Alkohol: Die Whiskey-Wende

9. Mai 2018

Seit dem 1. Mai gilt in Schottland ein Mindestpreis für Alkohol. Das soll die Zahl der Todesfälle durch Alkoholkonsum verringern. Suchtexperten hierzulande begrüßen diese Entscheidung und fordern, die Grenzwerte für risikoarmen Alkoholkonsum zu senken.

Seit dem 1. Mai greifen die Behörden in Schottland, der Heimat unzähliger Ales und Whiskys, hart durch. Sie haben ein Gesetz erlassen, das 50 Pence (umgerechnet 57 Cent) pro zehn Milliliter reinem Ethanol in Bier, Wein und Spiritousen als Mindestpreis vorsieht. Damit soll die Zahl an Alkoholtoten verringert werden. Experten können sich vorstellen, in Deutschland ebenfalls einen Mindestpreis einzuführen.

„Unverhältnismäßig niedrige Preise“ anheben

Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt, bleibt aber auf einem hohen Maß. Zu diesem Ergebnis sind Experten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in ihrem kürzlich vorgestellten „Jahrbuch Sucht 2018“ gekommen. Sie geben für den Gesamtverbrauch 133,8 Liter pro Kopf an, Stand 2016. Das sind zwar 1,25 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Trotzdem gehen schätzungsweise 40 Milliarden Euro als direkte und indirekte Kosten auf das Konto alkoholischer Getränke. Dem stehen 2,1 Milliarden Euro Branntweinsteuer, 0,7 Milliarden Euro Biersteuer und 0,4 Milliarden Euro für Schaumwein oder ähnliche Erzeugnisse gegenüber.

Deutschland zähle damit zu den „Hochkonsumländern“, kommentiert Suchtexperte Kai Kolpatzik vom AOK-Bundesverband. Die vor 14 Jahren eingeführte Steuer auf Alkopops habe gezeigt, „wie wirksam man über gezielte Besteuerung eine positive Lebensstiländerung auf breiter Front“ erzielen könne. Das kann Raphael Gaßmann von der DHS nur bestätigen: „Wer den Alkoholkonsum reduzieren will, muss dafür sorgen, dass die in Deutschland unverhältnismäßig niedrigen Preise für alkoholische Getränke angehoben werden.“ Neben Rauchen, Bewegungsmangel und falscher Ernährung respektive Übergewicht gehört Alkohol damit zu den wichtigsten gesundheitlichen Risikofaktoren.

Mikrobiom in Nöten

Die Trinkmenge und -häufigkeit ist laut DHS mit 200 unterschiedlichen Krankheitsbildern assoziiert. Dazu gehören Hypertonien, kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebserkrankungen (vor allem Mammakarzinome) und Leberzirrhosen. Verglichen mit Abstinenzlern steht ein höherer Alkoholkonsum auch mit Veränderungen des Mikrobioms in Verbindung – davon ist nicht nur jenes im Darm betroffen.

Forscher haben jetzt gezeigt, dass Alkohol auch zu Schäden im Mikrobiom des Mundes führt. Diese wiederum stehen unter anderem mit Tumoren der Speiseröhre in Verbindung. Jiyoung Ahn, Epidemiologin an der Medizinischen Fakultät der New York University, untersuchte 1.044 Erwachsene zwischen 55 und 87 Jahren. Von ihnen tranken 270 keinen Alkohol, 614 konsumierten mäßig und 160 griffen häufig zur Flasche. Ahn definierte mäßiges Trinken als ein alkoholisches Getränk pro Tag bei Frauen und ein oder zwei Getränke pro Tag bei Männern. Größere Mengen wurden als starkes Trinken bewertet. Dabei bewertete Ahn 0,25 Liter Bier, 0,1 Liter Wein oder 30 Milliliter Schnaps als ein Getränk.

Bei Probanden, die größere Mengen Alkohol tranken, traten verstärkt die Bakterien Actinomyces, Leptotrichia, Cardiobacterium und Neisseria auf. Diese erhöhen das Risiko von Kopf-Hals-Karzinomen sowie von Tumoren der Speiseröhre und der Bauchspeicheldrüse, stehen aber auch mit Zahnfleischentzündungen und mit Endokarditiden in Verbindungen. Wünschenswerte Milchsäurebakterien (Lactobacillales) wurden verdrängt. Sie verschlechtern mit ihren Stoffwechselprodukten die Lebensbedingungen pathogener Mikroorganismen.

Die Arbeit zeigt eine Assoziation, deren klinische Relevanz noch untersucht werden muss. Sie unterstützt jedoch die These, dass regelmäßiger Alkoholkonsum auch einen Einfluss auf die bakterielle Zusammensetzung und dadurch auf die eigene Gesundheit hat. Klar ist, dass Abstinenz das Risiko an alkoholbedingten Krankheiten zu erkranken, verringert. Doch wo liegt die Obergrenze für risikoarmen Konsum? Eine Frage, die Ärzte weltweit kontrovers diskutieren.

Wie wenig ist wenig?

Die Richtlinien für risikoarmen Alkoholkonsum schwanken beträchtlich zwischen verschiedenen Ländern. Oft unterscheiden sich die Empfehlungen auch nach Männern und Frauen. Einige Beispiele:

  • Deutschland: Männer bis zu 24 g pro Tag, Frauen bis zu 12 g pro Tag
  • Finnland: Männer bis zu 20 g pro Tag, Frauen bis zu 10 g pro Tag
  • Frankreich: Männer / Frauen bis zu 20 g pro Tag
  • Großbritannien: Männer / Frauen bis zu 112 g pro Woche (16 g pro Tag)
  • Niederlande: Männer / Frauen bis zu 10 g pro Tag
  • Österreich: Männer bis zu 24 g pro Tag, Frauen bis zu 16 g pro Tag
  • USA: Männer bis zu 28 g pro Tag, Frauen bis zu 14 g pro Tag
  • Australien: Männer / Frauen bis zu 20 g pro Tag
DHS1

Quelle: DHS

Diese Werte sind schon lange wissenschaftlich umstritten. Jetzt hat sich Angela M. Wood zusammen mit Kollegen eines internationalen Konsortiums auf die Suche nach geeigneten Studien gemacht, um herauszufinden, welche Grenzen es für risikoarmen Konsum gibt.

Bei 100 Gramm ist Schluss

Die Forscherin fand 83 prospektive Studien aus 19 Ländern mit 599.912 aktuellen Konsumenten ohne kardiovaskuläre Erkrankung. Weitere Einschlusskriterien waren Informationen über ihren Alkoholkonsum, Alter, Geschlecht, Raucherstatus und eine Diabetes-Anamnese. Das Follow-Up musste nach mindestens zwölf Monaten erfolgen.

Innerhalb von 5,4 Millionen Personenjahren traten 40.310 Todesfälle und 39.018 kardiovaskuläre Ereignisse auf. Die niedrigste Gesamtmortalität fand Wood beim Konsum von weniger als 100 Gramm Ethanol pro Woche. Das entspricht zwei Maß Bier oder knapp einer 0,75 l-Flasche Weißwein. Wer mehr als 200 g pro Woche trank, verkürzt die eigene Lebenserwartung um ein bis zwei Jahre. Bei mehr als 350 g pro Woche waren es bis zu bis zu fünf Jahre.

Pro zusätzlichen 100g Alkohol in der Woche stieg das Risiko für Schlaganfälle (14 Prozent), koronare Herzerkrankungen ohne Herzinfarkt (6 Prozent), Herzinsuffizienzen (9 Prozent), Bluthochdruck mit tödlichen Folgen (24 Prozent) und tödliche Aortenaneurysmen (15 Prozent). Entgegen ursprünglichen Vermutungen fanden Wissenschaftler keine nennenswerten Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der alkoholbedingten Sterblichkeit.

Streit um Obergrenzen

Angesichts der Relevanz des Themas habe sich mehrere Experten zu Wort gemeldet und Woods Veröffentlichung kommentiert. „Soweit wir es beurteilen können, sind die statistischen Analysen fundiert durchgeführt worden und die Methodik ist nachvollziehbar beschrieben und überzeugend“, erklärt Dr. Cornelia Lange vom Robert Koch-Institut (RKI). „Im Gegensatz zu anderen Studien wurden nur aktuelle Alkoholkonsumenten einbezogen, nicht frühere Alkoholkonsumenten oder Enthaltsame.“ Damit ließen sich Ergebnisse eindeutig auf Alkoholkonsumenten beziehen.

Gleichzeitig warnt die Expertin vor übereiltem Aktionismus. „Auf der Basis einer einzelnen – wenn auch noch so fundierten – Studie sollten nicht unmittelbar Empfehlungen verändert werden.“ Die wesentlichen Outcome-Indikatoren seien bei Wood die Gesamtsterblichkeit und kardiovaskuläre Krankheiten. „Für einzelne andere Krankheiten, zum Beispiel Brustkrebs, sind die Risiken zwischen den Geschlechtern durchaus unterschiedlich“, so Lange weiter.

Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Rumpf ergänzt: „Diese Studie hat durch ihre Stichprobengröße eine hohe Aussagekraft. Sie belegt erneut, dass Alkoholkonsum in riskanten Mengen zu Erkrankungen und frühzeitigem Versterben führt.“ Er ist leitender Psychologe der Forschungsgruppe „Substanzbezogene und verwandte Störungen: Therapie, Epidemiologie und Prävention“, Universität Lübeck, und ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. Anders als Lange sieht er durchaus Handlungsbedarf: „Der Richtwert von 100 Gramm pro Woche sollte dazu führen, die Grenzwerte für Männer neu zu überdenken und nach unten zu korrigieren.“ Allerdings lasse sich daraus nicht ableiten, die Grenzwerte für Frauen heraufzusetzen. „Die vorliegende Veröffentlichung bezieht sich auf das Risiko der erhöhten Sterblichkeit und die Entwicklung von kardiovaskulären Erkrankungen. Aus anderen Studien ist bekannt, dass schon geringe Mengen Alkohol bei Frauen das Risiko erhöhen, an Brustkrebs zu erkranken.“

Höhere Steuern lösen nicht alle Probleme

Bleibt zu klären, wie der Staat regulatorisch eingreifen könnte. Rumpf fordert, die Menge reinen Ethanols in Gramm auf alkoholischen Getränken zu vermerken. Speisekarten in Restaurants hätten ähnliche Angaben zu machen. „Auch die Verfügbarkeit von Alkohol zu senken, wäre eine sinnvolle Maßnahme, was bedeuten würde die Anzahl der Geschäfte, die Alkohol verkaufen dürfen, zu verringern oder die Verkaufszeiten einzuschränken“, ergänzt der Experte. Er befürwortet Preiserhöhungen, um den Gesamtkonsum zu senken.

Steuer1

Alkopop-Absatz pro Kopf und Jahr. Quellen: International Wine and Spirit Record (IWSR), London; Bacardi-Martini GmbH, Wien; Wiener Zeitschrift für Suchtforschung 32 / 2009

Kai Kolpatzik ergänzte, Steuern hätten den Konsum von Alkopops stark verringert. Dass der Absatz eingebrochen ist, stimmt ohne Frage. Über die Gründe lässt sich allerdings streiten. „Der Umstand, dass es in Österreich identische Umsatzeinbrüche gab, obwohl dort keine Sondersteuer auf Alkopops eingeführt wurde, wurde von jenen, die die Erfolge der Alkopopsteuer feiern und publizieren wollten, konsequent ignoriert“, schreibt Alfred Uhl. Er ist Koordinator der Bereiche Suchtpräventionsforschung und Suchtpräventionsdokumentation am Anton Proksch-Institut in Österreich.

Für die Gesundheitspolitik bleibt, nicht nur über höhere Abgaben nachzudenken, sondern noch stärker aufzuklären.

54 Wertungen (4.02 ø)
Bildquelle: Simon Powell, flickr / Lizenz: CC BY

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14 Kommentare:

Kain Voss
Kain Voss

Beim sprichwörtlichen Geiz der Schotten, müssten nun ja alle Schotten 100 Jahre werden und das Ausland eine Schwämme günstiger Whiskyfässer zu rollen.

#14 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Da blasen mal wieder einige zur Hexenjagd, das ist schließlich modern, man hat mal wieder ein Feindbild geschaffen !!!
Die gelegentliche Feierabendpfeife hat auch noch keinen umgebracht, so ist eis auch mit dem Feierabendviertele.

#13 |
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Carmen Schnur
Carmen Schnur

Warum verbietet niemand das Arbeiten? Hier kommen die meisten Krankheiten zu stande u die meisten Todesfälle. Stress, Neid und Missgunst, Mobbing, um nur einige Phänomene zu nennen.

#12 |
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Per Fossdal
Per Fossdal

Um beim ersten Kommentar anzuschließen: Ich trinke Alkohol – ein bis zwei Gläser Wein pro Tag seit über 30 Jahren und habe seit 1976 bis heute noch nie krankheitsbedingt einen Tag in der Praxis gefehlt. Bin heute noch fit. Klar sind solche Einzelfälle wertlose Beispiele, aber gegen so einen Unsinn wie im ersten Kommentar muss man etwas entgegensetzen.
Viel wichtiger als die Steuer auf Alkohol heraufzusetzen, wären Mindestpreise bei Zucker, Produkte mit Zucker und gezuckerten Getränken. Zucker tötet mehr menschen,als Rauchen und Alkohol zusammen.

#11 |
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Ärztin

Was für ein Schwachsinn- Die Dosis macht das Gift, das gehört zum Grundlagenwissen- und den Leuten Vorschriften machen wird bei denen, die sich das Leben, die Gesellschaft und die Dunkelheit (in Ländern nördlicherer Breitengrade durchaus verbreitet) schönsaufen auch nicht helfen- in diesem Sinne- zum Wohl

#10 |
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Medizinjournalist

Bitte dringend um Korrektur der Headline. Es geht schließlich um Schottland. Dort wird Whisky gebrannt, Whiskey kommt aus Irland oder Nordamerika. Im 19. Jahrhundert waren zwar auch in Schottland noch beide Schreibweisen üblich, aber im Zeitalter von E-Health ist das wirklich Schnee von gestern.) Abgesehen davon: Trotz – oder wegen – dieses Artikels werde ich mir heute Abend einen richtig guten Malt gönnen. Slàinte Mhath!!

#9 |
  2

Die aufgeführte, derzeit allerorten “gehypte” Mikrobiom-Deutungs-Studie: “Drinking alcohol is associated with variation in the human oral microbiome in a large study of American adults” von Xiaozhou Fan et al.
https://microbiomejournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s40168-018-0448-x
ist zur Klärung von Alkohol-Konsumschwelle, -Schwellenwirkung [“threshold”] und Vor- bzw. Nachteilen von Alkohol-Abstinenz oder gesundheitlichen Auswirkungen moderaten Alkoholkonsums ungeeignet, da sie auch Alkoholabhängigkeit [“heavy drinking in particular”]
subsummiert bzw. die gesammelten Fakten schlicht und einfach uninterpretiert lässt.
[“Conclusions – Our results, from a large human study of alcohol consumption and the oral microbiome, indicate that alcohol consumption, and heavy drinking in particular, may influence the oral microbiome composition. These findings may have implications for better understanding the potential role that oral bacteria play in alcohol-related diseases”].
Als weiteres Beispiel: THEMEN DER ZEIT – Alkoholumgang: Konsum bedeutet immer Risiko | Dtsch Arztebl 2018; 115(14): A-640 / B-556 / C-556 | von John, Ulrich; Seitz, Helmut K. ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Alkoholkonsum, sondern bedient populistisch-präjudizierend den Primat der absoluten Alkoholabstinenz und ist damit ideologisch überfrachtet.
Keine der mir bekannten Studien ist streng genommen prospektiv: Es werden lediglich Fragebogen-Instrumentarien genutzt und ex post im zeitlichen Verlauf retrospektiv nach Antworten gesucht, ohne z. B. auf die “social desirability”, die soziale Erwünschtheit von bestimmten Trinkgewohnheiten bzw. Antworten darauf einzugehen.
Die meisten der zitierten Studien sind ohne randomisierte und kontrollierte Evidenz, weil Alkoholabstinente als Kontrollgruppe gar nicht erst mitlaufen. So kann es überhaupt nicht zur Klärung einer Alkohol-Konsumschwelle kommen, ab der Gesundheitsgefahren und Krankheitsrisiken drohen.
Es ist wissenschaftlich unredlich zu behaupten, es gäbe überhaupt keinen risikolosen bis risikoarmen Umgang mit Alkohol, wenn dafür gar keine Evidenz-Nachweise erbracht werden können.
Als Musterbeispiel für undiszipliniertes, chaotisches Denken, vorgefasste Ergebnisformulierungen, methodisch irregeleitetes Vorgehen, waghalsige Extrapolierungen und wissenschaftliche Unredlichkeit gilt “Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data for 599.912 current drinkers in 83 prospective studies” von Angela M. Wood et al.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)30134-X/fulltext
Dort werden völlig unbewiesene Behauptungen aufgestellt, weil jegliche Vergleichsgruppen fehlen.
Um die Ausgangshypothese: “To define thresholds associated with lowest risk for all-cause mortality and cardiovascular disease, we studied individual-participant data from 599.912 current drinkers without previous cardiovascular disease” nicht zu gefährden, wurden Nicht-Trinker als mögliche Vergleichsgruppe gegenüber “current drinkers” komplett ausgeschlossen; was allerdings äußerst kryptisch formuliert wird: “Of the 786.787 participants with sufficient information for inclusion in this consortium, 186.875 (19%) reported not drinking at baseline, leaving 599.912 current drinkers without a history of cardiovascular disease at baseline who were eligible for the prespecified principal analysis.”
Von diesen 599.912 “current drinkers” wurden allerdings nur 152.640 serielle Alkoholmessungen bei lediglich 71.011 Teilnehmern in 37 Studien gemacht: “…using 152.640 serial alcohol assessments obtained some years apart (median interval 5·6 years [5th–95th percentile 1·04–13·5]) from 71.011 participants from 37 studies.” Pikant dabei, das “some years apart” bezieht sich auf 1964 bis 2016!
http://www.thelancet.com/action/showFullTableImage?tableId=tbl1&pii=S014067361830134X
In Ermangelung von Morbiditäts- und Mortalitäts-Basiszahlen ohne regelmäßigen Alkoholkonsum bzw. von jeglichen Vergleichsangaben zur allgemeinen Morbidität und Mortalität (“Leben gefährdet Ihre Gesundheit”) wurde in der vorliegenden Studie u.a. auf massive Trinkgewohnheiten bis zum chronischen Äthylismus/Alkoholabhängigkeit abgehoben. Wenig überraschend, dass in der höchsten Alkoholkonsum-Stufe sich die Lebenserwartung im Alter von 40. Jahren bei mehr als 350 g reinem Alkohol pro Woche (das sind mehr als 18,2 Kilogramm pro Jahr!) um 4-5 Jahre verkürzte: “In comparison to those who reported drinking >0–100–200–350 g per week had lower life expectancy at age 40 years of approximately 6 months, 1–2 years, or 4–5 years, respectively.”
Die Ungenauigkeiten und Unsicherheiten des Autorenteams bei ihren “Interpretationen” (nicht Schlussfolgerungen!) sprechen Bände: Nicht nur, dass der Schwellenwert von max. 100 g reinem Alkohol pro Woche bemerkenswert vage formuliert wurde. Die Myokardinfarkt-Häufigkeit blieb von jeglicher Alkoholkonsum-Höhe unbeeindruckt. Auch für alle anderen Untergruppen kardiovaskulärer Krankheiten habe es keinen deutlich niedrigeren Risiko-Schwellenwert gegeben, unterhalb dessen geringerer Alkoholkonsum aufhört, mit geringerem Krankheitsrisiko assoziiert zu sein: “Interpretation – In current drinkers of alcohol in high-income countries, the threshold for lowest risk of all-cause mortality was about 100 g/week. For cardiovascular disease subtypes other than myocardial infarction, there were no clear risk thresholds below which lower alcohol consumption stopped being associated with lower disease risk.”
Der Nachweis, dass die Studiendaten niedrigere Grenzwerte beim Alkoholkonsum unterstützen, als in den meisten aktuellen Leitlinien empfohlen [“These data support limits for alcohol consumption that are lower than those recommended in most current guidelines”] konnte m.E. nicht mal ansatzweise erbracht werden.
Der bekannte Medizin Autor in der Ärzte-Zeitung, Thomas Müller, hat die desaströsen Ergebnisse der o.g. Studie von Angela Wood et al. prägnant zusammengefasst:
“Rate neuer kardiovaskulärer Erkrankungen präsentierte sich in einer typischen U-Kurve: Sie war in der Kategorie 100–150 Gramm Alkohol pro Woche am geringsten (etwa minus 8 %) und erreichte bei den Teilnehmern mit 250–350 g/Woche wieder das Niveau derjenigen mit dem niedrigsten Alkoholkonsum. Dies ließ sich vor allem auf die geringere Herzinfarktinzidenz bei einer Dosis von mehr als 100 g/Woche zurückführen. Solche Personen erlitten zu 20 Prozent seltener Herzinfarkte als diejenigen mit dem geringsten Konsum, und zwar unabhängig davon, wie viel mehr sie tranken.
Schlaganfälle und eine Herzinsuffizienz traten jedoch bei starken Trinkern (über 200 g/Woche) signifikant häufiger auf. Insgesamt war auch die kardiovaskuläre Sterberate in den beiden Kategorien mit über 200 g/Woche signifikant erhöht.
Interessanterweise ergab sich für Männer und Frauen ein ähnlicher Zusammenhang, was Zweifel an den unterschiedlichen Grenzwerten sät. Legten die Forscher ein etwas gröberes Raster an und bildeten 100-Gramm-Kategorien, dann zeigten auch schon Personen mit einem Alkoholkonsum zwischen 100 und 200 g/Woche einer erhöhte Gesamtmortalität: Ein 40-Jähriger würde danach etwa sechs Monate kürzer leben als jemand, der weniger als 100g/Woche trinkt.
Vielleicht kommen die Studienautoren um Wood deshalb zu dem Schluss, dass es besser wäre, weniger als 100 g/Woche zu trinken und die Richtwerte für einen unschädlichen Alkoholkonsum an diesem Wert zu orientieren, obwohl ihre feiner gerasterten Daten eigentlich nahelegen, dass ein erhöhtes Sterberisiko erst jenseits von 150 g/Woche zu erwarten ist.
Ein großes Manko solcher Studien ist zudem, dass sie auf Selbstauskünften beruhen: In Umfragen schätzen die Teilnehmer ihren Alkoholkonsum notorisch zu niedrig ein – meist um den Faktor zwei. So kam der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) auf einen durchschnittlichen Alkoholkonsum in Deutschland von 12 g/Tag. Verkauft wird jedoch eine Menge, die mehr als dem Doppelten entspricht. Insofern hätten die in Deutschland geltenden Richtwerte (140 g/Woche für Männer, 84 g/Woche für Frauen) noch einen guten Sicherheitspuffer.” (Zitat Ende)
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/article/961498/alkoholkonsum-bier-pro-tag-wirds-kritisch.html
Weder gibt es einen wissenschaftlich belastbaren Nachweis für eine Risikoschwelle [“risk threshold”], noch kann jegliche Risikoschwelle mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Zum Thema Myokardinfarkt bestätigt übrigens auch die Wood-Studie das bisher auch nicht widerlegte “French Parodoxon”.

#8 |
  1
Heilpraktikerin

Interessanter Beitrag.

Möchte aber Folgendes sagen: Hat man in Irland schon in den 1970ern probiert, als es den Iren wirtschaftlich nicht gut ging. Ergebnis: Alkoholkonsum blieb auf hohem Niveau, es wurde nur lauter in den Pubs geschimpft.

Die Idee an sich ist gut, leider nicht besonders erfolgreich.

Und wenn ich noch ein bisschen klugscheißern darf: In Schottland schreibt sich Whisky ohne “e”, das Whiskey ist den Iren vorbehalten. (Ja ich weiß dann und wann einen Irischen zu schätzen, das kann ich an einer Hand im Jahr abzählen, als GENUSSMITTEL!)

#7 |
  6
Mitarbeiter Industrie

Den Bwertungen nach zu urteilen ist die
“Alkohol muss billig sein” Fraktion hier
stark in der Mehrzahl.
Unter Alkoholeinfluss ist man eine Gefahr
für sich und Andere.
Ein Rausch sollte daher nicht billig sein.
1 Promille im Blut sind bei 6 l Blut 6ml reiner Alkohol.
Unter Berücksitigung des First-Pass Effektes
hat man villeicht 10 ml reinen Alkohols aufgenommen –
Mediziner können mich hier gern korrigieren.
Nach der Bestimmung der zur Alkoholisierung einer Durchschnitts-
person notwendigen Menge sollten dann Psychologen empfehlen
wir teuer das am besten wäre um die Bereitschaft zur Einnahme
einer größeren Menge Alkohols zu senken ohne ein kleines
Glas Bier oder Wein zu teuer zu machen. Der Anreiz zum Alkohol-
schmuggel darf ebenfalls nicht zu hoch sein.

#6 |
  18

#3
Es geht nicht um Vorschriften, sondern um den Schutz der Anderen vor den Folgen des Saufens – morgen an Himmelfahrt werden Sie wieder die besoffenen grölenden infantilen Horten durch die Lande torkeln und kotzen sehen – am 1.Mai war es auch zu beobachten – wer trinken will, soll trinken – aber so teuer, dass zumindest die Steuereinnahmen in das Gesundheitssystem fließen können, um damit die Entzugskliniken und Inneren bzw. neurologisch-psychiatrischen Kliniken ökonomisch tragen zu können – um “grüne” Gängelungsmentalität geht es daher überhaupt nicht : denn Alkoholiker finden Sie nicht nur in der SPD oder den anderen “staatstragenden” Parteien, sondern auch bei den Grünen !!!
Erwachsen sein impliziert für Sie offensichtlich bedingungslose Privatisierung des Saufens, bei Sozialisierung der Folgen – na, denn Prost, bei einem solch beschränkten Verständnis von “erwachsen sein” !
#4
Das einzig Mündige an den Verfechtern des Trinkens ist die Öffnung, durch die der Alkohol “rein” muss !!
Es ist eine Krux, dass z.B. keine Veranstaltung (groß oder klein) möglich ist, ohne dass Alkohol als unausgesprochene Voraussetzung erwartet wird !!!
Dabei dient der Alkohol oft nur der Überwindung der Minderwertigkeitskomplexe bzw. dem Bedürfnis nach Überwindung eigener Kommunikationshemmnisse – so kann dann im Suff der Generaldirektor mit dem Pförtner Brüderschaft trinken, bei Nüchternheit dann oft ein Ereignis, das Beide gerne vergessen machen würden.
Es geht nicht um Reglementierung, sondern um Besteuerung, damit mit den Kosten der privaten Schädigung nicht die Allgemeinheit belastet wird ! Womit Sie sich möglicherweise getränkemäßig “umbringen” bleibt natürlich Ihnen überlassen, dann aber bitte still und im Verborgenen und nicht auf Kosten Anderer bzw. Aller ! In diesem Falle spielte dann Alkohol, Wasser oder Milch tatsächlich keine Rolle !
Beide ## haben offensichtlich Angst um die Beschneidung ihrer Alkoholgenüsse und -mengen, vielleicht einmal Stille halten und nachdenken….aber bitte nur im nüchternen Zustand….

#5 |
  17
Werner Wöhrle
Werner Wöhrle

Wodka gut für tralala…

…Dewuschka gut für hopsassa…

…jetzt soll auch die kleine Freude noch reglementiert werden?

Kann ja wohl nicht sein!

Ob etwas schädlich ist, ist in erster Linie ja mal eine Frage der Dosis, man kann sich auch mit zu viel Wasser oder Milch umbringen – oder sich zu Tode fressen

Der mündige Bürger soll gefälligst selbst entscheiden, was ihm guttut und was er machen will – oder eben lassen will.

#4 |
  22
Dr. Joachim Gehrig
Dr. Joachim Gehrig

Hört doch mit dem Vorschriften machen auf. Das hat noch nie was gebracht und wird nichts bringen. Ausser das sich alle wieder aufregen. Die grüne gängelungmentaltät ist nervtötend. Die Menschen sind erwachsen.

#3 |
  20
Studentin der Humanmedizin

1 Mai zum Alkoholkonsumtag zu machen ist sinnvoll, wie auch jede andere Ablenkung vom Thema Arebeiterrechte (Grill- und Partytag etc.) – wer braucht schon gewerkschaftliche Aktivitäten? Es ist doch so unmodern… //sarkasmus// Alkohol wird stark popularisiert – in jedem Film oder Fernsehserie trinken die dargestellte Menschen viel, auch Ärzte, wie es z. B. bei “Grey’s Anatomie” war – fast jeden Abend geht man mit Kollegen ins Pub (oder hat ein Glas Wein/Bier zu Hause) – ob die Ärzte etwas gegen so eine starke Werbekampagne machen können? Hmm…

#2 |
  15
Mitarbeiter Industrie

Richtig so.
Ich habe schon lange dafür plädiert
Getränke nach Alkoholgehalt zu besteuern.
Ich trinke keinen Alkohol und musste mich
in den letzten 7 Jahren nicht einmal krankschreiben lassen.
Meine Leber freut sich und mein Arbeitgeber auch.

#1 |
  59


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