K.O.kain in Europa

11. Februar 2010
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Drei Prozent aller plötzlichen Herztode in Spanien sind die Folge von Kokainkonsum. Nun stellen Mediziner eine neue These auf: Die Zahl lässt sich offensichtlich auf die gesamte EU übertragen. Dort schniefen nach aktuellen Schätzungen 12 Millionen Europäer.

Für Kardiologen und Niedergelassene bedeuten die Studienergebnisse ein Umdenken – die Frage nach einem bestehenden Kokainkonsum des Patienten gehörte bislang nicht zur üblichen Anamnese in der Praxis. Genau das scheint jedoch angebracht. Denn laut Joaquin Lucena, Chef der Forensischen Pathologie in Sevilla, lassen sich exakt 3,1 Prozent aller plötzlichen Herztode durch einen vorherigen Kokainkonsum der Verstorbenen erklären. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kokain Veränderungen in den Arterien und am Herzen auslöst“ , erklärt der Spanier. Immerhin: Zwischen 0,1 und 1,15 mg/L betrug die Konzentration der Droge im Blut und Urin der Dahingeschiedenen. Lucena sah sich dann die Werte im Detail an. Nicht die Dosis an sich scheint das Gift zu machen, sondern das Koks per se. Schon winzige Mengen der Substanz, erkannte Lucena anhand der Blutwerte seiner Klienten, vermögen – je nach Konstitution, Alter und Verfassung der Betroffenen – den gleichen Schaden anrichten wie hohe Kokainkonzentrationen. Raucher sind vom Tod durch den weißen Schnee besonders betroffen, rund 81 Prozent der Obduzierten hatten nach dem Koks zudem wohl noch ein letztes Mal zum Glimmstengel gegriffen.

Nicht minder letal ist ein anderes Laster: Auch Alkohol nach dem Konsum der Droge beförderte die Süchtigen auf Lucenas Tisch. Offensichtlich triggern Nikotin und Ethanol die zerstörerische Wirkung des Kokains, warum das so ist, kann Pathologe Lucena indes noch nicht erklären.

Weitaus dramatischer lesen sich die morbiden Erkenntnisse in einem anderen Kontext. Lucena zufolge gibt es nämlich keinen Grund anzunehmen, dass die Wirkung von Kokain in England, Italien oder im sonstigen Europa anders ausfällt, als unter spanischem Himmel. Allein 7,5 Millionen Europäer im Alter zwischen 15 und 34 Jahren gehören zur bedrohten Schicht – und nur in dieser Altersgruppe könnten Lucena zufolge über 230.000 Menschen durch plötzlichen Herztod sterben, ohne dass Ärzte diesen Zusammenhang kennen. Rechnet man die Opfer gar auf die vermuteten 12 Millionen Kokain-Konsumenten in der Europäischen Union hoch, rafft die Droge sogar über 370.000 Menschen im Laufe ihres Lebens dahin – die Ursache getarnt als plötzlicher Herztod.

Dieser Aspekt ist in dieser Dramatik neu

Bislang wussten Mediziner zu berichten, dass Menschen mit hohem Kokainkonsum ein 7-Mal höheres Risiko für einen nichttödlichen Myokardinfarkt aufweisen. Dass „schätzungsweise ein Viertel der nicht tödlich verlaufenden Myokardinfarkte in der Altersgruppe der 18- bis 45-Jährigen mit einem häufigen Kokainkonsum in Verbindung zu bringen war“ attestiert auch der von der EU publizierte Report „Stand der Drogenproblematik in Europa 2009“. Doch der spanische Pathologe setzt einen drauf – und outet Kokain erstmals als letalen Arterien- und Herzvernichter. Niedergelassene Ärzte müssten sich demnach auf eine neue Anamnese vorbereiten, und das dürfte schwierig sein. „Nehmen Sie Koks?“ statt „Rauchen Sie?“ als einleitende Frage dürfte dem einen oder anderen Patienten den frühen Tod ersparen.

Zu hoffen, dass sich das Problem durch Eindämmung des Drogenkonsums irgendwann von selbst erledigt, scheint illusorisch. Schon der Jahresbericht 2007 der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) ließ nämlich Übles erahnen. Der Kokainmissbrauch, so offenbarten die Zahlen, nimmt deutlich zu. Auf Pathologe Lucena warte somit in Zukunft viel Arbeit: Mit 107 Tonnen lag allein die im Jahr 2007 erfasste und beschlagnahmte Kokainmenge in Europa um mehr als 45 Prozent über der Zahl des Vorjahres.

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Allgemein

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11 Kommentare:

@Andreas Deutsch: Wenn’s denn man so einfach wäre.

Natürlich ist der Mensch nicht vor Krankheit gefeit (Sucht IST Krankheit), allerdings ist die Frage, wie Sucht entsteht, viel schwieriger zu beantworten, als es gemeinhin getan wird.

Und auch der Legalitätsaspekt ist recht kompliziert, beispielsweise auch deshalb, weil hier immer der so genannte Verfolgungsdruck eine Rolle spielt.
Und es muss zwischen Entkriminalisierung und Legalisierung deutlich unterschieden werden.(Entkriminalisierung bedeutet, dass bestimmte Mengen – variieren von Bundesland zu Bundesland – zum Eigenverbrauch zwar zur Anzeige gelangen von der Staatsanwaltschaft sozusagen automatisch nicht weiter verfolgt werden).
@ Herr Gerull in diesem Zusammenhang: der KONSUM einer Substanz (auch illegalen) ist generell straffrei. Strafbewehrt ist bei illegalen Substanzen der Besitz, Handel usw.

Im übrigen ist das Gefährdungspotenzial einer Substanz durchaus nicht zwangsläufig an das Abhängigkeitspotenzial gekoppelt, auch nicht an das Auffälligkeitspotenzial.

Es ist schon ein bemerkenswert spannendes und vielschichtiges Gebiet und wenn der ein oder andere Kollege/Kollegin Lust hat auf weiteren Austausch: eMail genügt.

#11 |
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Dr. Andreas Dreusch
Dr. Andreas Dreusch

@Karsten Strauß: das HAuptgeschäft macht (gerade in Spanien) die Ndrangheta mit ca 25 Milliarden Umsatz pro Jahr.
Das Problem scheint doch zu sein: der Mensch ist nicht perfekt und neigt immer zur Sucht. welche es denn auch sei, ob Alkohol oder body building, Tabak oder kosmetische Operationen – suum quique. Auch klar ist, dass jedes Verbot die illegalität und damit kriminelle Organisationen auf den Plan ruft. Je illegaler, um so gewinnträchtiger (was für Kokser wie für Steuerhinterzieher gilt). Der verbietende Staat kann da kein Heilmittel sein.

#10 |
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Dr. med. Maria-Luise Scherzer
Dr. med. Maria-Luise Scherzer

“Wir brauchen eine glaubwürdige Politik…” – genau! Und vor allem glaubwürdige Politiker! Michel Friedmann ist nicht der Einzige, der “kokst” – schauen Sie sich doch die Pupillen genauer an, die Symptome kennen wir doch! –
Vor jedem Wettkampf müssen Sportler eine Probe abgeben; warum fordert zumindest die Ärzteschaft nicht Gleiches von Politikern vor Abstimmungen? Wer wird uns Ärzten eines Tages vorwerfen, wir hätten nichts getan?

#9 |
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Ein “Abhängiger” der sich mit Kokain eingelassen hat, wird sich niemals mehr mit dem “kleineren Übel” ( Glimmstängel ) zufrieden geben. Es ist schon beängstigend, daß die Waffen gegen Suchtleiden nicht greifen.

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#8 |
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Ja, was soll man dazu sagen? Seiot einer ganzen reihe von Jahren bin ich der Auffassung, dass Kokain eine den am heftigsten unterschätzen Drogen ist – ich hab’ so manchen Kokainisten schon behandelt. Ein paar wenige Sätze dazu findet man auch hier: http://www.suchtmedizin.de/Substanzen/Kokain/kokain.html.

Es ist aus meiner Sicht gut, wenn deutlicher wird, mit was für einem Kaliber wir es hier zu tun haben.

Beim frommen Wunsch der Eindämmung “der Drogen” (da muss man bitte sehr deutlich differenzieren!) wird der kriminaltechnische Aspekt gerne ausgeklammert: wer da etwas anfassen will, sollte sich über die OK (organisierte Kriminalität) schlau machen….

#7 |
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Arzt Eduard Werwein
Arzt Eduard Werwein

Kokain als Droge hat ein hohes Suchtpotenzial.Toleranzentwicklung zur Substanz bei den Kokainabhängigen fordert Dosissteigerung beim Konsum.
Als Folge der Überdosierung ist Kokainintoxikation, bzw. tachykarde Herzrythmusstörungen,hypertensive Krisen, Herzinfarkte und Schlaganfälle, sehr oft zerebrale Krampfanfälle, Status epileptikus.
Unwiderlegbar: Kokainkonsum kann tödlich sein.

#6 |
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ob Nikotinkonsum das kleinere Übel ist mag dahin gestellt sein.ichglaube aber daß die Aufhebung des Rauchverbotes nicht der richtige Weg ist.s sollte intensiver nach der Herkunft und dem Vertrieb von Kokain gefahndet werden!

#5 |
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Bei “chocolate” handelt es sich um Cannabisretsina.Nach 25 Jahren in Spanien kann ich rein empirisch sagen, dass die gesamte Discoszene polytoxisch verseucht ist, es wird von Crystalmeth über Alkohol,Cannabis,Koks etc…einfach ALLES durcheinander konsumiert, ich habe plötzliche Herztode, dazu Hirnblutungen bei jungen und nicht ganz jungen Menschen oft gesehen.

#4 |
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Oliver Klein
Oliver Klein

Nun ja,
wer mal in der Jugend in spanischen Discotheken und Bars unterwegs war, dem wurde irgendwann auch mal “Chocolata” angeboten.
Dies war lange vor dem Rauchverbot schon so und wird sich nicht ändern. Zu stark ist der Einfluß via Südamerika, das für uns uneinsehbar starken Einfluß auf Spanien hat. Dies zeigt sich kulturell und personell, da viele z. Teil als nicht offiziell gemeldete Gäste aus Kolumbien in Spanien leben. Die bringen auch mal so manches Leckerli mit.

#3 |
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@ 1: Wie kommen Sie darauf, dass in Spanien das Rauchen vehementer bekämpft wurde als sonstwo? Und wer hat gesagt, dass die nun frustrierten zwangsweisen Nichtraucher diejenigen sind, die stattdessen Koks schnupfen? Im Gegenteil: Der Artikel stellt doch heraus, dass die Kombination aus Kokain UND Rauchen am gefährlichsten ist. Es handelt sich also in gewissem Sinne um eine Komorbidität.
Das doppelzüngige Spiel mit Cannabis ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Der Alkohol ist und bleibt die Geißel unserer Gesellschaft (oder zumindest der diensthabenden Ärzte in der Notaufnahme). Aber das nur am Rande.

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Leider muss man feststellen, dass insbesondere in den Ländern, in denen das Rauchen am restriktivsten “bekämpft” wurde der Kokainkonsum am höchsten zu sein scheint! Eine Korrelation scheint offenbar.
Fakt ist auch, dass es niemals eine drogenfreie Gesellschaft geben wird – pragmatische Forderung: gebt den Leuten den Glimmstängel als “kleineres Übel” zurück!

#1 |
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