimittelversorgung ständig zunimmt. Vertragsbeginn ist nach dem Willen der AOK der 1. April. Die Laufzeit der Verträge liegt vorerst bei einem Jahr. Den Zuschlag erhält, wer den günstigsten Preis bietet. Interessanterweise handelt es sich bei der Ausschreibung um ein EU-weites, offenes Verfahren. Es ist demnach nicht zwangsläufig, dass sich die 13 künftigen „AOK-Apotheker“ ausschließlich aus jenen knapp 30 Apotheken rekrutieren, die in Berlin derzeit parenterale onkologische Rezepturen herstellen.

Das Kartellamt soll schuld sein…

Die Reaktionen aus den Reihen der Apothekerschaft ließen nicht lange auf sich warten. Berliner Apotheker-Verein und Deutscher Apothekerverband zeigten sich angesichts der Tatsache, dass die Verhandlungen zur Anlage 3 der Hilfstaxe gerade erst abgeschlossen worden waren, in höchstem Maße verwundert. Interessant ist vor diesem Hintergrund vor allem die Begründung der AOK für ihren Schritt: Sie habe einen vergaberechtlich sicheren Weg wählen wollen, so die Krankenkasse. Das klingt nach einer Ohrfeige für die Verhandlungsführer.

Der eigentliche Grund dürften freilich finanzielle Erwägungen gewesen sein. Einsparungen sollen laut AOK vor allem bei den Einkaufspreisen der Rezepturbestandteile realisiert werden. Die Apotheker treibt jetzt die Sorge um, dass jene Apotheken, die parenterale Rezepturen herstellen und im Vergabeverfahren nicht zum Zug kommen, aus dem Parenteral-Geschäft mangels Rentabilität ganz aussteigen könnten. Ob das passiert, ist allerdings zweifelhaft: Die AOK Berlin-Brandenburg ist in der Region keine übermäßig dominante AOK. Sie gibt nach der Fusion 1,3 Millionen Versicherte an. Das ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung Berlins und Brandenburgs.

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Allgemein

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8 Kommentare:

Klaus Meier
Klaus Meier

Sehr geehrter Herr Dr. Graetzel
diese Fragestellung ist Anlass für die bundesweite Unterschriftenaktion, die von der DGOP am 31.1. initiert wurde (www.dgop.org) Bitte weisen Sie doch darauf hin.
Die gesamte Versorgung krebskanker Patienten steht zur Diskussion. Zusaätzlich zu der iv Versorgung tritt vermehrt die Einnahme oraler Zytoststika und hier gibt es auch keine Regelung, die eine Adherence sicherstellt.
Es geht nicht um die Herstellung allein, sondern um Versorgungsqualität. Der Patient bedarf einer uzmfassenden Betreuung, Deshalb ist auch eine Dienstleistungspauschale und keine Herstellungspauschale wie sie im AMG beschrieben wird dringend notwendig.

#8 |
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angelika demski
angelika demski

Und wer muß das bezahlen?????? Schon mal was von Prävention gehört? Dann könnte man sich viel”-BürokratieTüttellüt-” sparen. Auch würden dann die finanziellen Mittel für lebenswichtigere Maßnahmen reichen.

#7 |
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Apotheker

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie (mal ganz vorsichtig formuliert!) dass die AOK gerade eben erst abgeschlossene Verträge für ungültig erklärt und damit einmal mehr überdeutlich zeigt, was sie denn von Vertragstreue hält: Nämlich überhaupt nichts!
Auch mir erscheint das einzig wirksame Mittel zu sein, die Versicherten der “Gesundheitskasse” und am besten noch einiger seelenverwandter BKKs in finanzielle Vorleistung treten zu lassen und diese dann mir dem quittierten Kassenrezept zwecks Erstattung zu ihrem “freundlichen Berater” zu schicken.
Das nähme auch den Rabattverträgen einige Schrecken und könnte so durchaus zielführend sein.
Wenn da die überwiegende Mehrzahl aller Apotheken mitziehen würde, hätte der ganze Spuk sicher schenll ein Ende!

Oder täume ich?

#6 |
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Apotheker

Immer schön ruhig

Keiner muss auf ruinöse Preise eingehen. Sie müssen nicht über jedes Stöckchen springen, das man Ihnen hinhält.
Wenn sich’s nicht rechnet, machen Sie’s nicht.
Sie können ihren Kunden zum Kassenwechsel raten, wenn sie weiter versorgt werden wollen.
Und das darf dann auch ruhig an die Presse!
“Der AOK sind die Schwerkranken nichts mehr wert!”
Das wird für Wirbel sorgen.

#5 |
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Peter Brunsmann
Peter Brunsmann

Lieber Kollege G,
leider sind wir durch das Sozialgesetzbuch zu Verträgen verpflichtet. Falls es keine Einigzng gibt geht`s vor die Schlichter.

Aber wir können die Hilfsmittellieferverträge kündigen. Meiner Meinung wäre das ein Vorgeschmack auf die ach so billige Versorgung aus zentralen Versandquellen. Möglicherweise wir dann die ortsnahe Versorgung gewürdigt, wenn diese erstmal fehlt.

#4 |
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Apotheker

Wann wird Erpressung als gestaltendes Stilmittel der Krankenkassen-
politik endlich öffentlich transparent gemacht?Es findet sich immer
einer,der bei ausreichendem Volumen kurzfristig Dumpingpreise an-
bietet. Und gegen niedrige Preise gibt es keinen Einwand. Nur die Folgen
sind zwingend.Am Ende wird nicht mehr erbracht was nicht aus-
reichend bezahlt wird.Es gibt genug Beispiele was passiert,wenn die
Leistungsträger ausgepresst werden.Und Apotheker lassen sich
dies ABDA/DAV-gedeckt besonders leicht gefallen. Schluß damit!

#3 |
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Frank Altenkirch
Frank Altenkirch

Die entscheidende Frage für die betroffenen Apotheker ist doch, ist der DAV überhaupt in der Lage und Willens die ökonomischen Interessen der “kleinen Gruppe” herstellender Apotheken im Rahmen der gegenwärtigen und zukünftigen Verhandlungen mit Kostenträgern erfolgreich zu vertreten?

#2 |
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Dr.rer.nat. Klaus Schaible
Dr.rer.nat. Klaus Schaible

Wie weit wird der Einfluss der fachfremden Sesself…. noch gehen?
Behandelt die AOK ihre Patienten bald von geschulten Sach-bearbeitern selbst?
Der Osten Europas macht`s bestimmt noch günstiger, aber bitte die Packungsbeilage vorher übersetzen!
Nachdem Herr Glaeske das Apothekenhonorar drastisch senken möchte (anhand der Daten von 2002), sollten wir vielleicht alle das Licht ausmachen und nach Hause gehen.

#1 |
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