Erste Hilfe: Bist Du in der Pflicht?

28. November 2012
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In die Situation, Erste Hilfe zu leisten, kann jeder kommen. Als Medizinstudent sollte man darauf bestens vorbereitet sein. Sollte. Aber ist dem wirklich so? Und steht der Medizinstudent in einer Erste Hilfe-Situation in einer größeren Verantwortung als Laien? Wir haben uns umgehört.

Vor der Situation, an einem Unfallort als Ersthelfer einzutreffen, graut es wohl jedem. Aber auch Notfallsituationen in kleinerem Ausmaß können beängstigend sein. Wir haben Medizinstudenten und Ärzte befragt, ob sie sich bereits in einer solchen Situation befanden, in der sie Erste Hilfe leisten mussten und ob sie sich als fachliche Spezialisten in einer besonderen Verantwortung sehen.

Der Ernstfall tritt ein

Anisha, Medizinstudentin aus Berlin, musste bereits einmal erste Hilfe leisten: “Im Supermarkt hatte ein Mann einen Krampfanfall. Ich habe ihn in die stabile Seitenlage gebracht und darauf geachtet, dass er sich nicht verletzt. Bis der Rettungswagen kam, habe ich die Vitalparameter überwacht.” Petra, Medizinstudentin im 7. Semester, berichtet davon, dass eine Kommilitonin in der U-Bahn Erste Hilfe geleistet habe. Eine junge Frau sei kollabiert und es sei schwierig gewesen, die Atmung festzustellen. Sie hätten an der Uni kurz zuvor jedoch bereits ein Training in Notfallmedizin absolviert, wodurch die Kommilitonin wusste, was zu tun ist.

Zirkeltraining und Schauspielpatienten

Ob man sich gut auf Notfälle vorbereitet fühlt, scheint zumeist damit zusammenzuhängen, wie oft – vor allem praktisch – dafür geübt wurde. Sabine, mittlerweile praktizierende Ärztin, berichtet: “Wir hatten mehrere Blöcke Notfallmedizin an der Universität. Nach dem letzten Block hatte ich das Gefühl, gut auf die häufigsten Notfälle vorbereitet zu sein. Das Training fand im TÄF (Trainingszentrum für ärztliche Fähigkeiten) statt. Es gab Seminare, in denen die Grundlagen dargeboten wurden, an Dummies wurden verschiedene Situationen geübt und zusätzlich gab es noch simulierte Fälle mit Schauspielpatienten.”

Auch Petra fühlt sich durch das Studium gut auf Notfälle vorbereitet und findet es wichtig, diese Situationen zu trainieren, um praktische Erfahrungen zu sammeln, z.B. in der Notaufnahme, denn: “Es kann einfach jeden treffen, egal wo man arbeitet.” Die Charité scheint ihre Studenten in dieser Hinsicht gut zu schulen. Es gibt mehrere Blöcke Notfallmedizin in unterschiedlichen Semestern, die Seminare werden mit praktischen Übungen ergänzt. Jedoch ist das leider nicht an jeder Medizinischen Fakultät der Fall. Hier besteht zum Teil noch erheblicher Nachholbedarf, vor allem, was die Häufigkeit und das Üben von praktischen Fähigkeiten und Handlungsabläufen betrifft.

Es geht noch besser

Aber auch an der Charité gibt es laut Anisha noch Verbesserungsbedarf: “Ich würde sagen, die Ausbildung ist nicht ausreichend, da Notfälle zu wenig trainiert werden.” Sie hat vor dem Studium eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin absolviert. Durch die mehrere Monate dauernde Ausbildung gewinne man eine andere Routine und das nötige Wissen. Im Gegensatz dazu fehle es in der Medizinischen Ausbildung daran, dass man sich in dem Moment, in welchem man handeln müsse, auch sicher fühle. Auch Sina, eine weitere Ärztin, die wir befragt haben, fühlte sich durch das Medizinstudium nur unzureichend auf Notfallsituationen vorbereitet. “Ich denke, es hätte häufiger und intensiver geübt und praktisch geschult werden müssen.”

Verantwortung? Verantwortung!

In einem sind sich alle einig, als Medizinstudent hat man in einer Notfallsituation eine besondere Verantwortung, was Sina unterstreicht: “Ich sehe Medizinstudenten auf jeden Fall in einer besonderen Verantwortung. Zum einen dadurch, dass man – zumindest theoretisch – aufgrund seines Wissens, im Gegensatz zu Laien, die fachliche Kompetenz zur Ersten Hilfe haben müsste. Zum anderen entscheidet man sich mit der Wahl des Studiums dazu, anderen Menschen zu helfen.” Das sieht Sabine ebenso, sie fühlt sich durch das Studium verpflichtet, zu helfen, da man im Vergleich zu anderen Personen über einen Erfahrungs- und vor allem Wissensvorsprung verfüge.

Das sagt der Profi

Uli ist seit 15 Jahren Notarzt und zu ca. 1.500 Einsätzen gefahren. Er sagt, ein Einsatz bedeute immer puren Stress, da man nicht wisse, was auf einen zukomme. Das höre auch nicht mit steigender Anzahl der Einsätze auf. In solchen Situationen müsse alles schnell gehen und man habe meist nur wenige Sekunden, sich zu entscheiden, wie gehandelt werden müsse. Auf die Frage, was ein gutes Vorgehen in einer Notfallsituation ausmache, antwortet er, man solle ruhig zur Unfallstelle gehen. An erster Stelle stehe die eigene Sicherheit und die Unfallstelle müsse dementsprechend abgesichert werden (z.B. auf der Autobahn). Dann solle man sich einen Überblick verschaffen, wie viele Patienten es gebe? Nach der Durchführung einer Triage könne mit den lebensrettenden Sofortmaßnahmen begonnen werden. Man könne gut ausgebildete Rettungssanitäter mit in den Prozess einbeziehen, welche sich zum Beispiel bereits weitere Patienten anschauen könnten. Auch gelte es, weitere anwesende Personen – wie zum Beispiel Feuerwehrmänner oder Polizisten – miteinzubeziehen, sollte man zusätzlich deren Hilfe benötigen. Diese müssten jedoch exakt instruiert werden.

Extremsituation trainieren

Eine Notfallsituation ist immer eine extreme Situation. Diese kann und sollte deswegen an der Universität verstärkt geschult und geübt werden, damit der Ersthelfer sich so gut wie eben möglich darauf vorbereitet fühlt. Dafür ist es wichtig, dass es Wiederholungen in den einzelnen Studienabschnitten gibt. Als Medizinstudent hat man die Möglichkeit, den Wunsch nach einer zunehmenden Anzahl der Notfallkurse an seiner Universität anzusprechen oder sie selbst zu organisieren.

Diejenigen von Euch, die ihr Erste Hilfe-Wissen testen wollen, haben hier die Chance dazu:

Rechtliche Informationen zum Thema Erste Hilfe*:

*hinzugefügt am 29.11.2012

39 Wertungen (3.13 ø)
Studium

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8 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Liebe Leser,

vielen Dank für Euer zahlreiches Feedback!
Dieser Artikel sollte eigentlich beleuchten, inwiefern Medizinstudenten sich in der moralischen Verpflichtung sehen, Erste-Hilfe-Maßnahmen vorzunehmen. Eure Hinweise haben wir zum Anlass genommen, den Artikel noch etwas nachzubessern – Ihr findet eine Linksammlung im unteren Teil des Artikels, die Euch weiterführende Informationen zu den rechtlichen Grundlagen der Ersten Hilfe bieten soll.

Mit besten Grüßen

Euer DocCheck Campus News-Team

#8 |
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Rettungsassistent

Schade, dass der in der Überschrift angedeutete Aspekt der juristischen Verprflichtung nicht näher erläutert wurde.
Ich möchte mal ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

Nach §323c StGB (unterlassene Hilfeleistung) ist jeder zur Ersten Hilfe verpflichtet. Ausnahmslos!
Der Notruf stellt keine Erste Hilfe dar, reicht also nicht aus, um den Gesetz gerecht zu werden. Man muss nur dann nicht helfen, wenn
1) die Hilfe nicht zumutbar ist
2) man sich selber in erhebliche Gefahr bringt
3) man höher wertige Pflichten zu erfüllen hat
In nur diesen Fällen ist der Notruf juristisch ausreichend.
Der einzige Unterschied für den Medizinstudenten besteht darin, das man erwarten könnte, das er weniger Fehler macht (was realistisch niemand, der Ahnung hat, erwarten wird).

Eine stärkere Verpflichtung entsteht nur aus §13 StGB (Begehen durch Unterlassen), hierfür muss aber ein besonderes Schutzbedürfnis bestehen.

Der Arzt (Heilpraktiker / Rettungsassistent / Krankenpfleger, was auch immer) muss während seiner Dienstzeit nicht nur helfen, wenn etwas passiert, sondern auch dafür sorgen, das gar nicht erst etwas passiert.
Als Beispiel, wenn eine Bewusstlose Person in Rückenlage erbricht und erstickt, obwohl man rechtzeitig die Atemwege hätte sichern können (z.B. Seitenlage), wäre dieser Fehler nach §323c StGB für den Helfer ein kleines Problem, für den Arzt im Dienst ggf. als fahrlässige Tötung zu werten.

Ich empfehle einfach mal, §13 StGb zu googlen, es gibt da sehr gute Erklärungen im Netz.

#7 |
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Student der Humanmedizin

Ich bin zwar kein Jurist, weiss aber, dass ich nach dem Sanitätshelferkurs (erweiterter erste-Hilfe Kurs)zivilrechtlich schon mehr in der Pflicht stehe, als der “Normalbürger”. Der hat seine Pflicht juristisch erfüllt, sobald er den Notruf absetzt. Inzwischen bin ich als Heilpraktiker voll in der Pflicht. Das heisst, ich kann strafrechtlich belangt werde, wenn ich nicht alles tue, was in meiner Macht steht, um zu Helfen. So lange, bis ich die Verantwortung an das Rettungsteam abgeben kann. Das ist keineswegs leicht, weil ich theoretisch jeden Alki, der sich nicht mehr rührt, ansprechen müsste und evtl die Vitalfunktionen überprüfen müsste.Das mache ich im Schnitt 1x im Monat.
Gut, damit ist die Frage der pflicht des Medizinstudenten noch nicht beantwortet. Aber: Wenn Eure rechtliche Situation sich durch einen (erweiterten?)Erste-Hilfe-Kurs an der Uni sich tatsächlich ändern würde, wäre doch der entsprechende Ausbilder in der Pflicht, Euch darüber zu informieren, oder ?

#6 |
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Student der Humanmedizin

Schade, dass nicht auf Begriffe wie “Hilfeleistungspflicht”/”unterlassene Hilfeleistung” und “Garantenstellung” eingegangen wird. Bei Notfällen innerhalb der Klinik befindet man sich (auch als Assistenzarzt) gegenüber der “Welt da draußen” immer in einem vergleichsweise geschützten Rahmen. Wenn ich das Gefühl habe, nicht ausreichend vorbereitet worden zu sein, dann nützt mir die ausgiebige Recherche, wie oft das Fach “Notfallmedizin” an anderen Unis angeboten wird, herzlich wenig. Hier wäre es hilfreich gewesen, welche Schritte hier selbst als Student möglich sind, um sicherer zu werden (EH-Kurs besuchen und auffrischen, rettungsdienstliche Ausbildung absolvieren, sich in einer Hilfsorganisation engagieren, befreundete Kommilitonen mit entsprechendem Ausbildungsstand oder ärztliche Kollegen aus den entsprechenden Fachgebieten bitten, einen Mini-Kurs oder ein gezieltes Training anzubieten). Meiner Erfahrung nach bringt es in vielen Bereichen des STudiums wenig, sich auf vorgemachte Organisation der Uni zu verlassen, wie so oft ist Eigeninitiative gefragt. Hierauf hätte der Artkel weiter eingehen können… ;)

#5 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich finde es absolut richtig, dass wir Medizinstudenten da in der Pflicht sind…
Ich habe allerdings vorher auch den Rettungsassistenten gemacht und bin daher der Ansicht, dass ein Student vor dem Physikum (wo man tatsächlich nur einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht haben muss) nicht mehr Kompetenzen hat als jeder andere Mensch auch!

#4 |
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Rett ungsassistent
Rett ungsassistent

Gut auch: “Man könne gut ausgebildete Rettungssanitäter mit in den Prozess einbeziehen” Sehr großzügig von dem Notarzt…^^

#3 |
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Student der Humanmedizin

Titel ist nicht angepasst.
Auf die juristischen Aspekte wird nicht eingegangen.
Schade

#2 |
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Student der Humanmedizin

Der Artikel beantwortet die eingangs gestellte Frage, bezüglich der rechtlichen Situation, in keinster Weise.

#1 |
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