Lehrjahre sind keine Herrenjahre

5. Februar 2010
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Entgegen der langläufigen Meinung, dass Famulaturen und das Praktische Jahr zwangsläufig stressige und unangenehme Tätigkeiten sein müssen, gibt es durchaus auch die rühmlichen Ausnahmen. Genau: Das PJ kann sogar Spaß machen! Es kommt nur auf Dich und die richtige Einstellung an!

Das Studium ist fast geschafft; die Scheine sind alle in der Tasche. Jetzt kann es eigentlich so richtig losgehen. Oder?
Wäre da nicht noch das blöde PJ. Ein ganzes Jahr für kaum nennenswerte finanzielle Entlohnung Dienst nach Plan schieben und „nebenbei“ noch die ganzen unbeliebten Drecksarbeiten erledigen, für welche sich das restliche Klinikpersonal zu schade ist? Muss das sein? Und wenn ja – wie mache ich das richtig und vor allen Dingen so, dass es auch ein bisschen Spaß macht?

Wir haben für Euch mit einem Medizinstudierenden gesprochen, der sich derzeit mitten im Praktischen Jahr befindet. Enrico Dittrich hat an der Berliner Charité studiert und absolviert gerade ein PJ-Tertial an einer Berliner Klinik.

DocCheck Campus: Was sollte man vor der Bewerbung an einer Klinik alles beachten?

Enrico Dittrich: Ich finde prinzipiell die innere Einstellung ganz wichtig. Man ist – und das darf man nie vergessen – als Studierender ein allzeit gern gesehener Kandidat in Kliniken. Man macht ja schließlich einen Großteil der Arbeiten für nahezu kein bis kaum Gehalt. Wenn man also engagiert an die Sache herangeht, wird das Praktische Jahr auch ein Erfolg. Medizin ist zudem ein Fach, bei welchem man zwangsläufig immer wieder mit Patienten zu tun haben wird. Man kann also nicht früh genug damit anfangen, den Umgang mit selbigen auch zu „trainieren“.
Vorab sollte man sich überlegen, ob man schon viel Ahnung und Erfahrung auf den großen klinischen Gebieten hat. Wenn nicht, wäre es meines Erachtens nach angebracht, vielleicht mit Chirurgie oder der Inneren Medizin beim PJ zu beginnen. Hier lernt man nämlich einfach die meisten Basics, welche man später auf alle Fälle zwingend benötigt.

DocCheck Campus: Und wie geht es dann weiter?

Enrico Dittrich: Als nächstes sollte die Frage nach dem “Wo” kommen. Bleibe ich in meiner Universitätsstadt oder möchte ich auch eine andere Stadt oder Klinik kennen lernen? Vielleicht hat man sogar einen Kommilitonen, mit dem man gemeinsam in eine andere Stadt gehen kann, um einen Teil des PJ abzuleisten? Das steigert die Motivation auch ganz erheblich.
Dann kommt die Bewerbung. Ich denke, dass dies aber auf jeder Uni zuvor besprochen worden sein sollte, wie eine solche auszusehen hat und auf welche Details man achten sollte. Zudem – nochmals erwähnt – ist man als Praktikant eine gern gesehene Arbeitshilfe. Man sollte diesen Punkt also nicht unbedingt überbewerten. Die PJ-Stelle ist noch nicht der endgültige Arbeitsplatz.

DocCheck Campus: Gibt es einige Regel, an die sich ein PJler halten sollte?

Wenn man dann an der Klinik seiner Wahl angekommen ist, gibt es meiner Meinung nach ein paar grundlegende Verhaltensregeln, die einem das Leben einfach enorm erleichtern können: So ist es unbedingt zu beachten, dass man sich nicht hierarchisch von vornherein über das Pflegepersonal stellt. Dies habe ich schon bei einigen Studenten erleben müssen – und das ist wirklich peinlich. Wenn mich die Stationsschwester zum Beispiel mal gebeten hat, beim Bettenmachen mit anzupacken, habe ich dies selbstverständlich gemacht. Man muss immer ein bisschen auf dem Teppich bleiben, sonst eckt man ganz schnell beim Pflegepersonal und auch bei den Stationsärzten an.

DocCheck Campus: Und was gilt es bei der Arbeit ganz allgemein zu beachten?

Enrico Dittrich: Selbstständiges Arbeiten ist ein ganz zentrales Thema. Hierzu gehört auch, dass man sich wirklich um seine eigenen Sachen kümmert. Nichts ist unangenehmer, als wenn Dir jemand etwas hinterher tragen oder hinter Dir aufräumen muss. An eine gewisse Ordnung und selbstständiges Arbeiten muss man sich also ganz schnell gewöhnen.

Das nächste sind die zeitlichen Abläufe in der Klinik. Diese sollte man genau kennen und auch einhalten. Dies beginnt bei der Visite und endet bei der Übergabe. Lasst Euch ruhig in den ersten Tagen alles ganz genau erklären und seid Euch auch nicht zu schade, bei diesen wichtigen Terminen zugegen zu sein. Gerade bei der Übergabe – wo ein Arzt nicht zwingend anwesend sein muss – erfährt man nämlich sehr viel von den Patienten.

DocCheck Campus: Hast Du spezielle Tipps für das Tertial auf der Chirurgie?

Kommunikation ist wichtig. Fragt ruhig ein Mal mehr als weniger nach. Wo sollt Ihr im OP stehen? Was dürft Ihr helfen oder wo lasst Ihr besser die Finger aus dem Spiel? Gerne könnt Ihr Euch auch vom anwesenden Fachpersonal Dinge erklären lassen. Sprecht doch einfach auch mal den Anästhesisten an, was er da gerade macht oder ob er Euch nicht auch mal einen Handgriff machen lässt. Seid neugierig und bereit, auch mit anzupacken.
Und immer daran denken, was schon Werner gesagt hat: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“

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1 Kommentar:

Wolfhard Kahsler
Wolfhard Kahsler

Trivial für manche, informativ für andere. Viele Selbstverständlichkeiten vergisst man leicht, wenn man sich in gewissen Situationen bewähren muss.

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