Besser doch ASSkese?

24. Februar 2010
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Zahlreiche Fachgesellschaften waren sich einig: Ein bis zwei Tabletten täglich mit Acetylsalicylsäure richten keinen großen Schaden an und schützen vor Infarkt und Schlaganfall. Haben sie sich geirrt?

Wer im Internet die Adresse www.wonderdrug.com anklickt, findet keineswegs einen zwielichtigen Online-Shop für Arzneimittel aus Fernost, sondern die Beschreibung eines der meistverkauften Schmerzmittel der Welt. Rund zehn bis zwölf Milliarden Tabletten gingen in seiner 110-jährigen Geschichte durch die Hände der Apotheker.

Trotz des beträchtlichen Alters, beschäftigen sich immer noch rund 3500 Fachartikel jährlich mit Acetylsalicylsäure (ASS). Um, wie auch in einer aktuellen deutschen Studie thematisiert, dem drohenden (erneuten) Schlaganfall oder Herzinfarkt vorzubeugen, nehmen rund vier von zehn Amerikanern ihre Aspirin-Tablette täglich. Viele Ärzte weltweit empfehlen den Wirkstoff für die Primärprävention gegen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Risikopatienten: ja – Gesunde: Nein.

„Konservative Berechnungen schätzen, dass etwa 107.000 Patienten jährlich wegen gastrointestinalen Komplikationen durch Nonsteroidale anti-inflammatorische Wirkstoffe (NSAID, zu ihnen gehört auch ASS) klinisch behandelt werden. Allein unter Arthritis-Patienten ereignen sich mindestens 16 500 Todesfälle jährlich im Zusammenhang mit NSAID“ lautete schon das Fazit eines Artikels aus dem Jahr 1998 im „American Journal of Medicine“. Andere neue Studien stellen die Unbedenklichkeitsgarantie für ASS weiter in Frage. Im „Lancet“ erschien 2009 eine Arbeit, die sechs große Studien zur Primärprävention und 16 zur Sekundärprävention mit weit mehr als 100.000 Teilnehmern analysierte. Bei der Primärprävention scheinen die Vorteile des altbewährten Wirkstoffs auf den ersten Blick für die Tablette zum Frühstück zu sprechen: 20 Prozent weniger nicht-tödliche Herzinfarkte. Aber auf der anderen Waagschale stehen jedoch rund ein Drittel mehr Fälle innerer Blutungen. Umgerechnet auf 100.000 Patientenjahre kommen mit der Einnahme von Aspirin und Co. 60 mehr hinzu.

Etwas anders sieht die Rechnung bei Patienten mit einem höheren Risiko für Herzerkrankungen aufgrund von Vorerkrankungen aus. Dort sorgt ASS für einen größeren Risikoschutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Die gleichbleibende Blutungsquote fällt dabei nicht mehr so stark ins Gewicht. Colin Baigent von der Universität Oxford, der die Lancet-Analyse verfasst hat, gibt dabei aber auch zu bedenken, dass auch da Aspirin wohl nicht „The Wonderdrug“ gegen den Herzinfarkt ist. Denn wenn diese Patientengruppe Cholesterinsenker wie etwa Statine bekommt, relativiert sich der ASS-Schutz. In den großen analysierten Studien war diese Patientengruppe kaum vertreten.

Diese Ansicht teilt er mit Matthias Endres, Direktor der neurologischen Klinik an der Berliner Charité. Allerdings, so fügt Endres in einem Kommentar für deutsche Gesellschaft für Neurologie hinzu, stehen Subgruppenanalysen bisher aus. Gilles Montalescot von der Pariser Universitätsklinik Pitié-Salpetriger erläutert weitere Unverträglichkeiten beim populären Schmerzmittel: Asthma, Sinusitis, Urtikaria oder Angioödeme können bei sensiblen Patienten schnell zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.

ASS gegen Krebs und Diabetes?

Onkologen wiederum legen etwas Gewicht auf die Pro-Seite der ASS-Waage. John Burn aus dem englischen Newcastle und sein Team präsentierten auf dem Europäischen Krebskongress in Berlin im letzen Jahr Daten, nachdem 600mg ASS täglich die Häufigkeit von Karzinomen von Kolon und Endometrium bei Hochrisikopatienten halbieren. Neue Studien beschäftigen sich mit positiven Effekten im Zusammenhang mit Brustkrebs. Dagegen erfüllten sich die Hoffnungen von Diabetikern auf ein längeres Leben dank ASS entsprechend japanischen und schwedischen Untersuchungen nicht.

Insgesamt scheint es, dass die Empfehlungen zahlreicher Fachgesellschaften besonders in den Vereinigten Staaten überholt sind. Noch in den letzten beiden Jahren rieten die American Colleges of Cardiology und Gastrointeriology wie auch die American Heart Association zu Aspirin zur Primärprävention. Sogar Colin Baigent empfahl noch vor einigen Jahren die tägliche Tablette auch für Gesunde.

Lautet nun der Schluss: Weg mit der ASS-Tablette am Frühstückstisch? Matthias Endres von der Charité macht wie auch andere Experten deutlich, dass eine genaue Analyse von Subgruppen noch aussteht, bei denen der Wirkstoff eher hilft als schadet und umgekehrt. Entsprechende Studien sind geplant oder bereits am Laufen. Zwei große Studien mit rund 15 000 Teilnehmern, (ASCEND und ACCEPT-D) sollen in den nächsten Jahren auch klären, ob etwa Diabetiker ohne Gefäßerkrankungen von der regelmäßigen ASS-Zufuhr profitieren.

Bis dahin sollten Aspirin und seine Geschwister bei Gesunden erst einmal im Apothekenschrank für Notfälle bleiben. Denn, so Matthias Endres, „die wahrscheinlich effektivste Primärprävention Zerebral– und vaskulärer Erkrankungen besteht im Verzicht auf Zigaretten.“ Gesunde Ernährung und ein paar sportliche Übungen dazu halten den Kreislauf besser in Schuss als jede „Wonder-Drug“.

225 Wertungen (4.21 ø)
Allgemein

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18 Kommentare:

Keiner denkt an die mitochondriale Schädigung durch ASS.
Mit dieser Pseudo-Prophylaxe raubt man der Zelle ihre Energieversorgung – was dann?

#18 |
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Dr. Reiner Treusch,
Dr. Reiner Treusch,

Wer kann in diesm Zusammenhang etwas über die HI-/ Apoplex -Pophylaxe mit dem natürlichen “Antithrombotikum” NATTOKINASE aus der Sojabohne berichten?

#17 |
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Priv.-Doz. Dr. med. habil. Manfred Schulze
Priv.-Doz. Dr. med. habil. Manfred Schulze

Die ASS-Resistenz spielt in der Praxis insbesondere in der Sekundärprophylaxe eine große Rolle. In unseren Untersuchungen zeigten 28% der Patienten mit Sekundärprophylaxe ein Nichtansprechen. Der größte Teil ist wohl auf Noncompliance und die wiederum auf den niedrigen Preis zurückzuführen. Zu wenig Beachtung findet das nicht seltene “sticky platelet Syndrom”. Dieser angeborene Defekt kann mit sehr niedrigen ASS-Dosen zuverlässig korrigiert werden. Untersuchungsmethoden der ASS-response sind u. a. der Born-Test und der Multplate-Test. Zur Diagnose des sticky platelet Syndroms eignet sich eine Modifikation des Born Tests.

#16 |
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Das Hauptproblem bei allen Statistiken ist nicht, daß Mediziner von Statistik nichts verstehen, sondern daß die Probanden in der Regel auf simpelste Weise über einen Kamm geschert werden. Angesichts der Myriaden chemischer Reaktionen, die jede Sekunde im menschlichen Körper ablaufen, wird den individuell höchst unterschiedlichen, molekularen/metabolischen Voraussetzungen kaum je Rechnung getragen. Schauen Sie sich doch einmal die Erhebungsbögen für Probanden zu den jeweiligen Studien an. Unwissenschaftlicher geht’s nimmer. Insofern hat Kollege Linnenbaum (Kommentar Nr. 17) völlig recht.

Zu Nr. 16: Jeder nicht von der Statin-Mafia abhängige Forscher weiß längst, daß erhöhte Blutfette – wenn überhaupt – nur ein Begleitrisiko zur KHK darstellen.

#15 |
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Mir ist schleierhaft, wieso das Vertrauen der Ärzteschaft in die Aussagekraft statistischer Erhebungen immer noch so hoch ist. Wohl nur, weil Mathematik eine exakte Wissenschaft ist, der viele Mediziner tief vertrauen, aber nicht unbedingt durchschauen. Und wenn die Erhebung noch so umfangreich ist, die Variabilität der Medikamentenwirkung bei unterschiedlichster genetisch gesteuerter Enzymausstattung ist nicht berechenbar, weil die Randbedingungen nicht exakt vorgegeben werden können. Darüberhinaus können die Auswirkungen der unterschiedlichsten Begleitmedikation gerade bei den Multimorbiden ( Metabolismussyndrom etc. ) sicher nicht annähernd genau erfasst werden. Irgendwann wird die heutige medizinische Statistik sicherlich ad absurdum geführt werden. Bis dahin müssen wir gerade bei den Multimorbiden eher mit weniger als mit mehr auskommen.

#14 |
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Meiner Meinung nach sollten Risikopatienten . d.h. alle Leute die rauchen, keinen Sport treiben und hohe Blutfette aufweisen ASS nehmen. Ich gebe 100 mg (ASS für Kinder) weil sie billiger sind als die 80 mg (Cardio-Protect). Ich lebe in der dritten Welt und hier kann man sich die Medikamente fast alle so kaufen.
Die Seguro Social gibt auch die 100 mg (Grins) – Kostensenkung. Sie wird an alle Risikopatienten gegeben: Adipöse, Diabetiker, Raucher etc.

#13 |
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Dr. med. Ernst Reimer
Dr. med. Ernst Reimer

Soweit mir bekannt ist, gibt es bisher keine genauen Dosierungsgrößen für die Prävention mit ASS. Von den hohen Dosen(324 mg/Tag) die wir noch vor Jahren in der Rezidiv-Prohylaxe bei Patienten nach Apoplex verordnet haben, sind wir inzwischen bei einer low-dosis von 50 mg /Tag gelandet. Welcher Laborwert aber sagt uns, ob diese geringe Dosis individuell für Mann und Frau, alters- und gewichtsabhängig die richtige ist? Gibt es Alternativen zur Einnahme von ASS, z.B. Ingwer als Thrombcyten-Aggregationshemmer? Liegen hierzu Studien vor?

#12 |
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Barbara Hempel
Barbara Hempel

Was lernen wir daraus? Nichts auf der Welt ist nur gut oder nur schlecht. Die einfachen Wahrheiten werden immer weniger, je genauer man hinguckt. Keine wirklich neue Erkenntnis, aber eine, die es wert ist, sich öfter mal bewusst zu machen!

#11 |
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Viele Fragen, keine klaren Antworten. Also die Frage bleibt
weiter, wohl noch lange,:”Was tun sprach Zeuss?”

#10 |
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ich halte die “empfohlene” Einahme von Ass 2×1 pro Tag äußert problematisch.Ein Patient beinnt z.B. mit 50 Jahren die Einahme und hat eine Lebenserwartung von 90 Jahren,er würde dann ca. 284000 Tabl.einehmen.Wohl bekomm`s

#9 |
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professor dr. götz nowak
professor dr. götz nowak

Es ist m.E. nicht unbedingt eine Frage der Beherrschung der deutschen Sprache zur Auslegung der 20 %, sondern wohl mehr ein mathematisches Problem. Wenn 20 % , dann muß es eine Bezugsgröße geben, wovon 20 %? Und da muß man auch die großen ASS-Präventionsstudien, die vor mehr als 30 Jahren gelaufen sind, betrachten.Im Ergebnis wurden bemerkenswert ähnliche Daten wie in diesem Artikel beschrieben, publiziert. Ganz ohne Frage hat ein (kleinerer) Teil der Patienten einen Benefit von der langfristigen ASS-Einnahme. Aber für die anscheinend größere Zahl von “Nonrespondern” gibt es doch dringenden Klärungsbedarf. Einen möglichen Weg zur Labordiagnostik einer ASS-Resistenz habe ich in meinem Kommentar aufgezeigt.

#8 |
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Heilpraktikerin

Wunderbar, endlich mal etwas schlechtes zum Wundermittel ASS, aber noch lange nicht genug. ASS als Vitamin C-Räuber offnet vielen Erkrankungen Tür und Tor, sodaß die Pharma-Industrie mit diesem billigen mittel- es kann sich jeder leisten- und der Angst der Menschen sich neue Kranke und somit auch neue Einnahmequellen schafft. Dabei gibt es wunderbare gesunde Blutverdünner, wie z.B,
Omega 3 Fettsäuren.

#7 |
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Wilhelm Cramer
Wilhelm Cramer

Prinzipiell gibt es aus meiner Sicht wenig gegen die präventive Einnahme von ASS einzuwenden, dies selbstverständlich in Kleinstdosen. “So viel wie nötig – so wenig wie möglich”. Als preiswerte und “magenfreundliche” Alternative empfehle ich gelegentlich auch eine homöopathische Zubereitung von ASS in der Potenz C30. Es lohnt die Mühe, hierüber einmal nachzudenken, da meine Umfrage bei Patienten sehr positiv verlief. Aus Sicht der Schulmedizin mag dies vielleicht als placeboider Unfug abgetan werden, die Blutbilder d. Pat. “sprechen jedoch eine andere Sprache”. Ergo: “Versuch macht kluuuuch!”

#6 |
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Dr. med. Toni Birtel
Dr. med. Toni Birtel

Wie hoch soll denn nun das Blutungsrisiko sein?
Nachdem ich seit 4 Jahren ASS neben Betablockern und Statinen einnehme, habe ich bei einem 3 x wöchentlichen Karatetraining höchstens mal ein paar blaue Flecke mehr. Nach 3 tägigen ganztägigen Trainingseinheiten mit Härtetesten kann schon mal der Unterarm dick blau geschwollen sein. Aber auch bei den 2jährigen Magen-Darmspiegelungen mit PE’s ist noch nie was passiert.
Es geht mir mit meinen 2 Carotis-Stents und den 25 cm langen Oberschenkel-Stents gut.
Dr. Birtel

#5 |
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Dr. Lucie Sahl
Dr. Lucie Sahl

wer weiß schon, dass ASS-Einnahme auf die Dauer einen Vitamin-C-Mangel hervorruft mit den entsprechenden Gefäßschäden, die nach geringem Trauma zu den typischen Einblutungen in die damit assoziierte sog. Pergamenthaut führen. So kann das Blutungsrisiko im Intestinaltrakt auch erklärt werden, das Mittel schadet ->drinnen wie draußen! Mit Vitamin-C-Gaben sollte sich das Risiko verringern, warum nicht mal eine Studie mit 1,5 g bzw. 3x 500 mg Ascorbat in retardierter Form zum ASS?

#4 |
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Guter Beitrag zu einem immer noch kontrovers diskutierten Thema:ASS in der Primärprophylaxe mit genau dem richtigen Schlusswort, nämlich dass ASS in der Primärprophylaxe im Gesamtüberleben im Hinblick auf die Gesamtpopulation keinen Vorteil bringt. So labge keine eindeutigen Zahlen zu Subgruppen vorliegen aber auch natürlich danach sollte das altmodische Nichtrauchen und Sport-Treiben immer noch Nummer eins in der Primärprophylaxe bleiben.

#3 |
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Deutsche Sprache, schwere Sprache! Der Sat heißt, daß die Zahl der nicht tödlich ablaufenden Herzinfarkte um 20% gesenkt wird. Über die tödlichen steht gar nichts dabei.

#2 |
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….wobei man aber nicht weiß, wie gr0ß der Nutzen bei selektierten “Nicht-ASS-Resistenten” sein wird. (Oder sind verläßliche Zahlen über die Prävalenz von ASS-Resistenzen bekannt? 80? Populationsunterschiede?)

#1 |
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