Tuning für die Pillen-Packung

24. Februar 2010
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Um Arzneimittelfälschungen schwieriger zu machen, testen Apotheker und Pharmakonzerne jetzt die 2D-Datamatrix in einem großen Feldversuch. Derweil geht Pfizer zum wiederholten Mal an seine Viagra-Verpackung ran, um dem Kopier-Irrsinn Einhalt zu gebieten.

Die Wochen vor Karneval waren wieder einmal Großkampftage für Deutschlands Spamfilter. Wie jeder bestätigen kann, der sich intensiv im Netz bewegt, ist der Februar 2010 bisher ein goldener Monat insbesondere für Viagra-Spams gewesen. Es ist anzunehmen, dass das meiste, was die Spammer als Viagra, Cialis und Co verticken, nicht aus den Fabriken der jeweiligen Hersteller stammt. Potenzpillen bleiben die meist gefälschten Medikamente.

Auch deutsche Apotheker sollen jetzt Packungen scannen

Versuche, dem Treiben Einhalt zu gebieten, gibt es schon länger. Der Erfolg allerdings war bisher mäßig, auch deswegen, weil es ohne Chemielabor schwierig ist, eine Arzneimittelfälschung als solche zu überführen. Das ist auch deswegen problematisch, weil Arzneimittelfälschungen nicht nur über das Internet, sondern immer mal wieder auch über den regulären Handel ihren Weg zum Endkunden nehmen. Bei wirklich guten Fälschungen erkennt das der Apotheker dann genauso wenig wie der Kunde. Der Bundesverband der deutschen Apothekerverbände, ABDA, will jetzt gemeinsam mit angestrebt etwa 15 pharmazeutischen Unternehmen ein groß angelegtes Pilotprojekt starten, das eine in Belgien, Griechenland und Italien bereits im Einsatz befindliche Technologie auch auf deutschem Boden etablieren möchte. Die Rede ist von der so genannten 2D-Datamatrix des Anbieters Aegate, eine um eine Tiefendimension bereicherte Barcode-Technologie. Dabei wird eine eindeutige Seriennummer in der 2D-Datamatrix codiert und dann auf die Faltschachtel gedruckt oder aufgeklebt.

Das ABDA-Vorhaben lehnt sich an ein in Schweden bereits laufendes Projekt des europäischen Pharmaverbands EFPIA, der bei zunächst 100.000 Produkten in 25 Apotheken ebenfalls auf die 2D-Datamatrix setzt. „Der Kampf gegen Arzneimittelfälschungen ist eine der wichtigsten Aufgaben des Verbraucherschutzes. Unser Pilotprojekt soll eine Technologie erproben, die für noch mehr Arzneimittelsicherheit sorgen kann“, sagt ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf. Neben der eindeutigen Seriennummer enthält der Code auch die Pharmazentralnummer, die Chargennummer und das Verfallsdatum. In der Apotheke wird die Datamatrix bei Abgabe des Arzneimittels mit einem Scanner ausgelesen. Das wiederum löst eine Abfrage bei der Aegate-Datenbank aus, anhand derer der Apotheker erkennen kann, dass das entsprechende Schächtelchen tatsächlich vom Hersteller in Verkehr gebracht und dass es nicht an anderer Stelle schon einmal ausgegeben wurde.

Auch die Datamatrix macht Pillen nicht unfälschbar

Dass das ABDA-Projekt gerade jetzt kommt, ist politisch nicht ganz zufällig. Für 2010 wird die Vollendung einer im Jahr 2008 vorgelegten EU-Richtlinie erwartet, die sich mit gefälschten Arzneimitteln beschäftigt. Diese Richtlinie könnte in Sachen zu treffende Maßnahmen ziemlich explizit werden, und Deutschland hat hier im internationalen Vergleich durchaus Nachholbedarf. Wie effektiv die Markierung von Packungen ist, hängt freilich auch von der Umsetzung ab. Es macht natürlich einen Unterschied, ob die Datamatrix vom Hersteller auf die Packung gedruckt oder vom Großhändler nur aufgeklebt wird. Die ABDA hält sich für ihr Projekt beide Türen offen. Der zweite Punkt ist, dass eine Datamatrix auf der Packung natürlich nicht zwangsläufig etwas über den Inhalt aussagt. Internationale Standardisierungsexperten haben deswegen in der Vergangenheit wiederholt gefordert, eine Datamatrix auf jeden Blister zu drucken. Dass das aufwändiger ist, leuchtet ein. „Die individuelle Markierung von Schachteln wird das Problem der gefälschten Arzneimittel nicht völlig lösen. Sie wird zur Produktsicherheit aber signifikant beitragen“, gibt sich EFPIA-Generaldirektor Brian Ager überzeugt.

Ob dein Viagra falsch ist oder nicht, sagt dir gleich – der Blister

In Ergänzung zur herstellerübergreifenden 2D-Datamatrix setzt das auch an dem EFPIA-Projekt beteiligte Unternehmen Pfizer im Zusammenhang mit seinem Fälschungs-Blockbuster Viagra auf Eigeninitiative. Pfizer hat jetzt mitgeteilt, dass es zum wiederholten Male an der Viagra-Verpackung „herum schraubt“, um es Kunden und Apothekern leichter zu machen, Fälschungen zu erkennen. Schon seit einiger Zeit prangt außen auf der Verpackung ein Pfizer-Logo in changierenden Farben. Die aktuelle Veränderung betrifft den Blister: „In der Aluminiumfolie sind neue, fälschungssichere Sicherheitsmerkmale angebracht, die nur für Experten zu erkennen sind“, betont Unternehmenssprecher Thomas Biegi gegenüber DocCheck. Zusätzlich sei der Wirkstoffname nun in 23 Sprachen aufgedruckt. Weitere schon bestehende Sicherheitsmerkmale des echten Viagra sind verklebte Faltschachteln und Hologramm-Etiketten. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMEA hat dem geänderten Blister bereits ihren Segen erteilt. Ab sofort werden die neuen Verpackungen bei Bestellungen sukzessive ausgeliefert.

23 Wertungen (4.43 ø)
Allgemein

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3 Kommentare:

Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Ich arbeite in einer grossen Krankenhaus Apotheke in den USA.Hier bekommt niemand eine orginal Packung. Alles kommt in grossen Containers und wird dann ausgezaelt. Die Barcode am Contianer wird gescanned. Am Computer kommt ein Edikett mit der dosierung,Name des Patienten, Name des Apothkers usw.welches auf das Flaeschchen geklebt wird.Ich schaetze, dieses System ist viel billiger als die Orginal Packungen.Auch in den sogenannten Drug Stores werden die Rezepte so bearbeited

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Dr. rer. nat. Niels Grünewald
Dr. rer. nat. Niels Grünewald

Die geplante technische Umsetzung ist sicherlich beeindruckend, und es ist auch wichtig, dass die Apothekerschaft diese Herausforderung angeht, gerade um die fehlende Seriösität vieler Drittanbieter zu enttarnen.
Jedoch ist der Anteil gefälschter Medikamente, die in die Apotheke gelangen äußerst gering. Und gegen die unzähligen unseriösen Internet- und Versandanbieter, die mit ihrem Spam-Mail-Versand täglich wertvolles Arbeitskapital vernichten, dürfte diese Technik-Offensive erstmal nicht viel ausrichten. Zumal die Kunden meines Erachtens mutwillig Fälschungen in Kauf nehmen.
In jedem Fall sollte für diese Dienstleistung auch eine entsprechende Vergütung gefordert werden.

#2 |
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Dr. Gabriele Alberts-goebel
Dr. Gabriele Alberts-goebel

Dieser ganze (teure) Aufstand am Blister und ebenso alle anderen Vorsichtsmaßnahmen gegen Fälschungen wäre nicht nötig gewesen, hätte man auf die Erlaubnis des Versnadhandels mit Medikamenten verzichtet. Natürlich wären auch dementsprechend die Gefährdungen der Patienten durch gefälschte Medikamente kaum vorhanden.

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