Plauzen leben länger

11. Februar 2010
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Wer dick ist, bekommt medizinische Probleme. Das ist gängige Lehrmeinung. Nur stimmt sie nicht zwangsläufig. Altersforscher finden zunehmend Hinweise darauf, dass es im dritten Lebensdrittel eher von Vorteil ist, dick zu sein. Wer dick ist, lebt länger.

Australien ist toll. Aber abgesehen von ewiger Weite und unendlichem Himmel gibt es „down under“ auch unheimlich viele dicke Menschen. In Statistiken der Weltgesundheitsorganisation nimmt Australien in der Rangliste der übergewichtigen Länder einen guten dritten Rang ein. Nur in den USA und in Großbritannien sind mehr Menschen übergewichtig. Kein Wunder also, dass sich australische Wissenschaftler über die gesundheitlichen Folgen des Übergewichts Sorgen machen.

Altersforscher äußern Zweifel am Übergewichtskonsensus

Je dicker, desto früher tot, lautet, etwas kurz gefasst, die gängige These zum Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krankheitsrisiken. Tatsächlich beruht die WHO-Einteilung des Body Mass Index in die vier Kategorien „untergewichtig“, „normalgewichtig“, „übergewichtig“ und „fettleibig“ auf Studien zur Morbidität und Mortalität. Diese Studien allerdings hatten damals im Wesentlichen jüngere Menschen eingeschlossen. Die Frage also, ob Übergewicht und Fettleibigkeit auch im Alter problematisch sind, lässt sich mit den klassischen Daten nicht so ohne Weiteres beantworten. Für die Praxis ist das nicht ganz irrelevant: Soll man einem 75jährigen Übergewichtigen mit Hinweis auf die Gesundheit raten, Gewicht abzunehmen? Oder bringt das nichts? Ist es gar kontraproduktiv? Altersforscher um Professor Leon Flicker von der University of Western Australia haben sich dieses Themas jetzt etwas genauer angenommen. Sie berichten darüber in der Zeitschrift Journal of The American Geriatrics Society. Die Wissenschaftler haben sich für ihre Datenerhebung dabei angemessen viel Zeit genommen. Zehn Jahre lang haben sie mehr als 9200 Australier begleitet, die zu Beginn der Studie irgendwo zwischen 70 und 75 Jahre alt waren. Nach guter Epidemiologenmanier erfassten sie regelmäßig den Gesundheitsstatus, aber auch Lifestyle-Faktoren wie körperliche Bewegung. Das primäre Interesse galt der Fragestellung, ob die klassischen BMI-Kategorien der WHO auch bei Menschen im deutlich fortgeschrittenen Alter noch mit der Sterblichkeit korrelieren oder nicht.

Wer im Alter die Wahl hat, sollte lieber dick sein

Um es kurz zu machen: Sie tun es nicht. Angehörige der Altersgruppe zwischen 70 und 75 lebten dann am längsten, wenn sie zu Studienbeginn einen BMI von 26,6 kg/m2 (Männer) beziehungsweise 26,26 kg/m2 (Frauen) hatten. In der gängigen WHO-Klassifikation des BMI liegt das klar im übergewichtigen Bereich. Über die gesamte BMI-Kategorie hinweg gerechnet lag das Sterberisiko für übergewichtige Menschen (BMI 25-29,9 kg/m2) um 13 Prozent geringer als das Sterberisiko normalgewichtiger Menschen (BMI 18,5-24,9 kg/m2). Und das Risiko explizit fettleibiger Menschen war in etwa so hoch wie das Risiko normalgewichtiger Menschen dieser Altersklasse. „Diese Daten sind ein weiterer Beleg dafür, dass die WHO-Einteilung des BMI für Übergewicht und Fettleibigkeit im höheren Alter zu restriktiv ist“, betont Flicker. Aus seiner Sicht sei es an der Zeit, diese Einteilung zu überdenken.

Nun ist das mit der Korrelation von Sterblichkeit und BMI ja bekanntlich immer so eine Sache. Wer beispielsweise krankheitsbedingt abnimmt, hat einen niedrigeren BMI. Er stirbt aber nicht daran, sondern an seiner Erkrankung. Die australischen Wissenschaftler haben diese und andere Störgrößen allerdings einberechnet: Sie unterschieden in einer Zweitauswertung zwischen jenen Probanden, die zu Studienbeginn einigermaßen gesund waren und jenen, bei denen sterblichkeitsrelevante chronische Erkrankungen bereits vorlagen. Die Korrelation hielt dennoch: Sowohl in der „gesunden“ als auch in der „kranken“ Subgruppe schnitt die übergewichtige Kohorte in Sachen Gesamtüberleben am besten ab.

Bewegung schadet auch im Alter nichts

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass jene, die es schaffen, einigermaßen gesund 70 Jahre alt zu werden, in Bezug auf das Körperfett ein anderes Risikoprofil haben als jüngere Menschen.“ Komplett anders ist das Risikoprofil allerdings nicht: Ein bewegungsarmes Dasein („sedentary lifestyle“) korreliert auch im Alter zwischen 70 und 75 Jahren deutlich mit der Gesamtsterblichkeit. Vor allem bei Frauen ist das Sterberisiko dann doppelt so hoch. Bei Männern ist der Zusammenhang dagegen nicht ganz so eng. Das Risiko ist hier nur etwa ein Viertel höher.

Auch wenn die Wissenschaftler ihre Kritik an den BMI-Kategorien nur auf die Situation bei älteren Menschen beziehen, so stellen die australischen Daten doch weitergehende Fragen. Denn Menschen, die zwischen 70 und 75 Jahren übergewichtig sind, waren vorher in der Regel nicht normalgewichtig. Soll heißen: Es muss bereits im jüngeren Alter Unterschiede zwischen Übergewicht und Übergewicht geben. Interessant wäre in diesem Zusammenhang sicher der Taillenumfang als ein Marker für kardiovaskulär besonders problematisches Fett gewesen. Hierzu findet sich allerdings keine Angabe.

149 Wertungen (4.3 ø)
Allgemein

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11 Kommentare:

Die kritische Bewertung des BMI scheint mir als Grundkritik absolut berechtigt! Auch wenn eine gewisse Allgemeingültigkeit nicht abgestritten werden kann, so ist doch auf jeden Fall die Gruppeneinteilung, die da als gültig angesehen wird, äußerst fragwürdig. Ältere Einteilungssysteme, die ebenso auf Körpergröße und -gewicht beruhten, wurden genau deswegen in Frage gestellt.
Im Übrigen bin auch ich der Meinung, dass ein kleines Pölsterchen zum Zusetzen in Krankheits- und Krisenzeiten gewiss nicht schädlich ist …

#11 |
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Wobei natuerlich auch die Lebensqualitaet darunter leidet, wenn die Gesundheitsjakobiner alle anprangern und hetzen, die Ihnen zu unegesund leben, am schoensten mit dem dem reizenden Kostenargument.

#10 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Nur am Rande: Plauze oder Plauzen ist oder sind ein in Westdeutschland unbekanntes deutsches (?) Fremdwort.
Zur Sache: An der mathematisch exakten Analyse hapert es,
trotz im Doc-Beitrag zu findender Kritik, meiner Meinung nach.Kann mir Jemand (Vezeihung auch Jemande) helfen?
Welche Erkenntnis hatte G.J.Caesar zu der Äußerung veranlaßt
“Laßt dicke Männer um mich sein” ?-
Cordialiter! Dr.med.Ernst H.Tremblau;Neuropsychiater.

#9 |
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auch für ” Pflauzen ” gilt: get moving – start living

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

Wenn die “Dicken” auch länger leben, was ist das denn dann für ein Leben, mit defekten Hüft-, Knie- und Fussgelenken?
Bei vielen “Dicken” erscheint der Bewegungsablauf auch eher einem Entengang, oder Schaukelgang. Schleppen sie mal 50 kg zusätzliche Ballast mit sich herum, dann werden sie merken, wie “gut” sie noch Luft bekommen.
Im Alter etwas korpulenter ist mit Sicherheit besser als ein Knochengerüst mit Haut drüber. Da ältere auch öfter in Krankenhaus müssen, ist es auch gut, wenn die dann ein vernünftiges Polster haben.
Viel Glück den Dicken und Dünnen.

#7 |
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Dipl. Päd. Hubert Müller
Dipl. Päd. Hubert Müller

Ein Bewertungssystem (BMI), bei dem Brad Pitt als stark übergewichtig und Arnold Schwarzenegger als krankhaft fettsüchtig eingestuft werden müsste, bei dem Referenzwerte für Jugendliche durch mathematische Interpolation von Erwachsenendaten und nicht durch medizinische Fakten berechnet werden, bei dem die Refenzwerte für Erwachsene von amerikanischen Lebensversicherungen bestimmt wurden (möglichst niedrig, da alle, die darüber liegen einen höheren Beitrag zahlen müssen), disqualifiziert sich für eine wissenschaftliche Bewertung ohnehin. Bereits seit den 70er Jahren ist bekannt (Framinghamstudie, Nurses Health), dass der BMI für eine wissenschaftliche Risikoabwägung vollkommen ungeeignet ist.

#6 |
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Arzt Eduard Werwein
Arzt Eduard Werwein

Lebensstandart, Lebensqualität, Lebensstiel und Lebensform beeinflüßen meistens die Lebensdauer. Das sind die Kategorien der Lebensweise.
Unbestreitbar: “Die Bewegung ist das Leben!”

Arzt: Eduard Werwein

#5 |
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Anette Minarzyk
Anette Minarzyk

Das Ergebniss überrascht nicht. Es ist längst klar, dass die gängigen BMI-Grenzwerte nur auf Erwachsene mittleren Alters anwendbar sind. Für Kinder liegen die BMI-Werte die ein altersgemäßes Normalgewicht anzeigen drastisch niedriger, während die Grenzwerte für ältere Menschen deutlich höher angesetzt werden müssen. Mit zunehmendem Alter verändert sich das Verhältniss von Fett zu Muskelmasse, der Hydrierungsgrad des Gewebes und obendrein die Körpersillouette in der Weise, dass die Figur in sich zusammensackt und die Taille gestaucht wird. Man hätte das bei einer Untersuchungspopulation im Alter von 70-75 Jahren berücksichtigen müssen. Insofern sehe ich die Resultate als methodisches Artefakt an.

#4 |
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Selbstst. Apothekerin

Alle gesundheitsbezogenen Studien laufen sich tot, wenn man z.B. an Hermann Heester denkt: er hat sein Leben lang geraucht und getrunken, war nie über- oder untergewichtig und ist 105 Jahre alt geworden. Meiner Meinung nach ist die Lebensdauer genetisch bedingt.

#3 |
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Es kommt ja nicht unbedingt auf die Lebensdauer selbst, sondern eher auf die Lebensqualität an; ob hierbei die Übergewichtigen infolge der unvermeidlichen Folgen(z.B. Diabetes, Stütz- und Bewegungsapparats- bzw.Herz-Kreislauf-Pronlemen etc) , besser abschneiden , bleibt eher dahingestellt!

#2 |
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Mit dem BMI als Maß ist das zu ungenau.
Wir wissen doch heute längst um die Bedeutung des abdominellen Fettes als eigenständiger Risiko- und Entzündungsfaktor. Fakt ist allerdings, dass Untergewichtige eine im Durchschnitt geringere Lebenserwartung haben.
Die Studienergebnisse können mich nicht überzeugen.

#1 |
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