Inkontinenz: Kristalle halten dicht

10. Februar 2010
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Therapien gegen Inkontinenz gab es viele, nicht alle waren wirksam oder lebensnah. Forscher berichten nun Neues: Elektrisch aktivierte Polymere sollen die Funktion eines künstlichen Musculus urethralis gewährleisten. Und auch der Chemiebaukasten wird reaktiviert.

Vor genau fünf Jahren informierten die spanischen Medizintechniker an den Laboratorios Indas in Pozuelo de Alarcon akribisch ihre Fachkollegen über ein neu eingereichtes Patent: Die Erfindung war das Modell eines Ventils für einen künstlichen Blasenschließmuskel, der “intraurethral in Menschen platziert werden soll, welcher die Funktion eines externen Urinsphinkters ausübt und der für die Behandlung von Harninkontinenz und/oder Harnverhaltung gedacht ist“, und: „Das Öffnen dieses Ventils wird außerhalb des menschlichen Körpers durch die Anwendung eines Magnetfelds kontrolliert, welches von einem permanenten Magneten erzeugt wird. Das Ventil wird automatisch durch einen permanenten Magneten, der innerhalb des Ventils platziert ist, geschlossen“. Klingt umständlich und war es wahrscheinlich auch.

Die spanische Offensive

Vielleicht war dies genau einer der Gründe, warum Ärzte in der Schweiz ihren meist älteren Urologie-Patienten die externen Magnetfelder und Ventile außerhalb des Körpers nicht ans Herz – und in den Körper – legten und schon vor langer Zeit eigene Wege gingen. Die spanische Offensive gegen Inkontinenz blieb zumindest auf diese Weise ungelöst. Wenn es um die Steuerung der Harnblase geht, setzt die Schweizer Medizin statt dessen primär auf ein Gerät der American Medical Systems (AMS). Dabei öffnen die Patienten die entscheidende Schleuse im Körper mit Hilfe einer Pumpe. Nicht wirklich schön, aber effektiv.

Pumpe statt Magnet – das hätte sich langfristig etablieren können, nur: Bis zu 50 Prozent der Implantate müssen innerhalb von fünf Jahren ausgewechselt werden. Selbst klinisch versierte Zentren kommen an Fehlraten von 11 bis 28 Prozent nicht vorbei. Wieder musste also eine Lösung her.

Wie der Harnschließmuskel nachhaltig auf Trab gebracht werden könnte, stellen nun Bert Müller und seine Kollegen vom Biomaterials Science Center an der Universität Basel gemeinsam mit Wissenschaftlern der NanoPowers SA in Lausanne im Fachblatt Swiss Medical Weekly vor. Auf den ersten Blick scheint das, was die Experten als zukunftsweisend erachten, zumindest in der Theorie als interdisziplinäre Herausforderung geeignet. Wer verstehen will, wie ein Shape Memory Alloy (SMA) funktioniert, muss nämlich in die Untiefen der Chemie tauchen – Kristallographie inbegriffen. Eine Speziallegierung aus Nickel und Titan vollbringt ein kleines Wunder: Bei bestimmten Temperaturen klappen die Kristallgitter um, ein Prozess, den Chemiker beim Martensit im Eisen-Kohlenstoff-System kennen. Auf Nanoebene erweist sich die Speziallegierung als kleiner Motor: Kleine Temperaturänderungen und Reize lassen die Gitter oszillieren. Eine aus diesen Legierungen gebaute Einheit vermochte so viel Kraft aufzubringen, um die Blase im Versuch zu schließen – oder bei Bedarf wieder zu öffnen.

Kunstmuskel für die Blase

Nicht minder aussichtsreich sind Müller und seinen Kollegen zufolge auch sogenannte elektrisch aktivierte Polymereinheiten (EAP). Die schichtartig aufgebauten künstlichen Muskeln reagieren schon heute so schnell, dass sie mitunter mit den natürlichen Pendants mithalten würden. Auch begeisterten die Fasern aus Plaste und Elaste neben Ärzten ebenso die Sportler-Fachwelt, da das Material als quasi unzerstörbar und perfekt formbar gilt.

Nach 30 Jahren könnte damit der klassische, mechanisch–künstliche Sphinkter in der Urologie allmählich einer neuen Generation weichen, erklären die Autoren. Und tatsächlich könnten EAP und SMA-basierte Systeme durch die gezielte Muskelfunktionssimulation den alten Pendants den Rang abzulaufen. Mit einem Problem hätten aber die Ärzte derzeit nicht nur in der Schweiz zu kämpfen: Bei der Polymerversion bedrohte in den heute verfügbaren Modellen die Betriebsspannung in der jetzigen Variante das Leben der Patienten – sie beträgt mehrere Kilovolt.

78 Wertungen (3.69 ø)
Allgemein

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7 Kommentare:

angelika demski
angelika demski

Gruselige Vorstellung. Die meisten Inkontinenten sind alt, krank und, oder dement. Versuchskaninchen ohne Erinnerung.
Vielleicht sollten wir an der Akzeptanz forschen, dass wir nicht funktionsfähig 100 Jahre alt werden. Ein gesunder Inkontinenter kann mit Training, gesunder Ernährung und den guten Hilfsmitteln viel erreichen.

#7 |
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Ich vermisse hierzu überzeugende Fallstudien

#6 |
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Thorsten Halbe
Thorsten Halbe

was ist mit den Dementen, das ist das Klientel, welches wir in Zunkunft zu versorgen haben, eigentlich ist ein Großteil der Inkontinenten heute schon dement!

#5 |
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Altenpflegerin

Für fitte Menschen sicher eine super Sache, aber was ist mit den Dementen Menschen?

#4 |
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Wolfgang Feßke
Wolfgang Feßke

@2 …nAch 30 Jahren… NICHT …nOch 30 Jahre..

#3 |
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Medizininformatiker

Das Ventil wird automatisch durch einen permanenten Magneten, der innerhalb des Ventils platziert ist, geschlossen¿.
Klingt umständlich

Ein Nanokristalgitter, das noch 30 Jahre Entwicklungszeit benötigt ist da freilich viel einfacher, als ein Magnetventil, welches seit ca. 100 Jahren in allen Bereichen der Technik bereits eingesetzt wird und lediglich für den Einsatz am Menschen modifiziert werden muss. Ich glaube eher, dass das Prinzip zu einfach war, um Forschungsgelder zu beantragen und anschliessend das Produkt richtig teuer zu vermarkten. Wenn da einer das Fahrradventil darin erkannt hat, war das vermutlich der Grund der das Projekt zum Platzen brachte.

#2 |
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Jörg Fricke
Jörg Fricke

Warum bricht der Bericht auf halbem Wege ab und erwähnt nicht das Multilayer-EAP mit 30 V Betriebsspannung? Kurzbericht von Müller et al. unter der URL: eva.unibas.ch/?c=18540

#1 |
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