Alopezie: Haarwachstum als Nebenwirkung

22. Mai 2018

Etwa vier von fünf Männern entwickeln einen anlagebedingten Haarausfall. Derzeit gibt es kaum effektive Therapien. Das könnte sich bald ändern: Ein Immunsuppressivum mit Nebenwirkungen, das zu unerwünschtem Haarwachstum führt, diente Dermatologen als Ideengeber.

Von der androgenetischen Alopezie sind mindestens 40 Prozent aller Männer und 20 Prozent aller Frauen betroffen. Mit zunehmendem Alter schwindet die Haarpracht. Die Mittel zur Therapie sind sehr eingeschränkt: So gibt es beispielsweise Minoxidil. Das Pharmakon führt zur vermehrten Ausschüttung von Wachstumsfaktoren. Bei Männern sind auch orale 5α-Reduktasehemmer wie Finasterid möglich. In der Praxis bleibt der Erfolg aber oft hinter hohen Erwartungen zurück, und Nebenwirkungen führen zum Therapieabbruch. Lange Zeit gab es kaum Innovationen. Das könnte sich mit einer neuen Studie ändern.

Haarwachstum an- oder ausgeschaltet

Nathan Hawkshaw und Ralf Paus vom Centre for Dermatology Research, University of Manchester, untersuchten eine bekannte Nebenwirkung des Immunsuppressivums Ciclosporin. Bei Patienten kommt es mitunter zu stärkerem Haarwuchs. Forscher isolierten menschliche Haarfollikel und behandelten sie im Labor mit Ciclosporin. Anschließend untersuchten sie, was auf molekularer Ebene passiert. Besonders stark wurde die Expression von SFRP1-Genen verringert. Dessen Produkt, das Secreted frizzled-related protein 1 (SFRP1), steuert viele Aufgaben rund um Zellwachstum und Zellzyklus. Hawkshaw bewertet SFRP1 als molekularen Schalter, um Follikel von der Wachstums- in die Ruhephase zu befördern. Durch Ciclosporin ließ sich der Effekt minimieren. Schön und gut, nur sollte man gesunden Menschen kein starkes Immunsuppressivum geben, nur um den Haarverlust aufzuhalten.

Altes Molekül – neue Wirkung

Doch die Gruppe um Hawkshaw fand in der Literatur eine heiße Spur. SFRP1 kommt auch in anderen Gewebetypen vor. Peter Bodine von Wyeth Research zeigte in einer älteren präklinischen Studie, dass sich Inhibitoren gegen das Protein bei Osteoporose eignen. Er hat mit dem Sulfonamid WAY-316606 als experimentellem Wirkstoff gearbeitet.

Screenshot 2018-05-16 10.51.55(2)

Struktur von WAY-316606 (im Experiment als Hydrochlorid) © pubchem.ncbi.nlm.nih.gov

Diesen Gedanken griffen Forscher jetzt auf. Im Labor zeigte WAY-316606 ähnliche Effekte auf Haarfollikel wie Ciclosporin, ohne jedoch immunsuppressiv zu wirken. Beide Moleküle wirken als spezifische Antagonisten des SFRP1-Proteins.

Interessante Ansätze

Die Arbeit hat in mehrfacher Hinsicht Potenzial. Hawkshaw und Paus arbeiten mit menschlichen Haarfollikeln, die ihnen 40 Probanden zur Verfügung gestellt haben. Es handelt sich nicht um ein Mausmodell, wie ansonsten üblich. Außerdem klären sie auf, warum Ciclosporin oder WAY-316606 überhaupt funktionieren. Selbst wenn sich kein bekannter Inhibitor therapeutisch eignen sollte, lassen sich Moleküle gegen die Zielstruktur designen. Wie es weitergeht, müssen tierexperimentelle und klinische Studien mit WAY-316606 zeigen. Ein Wermutstropfen bleibt: SFRP1 ist im Körper omnipräsent. Mit Nebenwirkungen ist zu rechnen.

29 Wertungen (4.28 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Dr. Christina Krisch-Zehl
Dr. Christina Krisch-Zehl

…..Rechtschreibung Glückssache ;-), ….man sollte als Perfektionist nie in Eile einen Text verfassen wollen!
Neben einigen grammatikalischen-, sowie stilisten Fehlern, hat sich noch ein weiterer Wurm eingeschlichen…, im 2. Abschnitt sollte es richtig heißen “…wie beschrieben für alle Zellen gilt …” nicht …für alles Zellwachstum gilt”..

#2 |
  5
Dr. Christina Krisch-Zehl
Dr. Christina Krisch-Zehl

Uns tierärztlichen Dermatologen ist seit langem bekannt, dass Ciclosporin als Nebenwirkung das Haarwachstum anregt, was wir alle ganz gerne sehen. Die entzündliche Reaktion im Follikel führt beim Tier ja zum Haarverlust und so werden uns unsere atopischen Patienten ja oft vorgstellt, wenn die Alopezie oft schon großflächig aufgetreten ist. Das Haar wächst aber meistens als Wollhaar, also ähnlich dem Babyflaum nach.
Unklar war bisher, weshalb Ciclosporin das Haarwachstum auslöst. Über die Erklärung einer Supprimierung des WAY-316606, und damit der Bildung des SFRP1-Protein, ist die Umkehr von der Ruhe-in die Wachstumsphase des Haarfollikels eine logische Konsequenz. da dies aber wie beschrieben für alles Zellwachstum gilt, ist anzunehmen, dass die in einigen Fällen beobachtete canzerogene Wirkung von Ciclosporin ganau auf diesem Mechanismus beruhen mag. Denn ganz im Gegenteil zum Cortison, das wir ja auch die “kleine Chemo” nennen, gerade wegen seiner immunsuppressiven Komponente kommt es hier zur Immunsuppression zu einer Zellwachstumsanregung.

Ich warte schon drauf, bis die Schönheits- und Kosmetikindustrie sich dieses WAY-316606 krallt und es, dann ohne dessen immunsuppressive Wirkung es als DAS “for-ever-young” Molekül vermarktet.

#1 |
  2


Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: