Tropen in den Alpen

10. Februar 2010
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Es ist ein fulminanter Start ins neue Jahrzehnt: Als Schweizerisches Tropen und Public Health-Institut (Swiss TPH) wird die der Universität Basel assoziierte Einrichtung national und international arbeiten. Selbst Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen profitieren im Praxisalltag davon.

„Der König ist tot, lang lebe der König“. Der Satz symbolisiert Kontinuität – und stand womöglich Pate für ein seit Januar 2010 im Alpenland eingesetztes Pendant: „Vom Schweizer Tropeninstitut zum Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH)“. Tatsächlich gleicht die Neuausrichtung einer Inthronisation auf hohem Niveau. Die Institution, ließ die Universität Basel die Medien wissen, sei „eine neue Grösse in nationaler und internationaler Gesundheit“. Wer ob solcher Versprechungen zunächst an eine reine PR-Offensive denkt, liegt falsch. Denn der Blick ins Eingemachte belegt: das Swiss TPH zählt schon heute zu den weltweit renommierten Forschungseinrichtungen – und erbt eine lange Tradition.

Noch während des zweiten Weltkriegs, 1943, entstand der Vorläufer des jetzigen Swiss TPH. „Lehre, Forschung und Dienstleistung“ prägten über sechs Jahrzehnte das Schweizerische Tropeninstitut (STI) – bis im Juni 2009 das 50 Mitarbeiter starke Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel in das STI integriert wurde. Die Fusion beider Einrichtungen führte letztendlich im Januar 2010 zum neuen Namen und damit auch zur neuen Institution. „Mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 40 Nationen arbeiten momentan unter diesem Schirm in Basel und weltweit am gemeinsamen Ziel, Krankheiten und deren Ausbreitung zu verstehen, angemessene Gesundheitsinterventionen zu lancieren und zu überprüfen, Gesundheitssysteme zu stärken und Armut zu verringern“, erklärt der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Wissenschaftler, Joachim Pelikan.

Immerhin 41,6 Mio. CHF stehen dem Swiss TPH im Jahr 2010 zur Verfügung. Davon erwirtschaften die 570 Mitarbeiter 33,4 Mio. CHF durch Dienstleistungen des Instituts – lediglich 19,2 Prozent fließen in Form von Subventionen in das Gesamtbudget. Tricky auch, dass die Personalkosten des Hauses lediglich 30 Mio. Franken ausmachen – und damit den Forschern keine Einschnitte oder Sparmaßnahmen drohen. Während im Nachbarland Deutschland unabhängige Forschungseinrichtungen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) auf Grund kritischer Analysen zu Wirkstoffen und Medikamenten immer wieder im Visier der Politik zu stehen scheinen, macht das Swiss TPH vor, wie eine gut funktionierende Einrichtung laufen kann: Im Land der global agierenden Pharmagiganten ist das Swiss TPH gerade auf Grund seiner objektiven und damit nicht immer marktkonformen Meinung eine von der Pharmabranche respektierte Institution.

Denn die Baseler Mediziner verfolgen einen direkten Kurs: Sie nennen Missstände beim Namen und erarbeiten praktikable Alternativen für Ärzte. Das erspart der Pharmabranche mitunter Millionen an eigenen Forschungsausgaben, nutzt aber auch Ärzten im Alltag bei der Therapie der Patienten. Beispiel Schlafkrankheit: 183 Kinder starben nach Angaben des Swiss TPH in Nigeria, Bangladesh und Haiti, weil klinische Studien und Zulassungen für entsprechende Medikamente gegen die Humane Afrikanische Trypanosomiasis (HAT) schlichtweg fehlen. Was für Haiti oder Afrika gilt, hatte lange Zeit auch in Europa Gültigkeit: Bei zwei Dritteln der kleinen erkrankten Patienten mussten Ärzte bis vor wenigen Jahren off-label Medikamente einsetzen, weil die Präparate dafür nicht zugelassen waren. Und laut Swiss TPH betrug der Anteil bei Neugeborenen sogar 90 Prozent. Erst nachdem im Jahr 2007 das Paediatric Committee in the European Medicines Agency (EMEA) und die von der Weltgesundheitsorganisation initiierte Kampagne „Make medicines child size“ das Licht der Welt erblickten ist, wenn auch sehr langsam, eine Trendwende in Sicht.

Swiss TPH als Helfer für die praktizierenden Helfer weltweit

Kritik allein, das scheinen die Epidemiologen am Swiss TPH zu wissen, ändert wenig an den Missständen – also müssen gerade in Ländern ohne medizinische Versorgung pragmatische Lösungen daher. Wie die aussehen könnten, stellten schon in der Vergangenheit Nachwuchsforscher wie Nicole Ludwig in Doktorarbeiten vor. So schlug die Wissenschaftlerin in ihrer Arbeit „Epidemiology and treatment of human African trypanosomiasis in children“ vor, die mangelnden klinischen Studien der Pharmabranche durch eine innovative Art der Erhebung von Patientendaten durch Kinderärzte auszugleichen. Ob und welche Nebenwirkungen mit den eingesetzten Dosen auftraten erfuhr die Epidemiologin anhand ausgefüllter Fragebögen in 21 Interviews. Immerhin 16.000 Patientendaten, darunter von 2000 Kindern, flossen in der Untersuchung zu HAT ein. Am Ende konnte Ludwig erstmals verlässliche Aussagen zu den bei Kindern zur Behandlung von HAT verwendeten Wirkstoffen Pentamidin, Eflornithin, Melarsoprol und Nifurtimox machen – eine handfeste Hilfe für Organisationen wie “Ärzte ohne Grenzen” in den betroffenen Gebieten. Wer die Doktorarbeit liest, wird schnell erkennen: sie entstand noch unter dem Label des alten Schweizerischen Tropeninstituts. Auffindbar ist sie indes unter den Webseiten des neuen Swiss TPH. Es erinnert alles doch ein bisschen an die alte Formel: „Le roi est mort, vive le roi!“

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