MS – Ven erwischt es?

10. Februar 2010
Teilen

Multiple Sklerose gilt als chronisch entzündliche Autoimmunkrankheit des Zentralen Nervensystems. Anderer Meinung sind italienische Forscher: Sie sind von venösen Durchblutungsstörungen von Hirn und Rückenmark als Auslöser überzeugt.

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine häufige chronische Autoimmunerkrankung des Nervensystems mit Zerstörung der Myelinscheiden – darüber sind sich Experten einig. Symptome und Verlauf sind allerdings oft vollkommen unterschiedlich, ebenso wie die Ätiologie noch nicht verstanden ist. Die Diagnose ist alles andere als einfach und erfolgt nach den McDonald Kriterien, die jedoch manchmal erst nach Jahren, manchmal auch nie erfüllt sind. Therapeutisch sollen verschiedene Immunmodulatoren das fehlgeleitete Immunsystem zur Ruhe bringen.

Die etwas andere Theorie

Eine ganz andere Theorie zur möglichen Ursache von MS haben Forscher um Paolo Zamboni vom Vascular Diseases Center der Universität von Ferrera. Sie vermuten eine Störung der extrakranialen venösen Drainage als Ursache von MS. Bei 65 MS-Patienten und 235 Kontrollpersonen, darunter Gesunde, ältere Menschen und Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen, hatten die Forscher Venografien und hochauflösende Dopplersonografieuntersuchungen des venösen Systems im und außerhalb des Gehirns veranlasst. Bei MS-Patienten fanden die Wissenschaftler gegenüber Kontrollpersonen signifikant häufiger Abflussstörungen des extrakranialen venösen Systems. In V. jugularis interna und V. azygos fanden sich bei 91 und 86 Prozent der MS-Patienten z.T. hochgradige Stenosen, die den Blutfluss beeinträchtigten oder gar umkehrten, sodass das Blut in die falsche Richtung floss. MS und venöse mehrfache Abflussanomalien waren streng miteinander assoziiert (Odds Ratio 0,43). Die abnormale Hämodynamik und Druckerhöhung führe zur Schädigung von Nervengewebe, so die Forscher.

Therapie: Perkutane transluminale Angioplastie

Damit nicht genug. Auch mit einer möglichen Therapie warten Zamboni et al. auf. Sie behandelten im Rahmen einer prospektiven Studie 65 MS-Patienten mit der perkutanen transluminalen Angioplastie (PTA). Wie diesen Monat im Journal of Vascular Surgery veröffentlicht, sank der Venendruck nach der Operation signifikant. Das Risiko von Restenosen war in der Jugularvene mit einer Durchgängigkeitsrate von 53 Prozent häufiger als in der V. azygos mit einer Durchgängigkeitsrate von 96 Prozent. Die in der achtzehn Monate andauernden Studie messbaren klinischen Verbesserungen waren signifikant, insbesondere bei Pastienten mit schubförmig remittierendem Verlauf der MS. Von ursprünglich 27 Prozent der Patienten mit Schubfreiheit stieg die Rate postoperativ auf 50 Prozent. Aktive Läsionen in der Magnetresonanztomografie nahmen signifikant ab. Im Multiple Sclerosis Functional Composite (MSFC), einer Leistungsskala zur Beurteilung des Behinderungsgrades, waren nach einem Jahr bei Patienten mit schubförmig remittierendem Verkauf signifikante Verbesserungen nachweisbar, nicht jedoch bei Patienten mit anderen Verlaufsformen. Auch physische und mentale Lebensqualität nahmen zu, am wenigsten allerdings bei sekundär progressivem Verlauf der MS.

Kritik folgt auf dem Fuße…

Der Ärztliche Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) nahm zur Krankheitstheorie und Therapiestudie Stellung. Schließlich sorgen die Befunde auch bei vielen MS-Patienten für Aufregung. Demnach sollte in der Diskussion um die von den Italienern genannte “Chronic Cerebrospinal Venous Insufficiency” (CCVSI) nicht übersehen werden, dass eine venöse Insuffizienz bereits früher bei anderen neurologischen Erkrankungen als ursächlich diskutiert wurde. Wenn auch Befunde wie etwa bei der Migräne oder transienten globalen Anämie nicht völlig mit den aktuellen Befunden bei MS-Patienten übereinstimmen, sei eine venöse Insuffizienz der Jugularvenen nicht pathognomisch für MS. Die Ergebnisse wären zwar interessant, doch fehlte es an seriösen rationalen Arbeiten. Der Beirat bemängelt eine fehlende Kontrollgruppe und hält die beschriebene Verbesserung insbesondere bei Patienten mit schubförmig remittierendem Verlauf nicht unbedingt für einen Therapieerfolg. Vielmehr handele es sich um den möglicherweise ganz natürlichen Verlauf dieser MS-Form, bei der sich Schübe regelmäßig zurückbilden. „Nach unserem wissenschaftlichen Urteil entbehren die von Zamboni et al. vorgestellten Studienergebnisse einer soliden wissenschaftlichen Methodik und sind damit wertlos und sogar ethisch bedenklich“.

…wie auch Interesse

US-Amerikanische Wissenschaftler um Robert Zivadinov der University of Buffalo planen mit Zamboni eine größere gemeinsame Studie mit 1.700 Teilnehmern einschließlich Kontrollpersonen, nachdem eine vorläufige Studie an 16 Patienten mit schubförmiger MS und acht gesunden Kontrollpersonen gezeigt hat, dass alle MS-Patienten einen chronisch insuffizienten Blutfluss des Gehirns aufwiesen, nicht jedoch die Kontrollen. Ergebnisse könnten die Vorstellung von MS vollständig verändern, hoffen die Forscher. Eine chirurgische Therapie könnte viele MS-Symptome lindern, so Zamboni. Als Beispiel nennt er einen US-Patienten, der bereits seit zehn Monaten beschwerdefrei sei. Ein fehlender Rückfall innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre spreche für die Richtigkeit seiner Theorie. Zamboni vermutet, dass bis zu 90 Prozent der MS-Patienten Venenblockaden aufweisen.

Ganz neu allerdings ist die Theorie Zambonis tatsächlich nicht. Bereits vor 25 Jahren wurde ein Zusammenhang von venöser Abflussstörung und MS vermutet. Ob dies nun für oder gegen die Hypothese der „venösen MS“ spricht, bleibt abzuwarten.

159 Wertungen (4.25 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

18 Kommentare:

Heilpraktiker Alfons Ohliger
Heilpraktiker Alfons Ohliger

Könnte eine Erklärung sein, warum enzymatisch wirkende Präparate häufig eine Bessserung bei sclerosis multiplex herbeiführen, da sie die Viskosität des Blutes verändern.

#18 |
  0

Die Idee ist einleuchtend. Phasenweise Phlebitiden sind nicht unüblich. Ein sehr hoffnungsvoller Ansatz.

#17 |
  0
Heitraud Köhn
Heitraud Köhn

Habe einige Freunde durch eine MS verloren. Lese mit Aufmerksamkeitt die Artikel, um durch Wissen Bekannte und Freunde mit MS Mut zu machen. Es wäre sehr sinnvoll, dass in diesem Fall so schnell wie möglich und so umfandreich wie nötig weitere Studien durch geführt werden. Bin immer wieder erstaunt über häufige negative Äuserungen von Fachkräften, die neue medizinische Theorien über die Ursche von Erkrankungen (nicht nur bei MS) von vornherein ablehnen.
Aus eigenen Erfahrungen (keine MS) weiss ich, was es bedeutet, wenn Negativismus zu neuen Erkenntnissen und Therapien, eine bessere Behandlung oder Umstellung von Therapiemöglichkeiten verhindern.
Bitte weitermachen, um alle neuen theoretische Erkenntnisse zu erforschen und alle im geringen Umfang gemachten Erkenntnisse zu belegen. Ich würde mich freuen, im Namen meiner jetzigen Freunde und Bekannten mit einer MS.
Heitraud Köhn Fachfrau für Anästhesie und Intensivmedizin

#16 |
  0

Ich beschäftige mich seit fast 15 Jahren in meiner Praxis mit dem Thema “MS” und habe dazu einige Publikationen geschrieben, vor allem über orthomolekulare bzw. nutrtive Behandlungsansätze.
Ein Vitamin D Mangel läßt sich recht gut mittels Serumuntersuchung nachweisen. Untersucht wird 25(OH)Vitamin D im Serum. Wichtig dabei ist, dass das Serumröhrchen UV-geschützt wird, z.B. indem man es nach der Zentrifugation mit Alu-Folie umwickelt. Aktuelle US-Publikationen geben einen Serospiegel von ca. 140 nmol/l als ideale Benchmark an.
Als Praktiker kann ich sagen, dass ich unter solchen Serospiegeln sehr häufig prolongierte schubfreie Phasen bei meinen Patienten beobachten kann bzw. beim progredienten Verlauf eine deutliche Verlangsamung der Progredienz.
Ich sehe das epidemiologische Problem ebenfalls als wichtiges Thema bei der Beurteilung der Gefäß-Theorie. Nach meiner Auffassung gibt es nicht “die” Ursache für MS sondern es handelt sich um ein polyvalentes Geschehen, bei der verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können.
Herzliche Grüße aus dem Vordertaunus

#15 |
  0
Ärztin

zu 15:

ein eklatanter vit.-D-mangel läßt sich in der praxis selten nachweisen. er wurde/wird in der tat wiederholt mit dem geschehen bei einer MS in zusammenhang gebracht, allerdings kann aus der studienlage keine generelle empfehlung für vit.-D-substitution gegeben werden – da auch hier die frage nach henne und ei nicht zufriedenstellend geklärt ist.

an der viralen genese ist nach wie vor viel zu forschen.

#14 |
  0
Ärztin

daß ein MS-patient 10 monate ohne schübe ist, kommt häufig vor, da die RRMS im jahr durchschnittlich nur 0,8 schübe verursacht. ohne kontrollgruppe, die sicher nicht ganz einfach einzurichten ist, und eine beobachtung über mindestens zwei jahre wird es kaum valide ergebnisse geben.

wenn sich die kausalität jedoch umgekehrt, und die gefäßprobleme durch MS-bedingte mechanismen mitverursacht werden, könnte eine behandlung der stenosen aber vielleicht als co-therapie in Frage kommen.

man sollte prüfen, ob pat. mit einer basistherapie an ähnlich schwerwiegenden verengungen der gefäßlumina leiden, wie nichttherapierte – so sich die theorie im ansatz halten läßt.

#13 |
  0
Dr. med. Vinzenz Plakinger
Dr. med. Vinzenz Plakinger

Wie lassen sich damit die epidemiologischen Daten erklären, die belegen, dass je näher wir dem Äquator kommen, um so weniger bis keine MS auftritt. In den südlichen Breiten ist die Bevölkerung in der Regel ausreichend mit Vitamin D versorgt, während bei uns in der Bevölkerung ein eklatanter Vitamin D Mangel herrscht, der kaum in seiner klinischen Relevanz gebührende Beachtung findet. Vitamin D ist in seiner aktiven Form 1,25(OH)2D3 ein wesentlicher Bestandteil des Immunsystems und bedeutsam im Entzündungsgeschehen.

#12 |
  0
Dr. med. Danny Fritzsche
Dr. med. Danny Fritzsche

Wenn man bedenkt, dass nur lageabhängig die V. jugularis überhaupt gebraucht wird und sonst die Drainage eher über sehr variante Venenplexuus nuchal erfolgt, ist die systemische Erklärung eines Antiphospholipid-Syndroms eher wahrscheinlich.

#11 |
  0
Heilpraktiker

Die osteopathische Medizin geht schon sehr lange von einem Zusammenhang extra- u. intracerebraler venöser Stauungen und zentralen neurologischen Erkrankungen aus. Insbesondere in der Therapie von Kindern – die durch verschiedene Umstände unter der Geburt im Bereich der Schädelbasis (z. B. Kompressionen am For. jugulare) belastet worden sind – zeigen lehrn- und Entwicklungsstörungen, die sich häufig unter manueller Behandlung der Atlanooccipital-Region und allg. des Craniums verbessern. Aussagekräftige Studien hierzu existieren leider noch nicht auf EBM- Niveau..

#10 |
  0

Das bezieht sich auf Kommentar 9

#9 |
  0

Ich finde wirklich, dass Schleichwerbung hier unterbunden werden sollte.

#8 |
  0

Als Augenarzt werden wir häufig durch ubiquitäre Ausbreitung an den Gehirnnerven mit dieser Erkrankung konfrontiert.
Bei Multipler Sklerose sind die Augen häufig betroffen. Bei fast der Hälfte aller Patienten, insbesondere bei jüngeren, die unter einer schubförmigen Multiplen Sklerose leiden, kommt es zu einer Retrobulbärneuritis (Entzündung des Sehnervs hinter dem Augapfel) oder einer Opticusneuritis. Ursache ist eine Entzündung des Sehnervs. Die Opticusneuritis ist bei 20 bis 30 Prozent der Betroffenen das erste Symptom der Multiplen Sklerose. Eine Retrobulbärneuritis kann ohne Folgen abheilen. Es ist aber auch das Zurückbleiben einzelner Symptome bzw. Beschwerden möglich.
Es bleibt dabei oft bei einer rein symptomatischen Therapie der Ausfallserscheinungen.Interferon und Vit.B-Komplex in konsiliarischer Beteiligung des Neurologen.m Bereich der Augen sind die schon beschriebenen Störungen der Motorik und der Motilität den Hirnstammsymptomen zuzurechnen. Häufig kommt es auch zu einer einseitigen Gesichtslähmung, der Facialisparese. Betroffen sind 5 bis 8 Prozent der Multiple-Sklerose-Patienten. Die Facialisparese bildet sich jedoch in der Regel rasch zurück. Die Trigeminusneuralgie, die sich durch starke Gesichtsschmerzen bemerkbar macht, kommt bei Multipler Sklerose bis zu 300 mal häufiger vor, als im Durchschnitt der Bevölkerung. Das bedeutet, dass 1,5 Prozent der Multiple-Sklerose-Patienten eine Trigeminusneuralgie bekommen. Weitere Beschwerden im Bereich des Trigeminusnervs sind Sensibilitätsstörungen sowie Kribbel- und Kältegefühle im Gesicht.
Ein häufiges Symptom ist das vorübergehende Sehen von Doppelbildern. Dieses Krankheitszeichen ist auf die Störung der Augenmotorik (willkürliche Bewegungsvorgänge) zurückzuführen und tritt meistens schon in einer frühen Krankheitsphase auf.

#7 |
  0
Epidemiologe Frits Fliers
Epidemiologe Frits Fliers

Es gibt Übungen in Hatha-Yoga (“Umkehrhaltungen”), die kombiniert werden können mit Gymnastik und dann eine positive Wirkung haben auf die Elastizität der Gefäße. Zunehmende Elastizität der Gefäße sorgt für bessere Durchgängigkeit der Gefäße. Zeitbedarf ab 2 x 10 Minuten pro Tag, 7 Tage pro Woche. Auch geeignet für Schwangeren und für Personen mit Rückenleiden und Rückenschmerzen. Wissenschaftliche Studien sind mir nicht bekannt, Einzelfälle dagegen wohl bei Zustand nach Schlaganfall oder extrem fortgeschrittene Gefäßverkalkung u.Ä.
Therapeuten mit Interesse können mich kontaktieren über ff@jhmi.edu. Patienten erhalten nur Auskunft nach vorheriger Einbindung eines Therapeuten.

#6 |
  0
Guido Wahlig
Guido Wahlig

Warum wurde nur das venöse System untersucht? Warum keine Aussage auf das Alter des Patienten? Spielt vielleicht nicht auch insgesamt eine generalisierte Gefäßalteration am degenerativen Untergang der Myelinscheiden als Mechanismus eine Rolle? Wenn im weitesten Sinn Durchblutungsstörungen als Ursache oder als Mechanismus der autoimmuninduzierten Gewebszerstörung oder Hemmung der Gewebsregeneration die entscheidende Rolle spielen warum sind dann nur speziell die Myelinscheiden betroffen und nicht gleichzeitig auch das übrige Hirn- und Nervengewebe? Ganz überspitzt formuliert bedeutet diese These nicht auch, daß Patienten mit ausgeprägten Halswirbelsäulenveränderungen und der damit verbundenen cerebralen Durchblutungsstörungen eine Risikogruppe für MS darstellen? Oder müssten diese dann nicht unter MS-Patienten einen deutlich erhöhten Anteil ausmachen?

#5 |
  0
Ilona Maria Hilliges
Ilona Maria Hilliges

Paolo Zamboni könnte Recht haben. Es wird desöfteren MS diagnostiziert und später stellt es sich als Antiphospholipid Syndrom heraus.

#4 |
  0
Petra Stuckmann
Petra Stuckmann

Das habe ich auch genauso gedacht. Auf jeden Fall ist es richtig, dass eine weitere, große, prospektive Studie folgen soll.
Petra Stuckmann, Ärztin für Allgemeinmedizin

#3 |
  0
Dr. med. Claudia Schwenzer
Dr. med. Claudia Schwenzer

Es stellt sich die Frage, ob nicht bestimmte Formen der MS sekundär zu einer venösen Insuffizienz -wie auch immer- führen und somit die beschriebene venöse Insuffizienz FOLGE der MS ist. Wer war zuerst da: die Henne oder das Ei?

#2 |
  0
Heilpraktikerin

Ich selbst habe seit 3 Jahren MS. Dies wäre ein riesiger Fortschritt… warten wir mal ab, wie es weiter geht.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: