700 Todesfälle durch Parkinson-Medikament?

19. Juni 2018

Mit Nuplazid dachte man, einen Durchbruch in der Behandlung von Parkinson geschafft zu haben. In einem beschleunigten Verfahren erhielt das Medikament 2016 die Zulassung. Nun steht die Einnahme von Nuplazid im Zusammenhang mit über 700 Todesfällen.

Es war zu gut, um gut zu sein: Aufgrund zahlreicher Todesfälle und schwerer Nebenwirkungen reevaluiert die Food and Drug Administration derzeit ein Parkinson-Medikament, berichtet das Portal Pharmafile. Von dem Medikament hatte man sich großes erhofft, 2016 wurde es von der FDA in einem beschleunigten Verfahren für den amerikanischen Markt zugelassen.

700 Todesfälle wegen Nuplazid?

Nuplazid sollte gegen Halluzinationen und Sinnestäuschungen helfen, die im Zusammenhang einer Parkinson-assoziierten Psychose auftreten. Der Wirkstoff hatte in einer sechswöchigen Studie mit 200 Teilnehmern im Vergleich zum Placebo derart gute Ergebnisse erzielt, dass er in Anbetracht mangelnder Alternativmedikamente den Status eines Therapiedurchbruchs erhalten hatte.

Seit der Zulassung wurden der FDA nun über 700 Todesfälle gemeldet, die im Zusammenhang mit einer Nuplazid-Einnahme stehen. Der Hersteller Acadia verteidigt das Medikament, schreibt CNN und verlinkt ein Statement der Firma: Es gebe eine Vielzahl an Gründen für die vermehrten Todesfälle, die nichts mit dem Medikament zu tun hätten.

Die Sorgen bezüglich der Sicherheit dieses Wirkstoffs machen erneut deutlich, wie groß die Lücke im Repertoire wirksamer Medikamente gegen Morbus Parkinson ist. Seit 200 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler schon mit der neurologischen Krankheit. 1817 beschrieb James Parkinson die „Schüttellähmung“ erstmals, der Mangel an Dopamin als biochemisches Korrelat wurde in den 1960ern entdeckt. Das auslösende Agens der Parkinson-Krankheit ist jedoch bis heute nicht bekannt und eine dauerhafte Heilung nicht in Sicht.

Es bleibt vorerst bei L-Dopa

Trotz modernster Forschung ist das vor 45 Jahren entwickelte L-Dopa mit seinen Komplikationen wie Wirkungsfluktuation, On-Off-Phänomenen und Dyskinesien bis heute die Leitsubstanz der Parkinson-Symptomkontrolle. In Anbetracht der alternden Weltbevölkerung und somit massiv steigenden Prävalenz der Krankheit ist diese Tatsache besorgniserregend. Die Industrie reagiert darauf bereits. Laut eines PhRMA-Reports wird derzeit an fast 40 verschiedenen Medikamenten geforscht, die im Kampf gegen Parkinson in der Zukunft zum Einsatz kommen könnten. Da sich dem Bericht zufolge der größte Teil noch im präklinischen Stadium befindet, sei man von jeglicher Form eines Durchbruchs noch weit entfernt und bis auf weiteres auf symptomlindernde Medikamente angewiesen.

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Bildquelle: Brandon Giesbrecht, flickr / Lizenz: CC BY

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7 Kommentare:

Rettungssanitäter

Ein mit wenig Zeilen guter zusammengefasster Beitrag. Danke
Dr. med. Matthias Rohrberg. Doz. RD

#7 |
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Nur nebenbei: Halluzination bei Patienten mit primärem Morbus Parkinson (G20.-) können auch nicht Arzneimittel-assoziiert sein; sie lassen sich unter dem Oberbegriff Psychose subsumieren, und sie gehören zu den nicht-motorischen Symptomen (NMS). “Die Psychose ist als genuiner Bestandteil der Grunderkrankung zu sehen” (Deuschl G, Eggert K, Oertel WH, Poewe W. Parkinsonkrankheit, in: Oertel WH, Deuschl G, Poewe W, Hrsg. Parkinson-Syndrome und andere Bewegungsstörungen. Stuttgart, Thieme; 2012: 42). Auslöser von psychotischen Störungen können u.a. interkurrente Infekte sein (Borgemeester RWK, van Laar T. Continuous subcutaneous apomorphine infusion in Parkinson’s disease patients … Parkinsonism Relat Disord 2017; 45: 33-38). Es ist bekannt, dass eine “ordentliche” Behandlung der Grunderkrankung mit ihren motorischen Störungen auch zu einer Abnahme der nicht-motorischen Symptome führt. Von daher ist der Einsatz eines Antipsychotikums in vielen Fällen nicht erforderlich.

#6 |
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Naturwissenschaftler

Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) erteilte am 29.04.2016 Nuplazid (Wirkstoff Pimavanserin) die Zulassung für die Behandlung von Halluzinationen und Wahnvorstellungen assoziiert mit Psychosen bei zugrunde liegender Parkinson-Erkrankung.
Pimavanserin ist in Europa nicht zugelassen.

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Der Artikel ist mir nicht klar: Ist /WAr Nuplizid jetzt ein Parkinsonmedikament oder ein Antipsychotikum ?

#4 |
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Nuplazid ist sicher kein Medikament, dass den Durchbruch in der Parkinsontherapie bringen sollte. Es ist für die Behandlung des M. Parkinson nicht ansatzweise geeignet, sondern wurde entwickelt, um die Nebenwirkungen einer hochdosierten Parkinsontherapie zu behandeln. Die meisten verfügbaren Neuroleptika sind beim M. Parkinson nicht unproblematisch oder die explizite Zulassung für die Behandlung der Psychose beim M. Parkinson liegt nicht vor. Die wirsamste Therapie von Psychosen beim Parkinsonpatienten ist die Dosisreduktion der Parkinsonmedikation. Angesichts vergügbarer Alternativen (z.B. Quetiapin) ist nicht nachvollziehbar, weshalb eine Zulassung im Eilverfahren erfolgen konnte. Todesfälle unter Neuroleptika sind ja auch bei zahlreichen anderen Substanzen bekannt und haben auch mitunter zu Änderungen der Zulassung geführt, wie z.B. die i.v.Gabe von Haloperidol. Wie kann man so blauäugig sein, dass ein neu entwickeltes Neuroleptikum keine Probleme bereiten würde. Zum Glück ist m.W. Nuplazid in Deutschland nicht zugelassen.

#3 |
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Heilpraktiker

Es ist schlimm, wenn es 700 Tote braucht, bis die Zulassungsbehörde aufwacht und reagiert, aber jetzt nach Hanf zu schreien, bringt auch keinen weiter. Im Einzelfall mag es helfen, aber ich kenne kaum Brauchbares gegen Parkinson und da wird noch viel Wasser den Rhein hinunter fließen, bis der Durchbruch kommt. Schon die Frage ist nicht immer einfach zu beantworten, ob zu wenig Dopamin beim Betroffenen produziert wird oder ist es der Rezeptor, der zunehmend die Sensivität auf das Dopamin verliert, usw.

#2 |
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Ergotherapeut

Die liebe gute Pharma-Industrie. Es gibt weiter dazu nichts mehr zu sagen.
Gebt das Hanf frei, und zwar sofort

#1 |
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