Krankmacher am Arbeitsplatz: Die Gift-Liste

10. April 2018

Jeder zweite arbeitsbedingte Todesfall in Europa ist auf Krebs zurückzuführen. Zu diesem Ergebnis kommt die Europäische Kommission. Deshalb will sie den Umgang mit belastenden Chemikalien im Job stärker regulieren. Wer ist betroffen?

„Bei den meisten Karzinogenen und Mutagenen ist es wissenschaftlich nicht möglich, Grenzen zu ermitteln, unterhalb deren bei der Exposition keine schädlichen Wirkungen auftreten würden“, schreibt die Kommission. „Obgleich die Festlegung der Grenzwerte für Karzinogene und Mutagene bei der Arbeit gemäß dieser Richtlinie die Risiken für die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer, die sich aus der Exposition bei der Arbeit ergeben, nicht vollständig beseitigt (Restrisiko), trägt sie dennoch zu einer erheblichen Verringerung (…) bei.“

Umfangreiche Stofflisten

Anfang 2017 hatte die Europäische Kommission bereits Richtgrenzwerte für gesundheitsgefährdende Stoffe veröffentlicht. Auf Basis dieser Empfehlung sind Mitgliedsstaaten in der Pflicht, Grenzwerte zu beschließen. Hier handelt sich um eine Orientierungshilfe mit Ermessensspielraum bei der Umsetzung. Alle Grenzwerte beziehen sich, wenn nicht anders erwähnt, auf die achtstündige Exposition pro Tag. Betroffen sind dabei vor allem Angestellte in der Industrie. Die vollständige Liste kann man hier nachlesen. Es folgt ein Auszug aus dieser Liste:

  • Mangan / Mangansalze (je nach Partikelgröße 0,2 bzw. 0,05 mg/m3): Herstellung von Druckerzeugnissen, Porzellanfabrikation, Holzbeizen, aber auch Nahrungsergänzungsmittel.
  • Glycerintrinitrat (0,095 mg/m3): Herstellung von gefäßerweiternden Arzneimitteln und Sprengstoffen.
  • Essigsäure (25 mg/m3): Ausgangsstoff für zahlreiche Synthesen in Forschung und Anwendung.
  • Bisphenol A (4,4′-Isopropylidendiphenol; 2 mg/m3): Ausgangsstoff für zahlreiche Kunststoffe oder Beschichtungen.
  • Diphenylether (7 mg/m3): Ausgangsstoff für Synthesen in Forschung oder Industrie, Zusatz in Kosmetika.
  • 1,4-Dichlorbenzol (p-Dichlorbenzol; 12 mg/m3): früher in WC-Steinen zu finden, heute Ausgangsstoff für Kunststoffe.
  • But-2-in-1,4-diol (0,5 mg/m3): Ausgangsstoff für Pharmaka oder Kunststoffe bzw. Weichmacher.
  • Tetrachlorethylen (138 mg/m3): Lösungsmittel in Forschung und Industrie; Anwendung zur Textilreinigung.
  • Ethylacetat (734 mg/m3): Lösungsmittel in Forschung und Industrie; bekannt als Nagellack-Entferner.
  • Diacetyl (Butandiol; 0,07 mg/m3): Ausgangsstoff für Pharmaka; früher „Butteraroma“ in Popcorn, das zur „Popcorn Workers Lung“, einer Bronchiolitis obliterans, führt.
  • Calciumhydroxid oder Calciumoxid (1 mg/m3): Zubereitung von Mörtel, Rauchgasentschwefelung, aber auch Bestandteil des Atemkalks in Narkosegeräten.
  • Schwefeldioxid (1,3 mg/m3): v.a. Desinfektions- und Antioxidationsmittel in der Lebensmittelindustrie.
  • Stickstoffmonoxid (2,5 mg/m3): Ausgangsstoff für chemische Synthesen in der Industrie; medizinisch zugelassen bei Neugeborenen mit pulmonaler Hypertonie (400 oder 800 ppm; verdünnt mit Stickstoff).

Ende 2017 folgte eine weitere Richtlinie unter anderem mit folgenden Stoffen:

  • Hartholzstäube (2 mg/m3): Holzverarbeitende Industrie.
  • Benzol (3,25 mg/m3): Ausgangsstoff für industrielle Synthesen.
  • Ethylenoxid (1,8 mg/m3): Sterilisation von Medizinprodukten.
  • Acrylamid (0,1 mg/m3): Ausgangsstoff zur Herstellung von Polymeren und Farbstoffen.
  • o-Toluidin (0,5 mg/m3): Ausgangsstoff zur Herstellung von Farbstoffen und Arzneimitteln.

Fünf Stoffe im Fokus

Jetzt hat die EU-Kommission empfehlen, Arbeitsplatz-Grenzwerte für fünf krebserzeugende Chemikalien in die bestehende Gesetzgebung aufzunehmen. Mehr als eine Million Menschen sollen von der Exposition betroffen sein. Ziel der Initiative ist, 22.000 arbeitsbedingte Krankheitsfälle verhindern. In einer Pressemeldung nennt die Kommission noch keine Zahlen, aber zumindest die betroffenen Substanzen:

  • Cadmium und Cadminum-Salze: Melallurgische Betriebe, anorganische Pigmente, Akku-Herstellung.
  • Beryllium und anorganische Berylliumverbindungen: Forschung, Metallurgie, Glasherstellung
  • Anorganische Arsenverbindungen: Melallurgische Betriebe, Halbleiter-Herstellung.
  • Formaldehyd: Ausgangsstoff für Kunststoffe oder Textilien; Konservierung in der Pathologie.
  • 4,4′-Methylenbis(2-chloranilin) (MOCA): Ausgangsstoff für Kunststoffe

Mit neuen Bewertungen solle der Schutz von Arbeitnehmern weiter verbessert werden, schreibt die Kommission.

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Medizin

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1 Kommentar:

Chemiker

Die Liste oben führt teilweise in die Irre, denn Essigsäure, Ethylacetat, Calciumoxid und Schwefeldioxid sind sicherlich nicht cancerogen. Bekannte Cancerogene und als solche Verdächtige finden sich dann in der Mitte und ganz unten. Oben ist natürlich die Vermeidung von Gesundheitsschäden durch chronische Einwirkung im Fokus.
Der oben erwähnte Stoff Diacetyl (Butandion) ist übrigens natürlicher Bestandteil des Butteraromas. Wir brauchen uns aber jetzt nicht vor dem Butterbrot fürchten und auch nicht vor Essiggurken oder 2 Tropfen Nagellackentferner

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