Knalltrauma: Die Tropfen danach

30. Juli 2018

Alleine durch Feuerwerkskörper erleiden jährlich 8.000 Deutsche ein akustisches Schalltrauma. Auch eine heftige Ohrfeige kann der Auslöser sein. In manchen Fällen kommt es zum dauerhaften Hörverlust. Mit einer simplen Methode konnter dieser nun teilweise verhindert werden.

Das menschliche Gehör reagiert auf extreme Lautstärke sensibel. Kurze, sehr laute Geräusche ab einem Schallpegel von etwa 140 Dezibel können das Gehör dauerhaft beeinträchtigen. Sehr laute Konzerte, eine Explosion oder Feuerwerkskörper können zu einem akuten Schalltrauma führen, zum Beispiel in Form eines Knalltraumas oder eines Explosionstraumas. Mehr als 8.000 Menschen sind nach Silvester jährlich von Verletzungen des Innenohrs durch den Knall von Böllern und Raketen betroffen. Bei rund einem Drittel ist der Hörschaden irreparabel – besonders häufig, wenn nicht frühzeitig behandelt wird. Es kann eine gewisse Schwerhörigkeit oder ein Tinnitus bestehen bleiben. 

Ein Forscherteam um den HNO-Experten John Oghalai von der Keck School of Medicine an der University of Southern California, USA, hat nun eine Methode entdeckt, die einen dauerhaften Hörverlust nach extrem lauten Geräuschen zumindest teilweise verhindern könnte. Bislang war der Mechanismus der Gehörschädigung nur in Teilen entschlüsselt. Deswegen untersuchten die Wissenschaftler an Mäusen im Detail, wie ein Gehörverlust durch extrem laute Geräusche entsteht. Sie verwendeten dazu einen winzigen optischen Sensor, mit dem sie das Innere der Cochlea im Tierexperiment beobachten konnten.

Druck führt zum Absterben von Nervenzellen

Dabei erkannten sie zwei Dinge: Nach einem extrem lauten Geräusch sterben Haarzellen im Innenohr ab. Darüber hinaus füllt sich das Innenohr übermäßig mit Flüssigkeit, der sogenannten Endolymphe, was zum Absterben von Nervenzellen (Neuronen) führt, die eigentlich akustische Signale ans Gehirn übermitteln. Die Endolymphe ist eine kaliumreiche Flüssigkeit, die für das Hören notwendig ist. Kommt es jedoch zu einer krankhaften Zunahme dieser Flüssigkeit, werden die Kammern und Kanäle des Hörorgans übermäßig gedehnt. „Den ansteigenden Druck durch die Ansammlung von Flüssigkeit im Innenohr kennen viele Menschen von einem lauten Konzert“, erläutert Oghalai. „Wenn man das Konzert verlässt, hat man häufig einen Druck auf den Ohren und vielleicht auch ein Klingeln oder ein anderes Geräusch im Ohr.“

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Säugetier-Cochlea, mit einer Reihe sensorischer Haarzellen (türkis) und Synapsen (kleine grüne und gelbe Punkte. © Juemei Wang

In ihrer Untersuchung konnten die Forscher zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen der Ansammlung von Flüssigkeit im Innenohr und dem Absterben von Neuronen besteht. „Selbst wenn einige Haarzellen nicht geschädigt und noch funktionsfähig sind, wird der Schall nicht ans Gehirn übertragen, wenn die Haarzellen nicht mit einer intakten Nervenzelle verbunden sind“, erläutert Oghalai.

Weiterhin stellte das Forscherteam fest, dass das Absterben der Haarzellen unmittelbar nach dem lauten Geräusch stattfand und nicht umkehrbar war. Die Flüssigkeit sammelte sich jedoch erst in einem Zeitraum von etwa drei Stunden nach dem lauten Geräusch an, sodass die Nervenzellen erst mit einer zeitlichen Verzögerung absterben. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass sich genau in diesem Zeitfenster eine Möglichkeit bieten könnte, behandelnd einzugreifen und den Verlust von Nervenzellen zu verhindern.

Simple Flüssigkeit verringert Hörschädigung

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John Oghalai von der Keck School of Medicine der University of Southern California leitete die Studie. © Ricardo Carrasco III

Um die Ansammlung der kaliumhaltigen Endolymphe zu verringern, injizierten Oghalai und sein Team drei Stunden nach dem lauten Geräusch eine salz- und zuckerhaltige hypertonische Lösung durch das Trommelfell ins Mittelohr. Auf diese Weise erzeugten sie einen osmotischen Gradienten zwischen den mit Endolymphe gefüllten Bereichen im Innenohr und der umgebenden Perilymphe. Dadurch wurde die Flüssigkeit im Innenohr verdrängt. Angetrieben durch den osmotischen Druck floss sie von dem Innenohr in Richtung der applizierten hypertonischen Lösung. Die schädlichen Auswirkungen der hohen Menge an Endolymphe konnten so eingedämmt werden. In der Studie konnte durch die Methode letztendlich 45 bis 64 Prozent des Nervenzellverlusts verhindert werden. „Dies könnte also ein geeigneter Behandlungsansatz sein, um das Hörvermögen nach lauten Geräuschen so gut wie möglich zu bewahren“, sagt Oghalai.

Seiner Meinung nach könnte die neue Behandlungsmethode für verschiedene Anwendungen in Frage kommen. „Ich könnte mir vorstellen, dass Soldaten eine kleine Flasche mit dieser Lösung bei sich tragen, um sie nach extrem lauten Geräuschen, etwa von einer Straßenbombe, einzusetzen und so einem Hörverlust vorbeugen zu können“, sagt Oghalai. Ob Betroffene von einer selbstständigen Anwendung der Flüssigkeit profitieren, hänge davon ab, ob das Trommelfell durch die Schallwellen eingerissen wurde. „War die Lautstärke nicht ganz so hoch, kann es auch sein, dass das Trommelfell intakt bleibt. Dann müsste ein Arzt die Flüssigkeit ins Mittelohr injizieren.“

Der HNO-Arzt Tobias Müller aus Ahrensburg hält den Ansatz der US-Forscher für interessant, hat im Hinblick auf die Umsetzbarkeit aber Bedenken: „Drei Stunden nach Ereignis ist eine sehr kurze Zeit. In den ersten Stunden ist zudem die Spontantheilungsrate am höchsten. Eine fachkundige Diagnostik vor einer Therapie wäre wie immer sinnvoll, aber in Kriegssituationen oder in anderen akuten Situationen kaum durchführbar.“

Eine Selbstapplikation derartiger Tropfen in den Gehörgang könne man laut Müller vermutlich bedenkenlos durchführen: Ein Risiko sei hierbei nicht zu erwarten. „Ein Trauma durch Lärm wie auf einem Rockkonzert würde wahrscheinlich keine Perforation verursachen, eine Explosion, ein Schlag auf das Ohr oder ähnliches schon eher, vor allem wenn anschließend Blut aus dem Ohr läuft“, sagt Müller. Die Injektion durch das Trommelfell sollte dann nach entsprechender Diagnostik nur durch einen spezialisierten Arzt erfolgen.

Klinische Studien geplant

Bislang ist Cortison als Tablette, Infusion oder als Lokaltherapie das Mittel der Wahl behandelnder Ärzte bei einem akuten Schalltrauma. Die Ergebnisse sind in vielen Fällen gut, nicht immer kann damit aber eine vollständige Heilung erzielt werden und es bleiben Hörschäden zurück. „Man sollte die neue Theorie weiterverfolgen und aussagekräftige Studien vorlegen, die dann mit den unterschiedlichen Cortison-Therapien verglichen werden sollten“, so HNO-Arzt Müller.

Oghalai und sein Team wollen den neuen Behandlungsansatz nun genauer untersuchen und planen weitere Studien, um die Prozesse von der Ansammlung von Flüssigkeit im Innenohr bis zum Absterben von Nervenzellen noch detaillierter zu verstehen. Anschließend sollen klinische Studien folgen, in denen die Wirksamkeit bei Menschen überprüft werden soll.

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5 Kommentare:

Jetzt möchte ich doch noch einen Kommentar schreiben.

Zunächst zu Prof. Dr. Dr. von Restorff: Von einer Selbstapplikation mit Spritze habe ich gar nichts im Artikel gelesen, sondern von Träufeln der Flüssigkeit in den Gehörgang, die durch eine Perforation ins Mittelohr laufen kann. Alles mit Spritze nur durch Arzt.

Zu Dr. Meyer- Anhalt: Ihre Aussage finde ich spannend. Bei einem Tauchunfall kann Meereswasser durch eine frische Perforation ins Mittelohr geraten und zu erheblichen Beschwerden führen, vor allem Schwindel und damit unter Wasser zur Orientierungslosigkeit. Ich war bisher davon ausgegangen, dass für diese Beschwerden die relative Kälte des Wasser verantwortlich ist, die eine thermische Reizung des Vestibularorgangs verursacht. Wenn Sie eher den hohen Salzgehalt verantwortlich machen, würde ich darüber gerne mehr Informationen von Ihnen haben. Ihr Zynismus gegenüber Soldaten ist im übrigen geschmacklos. Wie sie dabei auch noch auf Impfschäden kommen, entzieht sich meinen Gedankengängen.

Zu den beiden anderen Kommentaren fällt mir nur ein: Natürlich müssen wir Kriege verhindern. Und dafür braucht man genauso Soldaten, wie man Polizisten und Justiz zur Aufklärung und Prävention von Verbrechen benötigt. Diese Soldaten sind übrigens Menschen, die man bestmöglich medizinisch versorgen sollte.

#5 |
  1
Hebamme

Schade, dass von Krieg wieder mehr gesprochen wird anstatt ihn zu verhindern. Es ist erschreckend und in allen Sparten wieder angesagt. Braucht es diesen Nervenkitzel, um jedwede Studie zu argumentieren? Manchmal wäre es wünschenswert, dass nicht mehr hören zu müssen.

#4 |
  33
Psychotherapeut

Besser wäre, Kriege zu verhindern, Rüstung zu reduzieren und abzuschaffen. Dann gäbe es “wenigstens” nur noch die zivilen Schäden…
Aber interessanter Ansatz, sollte weiter erforscht und getestet werden, Soldaten sind eben nicht nur als Kanonenfutter interessant.

#3 |
  26
Dr. med. Hans-Peter Mayer-Anhalt
Dr. med. Hans-Peter Mayer-Anhalt

Jeder Taucher, der schon einmal bei einem Barotrauma mit TF-Perforation einen (hypertonen) Meerwassereinbruch ins Mittelohr hatte, weiß, daß diese angebliche Therapie in den Bereich des Wunschdenkens gehört, weil sie garnicht auszuhalten ist – dennoch ist es ein schöner Gedanke, daß die GI-Soldadeska sich, wenn’s geknallt hat, gegenseitig gesättigte Kochsalzlösung in die Ohren haut und wenns nicht hilft, sich beim Sani die Trommelfelle zerstechen läßt.
Dann hat man jedenfalls neben den Impfschäden und dem Posttraumatischen Belastungszeug noch einen Grund, schnell von der Fahne zu gehen.

#2 |
  46
Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff
Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff

Eine interessante Hypothese, nur mit der Spritze für die Selbstapplikation habe ich Probleme. Eine Straßenbombe braucht es gar nicht, schon beim Beschuss eines Panzers mit Hartkerngeschossen haben wir im Inneren des Panzers 163 dBA gemessen. Der so vertäubte Soldat ist wohl kaum in der Lage, sein Trommelfell richtig zu finden und nach Penetration zu injezieren.
Wie vermehrte sich die Endolymphe durch das Einbringen der Kamera ?

Gruß
v.Restorff

#1 |
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