Säuglingssterblichkeit: Tun wir zu wenig?

7. Juni 2018

Was die Säuglingssterblichkeit in Europa betrifft, befindet sich Deutschland im Mittelfeld. Warum sind die Zahlen hierzulande nicht besser? Eine mögliche Schwachstelle im System könnte das Arzt-Patienten-Gespräch sein. Weisen Gynäkologen genügend auf Risikofaktoren hin?

Die Sterblichkeit bei Kindern im ersten Lebensjahr ist EU-weit seit den 1990er Jahren stark gesunken. Statistiken zur Lebenserwartung stellen aber nur das Große und Ganze dar. „Der Kampf ist noch nicht gewonnen“, betont auch die Stiftung Kindergesundheit. Denn sieht man sich die Säuglingssterblichkeit in europäischen Ländern an, befindet sich Deutschland nur im Mittelfeld, während skandinavische Länder deutlich weniger Todesfälle zu verzeichnen haben. Woran liegt das?

Vor allem auch daran, dass Gynäkologen im Arzt-Patienten-Gespräch manche wichtige Punkte vergessen oder zu wenig berücksichtigen – diese Vermutung liegt zumindest nahe, wenn man sich an den Ergebnissen einer aktuellen Studie orientiert.

Wie aus der folgenden Grafik ersichtlich wird, gibt es deutliche regionale Unterschiede, die überraschen:

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Grafik © Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

In Deutschland erreichen 3,3 von 1.000 Lebendgeborenen ihren ersten Geburtstag nicht. Damit haben wir neben Österreich (3,1 Todesfälle pro 1.000 Lebendgeburten), den Niederlanden (3,3), Frankreich (3,7) sowie der Schweiz (3,9) einen eher durchschnittlichen Platz im Mittelfeld. Schweden (2,5), Norwegen (2,3), Montenegro (2,2), Island (2,2), Finnland (1,7), Norwegen (1,7) und Slowenien (1,6) haben deutlich niedrigere Mortalitäten im ersten Lebensjahr. Alle Zahlen wurden von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, zuletzt im Jahr 2015 erhoben.

„Dank der Fortschritte in der Perinatalmedizin konnte die Säuglingssterblichkeit in den letzten 50 Jahren auch bei uns um 90 Prozent gesenkt werden, sagt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Es bleibt dennoch beunruhigend, dass wir trotz hoher Aufwendungen für unser Gesundheitssystem immer noch nicht die erheblich niedrigeren Werte der skandinavischen Länder erreichen können.“ Erklärungsansätze liefert eine kürzlich veröffentlichte Studie, bei der Wissenschaftler zwei Extreme untersuchten: Sie verglichen England mit einer relativ hohen Säuglingssterblichkeit mit Schweden, das zu den Ländern mit niedriger Säuglingssterblichkeit zählt.

Zwischen Schweden und England liegen Welten. Warum?

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Ania Zylbersztejn © ResearchGate

Das Vereinigte Königreich hat die höchste Kindersterblichkeit Westeuropas, nämlich 4,9 pro 1.000 Geburten innerhalb der ersten vier Lebensjahre. Das sind 25 Prozent mehr als in Frankreich, Deutschland, Italien oder Spanien. Gemessen an Schweden (2,7 pro 1.000 Geburten) ist der britische Wert überraschend hoch.

Ania Zylbersztejn vom Farr Institute of Health Informatics Research, London, wollte herausfinden, welche medizinischen oder sozioökonomischen Besonderheiten diesen Unterschied erklären. Ihre Analyse erstreckt sich von der Geburt bis zum Ende des vierten Lebensjahrs. Basis von Zylbersztejn Studie waren Daten des englischen National Health Service mit 3,9 Millionen Geburten und 11.392 Todesfällen. Hinzu kamen eine Million Geburten und 1.927 Todesfälle aus Aufzeichnungen des schwedischen Gesundheitswesens. Der Erstautorin lagen Informationen zum Alter der Mutter, zur Schwangerschaft, zur Geburt und zum sozioökonomischen Status vor. Alle Ergebnisse stellte sie im zeitlichen Verlauf dar:

  • Zwischen Tag 2 und 27 war das Mortalitätsrisiko britischer Babys im Vergleich zum schwedischen Nachwuchs um 66 Prozent höher. Dieser Unterschied lässt sich durch den Gesundheitsstatus der Mutter (77 Prozent) und durch sozioökonomische Faktoren (3 Prozent) erklären.
  • Zwischen Tag 28 und 364 lag die Mortalität im Inselstaat um 59 Prozent höher. Zylbersztejn führt dies auf den Gesundheitsstatus der Mutter (68 Prozent) und auf den sozioökonomischen Status (11 Prozent) zurück.
  • Ab dem ersten bis zum vierten Jahr lag der Wert bei 27 Prozent. Der Unterschied war hier nicht mehr signifikant.

Sozioökonomische Nachteile stünden mit einer schlechteren Gesundheit der Mutter, mit mehr Frühgeburten und einem niedrigeren Geburtsgewicht in Verbindung, schreibt die Erstautorin. Dies zeigt sie anhand von Unterschieden beim Nikotinkonsum (12 Prozent in England, 6,5 Prozent in Schweden) und beim Körpergewicht der Mutter (Adipositas 20 versus 12,5 Prozent). Doch wie kommt es zu den großen Unterschieden?

Auf den ersten Blick sind die Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukte Schwedens (47.400 Euro) und Großbritanniens (35.200 Euro) zu ähnlich, um den starken Effekt zu erklären. In ihrer Analyse verweist Zylbersztejn auf die extrem unterschiedliche Verteilung von Geldern. In der britischen Bevölkerung haben die untersten 20 Prozent sieben Mal weniger Einkommen als die obersten 20 Prozent. In Schweden liegt der Abstand beim Faktor vier.

Besser beraten, Leben retten

Laut Zahlen der Bundeszentrale für politische Bildung (BPI) gleichen die Einkommensunterschiede in Deutschland eher Schweden als Großbritannien. Es kann also nicht nur am Geld liegen, dass Deutschland bei der Säuglingssterblichkeit nur im Mittelfeld liegt. Die Stiftung Kindergesundheit nennt viele Faktoren, von denen einige durch intensivere gynäkologische Beratung beeinflussbar wären, während andere in den Verantwortungsbereich der Eltern fallen:

  • Rauchen: Rauchen während der Schwangerschaft wird mit mehr Fehl- und Frühgeburten in Verbindung gebracht. Auch der plötzliche Kindstod tritt bei Raucherinnen häufiger auf. Herzfehler sind ebenfalls wahrscheinlicher.
  • Übergewicht: Auch ein hoher BMI der Mutter gilt als Risikofaktor. Mit höherem Körpergewicht steigt das Mortalitätsrisiko von Kindern innerhalb der ersten 28 Tage.
  • Stillen: Stillen verringert die Säuglingssterblichkeit und schützt vor dem plötzlichen Kindstod.
  • Vorsorge: Sozial benachteiligte Mütter nehmen Vorsorgeuntersuchungen weniger oder verspätet wahr. Sie haben laut Stiftung Kindergesundheit ein höheres Risiko, Frühgeburten zu erleiden (14,9 Prozent), verglichen mit der Standardvorsorge (3,3 Prozent).
  • Alter der Mutter: Heute bekommen viele Mütter ihre Kinder in höherem Alter. Späte Schwangerschaften werden mit mehr Frühgeburten in Verbindung gebracht, was wissenschaftlich jedoch umstritten ist. Frühchen haben eine höhere Mortalität.
  • Klinikausstattung: Und nicht zuletzt sterben weniger Kinder in gut ausgestatteten Perinatalzentren mit hohen Fallzahlen als in kleinen Frauen- oder Kinderkliniken. Portugal hat vor Jahren seine Geburtshilfe anhand von Mindestmengen optimiert und dadurch die Säuglingssterblichkeit auf ein Drittel des ursprünglichen Werts verringert. Auch hier zu Lande wissen Gynäkologen mit Berufserfahrung genau, um welches Haus man besser einen Bogen macht.

Nicht alle der aufgelisteten Faktoren lassen sich in gleicher Weise beeinflussen. Trotzdem: Frauen mit Kinderwunsch und werdende Mütter müssen sich den genannten Risiken bewusst sein. Mit mehr Beratung lässt sich vielleicht die eine oder andere Patientin überzeugen, ihren Lebensstil zu ändern oder die Wahl der Klinik genau zu überdenken. Auf diese Weise können Gynäkologen dazu beitragen, Todesfälle zu verhindern.

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Bildquelle: Bridget Coila, flickr / Lizenz: CC BY-SA

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5 Kommentare:

Anna Maria Kosak
Anna Maria Kosak

Danke Laure Reese, das kann ich unterschreiben. In den skandinavischen Ländern werden Schwangere v.a. durch Hebammen betreut, die mehr Zeit für eine individuelle Beratung haben und dann Probleme finden und lösen können, die im Labor, Ultraschall oder CTG nicht erkennbar sind.

#5 |
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Mehr Hebammen, die die Schwangerschaft begleiten,die auch wirklich 6 Wochen lang(angemessen bezahlt) nach der Geburt Hausbesuche machen und die Lage beurteilen, mit Rat und Tat den Familien zur Seite stehen. Mehr Kontrolle/ Gängelung durch die Gyns macht nichts besser.
Je entspannter eine Frau ist , je behüteter sie sich fühlt, desto besser ist das come-out des Kindes. Der größte Streß für eine Schwangere ist, sich alleine gelassen zu fühlen. Der Anspruch der Gesellschaft ist: Die Frau soll so sein, als ob sie nicht schwanger ist: keinen dicken Bauch, keine dicken Beine, keine Müdigkeit, leistungsfähig und leistungsbereit bis in die Überstunden soll sie sein und möglichst auch nicht irgendwie bedürftig.
Dazu kommt, daß es fast kein familiäres Gesundheitswissen mehr gibt.

#4 |
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Hebamme

Mortalität ist nicht alles! Wer mal ein Frühchen aus der 23.SSW nach einem Jahr gesehen hat, weiß dass die Senkung der Mortalität leider nichts darüber aussagt wie hoch die spätere Lebensqualität dieser z.T. lange beatmeten Kinder ist…

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sozial schlechter gestellte Mütter wohnen auch in schlechteren Wohnungen, oft feucht und mit Feinstaub belastet. Kenne den traurigen Fall einer Mutter eines Schülers von mir, ihr Baby ist an einer Lungenentzündung gestorben, die durch Schimmelbefall in der Wohnung verursacht wurde.
Vielleicht ist das in Skandinavien weniger der Fall, aber auch auf Zypern….

#2 |
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Ich vermute .daß die mit den sehr guten Zahlen zum großen Teil geschönt sind.zB . in Slowenien ,Montenegro, Zypern usw.
Gruß Dr. K. Heiden

#1 |
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