No Sports – Churchill hatte Recht

10. Februar 2010
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No Sports, und Sport ist Mord. Erstmals gingen Schweizer Mediziner der Frage nach, ob und warum eigentlich körperliche Aktivitäten lebensbedrohlich für Herz und Kreislauf sind.

„Herr J.“ und der britische Politiker Winston Churchill haben im Grunde nichts gemeinsam. Während der Brite 1965 auf Grund seiner „No Sports“ Lebensweise erst im Alter von über 90 Jahren verstarb; lebt der relativ junge Schweizer „Herr J.“ heute nur Dank des beherzten Eingreifens von Sanitätern und Notfallmedizinern gleichermaßen: Der 47-jährige „Herr J“ hatte, anders als sein historisches Counterpart, an einem 15-Kilometer Dauerlauf teilgenommen und kollabierte im Jahr 2008 unter den Augen des medizinischen Begleitpersonals. Seitdem wissen auch Berner Ärzte zu berichten: Das akute Koronarsyndrom (ACS) lässt sich kausal mit Sport in Verbindung bringen. Die kürzlich im Fachblatt „Kardiovaskuläre Medizin“ publizierte Studie der Experten vom Inselspital Bern räumt mit einem alten Vorurteil auf – Sport ist bei weitem nicht immer gesund, Sport ist manchmal Mord.

Um herauszufinden, ob es einen messbaren Zusammenhang zwischen ACS und körperlicher Anstrengung gibt, untersuchte Ronald K. Binder vom Schweizer Herz- und Gefässzentrum Bern am Universitätsklinik Inselspital die dazu bislang vorliegenden Studien. Die Ergebnisse, eine seit Anbeginn der 1993er bestehende Historie, sind mehr als beachtlich – und trotzdem im Alltag kaum bekannt.

So belegte eine erste Untersuchung bereits im Jahr 1993, dass „die Risikozunahme, während und nach körperlicher Anstrengung einen Herzinfarkt zu erleiden, stark vom Mass an bisheriger, regelmässiger körperlicher Betätigung abhing“, wie Binder heute schildert. Bis auf das Hundertfache steigt danach für Sportmuffel das Risiko, mit dem ersten Dauerlauf gleichzeitig den Herzinfarkt zu erleben – wenn etwa die schweißtreibende Sportaktivität nach mehr als einem Jahr Nichtstun erfolgt. Ähnliche Statistiken ziehen sich nahezu unbemerkt durch die Fachliteratur, wie Binder eindrucksvoll aufzählt – und an signifikanten Daten hat es offenbar nie gemangelt. Um eine vergleichbare Aussage treffen zu können bedient sich Binder eines genialen Einfalls. Als Skala für die körperliche Aktivität dient der sogenannte Metabolische Äquivalent (MET). Schnelles gehen, langsames Rad fahren oder gar Fensterputzen bringen nach dieser physiologischer Sichtweise 5 Punkte auf der MET-Skala ein, der allabendliche Glotzen-Konsum auf der Couch indes beschert den Patienten lediglich einen Punkt als Ausgangsbasis für die weiteren Aktivitäten. Die Punkte haben es in sich. Denn ob Sport Mord, oder vielleicht doch lebensverlängernd ist, hängt genau von dieser mysteriösen Masszahl ab, wie Binder in seiner Studie zu erklären weiß. Oberhalb 5 METs bedeutet: Der Proband war gut trainiert, alles darunter würden Laien eher als Sportmuffel bezeichnen. Genau hier aber liegt das herkömmliche Missverständnis: Die Herzattacke droht nicht zwangsläufig bei den Couch Potatoes – sondern erst dann, wenn die 1-Punkt Kandidaten urplötzlich zu Sportkanonen avancieren wollen. Warum aber mutiert der Segen Sport zum letalen Herzensbrecher?

Einmal Couch Potato – lieber immer Couch Potato…

Die Analyse der Patientendaten ließ Binder erkennen, dass aus angiographischer Sicht beim sogenannten anstrengungsgetriggerten ACS bestimmte Gemeinsamkeiten auffallen: Ein-Gefäss-Erkrankungen sind ebenso wie intrakoronare Thromben von zwei oder mehreren Millimetern jene Merkmale, die bei den betroffenen Patienten auftraten. Vernachlässigbar hingegen als Ursache der unliebsamen Herzanfälle sind Embolie, Dissektion und Vaskulitis, wie Binder beschreibt.

Dass körperliche Betätigung das Risiko für ein ACS und einen plötzlichen Herztod „akut und signifikant“ erhöht, ist Binder zufolge richtig – aber nur ein Teil der ganzen Story. Denn andere Untersuchungen, darunter die in 52 Ländern durchgeführte Interheart-Studie, belegten genau das Gegenteil: Bewegung senkt das Risiko des ACS. Offenbar spielt die Art des körperlichen Einsatzes die entscheidende Rolle. Wer in der MET-Skala unterhalb der magischen 5-Punkte Marke liegt, und damit untrainiert zum Athleten mutieren möchte, wird womöglich am Ende aller Mühen lediglich die Mortalitätsstatistik schmücken. Regelmäßiger Ausdauersport – mit Werten oberhalb 5 MET belohnt – bei adäquater Steigerung der Anstrengung über lange Zeiträume hinweg mindert hingegen das Risiko für den plötzlichen Herztod und ACS. Für Binder ist das Fazit daher glasklar: „Sir Winston A. Churchill hatte also, was ihn persönlich betraf, wohl recht.“

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