Weniger abhören, mehr zuhören

4. März 2010
Teilen

Fast die Hälfte aller Fehldiagnosen sind auf Missverständnisse oder Nachlässigkeiten beim Gespräch zwischen Arzt und Patient zurückzuführen. Viele Beispiele zeigen: Zuhören zahlt sich aus - Verständnis für den Patienten erst recht.

„Für viele Patienten wäre es das Beste, es würde sonst nichts getan, außer verständig mit ihnen zu reden.“ Diesen Angriff auf die Technik-Medizin trug der leitende Arzt für innere Medizin des Klinikums München Ost, Hermann Füeßl bei einer Fachtagung in München vor wenigen Wochen vor. Wenn man den Berichten unzufriedener Patienten glauben darf, interpretieren manche niedergelassenen Ärzte den Begriff „Sprechstunde“ auf eine sehr eigene Weise. „Wenn ich ihm von meinen Beschwerden erzähle, schaut er mich gar nicht an, sondern vielmehr auf seinen Computer“ heißt es da.

Heilbringender Dialog

„Zuhören zahlt sich aus“, lautete das vielversprechende Motto des Symposiums, das die Stiftung Zuhören zusammen mit Landeszentrale für Gesundheit in Bayern und der Siemens Betriebskrankenkasse organisiert hatte. Selbst in der Politik ist inzwischen angekommen, dass ein gutes Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht nur zu weniger Unzufriedenheit nach der Behandlung, sondern auch zu besserer Lebensqualität etwa bei Tumorpatienten führt, wie Melanie Huml vom Bayrischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit in ihrem Beitrag anhand von Studien aufzeigte.

Rund 7,6 Minuten darf sich ein Hausarzt für seinen Patienten Zeit nehmen, um noch wirtschaftlich arbeiten zu können. 7,6 Minuten, das sind entsprechend einer Studie aus dem Jahr 2002 deutlich weniger als durchschnittliche Sprechzeiten in Spanien, den Niederlanden oder auch England. Schweizer Ärzte nehmen sich rund doppelt so viel Zeit für ihre Patienten. 90 Prozent der Patienten wollen lieber ein intensiveres Gespräch anstatt Diagnosen via MRT oder anderer maschinengesteuerter, aber lukrativer Untersuchungen. Zuwenig Zeit, so Füeßl weiter, das führt zu „Doktorshopping“ und immer mehr Befunden, aber viel zu wenig Erklärungen für den Patienten. Zudem komme mindestens ein Drittel der Patienten mit somatoformen Beschwerden zu ihrem Hausarzt. Bei ihnen könne man mit großem Blutbild und Radiologie weniger ausrichten als mit Zuhören und aufmerksamen Nachfragen.

Schlampige Anamnese – falsche Therapie

„Richtiges Fragen“ – das kommt in den Curricula bei der Arztaus- und Weiterbildung kaum vor. Denn entsprechender Unterricht und nachfolgende Prüfungen erfordern viel Personal und sind damit teuer, wie Eckhart Hahn Dekan der medizinischen Fakultät an der Universität Witten/Herdecke bemerkte. Wenn die richtigen Fragen nicht gestellt werden, hat das massive Folgen. Das zeigt eine Veröffentlichung aus Boston. Von 438 Patienten mit einem frühen Prostatakarzinom verordneten die Ärzte bei 132 von ihnen eine kontraindizierte Therapie, die zu verringerter Lebensqualität führte. Die ernsten Folgen dieser falschen Entscheidungen wären mit einer gründlichen Untersuchung zu vermeiden gewesen.


Im Medizinstudium nimmt die Empathie mit dem Patienten bereits im dritten Semester massiv ab, der Zynismus dagegen zu, so Jana Jünger von der Medizinischen Klinik Heidelberg. Dass es auch anders geht, zeigte sie anhand der Ausbildung ihrer Fakultät. Mit dem Heidelberger Curriculum Medicinale – Heicumed – spielt dort die Praxis eine weitaus größere Rolle als früher. Laienschauspieler stellen dort schwierige Gesprächssituationen für den Arzt in jeweils rund 50 Übungs- und Prüfungseinheiten nach. Die Bilanz nach acht Jahren Praxis, so demonstrierte Jünger, ist ein deutlicher Kompetenzzuwachs, gegenüber dem bisher üblichen „Bedsite-Teaching“. Da auch die Kosten im überschaubaren Rahmen seien, konnte sie inzwischen sogar anfängliche Kritiker des Programms überzeugen.

Von Situationen, in denen das Gespräch für den Arzt ganz besonders schwierig wird, berichtete Sigurd Duschek von der kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Wo Kunstfehler oder die Verkettung unglücklicher Umstände zu einer missglückten Heilung führen, begegnet dem Patienten danach oft eine Wand des Schweigens auf der ärztlichen Seite. Dabei, so Duschek weiter, ist der Patient oft nicht an einer Strafe für den Schuldigen interessiert, sondern vielmehr an Aufklärung. Auf die Frage „Was ist passiert und warum“, solle ein ehrliches Gespräch mit dem Arzt folgen, ohne dass dieser gleich ein Schuldanerkenntnis geben müsse. Auch die geänderten Versicherungsbedingungen unterstützten dabei den Dialog, der eine gerichtliche Auseinandersetzung oft verhindern kann.

Mehr Geld fürs Zuhören?

„Zuhören zahlt sich aus“ – auch auf der wirtschaftlichen Seite? Viele Ärzte im Publikum waren gespannt, was Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung dazu zu sagen hatten. Gertrud Demmler von der Siemens Betriebskrankenkasse machte klar, dass es wohl allein mit einem größeren honorierten Zeitbudget allein nicht getan ist. Das Selbstverständnis des Arztes müsse wieder weg von der technisch-verordnungsorientierten Medizin und wieder hin zur sprechenden Heilkunst. Schließlich sollte es auch möglich sein, den Arzt mit beratenden Helfern zum Thema Ernährung, Pflege oder Prävention zu unterstützen. Zusammen mit Sonja Froschauer von der KVB stellte sie einen neuen Ansatz vor, um das aufmerksame Gespräch zwischen Arzt und Patient zu fördern: Die „eAnamnese“. Ein strukturierter, technisch unterstützter Fragebogen hilft dem Arzt bei den „richtigen“ Fragen. Die Daten auf dem Rechner vermeiden dabei teure Doppelerhebungen und sorgen für die Möglichkeit, den neuen Ansatz auch wissenschaftlich auszuwerten. Mit der Möglichkeit von Selektivverträgen hätten die Kassen nun auch ein Werkzeug, geeignete Partner für dieses neue Konzept einzubinden.

Tim Peters von der Ruhr-Universität Bochum hat in seiner Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 rund 100 Gespräche zwischen Düsseldorfer Hausärzten und Testpatienten mit beidseitigem Einverständnis aufgezeichnet und ausgewertet. Noch immer, so zeigten die Ergebnisse, ist das Gespräch auf gleicher Augenhöhe eher die Ausnahme. Gerade bei „schwierigen“ Patienten greifen viel Ärzte eher auf unverständliches Fachlatein und Werbeformeln für vermeintlich bewährte Medikamente zurück, anstatt auf die Ängste ihres Gegenübers einzugehen. Andreas Hofmann, Lehrbeauftragter an der TU München, zitierte einen Kollegen: „Mir wäre es lieber, ich wäre Zahnarzt geworden, dann könnte der Patient gar nicht reden“.

„Zuhören zahlt sich aus“. Dabei geht es nicht immer nur um ein „Minuten-Honorar“, sondern um sichere Diagnosen und Therapieentscheidungen auch ohne hohen Technikeinsatz – und vor allem um einen Punkt, über den sich alle Teilnehmer einig waren: Die Zufriedenheit des Patienten.

122 Wertungen (4.39 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

14 Kommentare:

Schön, dass das so ist. In unserer Praxis hören wir sehr genau zu und sparen beim ambulanten Operieren dadurch eine Menge Schmerzmedikamente ein. Trotzdem wir jeden PAt. fragen, ob er noch welche braucht. Leider haben wir dadurch einen der geringsten Fallpunktwerte in unserer Fachgruppe. Und ein entsprechend geringeres Honorar…

#14 |
  0

Ohje, und was machen wir “armen” Tierärzte? Aber wir haben zum Glück (fast) keine Kassen, nur Privatpatienten (wenn die Halter bezahlen).
In die Praxis kommen allerdings Klienten, die ihre Patienten mitbringen. Und deren Behandlung wird mindestens so ernst genommen wie die ihrer Patienten. Wenn wir nicht mit den Klienten und Patienten kommunizieren würden, käme keiner mehr in die Praxis. Und keine Kasse zahlt.
Ergo: Auf in die Privatpraxis. Da kann Arzt noch Arzt sein. Und muss, sonst verhungert er? Den Über-Büro-und Technokratismus im Gesundheitswesen unseres schönen
Landes könnten wir gut entbehren, bloß: wer schafft das?

#13 |
  0
Dr. med.univ. Alfred Gabriel
Dr. med.univ. Alfred Gabriel

Herrn Hofmann ist heftigst zu widersprechen. Offenbar hat er keine Ahnung vom Fach Zahnmedizin – mag sein, dass viele Zahnärzte nur ‘drilling, filling, billing’ machen, jedoch in einer gut geführten Zahnarztordination ist dies sicher nicht der Fall, da auf Grund der zahlreichen neuen Behandlungsmöglichkeiten, die in den letzten 20 Jahren entstanden sind, vor der ersten Behandlung ein oder mehrere ausführliche Gespräche zu führen sind. Außerdem sollte jeder Zahnarzt genauso wie jeder andere Arzt vor der ersten Behandlung eine ausführliche Anamnese erheben. Leider wurde durch den EU Beitritt in Österreich das allgemeine Medizinstudium für Zahnmediziner abgeschafft, sodass EU weit nur mehr Schmalspurzahnbehandler produziert werden, die den Blick für den gesamten Organismus kaum mehr erlernen. Deshalb funktioniert auch die interdisziplinäre Kommunikation mit anderen Fächern kaum. Es ist noch immer so, dass hinter dem Organ Mund auch der entsprechende Mensch steht. Ich bin froh, das ich noch eine allgemeinmedizinische Ausbildung zum praktischen Arzt geniessen konnte und erst nachher mich zum Zahnarzt ausbilden ließ.

#12 |
  0

Vorbild: Heilpraktiker! In deren Ausbildung wird auf die gründliche Anamnese, die ja vom “Gespräch auf Augenhöhe” lebt, extremer Wert gelegt. Aussage eines mir bekannten Urologen: “Wenn ich SO viel Zeit für einen Patienten erübrigen könnte, dann könnte ich auch ganz anders therapieren.”,

#11 |
  0
Dr. med. Matthias Zink
Dr. med. Matthias Zink

noch was… Herrn Markus Hartmann kann ich bezüglich der Warnung vor Überlebensprognosen nur Recht geben. Die längste “Überschreitung” die ich erlebt habe, war bei einer Patientin mit einem Lymphom, ihr hatte man SCHRIFTLICH noch 6 Wochen gegeben. Sie starb letztes Jahr, 14 Jahre nach der erstellten “Prognose”. Bei einer anderen Patientin, mustte ich erleben, dass sich die ganze Familie Urlaub nahm, um sie beim Sterben zu begleiten. Als es dann soweit war, hatte keiner mehr Freiräume!

#10 |
  0
Dr. med. Matthias Zink
Dr. med. Matthias Zink

Na ja, “sprechende Medizin”, sollte ja schon vor Jahren extra honoriert werden. Dazu gab es doch u.A. die EBM – Ziffer “10”. Irgendwie befand man, dass sich dies “nicht bewährt” habe. Meines Wissens gibt es Untersuchungen, dass vor allem Ärzt, die von sich glauben, besonders intensiv aufgeklärt zu haben, oft überhaupt nicht verstanden werden. Prof. B. Fischer , Geriater und Medizinrethoriker aus Klausenbach, sprach hier mal davon, dass viele Mediziner in der Lage sind, eine wesentlich höhere Datendichte (Bit-Rate) verbal von sich zu geben, als viele Menschen aufnehmen können. Da scheint das Rückfragen, ob das Gesagte verstanden wurde doch das Wichtigste zu sein….. Ob die Antworten der Patienten dann ehrlich sind? Bei der Nachbarin klagt´s sich leichter…

#9 |
  0
Daniela Treitz
Daniela Treitz

Entspricht genau meinen Erfahrungen mit meinem Hausarzt.

#8 |
  0
Dipl. -Psych. Axel Ralph Smolarek
Dipl. -Psych. Axel Ralph Smolarek

Meine gesamte Profession lebt vom Zuhören,in der Regel 50 min.pro Patient. Dieses “Zuhören” wird nach einem Studium von 10 Semestern und 3 jähriger Zusatzausbildung in VT aber seit Jahren nicht adäquat entlohnt. Momentan wird eine Therapiestunde ” Zuhören ” im Suchtbereich von den Rentenversicherungsträgern mit 48,40 ¿ bezw. 38,40 bei Krankenkassen und einer Patientenzuzahlung von 10 ¿ abgerechnet! Brutto wohlgemerkt.

#7 |
  0
Walfried Tschauder
Walfried Tschauder

Eigentlich sollten Krankenkassen ein vitales Interesse daran haben, daß ihre insbesondere multimorbide, meißt ältere “Kundschaft” so wenig wie möglich Doctorshopping betreibt.
Es sind ja leider keine Einzelfälle, daß Falsch-Diagnose-Karrieeren unnötig hohe Kosten verursachen.
Neuer Arzt,neue Diagnose, neue Behandlung, neue Medikamente, kurzes neues Glücksgefühl, große Enttäuschung, neuer Arzt u.s.w. Kommt mir manchmal vor wie immer neue Diäten bei Adipositas. Vorschlag:
Patienten könnten zur Vorbereiung eines Arztbesuches im Vorfeld einen “multiple choice Fragebögen” mit klar vorstrukturierten, verständlichen Fragen ausfüllen.
Auch Behandlungsanweisungen sollten nicht allein dem Beipackzettel des Medikamentes überlassen werden. Auch hier ließen sich Merkblätter entwickeln. Auch der Mediziner könnte sich an solchen Leitfäden orientieren und ggf. vertiefend nachfragen.
04.03.2010 walfried@tschauder.org

#6 |
  0
Wiktoria Olimpia Opara
Wiktoria Olimpia Opara

Ich stimme Ihenen absolut zu Herr Kuhn!
Die ueberall herumlaufenden Kontrollkraefte, die die Wirtschaftlichkeit in Krankenhaeusern testen und damit die abnehmende Qualitaet der medizinischen Leistung bei steigender zeitlicher “Wirtschaftlichkeit” vernachlaessigen, fuehren ja letztendlich dazu, dass die Aerzte aus lauter “Wirtschaftlichkeit” aufhoeren jeden Patienten individuell zu betrachten.

#5 |
  0
Jörg Kuhn
Jörg Kuhn

Sprechen und zuhören hat etwas mit teilhaben zu tun und das ist heute nicht angesagt! Kontakt zwischen Patient und Arzt wird soweit reduziert, das die Zahl der Fehldiagnosen steigen. Zum einen werden die Kosten für Behandlung geringer und am Ende sterben wohl einige Patienten (ohne Behandlungskosten) etwas eher! Zynismus der Krankenkassen! Letztendlich sind die Behandlungs- und Diagnosenmethoden lange bekannt. Heute geht es um Wirtschaftlichkeit und Rendite! Und den Ärzten werden die Motivation und evtl. Idealismus genommen! Wer denkt da noch an Empathie?!

#4 |
  0
peter gerlitz
peter gerlitz

Ergebnisse zu einer Studie zum Thema Koloskopie, die wir im letzten Jahr durchgeführt haben kommt zu sehr ähnliches Ergebnissen. Oft sind es nur kleine Gesten, die es dem Arzt ermöglichen, hinzuhören.

Wir haben mit Patienten gesprochen, und Ärzte konnten die Gespräche verfolgen. Vielen ist es wie Schuppen von den Augen gefallen.

#3 |
  0
Dr. Hans Witta
Dr. Hans Witta

Sehr guter Beitrag!

#2 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Schön, dass sich das langsam herumspricht!
Auch bei den Kollegen aus der Zahnheilkunde tut sich in jüngster Zeit so einiges in dieser Richtung. Gerade habe ich einen interessanten Artikel zum Thema übersetzt, der unter dem Titel “Therapeutische Kommunikation mit CMD-Patienten” in der nächsten Ausgabe des “Journal of Craniomandibular Function” erscheinen wird. Ich denke, gerade bei Patienten mit funktionellen Beschwerden kann der Kommunikationsaspekt gar nicht hoch genug bewertet werden.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: