Ersthilfe im Ausland: Samariter ohne Sorgen

29. November 2012
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Wer sich auf Reisen oder im Ausland bei Notfällen engagiert, wird in vielen Ländern gesetzlich vor möglichen Folgen geschützt. Für humanitäre Einsätze reichen diese Regelungen aber nicht aus.

Die Welt braucht engagierte Ärzte mit Zivilcourage, die nicht wegsehen und auch im Urlaub erste Hilfe leisten. Trotz kultureller und politischer Unterschiede, fördert nahezu jeder Staat Hilfeleistungen in Notsituationen. Wer Opfern nicht beisteht, riskiert eine entsprechende Verurteilung. Immer häufiger fragen sich Kollegen jedoch, wie die Situation hinsichtlich möglicher Regresse zu bewerten ist. Eine zentrale Frage: Welches Rechtssystem findet überhaupt Anwendung?

Deutsches Recht bei 30.000 Fuß

Ein Kreuzer unter deutscher Flagge oder ein deutsches Flugzeug unterliegen gemäß internationalem “Flag Right” auch der deutschen Gesetzgebung. Das bedeutet, auf hoher See oder in der Luft gilt Paragraph 323c des Strafgesetzbuchs: “Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.” Vom moralischen Standpunkt abgesehen, haben Ärzte keine weiteren Pflichten als medizinische Laien. Sie müssen generell nur “zumutbare Hilfe” leisten – ein Begriff, der sicher bei Intensivmedizinern anders zu bewerten ist als bei Ärzten aus der industriellen Forschung.

Risikolose Hilfe

Während größere Kreuzfahrtschiffe meist medizinisches Personal an Bord haben, sieht es über den Wolken nicht so gut aus. An Bord von Flugzeugen ereignen sich regelmäßig medizinische Zwischenfälle – etwa einer pro 10.000 bis 40.000 Passagiere. Rein rechnerisch sind Ärzte bei nahezu jedem 25. Interkontinentalflug gefordert. Sie erwartet ein breites Spektrum von Befindlichkeitsstörungen bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen. Crews halten meist sogenannte Enthaftungserklärungen bereit, um Ärzte – außer bei grober Fahrlässigkeit oder bei Vorsatz – abzusichern. Das Dokument ist Bestandteil der Haftpflichtversicherung von Flugzeugen und schützt auch Kollegen, sollte ihre Approbation im Zulassungsland des Flugzeugs nicht gültig sein. Wer sich nach einem Aufruf der Crew als Mediziner zu erkennen gibt, handelt trotzdem nicht im Auftrag der Fluglinie. Bei Fragen einer Ausweichlandung sollte die Möglichkeit genutzt werden, via Satellitentelefon Notfallmediziner am Boden zu konsultieren. Ansonsten entscheiden Kollegen de jure nie über ungeplante, kostspielige Zwischenstopps – dass kann nur der Kapitän.

Deutschland: Sicherheit für Ersthelfer

Deutsche Gerichte haben außerdem bestätigt, dass ärztliche Ersthelfer einen besonderen Schutz genießen. Beispielsweise leistete ein Gynäkologe, der zufällig Zeuge eines Badeunfalls wurde, erste Hilfe. Nach anfänglichen Bemühungen, unterließ er weitere Versuche, da das Unfallopfer seiner Ansicht nach verstorben war. Dennoch gelang einem zwischenzeitlich verständigten Notarzt die Reanimation – durch den Sauerstoffmangel waren aber schon bleibende Schäden eingetreten. Das Oberlandesgericht München stellte hier einen fahrlässigen Diagnoseirrtum fest, sprach den Arzt aber vom Tatbestand grober Fahrlässigkeit frei. Anders als im Arzthaftungsrecht musste er keine Beweislast tragen. Auch kam kein Behandlungsvertrag im eigentlichen Sinne zu Stande. Ein Notarzt, der im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit vor Ort erste Hilfe geleistet hätte, wäre laut den Richtern anders zur Verantwortung gezogen worden.

Ansprüche im Ausland

Leisten Kollegen bei Unfällen oder akuten Erkrankungen im Ausland erste Hilfe, sind sie auf der sicheren Seite. Selbst ältere Berufshaftpflichtversicherungen decken diese Tätigkeit ab, außer bei grober Fahrlässigkeit oder bei Vorsatz. Hier sind vor allem zwei Stellen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) zu nennen, die eine mögliche Haftung beschreiben. Im Paragraphen 280 ist festgelegt: “Verletzt der Schuldner eine Pflicht aus dem Schuldverhältnis, so kann der Gläubiger Ersatz des hierdurch entstehenden Schadens verlangen. Dies gilt nicht, wenn der Schuldner die Pflichtverletzung nicht zu vertreten hat.” Ergänzend formuliert der Paragraph 823: “Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.” Doch wie bewerten andere Länder dieses Thema?

Gute Samariter im Einsatz

Immer wieder ist im Web zu lesen, Kollegen sollten in den USA bei Notfällen über “911” Rettungsdienste verständigen, ansonsten aber lieber die Finger von jedweder Hilfe lassen. Im schlimmsten Falle drohten ansonsten horrende Schadensersatzklagen. Das amerikanische, kanadische oder britische Recht verpflichtet Ärzte nicht, erste Hilfe zu leisten, falls es davor noch kein Behandlungsverhältnis gab. Auch gelten die Hemmschwellen eines Prozesses durch Anwälte, die rein auf Erfolgsbasis arbeiten, als deutlich niedriger. US-Bundesstaaten haben deshalb sogenannte “Good Samaritan Laws” erlassen, also Gesetze, um Helfer vor etwaigen Regressen zu schützen.

Viele andere Staaten Europas, Asiens, des mittleren Ostens sowie die Bundesstaaten Australiens haben vergleichbare Rechtsnormen. Ähnlich der biblischen Geschichte, müssen “gute Samariter” aus freien Stücken heraus handeln, sprich ohne kommerzielle Interessen und ohne berufliches Mandat. Notärzte, die einen Unfallort in dienstlichem Auftrag anfahren, werden nicht von Good Samaritan Laws geschützt. Obwohl entsprechende US-Gesetze ursprünglich für medizinisches Personal entwickelt wurden, um deren privates Engagement abzusichern, gelten sie teilweise – aber keinesfalls generell – für Ersthelfer ohne entsprechende Ausbildung.

Humanitärer Einsatz – heikle Haftung

Werden Ärzte in Katastrophengebieten ehrenamtlich tätig, sollten sie im Vorfeld Kontakt zu ihrer Haftpflichtversicherung aufnehmen und klären, wie es um den Schutz bestellt ist. Manche Policen decken nur Erste-Hilfe-Maßnahmen ab, nicht jedoch längere Einsätze in Katastrophengebieten. Auch muss überprüft werden, inwieweit sich Tätigkeiten ändern. Nimmt ein Allgemeinmediziner mit eigener Hausarztpraxis im humanitären Einsatz kleinere, chirurgische Eingriffe zur Wundversorgung vor, wird die Berufshaftpflicht etwaige Behandlungsfehler nicht übernehmen.

“Ärzte ohne Grenzen” sichert Kollegen deshalb mit einem umfangreichen Paket aus Privat- und Berufshaftpflichtversicherung ab. Hinzu kommen Reise-, Gepäck-, Auslandskranken-, Invaliden-, Berufsunfähigkeits-, Lebens-, Unfall- und Rückholversicherungen: wichtige Bausteine, sollten Kollegen vor Ort selbst verunfallen. Mehr als 140 Staaten bestehen auf lokalen Versicherern, die entsprechende Policen ausstellen (“Non-admitted-Verbotsländer”). Hier informiert die jeweilige Botschaft. Ansonsten ist auch ein Strafrechtsschutz empfehlenswert.

Hilfe aus Berlin

Sollten Ärzte aufgrund der von ihnen geleisteten Hilfe in Bedrängnis geraten, wird sie das Heimatland nicht im Stich lassen. Deutsche, die in Not geraten, bekommen politische Unterstützung von ihrer Botschaft beziehungsweise vom Auswärtigen Amt.

57 Wertungen (4.44 ø)
Medizin

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10 Kommentare:

Traurig, aber wahr.
Aus Berufung Arzt zu sein – das war einmal.
Vor 35 Jahren, als ich als “Retter der Menschheit” mit vollem jugendlichen Elan diese Berufung (für mich immer noch eine) angetreten habe, war es noch – ein bisschen – anders.
Fragt sich noch jemand nach den Ursachen dieser Entwicklung?
Unsere Nachfolgegeneration wahrscheinlich nicht mehr.
Ich glaube, die verheerende Entwicklung ist zurückzuführen:
a.) auf das Heiligtum der “evidence based medicine” – selbst wenn es schon längst bekannt ist, dass ein erfahrener Doktor sich nicht häufiger und schwerer irrt, als die Statistiken
b.) auf die Blindheit (und Geldgier) der Juristen, die aus dieser Entwicklung Kapital – für sich! – schlagen.
Gott sei Dank ist die Welt gross genug, und es gibt – leider – immer noch mehr Menschen, die für die (erste)Hilfe eines Doktors dankbarer sind oder wären.
Die “Scientologisten” der heutigen Medizin (nur evidence based und nur statisch bewiesen zählt) wird es gelingen uns “Unwissenden – aber berufenen” wort- wörtlich in die Urwälder zu vertreiben.
Ob es dadurch besser wird?
Werden wir sehen – wenn google oder http://www…. ausfällt, werden diese hilfloser vor ihren Patienten stehen, als das check-in Personal am Flughafen beim Stromausfall…

#10 |
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Dr. med. Michael Ziem
Dr. med. Michael Ziem

Ich leistete in Taiwan einem Mann nach einem epilept.Krampfanfall erste Hilfe. Von den Angehörigen erntete ich keinen Dank. Meine Tochter meinte, dass der Hilfeleistende auch nach seinem Einsatz dem Kranken verpflichtet sei, diese verpflichtende Bindung wollen die Taiwaner aber nicht eingehen. Darum werde in diesem Lande bei Unfällen möglichst keine Erste Hilfe geleistet, strange oder?

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Interessante Darstellung. Interessant wäre auch eine Betrachtung hinsichtlich der Situation für Angehörige weiterer Heilberufe (RettAss. Krankenpfl. etc.)

#8 |
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Heiler Eckehard Kiesling
Heiler Eckehard Kiesling

Guter Bericht und auch die Kommentare

#7 |
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Rettungsassistent

@ 6
Ich korrigiere
1)Die Haftpflichtversicherung des Verursachers, sofern es einen gibt (z.B. verkehrsunfall)
2)Die Landesunfallversicherung
Bei Fragestellungen an die Unfallkasse des Bundes als Ansprechpartner wenden.
Die Gemeinde hat damit nichts zu tun.

#6 |
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Stefan Blume
Stefan Blume

Kosten durch Hilfeleistung (Material, Kleidung, Verletzung, ¿) tragen die Gemeinde, die Gemeindeunfallversicherung und die Haftpflichtversicherung des Verursachers in der Reihenfolge.
Gruß
Stefan Blume

#5 |
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Medizininformatiker

Nachdem ich nach einem Ersthelfereinsatz die inzwischen hinzugekommene Polizeibeamtin fragte, auf welchem Wege ich zum Ersatz meiner aufgewendeten Materialien kommen könne, wurde ich saudumm angepflaumt.

Das war die LETZTE Hilfe , die ich je geleistet habe. Zukünftig wegschauen und Land gewinnen. Als Passagier ohne “Fluchmöglichkeit” werde ich mich sturzbetrunken stellen, um nichts tun zu müssen und nicht zur Verantwortung gezogen zu werden.

Auf monatelange Gerichtverfahren, in denen juristisch versierte Klugscheisser darüber befinden, ob man in einem Bruchteil einer Sekunde richtig oder falsch entschieden hat, habe ich schon gar keine Lust. Auch sollte sich meine Unschuld herausstellen – die Nerverei allein ist schon zuviel – auf den Prozesskosten bleibt man ja oft genug sitzen.

Moralisch zutiefst verwerfliche Einstellung – ich weisss – aber das macht eben der Gesetzgeber und seine Lakaien aus den Bürgern.

#4 |
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Rettungsassistent

Sehr geehrter Herr Dr. Grimm,
nutzen sie noch in 2013 die Möglichkeit zum “Doc-On-Board” Kurs in Wien der Austrian Airlines. Dort wird auch auf das “Good Samaritan Laws” eingegangen. Gruss MW

#3 |
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Tatsächlich ist diese Problematik gar nicht ohne. Übrigens ist es auch für “Studenten” (s.u.) gut zu wissen, dass für jegliches medizinische Personal (ggf. auch Medizinstudenten) andere Maßstäbe bei Gesundheitsschäden durch Erste Hilfe angelegt werden, als bei reinen Laien.

Für Ärzte gilt grundsätzlich der Maßstab des Arztes, allerdings mit etwas höheren haftungsrechtlichen Hürden. Siehe hierzu
Koller C: Der notfallmedizinische Einsatz im Flugzeug; Notfall Rettungsmed, 2006, 9:667-672

#2 |
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Hochinteressanter Artikel! Mir scheint, dass einige Staaten, insbesondere anglo-amerikanische Staaten den hippokratischen Eid ausser Kraft gesetzt haben.
Während meiner Tätigkeit in den USA wurde ich von meinen Kollegen gewarnt, in Notfällen ausserhalb des Krankenhauses tätig zu werden.
Auch im Flugzeug neige ich dazu, incognito zu bleiben, solange die Fluggesellschaften bzw. die IATA die Haftpflichtfragen unglöst lassen. Schliesslich sind die Probleme seit Jahrzehnten bekannt.
Trotz allem peinigt mich manchmal mein Gewissen.

#1 |
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