Sozialphobie: Gehirn reguliert Angst

3. April 2013
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Bisher ging man davon aus, dass sich das emotionale Netzwerk von Angstpatienten nicht ausreichend an die stressauslösende Situation anpasst. In einer Studie konnte nun gezeigt werden, dass das Emotionsnetzwerk teilweise umgangen werden kann.

Ein charakteristisches Symptom von Angststörungen (SAD: Social Anxiety Disorder) ist eine erhöhte emotionale Reaktion gegenüber potentieller sozialer Bedrohung in Verbindung mit beeinträchtigter Empfindung und Stressregulierung. Grundsätzlich ist Angst eine natürliche Schutzfunktion des Ichs vor einer drohenden Gefahr. Bei SAD ist diese überlebensnotwendige positive Kraft teilweise deaktiviert: Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden, meiden gesellschaftliche Anlässe, aus Furcht den allgemeinen Erwartungen nicht zu entsprechen oder von anderen für dumm gehalten zu werden.

Ihre Angst äußert sich häufig mit Schweißausbrüchen, Zittern, Sprachschwierigkeiten, Panikattacken und Übelkeit. Obwohl die Patienten ihre eigene Angst als übertrieben und unvernünftig erachten, hat ihr Verhalten verheerende Auswirkungen auf ihre Sozialkontakte, ihre Karriereentwicklung und ihr Familienleben. In der Folge stellen Angststörungen besonders bei jungen Erwachsenen eine enorme wirtschaftliche und soziale Belastung dar, die häufig zu Suchtgift- und Alkoholabhängigkeit sowie schweren Depressionen führen.

Längerfristige Konfrontation wirkt Angst mindernd

In der Studie mit dem Originaltitel “Increased Neural Habituation in the Amygdala and Orbitofrontal Cortex in Social Anxiety Disorder Revealed by fMRI” haben die beiden Wiener Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) die Änderungen der Gehirnaktivitäten von Sozialphobie-Patienten und gesunden Probanden gemessen, während sie verschiedene Gesichter mit unterschiedlichen Gefühlsregungen (Zorn, Angst, Traurigkeit, Überraschung, Abscheu…) betrachteten. “Die MRT ist eine nicht-invasive Bildgebungstechnik, die auf dem Einsatz von Magnetfeldern und Radiowellen basiert und daher gänzlich ohne ionisierende Strahlung, wie etwa Röntgenstrahlung auskommt”, erklärt Kognitionswissenschaftler Sladky.

Bei der funktionellen MRT wird eine Serie von dreidimensionalen Gehirn-Bildern aufgenommen, während die Versuchspersonen verschiedene Testaufgaben absolvieren. Jeder einzelne Bildpunkt dieses 3D-Films wird anschließend mittels Regressionsmodels analysiert. Hirnareale, die während des Experiments stärker aktiviert werden, werden auch stärker mit sauerstoffreichem Blut versorgt, wodurch sich in diesem Areal die Intensität des MRT-Signals ändert. Mit statistischen Verfahren können dadurch Aktivitätskarten des Gehirns berechnet und Gruppenergebnisse verglichen werden. Mit diesem Experiment kann die soziale Konfrontation mit unbekannten Menschen stimuliert werden, ohne die an Sozialphobie leidende Person tatsächlich mit einer für sie unerträglichen Angstsituation zu konfrontieren.

In der aktuellen Studie verglichen die beiden Forscher 15 unbehandelte Sozialphobiker (sieben Männer und acht Frauen mit einem Durchschnittsalter von 26,6 Jahren) mit 15 (8 Männer/7 Frauen) gesunden Probanden mit einem Durchschnittsalter von 25,4 Jahren. “Dabei zeigte sich, dass Menschen mit Sozialphobie zwar anfangs eine stärkere Aktivierung im Mandelkern, im medialen, präfrontalen Cortex (OFC) und der Pulvinar-Region des Thalamus aufweisen, nach einigen Durchgängen ging diese Aktivität allerdings zurück”, berichtet Sladky.

Kein Gewöhnungseffekt bei Kontrollgruppe

Nur bei den Angstpatienten entdeckten die Forscher eine Aktivitäts-Abnahme in jenen Gehirnregionen von denen bereits seit längerem bekannt ist, dass sie für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich sind, und dass diese Menschen mit Sozialphobie und anderen Angststörungen hyperaktiv sind. Die anfängliche Hyperaktivität kann durch die unzureichende Gewöhnung an neue Stimuli in den ersten Augenblicken der Exposition begründet werden. Bei der gesunden Kontrollgruppe zeigten sich hingegen keine Gewöhnungseffekte. Bisherige Forschungsergebnisse gingen davon aus, dass sich das emotionale Netzwerk von Angstpatienten nicht ausreichend an die stressauslösende Situation anpassen kann.

Vor dieser aktuellen Forschungsarbeit war es nicht gelungen, die zeitliche Dynamik dieser Hyperaktivität zu analysieren. Durch die längerfristige Konfrontation mit der Testaufgabe ohne fixes Zeitlimit gelang es den Angstpatienten einerseits rascher zu einer Problemlösung zu gelangen, andererseits wurden manche Gehirnregionen umgangen, die gewöhnlich und krankheitstypisch, überaktiviert waren. “Daher liegt der Schluss nahe, dass es auch im Emotionsnetzwerk von Angstpatienten funktionierende Regulationsstrategien gibt, wenngleich es bei ihnen etwas länger dauert, bis diese Mechanismen greifen. Die Fehlregulation dieser Gehirnteile kann also zu einem Teil kompensiert werden”, analysiert Sladky. Außerdem zeige die vorliegende Arbeit die Relevanz des OFC in Zusammenhang mit Angststörungen.

Damit liefern die neuen Forschungsergebnis eine mögliche neurobiologische Erklärung für die fehlende Anpassungsfähigkeit bei sozialen Alltagskonfrontationen und Stresssituationen, die Sozialphobiker ertragen müssen: auch wenn bei den Patienten prinzipiell neuronale Regulierungsmechanismen vorhanden sind, um die angstauslösende Situation zu kontrollieren, scheinen sie erst verspätet wirksam zu werden – möglicherweise zu spät.

fMRT in der Psychiatrie weiterentwickeln

“Der Sinn unserer Grundlagenforschung ist, ein besseres organisches Verständnis von psychiatrischen Erkrankungen zu gewinnen, um auf lange Sicht noch besser individuell abgestimmte, personalisierte Therapiemöglichkeiten anbieten zu können”, betont Sladky. Während funktionelles MRT in der Psychiatrie noch nicht zuverlässig für die Diagnose und Therapieplanung und -überwachung verwendet werden kann, ist sie in manchen Bereichen der Neurologie bereits eine Standardmethode, beispielsweise für präoperative Planung bei Krebspatienten. Der Forscher ist allerdings überzeugt, dass weitere methodische Entwicklungen und vor allem ein besseres theoretische Verständnis vom Ablauf gesunder und krankhafter Gehirnprozesse in der Folge dazu führen werden, dass fMRT als klinische Methode in der Psychiatrie eingesetzt werden kann.

Facts & Figures zur Sozialphobie

Laut kürzlich veröffentlichter epidemiologischer Daten haben Angststörungen (Social Anxiety Disorder SAD) in Europa eine zwölfmonatige Prävalenzrate von 2,3, in den USA zwischen 2,8 -7,1 und in Japan von 0,8 Prozent. Einer Studie der Goethe-Universität in Frankfurt zufolge leidet rund jeder achte Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren an einer Sozialphobie bzw. einer sozialen Angsstörung. Allgemein wird zwischen der spezifisch sozialen Phobie und der generalisierten Sozialphobie unterschieden. Bei ersterer, wesentlich selteneren Ausprägungsform fürchten sich die Erkrankten vor dem Sprechen, Essen oder Reden, bei zweiterer vor sozialen Kontakten.

139 Wertungen (3.98 ø)
Forschung, Medizin, Neurologie

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11 Kommentare:

Gute Studie ! Nein – Frau Jacobi , die Sozialphobie kann man ( in den meisten Fällen ? ) alleine doch hinbiegen ! Der Mensch ist ein Gewohnheitstier ..So habe ich mich vom Sozialphobiker ( die NOten wurden durch Nichtbeteiligung in der Schule schlechter ) zum “nervtötenden Schwätzer ” entwickelt …

#11 |
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Mitarbeiter Industrie

Ich bin immer wieder aufs neue beeindruckt, wieviele Kommentare in drei, vier Sätzen die einzig richtige Lösung doch sehr komplexer Zusammenhänge aufzeigen.
Lassen wir uns unsere Symptome über die Zeit auswachsen…
Ich weiß nur nicht, ob die Zeit bei einem Motorbrand reichen wird.
Lass uns lernen, mit gewissen Ängsten umzugehen.

Wir hatten ja alle als Kinder mal Angst, Depressionen in der Pubertät mit dem ersten Liebeskummer. Jeder war schon einmal in einer tiefen sozialen Isolation, wegen seiner Pickel.

Mann, stellt euch nicht so an. Kennen wir alle, hatten wir alle schon mal. Und mit der Zeit löst sich doch jedes Problem.

#10 |
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Dr. med Rolf Hohlfeld
Dr. med Rolf Hohlfeld

Sicherlich erstaunlische Einblicke in die Neurobiologie der Angststörungen, die für mich aber erst dann als Therapeut Sinn machen, wenn sich daraus eine therapeutische Konsequenz entwickeln läßt. Bisher stimme ich der Kollegin Frau Eber zu, die den tiefenpsychologischen Weg wählt, zusätzlich füge ich besonders bei psychtraumtischer Verusachung EMDR hinzu.

#9 |
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@Heike Müller-Bienert
Danke. Dem ist nichts hinzufügen.
Endlich mal jemand der seinen Verstand zu gebrauchen weiß anstatt mit psychiatrischrischen oder psychologischen Phrasen zu argumentieren.

#8 |
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Annette  Peter
Annette Peter

Dass sich psychiatrische Krankheiten, egal wie “psychogen” oder “neurotisch” sie früher eingestuft wurden, letztlich ALLE AUCH sich in bestimmten Gehirnabläufen manifestieren dürften, war – logisch hergeleitet – auch schon VOR den jetzt üblichen funktionellen Hirnuntersuchungen klar. Deshalb haben bis zu einem gewissen Grad ja auch Suchtmittel, mit deren Hilfe bestimmte Funktionen so modizifiert werden können, dass beim Pat. keine Angst mehr entstehen oder die Angst zumindest abnimmt, immer geholfen. Im Prinzip heißt das alles nur wieder, dass wir sowohl Körper als auch Geist (Psyche) sind, und dass die Schnittstelle zwischen beiden im Gehirn liegt und dass daher eine Kommbination aus medikamentösem und psychologischem Ansatz in vielen Fällen die größten Erfolge bringen wird. Allerdings könnten ggf. mit Hilfe der genannten Untersuchungsmethoden ggf. auch Biofeedbackprogramme weiterentwickelt und so neue Strategien in der Behandlung von psychogenen (hier: Angst-) Störungen etabliert werden.

#7 |
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Arzthelferin

Die Frage ist doch eher, WAS mache ich jetzt mit der Analyse/Studie?? Das eine Aktivität im Gehirn statt findet ist doch klar…sonst würde der Körper kaum diese starke Reaktion auf die GEDANKEN (“ich bin nicht gut”) zeigen.
ziehlt es “wieder” auf Tabletten ab?
oder ist es nicht viel wichtiger zu lernen mit diversen Ängsten um zu gehen.
Erst wenn das Leid ZU hoch ist werde ich merken das ich da durch muss und NICHTS oder NIEMAND wird es mir abnehmen, zu lernen wie das Leben geht.
Es ist heftig, aber es geht…egal was sich im Gehirn abspielt.
Es geht hier um Sozialphobie etc, welche auch auf genau diesem Weg wieder schwindet. Nämlich der sozialen Integration im Sinne von “ich bin auch jemand”

#6 |
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Maike Arft-Jacobi
Maike Arft-Jacobi

Der übliche Kategorienfehler: zwischen Gegebenheiten unterschiedlicher Wirklichkeitsebenen können keine Kausalbeziehungen bestehen, höchstens signifikante statistische Zusammenhänge. Für eine Sozialphobie braucht es mindestens 2 Menschen; eine Sozialphobie kann man nicht alleine hinbekommen, wie günstig die neuronalen Regulierungsmechanismen auch immer sein mögen. Zumindestens wären mal fMRTs von denen zu machen, die sich zutrauen, dermaßen viele Jugendliche als sozialphobisch zu pathologisieren. Wahrscheinlich gibt es da signifikante statistische Zusammenhänge mit anderen Hirnarealen.

#5 |
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Doktor Klaus Umbreit
Doktor Klaus Umbreit

Es ist schon traurig zu sehen, dass eine “Hirnforschung” wohl nur noch unter Einsatz der MRT möglich ist! Dabei haben schon Kornhuber und Libet vor ca. 50 Jahren mit der Beschreibung der motorischen und sensorischen Bereitschaftspotentiale an den Synapsen festgestellt, dass hier ein unterschiedliches Enzymverhalten beim Potentialabbau zu gravierenden Folgen führen kann. Und dies trifft im besonderen Falle auch bei den hemmenden Neuronen zu. Das “Angst-Geschehen” unterliegt einer Diskrepanz von Potential-Aufbei und -Abbau. (Noch einmal nachzulesen in den zwei Bänden “Nietzsches Vision: Die Demokratie am Galgen” von Marc Chatenieu). Wie sagte schon Peter Ustinow 2004?: Die Hirnforschung ist heute soweit, wie es die Physik zur Zeit von Isaac Newton vor 400 Jahren war.

#4 |
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Kollege Beckers menschliche Reife sowie medizinisch-wissenschaftliche Tiefe spiegeln sich in seiner wohl wenig überlegten “Wortwahl” wider.

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Student

Psychoanalyse bei Sozialphobie ist für mich genauso sinnvoll wie bei einem Motorbrand den Reifendruck zu kontrollieren.

Hier sehe ich eine VT als deutlich zielführender an.

Den Wert der “Studie” sehe ich ob der geringen Anzahl der Teilnehmer als gering an. Die “Beruhigungseffekte” lassen sich problemlos auch über die zusätzliche Anspannung der Erkrankten erklären, die auf den Stress der Untersuchung in einem MRT sensibler reagieren als die Kontrollgruppe.

Darüber hinaus wachsen sich viele leichte sozialphobische Symptome von Jugendlichen im Laufe der Reifung und des Erwachsenwerdens von selbst aus.

#2 |
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Edith Ebner
Edith Ebner

Psychoanalyse ist individuell abgestimmte Therapie und führt zur Veränderung im Gehirn.

#1 |
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