Sherlock Holmes im Mikrokosmos

10. Februar 2010
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Die Multisystematrophie (MSA) soll heilbar werden. Für die rasch fortschreitende und letztlich tödlich verlaufende neurodegenerative Erkrankung gibt es mit der neuronalen Stammzellentherapie einen Reparaturansatz.

Europaweit leiden rund 40.000 Menschen an der Multisystematrophie (MSA) – in Österreich sind etwa 1.000 Menschen von der degenerativen Erkrankung des zentralen und autonomen Nervensystems betroffen. Sie wird durch den Untergang von Zellen in bestimmten Regionen des Gehirns verursacht und ist durch eine a-Synuklein-Aggregation in der Oligodendroglia und den Neuronen charakterisiert. Autonomes Versagen, Parkinson-Syndrom, zelluläre Ataxie und Pyramidenbahnzeichen sind die klinischen Hauptsymptome der MSA. Sie treten in unterschiedlichen Kombinationen auf. Die Parkinson-Symptomatik kommt bei rund 80 Prozent aller MSA-Patienten am häufigsten vor, eine zerebelläre Ataxie dominiert bei rund 20 Prozent der Betroffenen.

Genetische Faktoren Ursache?

Die Multisystematrophie ist dem Morbus Parkinson sehr ähnlich. MSA-Patienten sprechen aber trotz vielfacher Übereinstimmung in den klinischen Hauptsymptomen auf Parkinson-Medikamente nicht an. Die Ätiologie der MSA ist bisher unbekannt. Die Erkrankung tritt normalerweise sporadisch auf. Trotzdem nehmen Neurologen an, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Internationales Aufsehen erregende kürzlich eine Forschungsarbeit in Kollaboration mit dem EMSA-Konsortium, dem Hertie-Institut in Tübingen und der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie. Dr. Sonja Scholz konnte erstmals bei einer großen Zahl von MSA-Patienten zwei Varianten im Alpha-Synuclein-Gen nachweisen. Die Neuropathologie der MSA zeigt eine charakteristische neuronale Multisystemdegeneration, die mit einer weit verbreiteten intrazellulären Ablagerung von Alpha-Synuclein in Oligodendrozyten, den so genannten glialen Einschlusskörperchen (GCI), verbunden ist. Alpha-Synuclein ist ein Hauptbestandteil von intrazellulären Proteinaggregaten bei der Parkinson-Krankheit, der MSA und der Lewy-Körper-Demenz. Diese neurodegenerativen Erkrankungen werden deshalb auch als Alpha-Synucleinopathien bezeichnet. Alpha-Synuclein, das im gesunden Gehirn nicht in glialen Zellen gebildet wird, kommt bei der MSA vor allem in oligodendroglialen Zellen vor. Analog zur Parkinson-Krankheit und passend zu neuropathologischen Befunden mit Alpha-Synuclein-Einschlüssen in der Oligodendroglia von MSA-Gehirnen lassen diese Ergebnisse den Schluss zu, dass die MSA ursächlich mit einer Fehlregulation des a-Synuklein-Gens zusammenhängt.

Therapeutische Ansätze

Wie a-Synuklein zum Nervenzelluntergang führt und welche Mechanismen diesen Prozess aufhalten können, wird in Innsbruck untersucht. „Wir versuchen, Substanzen zu finden, die die Neuronen vor Schädigungen durch MSA beschützen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Gregor Wenning, Klinischer Neurobiologe und Leiter der Innsbrucker MSA-Studiengruppe. „Faktoren, die das Nervenwachstum steuern, oder entzündungshemmende Substanzen sind in der Lage, MSA im Frühstadium zu lindern oder zu stoppen.“ Die Neurobiologin Dr. Nadia Stefanova aus dem Labor für Neurodegenerationsforschung konnte im Tiermodell den Nervenzelluntergang durch die Gabe neuroprotektiver Medikamente teilweise aufhalten. In den experimentellen Studien ist es Stefanova auch gelungen, im Mausmodell durch die Verpflanzung neuronaler Stammzellen Parkinson-ähnliche Defizite rückgängig zu machen. Die Ergebnisse schüren die Hoffnung auf heilsame Reparaturstrategien gegen die bisher unheilbare Erkrankung. „In unseren Studien haben wir die Rolle der Neuroinflammation und ihre therapeutische Unterdrückung für die Neurodegeneration in Bezug auf das oligodendrogliale a-Synuklein gezeigt“, so Stefanova. Die Innsbrucker MSA-Studiengruppe koordiniert seit 1999 die Forschungsergebnisse von mehr als zwanzig europäischen MSA-Zentren. Zur Identifizierung weiterer genetischer Krankheitsdeterminanten ist eine whole genomic associative study (WGAS) mit Kontroll-DNA-Proben vorgesehen. Die gegenwärtigen WGAS-Befunde haben mit der Beschreibung erster monogener MSA-Familien in Deutschland und Japan das Genetik-Zeitalter der MSA eingeläutet. In den nächsten Jahren geht es darum, gewonnene Erkenntnisse für die Pathogenese-Forschung nutzbar zu machen und derzeitige Neuroprotektionsansätze im Tiermodell zu verbessern“, blickt Gregor Wenning in die Zukunft.

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