Prostatakrebs: Gefährliche Energiesparlampe?

1. Juni 2018

Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus sind mit erhöhten Krebsrisiken assoziiert. Jetzt wird vermutet, dass vom Blauanteil in städtischen Energiesparlampen ähnliche Gefahren ausgehen könnten. Eine Fall-Kontroll-Studie aus Spanien soll aufklären.

Schon länger bewertet die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC der WHO Nachtschichtarbeit als „wahrscheinlich karzinogen für den Menschen“ (Gruppe 2A). Dieser Einschätzung liegen mehrere Assoziationsstudien zugrunde. Experten vermuten, dass Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus durch künstliches Licht mit mehr Prostatakarzinomen und Mammakarzinomen in Verbindung stehen. IARC-Klassifikationen werden zwar kontrovers diskutiert, gelten aber als weitgehend akzeptierte Experteneinschätzungen. Eine neue Arbeit zeigt, wie lückenhaft unser Wissen in diesem Bereich tatsächlich ist.

Licht in Schlafzimmern

Ariadna Garcia-Saenz vom Barcelona Institute for Global Health hat Daten einer Fall-Kontroll-Studie mit 4.000 Spanierinnen und Spaniern ausgewertet. Ihre Probanden waren beim Start der Studie 20 bis 85 Jahre alt. Per Fragebogen erfassten Forscher diverse Lebensgewohnheiten. Dazu gehörte auch die Schlafhygiene: Beispielsweise, ob Licht von Straßenlampen ins Schlafzimmer von Probanden fällt. Gleichzeitig erfasste Garcia-Saenz bekannte Risiken wie Nikotin- oder Alkoholkonsum, einen erhöhten BMI bzw. Krebserkrankungen in der Familie.

Im nächsten Schritt wollte Garcia-Saenz wissen, welche spektrale Zusammensetzung die elektromagnetische Strahlung hat. Die Frage erwies sich als recht schwierig zu beantworten. Der Grund dafür war, dass spanische Kommunen häufig stromfressende Natriumdampflampen mit orangem Licht, durch weiße Energiesparlampen mit blauem Lichtanteil ersetzen. Letztlich blieb nur noch ein Weg: Das Team ließ hochaufgelöste Fotos von der Internationalen Raumstation ISS anfertigen und wertete die Farben photometrisch aus.

Aufnahme von Madrid über die International Space Station ISS

Aufnahme von Madrid über die International Space Station ISS. © Garcia-Saenz et al.

Maligne Erkrankungen mit Blaulicht assoziiert

Diese Informationen wurden dann mit medizinischen Daten verglichen. In der Fallgruppe traten zwischen 2008 und 2013 insgesamt 1.219 Brustkrebs- und 623 Prostatakrebs-Erkrankungen auf. Als Kontrollen zog Garcia-Saenz zwei Gruppen mit 1.385 Frauen bzw. 879 Männern heran.

Für Madrid und Barcelona zeigte sich, dass LED-Licht mit Blauanteil während der Nachtruhe mit einem rund 1,5- bzw. 2-fach höheren Risiko für Brust- bzw. Prostatakrebs in Verbindung stand. Garcia-Saenz verglich dabei Daten von Probanden im höchsten und niedrigsten Bereich der nächtlichen Lichtexposition. Andere Lichtfarben – etwa Natriumdampflicht – führten zu keinen statistisch signifikanten Unterschieden.

Offene Fragen

Bleibt als Fazit: Die Arbeit zeigt Assoziationen, aber keine Kausalitäten auf. Zu den Stärken zählt zweifelsohne die große Kohorte und dass die Lichtfarben präzise bestimmt wurden. Als mögliche Fehlerquelle sind aber die in epidemiologischen Studien beliebten Fragebögen zu nennen. Bei ihren Angaben machen Studienteilnehmer oft wissentlich oder unwissentlich Fehler. Garcia-Saenz fordert deshalb weitere Studien in dem Bereich. Sie bewertet das Thema angesichts allgegenwärtiger Lichtquellen als bedeutsam.

25 Wertungen (4.16 ø)
Forschung, Medizin, Onkologie

5 Kommentare:

Mitarbeiter Industrie

@Plischke
Bei den meisten Energiesparlampen und so auch bei warmweißen LED’s ist der Blaulichtanteil gegenüber einer Glühlampe technisch bedingt deutlich erhöht. Nur eine LED mit geringerem Blaulichtanteil auszuwählen ist in der Praxis also nicht ohne weiteres möglich ! Das Fehlen der Wärmestrahlung im Lichtspektrum, die als Energieverschwendung definiert wird, ist ein weiterer unnatürlicher Einfluß von Energiesparlampen auf den menschlichen Organismus, der zu Problemen führen kann. Kommen dann noch Dreifachverglasungen hinzu sind gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Beleuchtung neben anderen Energiesparmaßnahmen nach bisherigem Kenntnisstand sehr wahrscheinlich. Zur Kompensation hilft dann nur der Aufenthalt außerhalb von modernen Gebäuden, was viele ja mit Außenterrasse und Sport zu erreichen versuchen…..

#5 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

man solte sich mehr Gedanken über Melatonin u. Hormontherapie machen .
Im Übrigen fehlt den MITOCHONDRIEN zu diesen nächtlichen Zeitpunkten meist die Energie genügend ATP zu produzieren .so dass dadurch die Tumorproblematik verstärkt wird

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

uztr

#3 |
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Vielen Dank für die gelungene Zusammenfassung der Studie. Wie richtig bemerkt bleiben offene Fragen. Die Gefahr hat aber nichts mit LED per se zu tun, sondern allgemein mit blauen Lichtanteilen aus beliebigen Lichtquellen und da sollte der Gesetzgeber etwas unternehmen.

Für die Wissenschaftsinteressierten möchte ich etwas länger ausholen, da die Studie doch einige wissenschaftliche Limitationen hat, und einiges durcheinanderbringt.
Richtig: Der kausale Zusammenhang zwischen Licht in der Nacht und diesen Krebsarten ist beim Menschen noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen, allerdings kann ein kausaler Zusammenhang aus Laboruntersuchungen an Tieren gut belegt werden. Das blaue Lichtspektrum im Bereich um 480 nm (Maximum des melanopischen Wirkspektrums) trägt insbesondere zur Störung des Biorhythmus in der Nacht bei. Bekannt ist, dass blaue Lichtanteile in der Nacht durch unterschiedlichste Lichtquellen (Smartphones, Tablets, Computermonitore, Raumbeleuchtung) intensitätsabhängig das Schlafhormon Melatonin unterdrücken können und sich somit eine Verschiebung des zirkadianen Rhythmus einstellen kann.

Die Autoren verwenden den indirekten Schluss, dass aus Satellitenbildern ermittelte blaue Lichtanteile von LED-Beleuchtung kommen. Aus RGB-Satellitenaufnahmen auf Lichtquellen zu schließen hat einige Limitationen. Im Begleitmaterial zur Studie stellen die Autoren die Methode zur Abschätzung der verwendeten Lampen für die Außenbeleuchtung aus den Satellitenbildern dar. Bei genauerer Betrachtung ist aus den verwendeten Indices (V(l)/Grün und Grün/Rot) aber schwer zu differenzieren, ob es sich um Fluoreszenzlampen, Halogenlampen, Quecksilberdampflampen, Metallhalogenidlampen oder warmweiße oder kaltweiße LED handelt. Des Weiteren können die Daten von Satellitenaufnahmen nur sehr grob die persönliche Lichtexposition am Auge widerspiegeln. Betrachtet man die für ein höheres Krebsrisiko zu Grunde liegende nächtliche Lichtexposition, so müsste das Licht langfristig, vielleicht sogar Jahrzehnte vorher, auf die Teilnehmer der Studie eingewirkt haben. In diesem Zeitraum war vermutlich noch keine LED-Außenbeleuchtung im Einsatz. Satellitenaufnahmen von 2012 und 2013 zeigen vermutlich auch nur wenig LED-Anteil.

Aus den Satellitenbildern ist auch zu erkennen, dass bläulichere Beleuchtung oft in der Umgebung von Industriegebieten festzustellen ist. Der Einfluss von Umweltfaktoren wie Lärm (der zu Schlafbeeinträchtigungen führt) oder andere Umweltbelastungen zum Beispiel in der Nähe von Industriegebieten, kann auch das individuelle Risiko für Tumoren erhöhen, unabhängig von der Beleuchtung. Weiterhin unabhängig davon sind familiäre Veranlagung, Raucherstatus und das Ernährungsverhalten.

Fazit: Die Aussage, dass LED-Licht für Krebserkrankungen verantwortlich ist, kann aufgrund dieser Untersuchung nicht getroffen werden. Die Aussage, dass Männer, die häufig mit “LED-Licht” in Kontakt kamen, ein 2,8-fach höheres Risiko haben an Prostatakrebs zu erkranken ist falsch wiedergegeben. Auch die Aussage, dass unser Gehirn bei Kontakt mit LED-Licht weniger Melatonin bildet ist falsch, sondern blaue Lichtanteile, die in der Nacht vom Auge aufgenommen werden, können – unabhängig von der Lichtquelle – die Melatoninbildung verringern.

Tatsächlich kann man aus der Studie ableiten, dass eine erhöhte Blaulichtexposition in der Nacht (ob durch Straßenbeleuchtung oder Raumbeleuchtung und unabhängig von der benutzten Lichttechnik) ein Risikofaktor für hormonabhängige Krebsarten darstellt. Der Zusammenhang ist bekannt, eine umfangreiche Auswertung aus dem Jahr 2006 von James et al. (Harvard Universität) von Daten der amerikanischen Nurses Health Study II mit über 100.000 teilnehmenden Frauen und 22 Jahren Untersuchungszeitraum belegte eine Assoziation zwischen Licht in der Nacht und Brustkrebs bei Krankenschwestern, die aktuell oder früher rauchten und eine längere Zeit im Nachtdienst arbeiteten. Allerdings bedarf es für eine Risikoerhöhung einer andauernden Störung des chronobiologischen Rhythmus durch Licht in der Nacht über mehrere Jahrzehnte. Bisherige epidemiologische Studien, die eine nächtliche Lichtexposition im Zusammenhang mit einem Krebsrisiko untersucht hatten, beziehen sich auf Lichtexpositionen lange vor der Einführung von weißer LED Straßenbeleuchtung.

Zusammenfassung:

Es muss richtig gestellt werden: Der in der Studie festgestellte Zusammenhang eines erhöhten Risikos von Brust- und Prostatakrebs hat per se nichts mit LED-Beleuchtung zu tun, sondern mit allgemein höherer Beleuchtungsstärke in der Nacht und blauen Spektralanteilen. Licht in der Nacht ist ein genereller risikoerhöhender Faktor für hormonabhängige Krebsarten neben Schichtarbeit, Umweltfaktoren, Gesundheitsverhalten (z. B. Rauchen, Ernährung) und familiärer Veranlagung.

Allerdings kann die Umstellung auf moderne LED-Außenbeleuchtung dann ein Risiko für die Gesundheit (von Mensch und Tieren) darstellen, wenn z. B. Lichtfarben mit hohem Blauanteil gewählt werden, oder generell die Außenbeleuchtung heller als notwendig ausgelegt wird. Das trifft auch für die Beleuchtung von Innenräumen in der Nacht zu.

#2 |
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Mitarbeiter Industrie

Das Immunsystem kann Krebszellen bekämpfen.
Logischerweise begünstigt dann alles, was das Immunsystem schwächt
auch Krebs.
Schlafmangel ist einer der Faktoren.

#1 |
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