Auf den Kreidezahn gefühlt

4. Juni 2018

Kreidezähne – so nennt man eine Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. Diese Mineralisationsstörung der Zähne ist zu großen Teilen noch ein ungelöstes Problem, das derzeit in den Medien diskutiert wird. Was weiß man über die Krankheit und wie wird therapiert?

In etwa 98 % der europäischen Münder findet man Karies. Sie ist die häufigste Infektionskrankheit in Industrieländern. Nun machen Zahnärzte auf eine neue Gefahr aufmerksam: Kreidezähne. Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), die sich in Form von fleckigen bis bräunlichen Backenzähnen äußert, tritt bei vielen Kindern auf. In manchen Altersgruppen löst sie die Karies als größte Gefahr für die Zähne sogar ab. Wie können Ärzte Betroffenen helfen?

„In der Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen sehe ich als Spezialistin für Kinderzahnheilkunde täglich mehrfach Kinder mit einer MIH in unterschiedlichen Ausprägungsformen“, sagt Rebecca Otto aus Jena. „Teilweise kommen Kinder auch mit Schmerzen beim Putzen und Essen in die Praxis. Dies ist eines der Hauptsymptome, das neben der optischen Veränderungen am Zahn auch für Patienten wahrnehmbar ist.“

Sie bestätigt nicht nur aus ihrer Erfahrung, dass die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation in manchen Altersgruppen häufiger als Karies auftreten: „Die aktuelle fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) gibt die Prävalenz für MIH bei Zwölfjährigen mit über 28 Prozent an. Das ist in dieser Altersgruppe höher als die Prävalenz für Karies (18 Prozent).“ Die Zahnärztin Otto ergänzt: „Gerade bei höheren Schweregraden ist MIH häufig auch mit Karies assoziiert.“ Steigende Prävalenzen sind nicht nur bei uns, sondern weltweit zu beobachten.

Mehr als ein ästhetisches Problem

Bei MIH führen Mineralisierungsstörungen vor oder nach der Geburt zu Strukturanomalien des Schmelzes. Die betroffenen Zähne sind mehr oder minder stark verfärbt, fleckig und rau.

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Milde Form der MIH mit Verfärbungen auf der Kaufläche eines Backenzahnes © Krämer/DGKiZ

 

Schwere Form der MIH

Schwere Form der MIH © Krämer/DGKiZ

Nach Angaben von Professor Dr. Norbert Krämer von der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und der Poliklinik für Kinderzahnheilkunde, Justus-Liebig-Universität Gießen sind vor allem die vier ersten bleibenden Molaren, also bestimmte Backenzähne, betroffen. „Häufig weisen auch die bleibenden Frontzähne und zunehmend auch die zweiten Milchmolaren diese Fehlstrukturierung auf“, ergänzt der Experte.

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Die Frontzähne sind häufig ebenfalls betroffen. © Krämer/DGKiZ

Kreidezähne sind nicht nur ein ästhetisches Problem. Sie reagieren empfindlicher auf Hitze, Kälte oder auf chemische Reize wie Säuren in Lebensmitteln. Selbst das Zähneputzen bereitet bei stark ausgeprägter MIH Schmerzen. Aufgrund ihrer rauen Oberfläche lassen sie sich schwerer reinigen und es drohen Karies-Läsionen. Erklärt wird die Sensibilität durch den porösen Zahnschmelz. Noxen gelangen bis zur Zahnpulpa und lösen dort chronische Entzündungen aus. Außerdem ist der Zahnschmelz bis zu zehn Mal weicher als bei normalen Zähnen. Unter starker Kaubelastung kann die Oberfläche einbrechen. In der Praxis ist MIH jedoch nicht immer gleich stark ausgeprägt.

MIH-Skala: Jetzt mal genauer

Die Mineralisationsstörung schwankt in weiten Bereichen. Deshalb wurden verschiedene Skalen zur Beschreibung entwickelt:

MIH-Schweregrade nach Wetzel/Reckel:

  • Grad I: Einzelne cremefarbene bis braune Areale an Kauflächen, Höckerspitzen oder an den vestibulären Flächen von Schneidezähnen.
  • Grad II: Viel gelbbrauner Zahnschmelz, ausgedehnte hypomineralisierte Bereiche.
  • Grad III: Großflächige gelblich-braune Areale im gesamten Zahnbereich.

Klassifikation nach Alaluusua:

  • Klasse I: geringfügige Defekte; leichte farbliche Veränderungen
  • Klasse II: mäßige Defekte; isolierte Schmelzverluste
  • Klasse III: schwere Defekte; Schmelzverluste inklusive Dentinbeteiligung

Auf der Suche nach Ursachen

Obwohl der schwedische Forscher Göran Koch MIH bereits 1987 beschrieben hat, wissen Experten bis heute nicht zweifelsfrei, wie es eigentlich dazu kommt. „Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung scheinen Weichmacher aus Kunststoffen zu spielen, die mit der Nahrung aufgenommen werden“, vermutet Professor Krämer von der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde . „Aufgrund von Tierversuchen ließ sich ein Zusammenhang zwischen Bisphenol A-Konsum und der Entwicklung von MIH nachweisen.“ Erhielten schwangere Ratten die Chemikalie, zeigte der Zahnschmelz eine Hypomineralisation, die menschlichen „Kreidezähnen“ nicht unähnlich war. Das Molekül hat hormonähnliche Eigenschaften.

Die negativen Auswirkungen von Weichmachern wie Bisphenol A auf die Gesundheit sind seit Jahren ein vieldiskutiertes Thema. Seit Mitte 2011 dürfen etwa bei uns keine Babyflaschen mit dem Weichmacher mehr verkauft werden. Andere Gebrauchsgegenstände gelten Bewertungen zufolge als unsicher, dürfen aber weiterhin verkauft werden.

Problematischer Schmelz

Als weitere mögliche Auslöser nennt der Experte Infektionskrankheiten, Antibiotika, Windpocken, Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege. „Dennoch gilt die präzise Ursache wissenschaftlich weiterhin als ungeklärt“, fasst Krämer zusammen. Klar ist: Da die Schmelzentwicklung betroffener Zähne zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr stattfindet, müssen in diesem Zeitraum Umweltfaktoren auf Mutter oder Kind einwirken. Ameloblasten könnten eine mögliche Zielstruktur sein. Sie produzieren unseren Zahnschmelz. Im Tierexperiment veränderte Bisphenol A die Genexpression von Ameloblasten.

Eine Exposition nach Abschluss der Zahnbildung führt nicht zur MIH. Erwachsene, die Umweltfaktoren ausgesetzt sind, entwickeln keine Kreidezähne mehr.

Was können Zahnärzte tun?

„Eine sichere Prävention von MIH ist zum jetzigen Stand nicht möglich, weil die Veränderungen schon während der Zahnentwicklung unbemerkt stattfinden und die Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind“, gibt Professor Dr. Stefan Zimmer zu bedenken. Er forscht an der Universität Witten/Herdecke und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM). Dennoch sieht Zimmer Möglichkeiten für Kollegen, aktiv zu werden:

  • Patienten unter sechs Jahren sollten zweimal täglich eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta anwenden.
  • Zimmer rät Eltern von unter 6-Jährigen zu vier bis sechs zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen pro Jahr.
  • Ab dem Durchbruch der ersten bleibenden Zähne empfiehlt er, zweimal täglich eine Junior- oder Erwachsenenzahnpasta mit höherer Fluorid-Konzentration anzuwenden. Fluoridhaltige Mundspüllösungen oder Fluorid-Gelees haben sich ebenfalls bewährt.
  • Alle drei bis sechs Monate machen Vorsorgeuntersuchungen Sinn. Der Zahnarzt kann neben der Prophylaxe gegebenenfalls Fluoridlack einsetzen.
  • Fluoriertes Speisesalz ist unabhängig vom Alter empfehlenswert.

Eingriffe gelten als schwierig, da Lokalanästhetika nicht immer wirken. Das ergab eine Befragung von Zahnärzten. Um die Behandlung zu erleichtern, haben Kollegen ihr „Würzburger MIH-Konzept“ mit einem MIH Treatment Need Index (MIH TNI) entwickelt. Der Score reicht von

  • 0 (keine MIH) über
  • 1 (MIH ohne Hypersensibilität und ohne Substanzdefekt),
  • 2 (MIH mit Substanzdefekt) und
  • 3 (MIH mit Hypersensibilität) bis
  • 4 (Substanzdefekt und Hypersensibilität).

Dadurch werden noch individuellere Behandlungen möglich. Zur Versorgung haben sich Kompositfüllungen bewährt. Das Material versiegelt die lädierte Oberfläche:

MIH-Zähne mit Kompositfüllungen

MIH-Zähne mit Kompositfüllungen © Krämer /DGKiZ

Zähne mit MIH bleiben bei Erwachsenen langfristig erhalten, falls sie mehrmals im Jahr zur Kontrolle gehen. Der Zahnarzt wird die Zähne mit Fluorid behandeln, versiegeln und gegebenenfalls Kronen oder Teilkronen einsetzen.

49 Wertungen (4.22 ø)

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14 Kommentare:

Heilpraktiker

Ich habe bei einer Patientin, damals ca. 68 Jahre alt, beobachtet, das sie eine MIH nach der Behandlung mit Chemotherapie bekam. Sie hat sich über die Jahre dann jedoch nach und nach zurückgebildet. Heute hat sie wieder normale Zähne ( Schneidezähne, die anderen sah ich nicht.)
DA jede Art von Toxinen im Körper mehr Mineralstoffe verbrauchen zur Neutralisation, ist das für mich nachvollziehbar.
Vitamin D-Mangel spielt aber sicher auch eine entscheidende Rolle. Wie viel gehen werdende Mütter an die Sonne? Wir sind doch zu “Stubenhockern” geworden!
Nicht alle….

#14 |
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Dr. Andreas Kölbach
Dr. Andreas Kölbach

Die Lösung des Rätsels woher die Mineralisationsstörung der kindlichen Zähne rührt ist so einfach wie unbekannt: Sie ist das Symptom einer pränatalen Rachitis des Ungeborenen. Ursache ist ein Vitamin D – Mangel der Mutter! Vitamin D-Mangel ist in unseren Breiten sehr verbreitet. Da das Kind nach der Geburt i. d. R. eine Vitamin D-Substitution erhält, entwickeln sich die betroffenen Zähne von diesem Zeitpunkt an normal weiter.
Eine Verabreichung von Fluorid, egal ob an Mutter oder Kind, kann in diesem Zusammenhang keinen positiven Effekt erzielen, da die Zähne ja gerade erst ihre erste Mineralisationsphase durchmachen. Würde eine Fluoridgabe sich positiv auf die Zahnbildung niederschlagen, wäre “Idealfall” eine komplett aus Fluorapatit bestehende Zahnhartsubstanz zu erwarten. Dies geschieht aber nie!! Ganz im Gegenteil wäre wegen der geringen therapeutischen Breite von Fluoriden eher eine weitere Hemmung der Mineralisation zu erwarten.

#13 |
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@8+@5: Frau Cortes+Hr. Dr. Grötschel: Dass Mikronährstoff-Mängel durchaus eine Rolle spielen, hallte ich für sehr wahrscheinlich. Demineralisierung der Zähne ist ein häufiges Symptom bei Anorexie (ich meine nicht die durch bulimisches Erbrechen verursachten Säureschäden), sondern Ca-Unterversorgung bei Magersucht. Und in diesem Zusammenhang halte ich es für wichtig, deutlich zwischen vegan und (ova-lakto-pesco)-vegetarisch zu unterscheiden. Die allgemeine Gewohnheit, vegan und vegetarisch in einen Topf zu werfen, halte ich für sehr ungeeignet. Nur auf Fleisch oder aber auf alles Tierische – also auch auf Milchprodukte, Eier, Fisch – zu verzichten, ist gerade im Hinblick auf die Mikronährstoffversorgung ein himmelweiter Unterschied (nicht nur in Bez. auf B12). Die gängige Praxis, alle Fleischesser in einen Topf zu werfen, ist ebenso unsinnig wie Vegetarier und Veganer zu “vereinigen”. Wenn man schon Gruppen bilden will, dann gehören die vernünftigen Mischköstler (wenig Fleisch, viel Pflanzliches) und OLP-Vegetarier in einen Topf und die Vielfleischvertilger und Veganer bilden zwei extreme Pole.

#12 |
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Nichtmedizinische Berufe

@2: Wie Theophrastus Bombastus von Hohenheim,gen.Paracelsus, schon sagte:” Die Dosis machts,ob ein Stoff giftig ist oder nicht”. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass ein zuviel von NaF an den Zähnen zu einer recht schnellen Erweichung des Zahnschmelzes führt und dies wiederum zu einer Verformung des Zahnes. Auch dann, wenn ausreichend Calciumphosphat zugeführt wird.

#11 |
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Zahnarzt

ich möchte anmerken, dass die MIH häufig selektiv auftritt, das heißt, es sind unterschiedlich viele 6er betroffen im Unterschied zu der nachgewiesenen Tetracyclin-Verfärbung, welche sämtliche Zähne in der gleichen Entwicklungsstufe bänderförmig betrifft, also alle 6er und auch die gleichzeitig gebildeten Schneidezahnregionen. Wenn eine äußere Noxe die MIH auslöst, sollte mindestens bei der Mehrzahl der Fälle die gleichzeitig gebildeten Areale betroffen sein. Nach meiner Beobachtung sind auch die betroffenen Bereiche unterschiedlich groß, z.B. im gleichen Mund bei einem 6er die Höckerspitzen, zum Teil nicht immer alle, beim anderen die komplette Krone, die beiden restlichen normal mineralisiert.

#10 |
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Nichtmedizinische Berufe

ich frage mich, ob die gesetzlichen KK auf diese neue Erkrankung reagieren wird, die ja offensichtlich nichts mit der Zahnpflege zu tun hat. Bisher ist ihr Credo: “Ein gut gepflegter Zahn bleibt gesund.”
Wer unterstützt die betroffenen Kinder bzw deren Eltern finanziell?
Ich habe das Problem “weicher Zahnschmelz ” wobei es bei mir laut Zahnärzten daran liegt, dass ich als Baby/ Kleinkind oft Antibiotika nehmen musste. Es gibt es Antibiotika überall, besonders in der Massentierhaltung., aber auch im Trinkwasser. Auch hier könnte ein Zusammenhang bestehern, wie gesagt, der möglichen Thesen sind viele.

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

Herr Dr. Grötschel, in Indien gibt es viele Menschen, die seit Generationen aus religiösen Gründen vegetarisch / vegan leben. Ist die Erkrankung dort schon länger bekannt bzw ausgeprägt?

#8 |
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Hypomineralisation als Folge von Mangel an Vit. D3?

#7 |
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Mitarbeiter Industrie

@ Kommentar von Herrn Dr. med. vet. Grötschel: das könnte jeder Zahnarzt/jede Zahnärztin relativ schnell feststellen. Einfach bei den Kindern mit Kreidezähnen nach der Ernährung der Mutter im betreffenden Zeitraum fragen. Ich vermute aber, dass da keine Kausalität feststellbar ist. Es könnte auch am zunehmenden Flugverkehr liegen, oder an der Verbreitung von Smartphones, deren Zahlen steigen auch an…

#6 |
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Die Ursache könnte auch in den Ernährungsgewohnheiten der werdenden Mütter liegen. Es fällt eine Korrelation zwischen der Zunahme der MIH und der Zunahme der vegetarisch bzw vegan lebenden Mütter auf.

#5 |
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Chemiker

Nebenbei bemerkt: Bisphenol A ist kein Weichmacher, sondern einer der Stoffe, aus denen Polycarbonat hergestellt wird. Es kann daher als Nebenprodukt in diesem Kunststoff vorkommen.

#4 |
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Dr Erhard Hildebrand
Dr Erhard Hildebrand

Es wäre so hilfreich, den Ursprung des Wissens, Fluoride seien an der Entstehung von “Kreidezähnen” beteiligt, zu erfahren. Fluorose mit ihrer weißfleckigen Verfärbung ist eine andere Diagnose, hat mit Hypomineralisation nichts zu tun.

#3 |
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Hildegard Haß-Stötzel
Hildegard Haß-Stötzel

Halogene in reiner Form sind Zellgifte. Deshalb tut man Chlor ins Schwimmbadwasser und Jod auf Wunden. Dasselbe Element (Chlor) ist in gebundener Form nichts anderes als Kochsalz. Ich habe noch nie gehört, dass Kochsalz giftig ist. Ebenso verhält es sich mit Fluor und Fluoriden. Die Zähne sind deshalb so weich, weil eben Mineralstoffe (Calciumphosphat und Fluoride) fehlen. Außerdem: wo soll denn zwischen dem 8. Schwangerschafts- und dem 4. Lebensmonaten die Fluoride her kommen?

#2 |
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Eine weitere Ursache sind Fluoride.

#1 |
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