HIV-Impfung: Neues aus der Thai-Küche

10. Februar 2010
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Die Welt blickt auf die umstrittene Schweinegrippe-Impfung, da kommt ein Lehrstück in Sachen Vakzinforschung aus Thailand: Rund 16.000 Menschen wurden dort gegen HIV geimpft – danach sank die Infektionsrate um ein Drittel.

Für viele Medien und die Ständige Impfkommission (STIKO) hierzulande müsste die aktuelle Publikation im New England Journal of Medicine zur Pflichtlektüre avancieren. Auf 12 Seiten berichtet darin ein Forscherteam vom Department of Disease Control des federführenden thailändischen Gesundheitsministeriums über einen wichtigen Fortschritt auf dem Weg zum Kombi-Impfstoff gegen HIV. Drei Jahre lang testeten Mediziner in einer randomisierten, Placebo-kontrollierten, dopppelblinden Multicenter-Studie die Wirkung von ALVAC-HIV (vCP1521) und AIDSVAX B/E in einer eigens dazu entwickelten Kombination, 16.395 Menschen nahmen an der größten klinischen Studie dieser Art teil. Beteiligt waren neben den Vakzinherstellern und Gesundheitsbehörden auch die US Army. Jetzt scheint festzustehen: Erst die Verabreichung beider Impfstoffe senkt die Ansteckungsgefahr um signifikante 31,2 Prozent.

Tatsächlich zählten alle Probanden zur heterosexuellen Risikogruppe. Und die gilt in Thailand seit Jahren als extrem gefährdet. So betrug bereits 1995 die Seroprävalenz von HIV-1 innerhalb der Royal Thai Army 3,7 Prozent, während im Norden des Landes gar 12,5 Prozent der Rekruten infiziert waren. Die Zahlen der 1990er blieben allerdings nicht ohne Wirkung, so dass nach massiven Aufklärungskampagnen im Jahr 2007 “nur” noch 14.000 Neuinfektionen registriert wurden – 1990 waren es noch 143.000.

Fast schon abgeschrieben

Trotz solcher Erfolge setzt Thailand auf die Entwicklung eines Vakzins. Denn der nach wie vor boomende Sextourismus und der immer noch bestehende Drogenkonsum mit Hilfe unsteriler Injektionsnadeln liefern dem tödlichen Erreger weiterhin optimale Bedingungen. Ein rekombinanter Impfstoff, so die Hoffnungen der Ärzte landesweit, würde im Glücksfall die stark gefährdete Gruppe der Heterosexuellen schützen helfen.

Dabei hatte der von Sanofi-Pasteur entwickelte Impfstoff in anderen Studien die Erwartungen zunächst nicht erfüllen können. So berichtete das Fachblatt AIDS am 11. Juli 2008, dass ALVAC-HIV (vCP1452) als Canarypox–Vektor Vakzin, das drei Proteine des HI-Virus exprimiert, die Virenreplikation bei chronisch infizierten HIV-Patienten weder aufhielt, noch verlangsamte. Selbst die Gabe von vier aufeinanderfolgenden Dosen ließ die Retroviren unbeeindruckt. Ob solcher Ergebnisse galt der Impfstoff de facto als abgeschrieben.

Die Booster-Kombination macht es

Doch in Thailand setzte man auf die Kombination des vermeintlichen Losers mit einem in klinischen Studien ebenfalls als Versager ausgemachten „Booster“. Was Außenstehende als irrlichternden Versuch empfinden könnten, outet sich bei Lektüre der offiziellen Publikation als genialer Streich: „Vorausgegangene Studien hatten belegt, dass Prime-Booster-Kombinationen eine Immunantwort auslösen können“, schrieben die Autoren um Supachai Rerks-Ngarm – und erklären, dass man gar nicht erst zu klären versuchte, warum das so ist. „Warum die Kombination der beiden Impfstoffe jetzt erfolgreich war, wird ebenfalls noch Gegenstand von Spekulationen sein“, rätselte Ende September das Deutsche Ärzteblatt, nachdem erste unpublizierte Ergebnisse aus Thailand durchsickerten, und hoffte auf Details seitens der Studienleiter bei der offiziellen Vorstellung der Studie. Vergeblich. Denn auch die jetzt im Dezember 2009 im NEJM veröffentlichte Arbeit beschreibt alle Details über Design und Studienverlauf – vermag aber nicht zu erklären, warum zwei wirkungslose Vakzine als Kombipack so schlagkräftig sind.

Auf Schlagkraft aber sind Ärzte weltweit dringend angewiesen. Seit Beginn der Epidemie haben sich nach Angaben der EU-Kommission nahezu 60 Millionen Menschen mit HIV infiziert, 25 Millionen sind an den Folgen bereits gestorben. Die Zahl der HIV-Infizierten ist im Jahr 2008 weltweit auf insgesamt 33,4 Millionen gestiegen, darunter 2,7 Millionen Neuinfektionen und zwei Millionen Tote.

Zur Sicherheit die Kombi

Was angesichts dieser real existierenden Pandemie zählt, ist allein der Erfolg. Entsprechend erhielten die heterosexuellen Teilnehmer und Teilnehmerinnen in Thailand neben dem Sanofi-Pasteur Produkt den ursprünglich von Genentech entwickelten Impfstoff Aidsvax. Der von Global Solutions for Infectious Diseases in Lizenz hergestellte Impfstoff exprimiert das Oberflächenprotein (gp120) des Virus und senkt als zweite Hälfte des Kombipacks die Infektionsrate. Allerdings: Im Falle einer bereits erfolgten Ansteckung hält auch das Duo Antivirale den Erreger nicht mehr auf.

156 Wertungen (4 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

Günter Schanné
Günter Schanné

Für mich zeigt sich, dass das homöopathische Prinzip der Schutzimpfung grundsätzlich funktioniert.
Übertragen auf die BRD und die Schutzimpfung von Rindern, Schafen und Ziegen gegen die Blauzungenkrankheit ist die Aufhebung der Impfplicht ein beredtes Zeugnis für die gewissenlose Ignoranz und Willensschwäche der politischen Akteure.

#6 |
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Dr. med. Bärbel Theuerkorn
Dr. med. Bärbel Theuerkorn

Ein Silberstreif am Horizont…, Wie und wer rekrutiert eigentlich die Probanden?

#5 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Solange die HIV- Virus – Sequenz unbekannt ist , wird`s keine Impfung geben .Warum hat Gallo denn keinen Nobelpreis bekommen ??????????????
GP 120 …. mal ein bißchen GRÜNEN TEE trinken –
reduziert die Bindungskapazität von GP120 um mind. 40 % an CD 4 . Schönen Gruß von Mutter Natur !!!

#4 |
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Toxikologin

Wir hatten diesen Artikel vor ca. 1,5 Monaten in Immunologie Unterricht an unserer Uni hier in Amerika durchgekaut und die Tatsache ist dass diese Research invalid ist weil naemlich gravierende statistische Fehler unterlaufen sind und das Design der Studie auch nicht ganz einwandfrei war. Die US Army und NIH aergern sich jetzt dass diese Studie so praematur veroeffentlich wurde. Der Impfstoff laesst also noch sehr zu wuenschen uebrig. Regards. US Studentin.

#3 |
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dr.dr. Juergen Koelzsch
dr.dr. Juergen Koelzsch

Eine Impfung soll nicht bereits Infizierte schützen -wovor eigentlich?-, sondern eben die Nicht-Infizierten- und das hat die Studie doch gezeigt, wenn auch mit nur bei einem 1/3. Für einen “echten” Impfstoff wohl etwas schwach, aber hoffnungsvoll.

#2 |
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Thomas Reis
Thomas Reis

Dieser Artikel ist nicht sauber recherchiert. Die Daten dieser Studie sind teilweise mangelhaft und Nachprüfungen haben ergeben, dass die Resultate so nicht haltbar sind. Dass die Daten keine genügende Qualität aufweisen, wurde schon vor der Erscheinung dieses Newsletters kommentiert. Ich wäre eigentlich der Meinung, dass DocCheck auch die Artikel “checken” sollte.
Freundliche Grüsse
Thomas Reis

#1 |
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