Medica: Zwischen Cloud und Korruption

27. November 2012
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Ein Messerundgang in Düsseldorf zeigte wieder einmal die Fülle neuer Entwicklungen im Gesundheitsbereich. Wichtige Themen: Hygiene, Bildgebung und Implantate, aber auch Medizinrecht.

Viereinhalbtausend Aussteller aus 64 Nationen, 130.000 Fachbesucher aus 120 Ländern. Die Medica in Düsseldorf wurde ihrem Ruf als größte Medizinmesse der Welt auch in diesem Jahr gerecht. Wer sich nicht einen bestimmten Fachbereich herausgesucht hatte, für den boten die 18 Hallen auf dem Messegelände eine unüberschaubare Vielfalt. Dazu fand im angrenzenden Kongresszentrum auch noch der Medica-Congress statt, eine Fortbildungsveranstaltung mit vielen renommierten Experten.

“Cloud” – Patientendaten im Internet?

Einige Themen standen bei den Vorträgen wie auch bei der Ausstellung im Vordergrund. Auf der Compamed, die Ausstellung der Medizintechnik-Zulieferer, waren Neuigkeiten im Bereich Informationssysteme zu sehen. Die “Cloud” ist inzwischen in der Elektronik ein fester Begriff: Der günstige Speicher in den Weiten des Netzes, von dem sich die Daten auf verschiedenen Geräten abrufen lassen. Aber kann auch die Medizin mit ihren sensiblen Patientendaten davon profitieren? “Die Wolke” war ein heißes Thema beim Health IT Forum, während CompuGroup Medical bereits ihre Speicherlösung vorstellte, die gesetzlichen Datenschutz-Anforderungen genügt.

“Telemedizin” ist auch ein Thema bei den Aktivitäten der Deutschen Telekom im medizinischen Bereich. Die Techniker präsentierten ein Alarmsystem für die häusliche Seniorenwohnung, das einen Sturz automatisch erkennt. Sensoren in der Wohnung unterscheiden dabei ein gewolltes Bücken vom gefährlichen Fall und stellen im Notfall den Kontakt zur Notrufleitstelle her. Kameras und Freisprecheinrichtung gewähren den Rettern schon vor der Ankunft ein Bild von der Situation vor Ort. Rund ein Drittel älterer Menschen stürzt einmal pro Jahr, jeder Dreissigste bricht sich dabei die Knochen. Daher erwartet sich der Konzern besonders mit dieser Altersgruppe gute Geschäfte.

Beweglichkeit für Querschnittsgelähmte

Implantate und Prothesen werden immer ausgefeilter. Das “Vision Forum” des BMBF nutzten Grundlagenforscher, um ihre Ideen für Technik im und um den Körper zu präsentieren. Stefan Schulz vom Karlsruher Institut für Technologie stellte dabei das “Orthojacket” vor. Der “Mantel” um den gelähmten Arm soll Paraplegikern ihre Selbständigkeit zumindest in der oberen Extremität zurückgeben. In Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg beruht der Antrieb für die einzelnen Gelenke auf unterschiedlichen Systemen. Elektrostimulation sorgt bei verbliebener Restmuskelaktivität für die Bewegung der Finger. Flüssigkeitsströme bewirken die Beugung im Ellenbogen und kräftige, aber kleine Motoren lassen den Oberarm in verschiedene Richtungen rotieren.

Schlaue Stents

Verbesserte Materialien und Konstruktionen bei Mikroimplantaten zeigte Katrin Sternberg vom Forschungsverbund REMEDIS, beheimatet an der Universitätsmedizin Rostock. Einige der insgesamt 17 Teilprojekte beschäftigen sich mit Stents mit programmierbarer Wirkstoffabgabe. Damit verhindern sie noch besser, dass umgebende Zellen das Gerüst wieder überwuchern. Abbaubare Magnesium-Legierungen gehören ebenso zum Programm wie Mikrostents für Auge und Ohr. Fertig entwickelt, könnten sie die Ohrtrompete freihalten und bei Glaukompatienten den Augeninnendruck senken. Ein weiteres BMBF-gefördertes Projektteam forscht an Linsen, die, ähnlich wie Stents, wachstumshemmende Agentien freisetzen und damit den “Nachstar” verhindern.

Bildfusion: Ultraschall mit Orientierungshilfe

Bilder aus dem Körperinneren werden immer plastischer. Ein Beispiel dafür liefert etwa die ultraschallgestützte Bildfusion. Sie entlastet den Patienten von übermässiger Strahlenbelastung oder belastenden Kontrastmitteln, wenn regelmäßige Untersuchungen anfallen. Kernspin- oder CT-Bilder fließen dabei in das Ultraschallbild ein und erleichtern dem Arzt damit die Orientierung. Aussteller auf der Medica mit dieser Technik: GE, Siemens oder auch Toshiba. Wenn die entsprechende Software auf eine Datenbank von Bildern zurückgreifen kann, lässt sich etwa der Fötus automatisch biometrisch vermessen.

Hygiene: EHEC und MRSA

Schlagzeilen lieferten in diesem Jahr die Sepsis-Vorfälle, besonders auf Frühgeborenen-Stationen. Hygiene war daher auch ein großes Thema, nicht nur bei den Ausstellern, sondern auch auf dem Fortbildungskongress. So zog der Hamburger Labormediziner Thomas Fenner eine Bilanz der EHEC-Infektion des vergangenen Jahres. Klaus Pfeffer von der Universität Düsseldorf referierte über die “Herausforderung MRSA”. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene sterben jährlich 40.000 Menschen an einer Sepsis, das sind 162 pro Tag. Rund zwei Drittel dieser gehen auf das Konto endogener Infektionen, meist mit Darmbakterien. Pfeffer betonte dabei, dass man das Risiko einer Infektion mit multiresistenten Keimen nur im Team senken könne.

Sauberkeit dank neuester Technik

Bei der Suche nach Problemstellen und Lösungen sollten Ärzte, Pflegekräfte, aber auch das Reinigungspersonal eng zusammenarbeiten. Da aber durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft entsprechende Resistenzen praktisch herangezüchtet würden, ließe sich auch in der Klinik die Infektionsquote niemals auf Null drücken. Neue Technik, um dieses Ziel aber zumindest teilweise zu erreichen, zeigte etwa Miele in Zusammenarbeit mit den Firmen Ophardt Hygiene und Merz Hygiene. Die Waschmaschine für Seifen- und Desinfektionsmittelspender schafft immerhin 12 Spender in 45 Minuten und senkt dabei das Risiko von Kreuzkontaminationen. Ein mobiles Trainingssystem für die WHO-konforme Handdesinfektion bietet die irische Firma Glanta mit “surewash” an. Kameras überwachen dabei, ob der Proband die Desinfektionstechnik verinnerlicht hat.

Medizinrecht: Arzt = Amtsträger?

Auf der Medica-Konferenz sprach zum ersten mal seit vielen Jahren auch ein Professor für Strafrecht. Das Thema des Vortrags von Gerhard Dannecker aus Heidelberg: Betrug, Untreue und Korruption im Gesundheitsbereich. Die Urteile des Bundesgerichtshofs zu Geschenken von Pharmafirmen an Ärzte hatten dieses Jahr für einigen Wirbel gesorgt. Gleichzeitig mehren sich die Fälle von Abrechnungsbetrug und Beeinflussung von Medizinern durch Kassen oder Hersteller von Medizingeräten. “Ist der Arzt ein Amtsträger?”, lautete etwa eine der Fragen, die Dannecker mit seinen Zuhörern erörterte.

Ein Eindruck aus der diesjährigen Medica: Extrem teure Hochtechnologiemedizin steht nicht mehr im Mittelpunkt bei neuen Produkten im Gesundheitsbereich. Gefragt sind zunehmend neue intelligente Lösungen für andauernde Probleme, die auch in einer Zeit begrenzter Etats bezahlbar sind.

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2 Kommentare:

Dass der Einsatz von Antibiotica in der Humanmedizin sicher
zu hoch ist, steht ausser Frage.
Hier weiss aber der Patient, was und wieviel er davon bekommt.
Über die Antibioticamengen, die u.a. als Prophylaktika bei der Tiermast
eingesetzt werden, habe ich bisher in keiner kotrollierten Studie gelesen.Hier weiss niemand,was er schluckt.

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Dr. med. vet. Stephanie Florian
Dr. med. vet. Stephanie Florian

Zitat: “Da aber durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft entsprechende Resistenzen praktisch herangezüchtet würden, ließe sich auch in der Klinik die Infektionsquote niemals auf Null drücken.” Macht man es sich mit einer solchen Formulierung nicht etwas zu leicht den schwarzen Peter zu verteilen? Auch in der Humanmedizin müssen Antibiotika-Verordnungen besser hinterfragt werden – nicht jeder Husten benötigt eine antibiotische Abschirmung und wie viele Patienten nehmen ihre Medikamente unzuverlässig oder sezten diese selbständig ab?
Ansonsten herzlichen Dank für den kleinen Ausblick in die Welt der Medica.

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