Trauma: Sperma verlässlicher als Worte?

24. Mai 2018

In der Kindheit erlebte Traumata verewigen sich im männlichen Sperma: Durch schwerwiegenden Stress kann der Anteil bestimmter Moleküle in der Samenflüssigkeit reduziert werden. So lautet das Ergebnis einer amerikanischen Studie, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde.

Mittwoch dieser Woche wurde eine Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen Traumata, die Männer in ihrer Kindheit erlebt haben und der Zusammensetzung ihres Spermas nahelegt. Demnach kann das Sperma eines Mannes darüber Aufschluss geben, ob er eine traumatische Kindheit hatte. Zu diesem Ergebnis kam der Neurowissenschaftler Larry A. Feig von der Sackler School of Graduate Biomedical Sciences in Boston gemeinsam mit seinen Kollegen.

Gestresste Moleküle im Mäuse-Sperma

Zuallererst widmeten sich die Wissenschaftler männlichen Mäusen. Stress hat gesundheitliche Veränderungen bei Mäusen zur Folge. Dieser Stress kann sogar an Nachkommen vererbt werden. Ein möglicher Weg ist über das Sperma, oder genauer gesagt, die darin enthaltenen MicroRNAs.

Im Zuge der Studie wurden männliche Mäuse gezielt Stress ausgesetzt, der zu Störungen im Sozialverhalten der Tiere und gleichzeitig zu einer Reduktion spezifischer MicroRNAs im Sperma führte. Auch der Nachwuchs zeigte ein verändertes Verhalten. Bei den Nachkommen der männlichen Mäuse stellte man Angststörungen und ein beeinträchtigtes Sozialverhalten fest – das gilt auch für multiple Generationen danach.

Das Forscherteam wollte nun herausfinden, ob es dieses Phänomen auch bei Menschen gibt. Sie suchten deshalb nach jenen Veränderungen der MicroRNA im Sperma, die sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen auftreten, wenn diese früh im Leben Stressoren mit langanhaltenden negativen Auswirkungen ausgesetzt sind. Dabei stießen sie auf die beiden Moleküle miR-449 und 34.

28 Samenspender wurden befragt

Auch die Gesundheit von Menschen, die während ihrer Kindheit schwerwiegendem Stress ausgesetzt waren, ist langanhaltend negativ beeinträchtigt. Doch wie definiert man diese Gruppe? Die überzeugendste Studie auf diesem Gebiet ist nach Ansicht der Wissenschaftler die Adverse Childhood Experience Study. Der im Rahmen der ACE-Studie erstellte Fragebogen zur Einordnung von erlebtem Stress diente dem Team als Forschungsgrundlage.

Feig und sein Team baten Samenspender einer Fruchtbarkeitsklinik, diesen ACE-Fragebogen auszufüllen, 28 Männer erklärten sich dazu bereit. Dadurch sollte der Grad an „abusive and/or dysfunctional family experiences“ in der Kindheit erfasst werden. Ein hoher Score (Score 4 oder darüber) steht für ein stark erhöhtes Risiko für schwere psychologische und physische Störungen im späteren Leben.

Nachdem die Forscher sowohl die Sperma-Proben der Männer analysiert als auch die Fragebögen ausgewertet hatten, bemerkten sie eine statistisch signifikante Korrelation zwischen den reduzierten Levels der MicroRNAs miR-449 und 34 im Sperma und hohen ACE-Scores der befragten Männer. Diese beiden Moleküle waren auch im Sperma jener Mäuse reduziert, die Stress ausgesetzt worden waren.

Sperma als ergänzende Informationsquelle

Welche Funktion diese MicroRNAs im Detail haben, ist noch nicht bekannt, aber sie sollen eine wichtige Rolle in Hinsicht auf die Entwicklung des Fötus im Mutterleib spielen. Diese zwei Moleküle existieren nur in Sperma, nicht in weiblichen Eizellen. Die Mutter kann diese MicroRNAs also nicht ergänzen, wenn sie im Sperma des Vaters nicht ausreichend vorhanden sind.

Feig und seine Kollegen sehen in der Untersuchung des Spermas eine sinnvolle Ergänzung zu Gesprächen und Befragungen, um ein Trauma früh zu erkennen. Schließlich besteht bei Fragebögen die Gefahr, dass Menschen Fragen zu ihrem psychischen und physischen Befinden nicht wahrheitsgemäß beantworten – aus Angst, stigmatisiert zu werden, oder weil sie sich an Erlebtes nicht mehr erinnern können.

34 Wertungen (4.74 ø)

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6 Kommentare:

Heilpraktiker

Der “transgenerationale Ansatz” wurde in verschiedenen Arbeiten ja bereits dargestellt. So z. B. von Sabine Bode im Zusammenhang mit Kriegskindern und deren Nachkommen. Auch Studien über Golfkrieg-Veteranen zeigten, dass Traumata “vererbt” werden können. Abwegig ist das Studienergebnis damit nicht wirklich. Ob nun künftig Traumatisierte auch noch ihr Trauma beweisen müssen via Labor ist eine ganz andere Ebene der Betrachtung. Ein Messer ist scharf und ob es rettet oder tötet liegt in der Hand des Nutzers und nicht am Messer. Man kann alles missbrauchen oder achtsam gebrauchen – so auch hier. Aber dass die Frage überhaupt und sofort auftaucht, sollte uns nachdenken lassen. Sind wir inzwischen utilisierungs- und diskriminierungstraumatisiert?

#6 |
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Dr. med. Herbert Schultz-Gora
Dr. med. Herbert Schultz-Gora

Das führt den Ansatz der ACE-Studie weiter im Sinne des “early-life-stress”, der über Veränderungen im HPA-System zu chron. Erkrankungen wie Diab. II und KHK im späteren Erwachsenenalter disponiert.
Sehr interessant, wenn man wie ich ohnehin auf dieser Spur unterwegs ist.
Für Herrn Hoffmanns Argumentation aus Laiensicht habe ich allerdings auch Verständnis, denn er befürchtet zu Recht, daß die Wissenschaft dem Menschen immer weiter auf den Pelz rückt, so daß bald alles so (wirklich oder vermeintlich) determiniert und durchsichtig erscheint, daß bestimmte Aspekte der Menschenwürde unter die Räder zu kommen drohen.
Umso mehr Skepsis ist angebracht gegenüber der geplanten Speicherung sämtlicher med. Daten aller gesetzlich Versicherten auf zentralen Servern.
Arztgeheimnis ade…!

#5 |
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Beim populären Versuch, epigenetische Theorien, Regeln und Gesetzmäßigkeiten wissenschaftlich zu verifizieren (falsifizieren ist derzeit nicht so erwünscht) schrecken wissenschaftliche Autoren vor nichts zurück. “Gestresste Moleküle im Mäuse-Sperma” glaubt man gefunden zu haben. Wie auch immer methodisch begründet: “Bei den Nachkommen der männlichen Mäuse stellte man Angststörungen und ein beeinträchtigtes Sozialverhalten fest”. Und noch schlimmer, “das gilt auch für multiple Generationen danach”.
Beim männlichen Homo sapiens konfabuliert man “einen Zusammenhang zwischen Traumata, die Männer in ihrer Kindheit erlebt haben und der Zusammensetzung ihres Spermas nahelegt. Demnach kann das Sperma eines Mannes darüber Aufschluss geben, ob er eine traumatische Kindheit hatte”.
Aber die Beweise dafür sind äußerst dürftig: Man nahm einen ACE-Fragebogen aus der “Adverse Childhood Experience Study” und fand ausgerechnet bei 28 Samenspendern einer Fruchtbarkeitsklinik “eine statistisch signifikante Korrelation zwischen den reduzierten Levels der MicroRNAs miR-449 und 34 im Sperma und hohen ACE-Scores der befragten Männer”.
Spätestens jetzt müssten beim Forscherteam eigentlich die Alarmglocken läuten: Samenspender??? – Sind das nicht die Männer, die unter hohem masturbatorischen Leistungsstress, Anforderungsdruck und psychosexuell-emotionaler Deprivation möglichst gutes, frisches Sperma unter weitgehend aseptischen Kautelen in vorbereitete Probengefäße abfüllen und zur Weiterverarbeitung gegen ein mageres Honorar abgeben sollen? Ist es da ein Wunder, dass ihre Spermatozoen vor “pseudo-epigenetischen” Stresseinflüssen nur so wimmeln? Und dass unter dieser Extremsituation in Befragungen selbst frühkindliche Traumatisierungen aktiviert werden, die so niemals stattgefunden haben?
Aber sei es drum: “Welche Funktion diese MicroRNAs im Detail haben, ist noch nicht bekannt, aber sie sollen eine wichtige Rolle in Hinsicht auf die Entwicklung des Fötus im Mutterleib spielen”…

#4 |
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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Quatsch.
Man möge doch bitte eine Person nach ihrer aktuellen, psychischen Verfassung beurteilen bzw. behandeln, und nicht nach irgendwelchen chemischen Analysen. Der Mensch sollte doch froh sein, wenn er das Glück hat, schlechte Erfahrungen, wie man so schön sagt, “verarbeitet” zu haben.
Muß nun jemand im Labor “frühkindliche Defekte” ermitteln, um dem eigentlich ganz zufriedenen Pat. richtig Streß zu machen? Am Ende gibts noch einen Problemfall und er wird wirklich krank.
Diese miR-449 und 34 sind doch wieder eine Erkenntnis für die Labormedizin, die gern alles Nützliche und Unnützliche untersucht und entsprechende Nota erteilt. Vermutlich werden bald alle Verbrecher bei Gericht erst mal Samen abgeben, um mildernde Umstände geltend zu machen. Am Ende kriegen sie sie sogar, das Labor hat ja Recht…

#3 |
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Mitarbeiter Industrie

Es ist doch eine aussagekräftige Studie, wenn man von 28 Samenspendern auf die Entwicklung der Menschheit blickt…

#2 |
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Arzt

Danke für den Hinweis . Vermutlich sind die Väter dieser Probanden auch betroffen . Transgeneratioaler Ansatz .

#1 |
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