Medizinstudium in Österreich: Gekommen, um zu gehen

7. August 2013
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28.500 Deutsche studieren in Österreich. Schöne grenznahe Städte, kein NC, keine Sprachbarriere - der Zustrom ist groß. Doch welche Auswirkungen hat diese Migration für das österreichische Gesundheitssystem und auf die Arbeitsbedingungen österreichischer Jungärzte?

„Ich sag dankeschön und auf Wiedersehen“ – das scheint das Mantra vieler ausländischer Medizinstudenten in Österreich zu sein – in Scharen strömen sie nach Abholung des Promotionsbescheids zurück in ihre Heimatländer oder weiter fort. Ursachen dafür gibt es viele, Folgen ebenso. Eine Bestandsaufnahme.

„Ich gehe wieder nach München, dort lebt meine Familie, dort habe ich noch einen großen Freundeskreis und den Turnus möchte ich mir sparen“ erzählt mir Marta, ein halbes Jahr vor ihrem voraussichtlichen Studienabschluss an der medizinischen Universität Wien. Turnus – eine dreijährige postgraduelle Ausbildungszeit, gesetzliche Voraussetzung zur selbstständigen Arbeit als Allgemeinmediziner, Unikum in Österreich, Streitthema der (Ärzte-)Politik und – ein Hauptargument für viele, nach absolviertem Studium ins Ausland zu gehen. Eine Erhebung des Instituts für Höhere Studien aus dem Jahr 2011 hat ergeben, dass insgesamt nur jeder dritte ausländische Medizinstudent später einmal in Österreich seine Medizinerlaufbahn beginnen möchte. In welchem Studienabschnitt diese Umfrage durchgeführt wurde, ist leider nicht vermerkt. Auch muss man erwähnen, dass explizit nach Plänen gefragt wurde. Und bekanntlich kommt es ja oft anders, als man vorher dachte. Auch interessant wäre der Anteil österreichischer Medizinabsolventen, die die Weichen ihrer weiteren Berufslaufbahn ins Ausland stellen. Eine genaue Zahl gibt es auch hier nicht, aber aus Gesprächen mit Studienkollegen lässt sich ableiten, dass dies schon etwa 15 % sein werden. Was sind nun die Gründe für diese hohe Zahl an Heimkehrern und den geschätzt hohen Anteil an „Österreich-den-Rücken-Kehrern“?

Hoamreara – mit diesem Ausdruck werden im  österreichischen Dialekt „Heimwehgeplagte“ tituliert. Spielt dieses Motiv wirklich eine Rolle in der Entscheidungsfindung, wohin es nach dem Studium gehen soll? „Selbstverständlich reißt der Kontakt nach Hause nicht ganz ab – aber die Bänder, die verbinden, werden dünner, je seltener man heimkehrt. Wer im Ausland studiert, der lernt auch, selbstständig zu sein, eigene Ideen zu entwickeln und sich in einem fremden Umfeld durchzusetzen. Ja, ich gehe zurück nach Deutschland, aber wegen der Ausbildung, nicht wegen der Familie. Leider muss ich das schöne Wien verlassen“, so ein Kommilitone aus Freiburg. Aus seinen Worten hört man Selbstständigkeit und Durchsetzungskraft heraus, zwei gefragte Eigenschaften beim Weg hinaus aus dem Elfenbeinturm des (Medizin-)Studentenlebens hinein in den Berufsalltag, aber auch unterschwellige Kritik am österreichischen Ausbildungssystem.

Denn wirklich ausladend ist wohl die verpflichtende dreijährige Turnusausbildung in Österreich. Die alte Litanei der schlechten Arbeitsbedingungen für Jungärzte hat sich weit über die österreichischen Grenzen hinaus herumgesprochen: Schlechte Ausbildung während der Turnuszeit, lange Arbeitszeiten, mittelmäßiges Gehalt. Es ist zwar möglich, in Österreich direkt eine Facharztstelle zu bekommen, aber nicht die Regel. Möglichkeiten bieten sich, wie auch in Deutschland, in ländlichen Gebieten. Aufgrund fehlender Attraktivität ist es hier äußerst schwer geworden, Ärzteposten aller Positionen neu zu besetzen. Mit einem abgeschlossenen Studium wird man, zumindest auf dem Land, mit offenen Händen empfangen.

Zum Handeln gezwungen

Die aktuellen Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass das österreichische Ausbildungssystem für Ärzte an allen Ecken und Enden bearbeitet wird – eine vierte (oder je nach Standpunkt fünfte) medizinische Fakultät am Standort Linz (neben den Studienorten Wien, Graz, Innsbruck und der Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg) wird – trotz zahlreicher kritischer Stimmen – kommen, das Praktische Jahr wird in die Curricula der medizinischen Fakultäten integriert, damit einhergehend soll der Turnus abgeschafft und durch eine neunmonatige Basisausbildung ersetzt werden. Es scheint, als ob die Situation im österreichischen Gesundheitssystem nun alarmierend genug geworden ist, um die Politik zum Handeln zu zwingen.

Wie lauten nun weitere Wunschvorstellungen, was geändert werden muss? Jedem Jungarzt könnte ein Oberarzt als fixe Ansprechperson zur Seite gestellt werden, sozusagen als Mentor, eine Win-Win-Situation, denn gerade durch teaching lernt man selbst. Mehr Schreibkräfte und Logistiker in den Stationsleitungen, so können Jungärzte zukünftig auch wirklich das anwenden, was sie in ihrem Medizinstudium gelernt haben. Die Verantwortlichkeiten für das Anhängen von Infusionen, Blutabnahmen und Kanülen werden komplett auf die Schwesternschaft übertragen, die wiederum Pflegetätigkeiten auf Pflegefachkräfte übertragen, von welchen im Umkehrschluss mehr ausgebildet werden müssten. Dies würde zu einer Optimierung der Verantwortlichkeiten führen. Doch wie so oft werden viele dieser Wunschvorstellungen finanziell nicht realisierbar sein.

Apropos das liebe Geld. Lasst uns auch die die finanziellen Aspekte der Studentenmigrationen beleuchten: 106.788 Euro kostet den Staat Österreich ein Studiumsplatz durchschnittlich, diese Kosten trägt der österreichische Steuerzahler. Innerhalb der europäischen Union werden in allen Mitgliedsstaaten Inlands- wie Auslandsstudierende gleich behandelt, auf Österreich umgelegt bedeutet das ein Gratisstudium für alle (der Minimal-Hochschülerschaftsbeitrag von 18€ ist hier kaum der Rede wert). Das wäre auch für einen österreichischen Studenten in Deutschland der Fall. Doch bei Paarungen mit Ländern, in denen teils immense Studiengebühren erhoben werden, wie zum Beispiel Großbritannien (ca. 10.700 € pro Jahr), verschiebt sich das Bild. Da klafft doch schon eine große finanzielle Lücke.

Finanzielle Schieflage

Doch erweitern wir unseren Radius noch etwas und beziehen die 6 % zahlungspflichtigen Nicht-EU-Bürger mit ein, die in Österreich studieren. Hier werden die Differenzen teils horrend, als reißerisches Extremum sei hier ein Vergleich zwischen MedUni Wien mit 726,72 € Semester-Studienbeitrag versus New York University mit umgerechnet etwa 30.000 € genannt. Recht praxisrelevant sind diese Rechenbeispiele für die Studienrichtung Medizin nicht, sehr wohl aber für andere Studiengänge mit hohem internationalen Niveau, wie etwa Violine am Mozarteum in Salzburg. Auch in milderen Ausformungen entsteht jedenfalls für den österreichischen Staat eine finanzielle Schieflage, die umso mehr in den Abgrund führt, da die österreichischen Universitätsrektoren seit langem ein Klagelied über das liebe fehlende Geld anstimmen. Dieses Problem ist ein Mosaikstein im Gesamtbild der schwierigen Stiuation des Bildungssektors in Österreich. Und es geht immer ums liebe Geld.

Ein weiteres Steinchen wären die Zulassungsbedingungen für das Medizinstudium in Österreich – eine Zerreißprobe für das nachbarschaftliche Verhältnis. Dem Ansturm höchst motivierter ausländischer Medizinstudenten, darunter viele NC-Flüchtlinge, schiebt die österreichische Legislative einen Riegel vor, 25 % dürfen es maximal sein. Das wird von der Europäischen Union zumindest bis 2016 geduldet. Es ist die Aufgabe Österreichs, bis dahin Argumente für deren Beibehaltung zu finden. Folgendes Argument für deren Beibehaltung klingt doch ganz einleuchtend: wenn die Quote aufgehoben wird, dann würde der österreichische Staat noch mehr deutsche (oder andere ausländische) Ärzte ausbilden – wie oben erwähnt in zwei Drittel der Fälle wohl ohne finanziellen Rückgewinn. Dieser Verlust, gekoppelt mit noch weniger Nachschub an Jungärzten, würde in einer ernstzunehmenden Gefährdung der Gesundheitsversorgung resultieren. Das Problem der „asymmetrischen Studentenmobilität“ ist auch in anderen EU-Ländern präsent, Österreich geht auf internationalem Parkett Bündnisse mit Leidensgenossen wie Schweden, Dänemark, Belgien und Tschechien ein, um seine Position zu stärken. Die Grundfrage: Wie benachteiligt man junge deutsche Bürger ohne junge österreichische Bürger zu sehr zu bevorzugen? EU-Bürger sind wir ja alle – ein Tanz auf Messers Schneide.

Steine ins Rollen

Es zwickt und zwackt also beinahe überall, das Ausbildungssystem für Mediziner, so wie es derzeit in Österreich ist, wird auf Dauer nicht funktionieren. Viele Steine sind nun ins Rollen gekommen, grundlegende Ausbildungskonzepte werden neu überarbeitet, es ist zu hoffen, dass die Maßnahmen auch greifen werden, damit die derzeit wirklich schlimme Situation besser wird.

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Nur schade, dass direkt im ersten Satz nicht zusammen gehörende Sachen gemischt werden! Die Zahl von 28.500 deutschen Studenten als Einleitung dafür zu nutzen, wie viele Medizinstudenten nach dem Studium wieder nach Deutschland gehen ist einfach nur irreführend und falsch!
Die MUW hat z.B. nur 7.468 Studierende (Stand 2012), wovon nach Quotenregelung max. 20% EU-Ausländer (also nicht mal zwangsläufig Deutsche, wenn auch wahrscheinlich großteils) in den Jahrgängen angefangen haben.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will nicht abstreiten, dass es durchaus der Fall ist, dass viele hinterher wieder zurück gehen, was mich nur extrem stört ist, dass hier anscheinend willkürlich Zahlen und Fakten durcheinander geworfen werden.

AW des Autors (Stefan Hubmer) am 28.8.2013: Im Zuge der redaktionellen Änderungen vor Erscheinen des Textes wurde die Zahl von 28.500 deutschen Studenten in einen falschen Kontext gebracht, Ich möchte mich dafür entschuldigen. Die Intention war, den Zustrom deutscher Studenten bezogen auf alle Studienfächer anhand einer Zahl zu veranschaulichen, im Text wird tlw. auch auf die (finanziellen) Folgen für den gesamten universitären Bereich in Österreich eingegangen. Die Quotenregelung ist eine Folge des großen Andrangs deutscher Medizinstudenten, beim Aufnahmetest für das Medizinstudium in Österreich 2013 waren 37% der Angemeldeten Deutsche (Quelle http://derstandard.at/1363705928287/Mehr-Bewerber-fuer-Medizin-Studienplaetze).

#5 |
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Gast
Gast

Lieber Herr Handler,

ich möchte mich ausdrücklich dafür entschuldigen, wenn Sie mein -zugegebenermaßen etwas unsachlicher- Kommentar persönlich getroffen hat. Selbstverständlich bin ich mir darüber bewusst, dass es in Deutschland wie in Österreich gleichermaßen “schwarze Schafe” gibt. Und Ihre fachliche Kompetenz, sowie diejenige der vielen guten Absolventen, wollte ich nicht herabwerten.
Meine persönlichen Erfahrungen mit den hiesigen PJlern, die in Österreich studieren, sind leider nicht so gut. Ein Unterschied bleibt auch bei objektiver Betrachtung erhalten: Wenn ein deutscher PJ-Student am Ende des 12. Semesters keine Ahnung von bestimmten Zusammenhängen hat, wird er aller Voraussicht nach durch das wahnwitzige schriftliche oder eben durch das mündliche Staatsexamen fallen. Hat z.B. ein Absolvent aus Innsbruck ganz offensichtliche fachliche Defizite, so wird ihn KEINE PRÜFUNG mehr davon abhalten, auf Patienten losgelassen zu werden. Dort, und das haben bereits mehrere Studenten recht stolz erzählt, gibt es nur die (auch hier) üblichen Semesterprüfungen, die vor Antritt des PJ zusammengezählt werden. Eine Abschlussprüfung gibt es nicht. Ein zusammenfassendes neutrales/unabhängiges Staatsexamen gibt es nicht. Eine “fachliche Überprüfung” sieht die Studienordnung innerhalb des PJ zwar vor, das wird aber in Deutschland nicht durchgeführt…
Ich habe Studenten am Ende des PJ erlebt, die wichtigste Medikamente nicht kannten. Keine Nierendiagnostik erlernt haben. Das Management des akuten Koronarsyndroms nicht auswendig konnten…und offen zugegeben haben, dass sie niemals ein deutsches Staatsexamen bestehen würden. Alle waren froh, dass sie am Ende des PJ ihre Approbation erhalten würden. Bei deutschen Absolventen wäre in mir wenigstens das sichere Gefühl gewesen, dass sie ja noch für das Examen lernen müssten…

#4 |
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Michael Handler
Michael Handler

Lieber Kommentator vor mir: Ihr persönlicher Eindruck mag Sie dabei etwas täuschen und verleitet Sie hier, meiner Meinung nach, zu vorschnellen Pauschalisierungen! Meiner persönlichen Erfahrung als ehemaliger, österreichischer KPJler an deutschen Häusern folgend, schien mir das Fachwissen und praktische Können der deutschen PJler eher auf einem niedrigeren Niveau zu sein als das vieler österreichischer Studenten (Deutsche wie Österreicher)! Alleine meinem Eindruck würde ich dabei allerdings, anders als Sie, nicht vertrauen, wenn Sie in diesem Zusammenhang eine offizielle Statistik kennen, würde ich mich über den Link freuen! Auf die durchschnittliche Masse gesehen wird das Fachwissen aber nach dem Studium in D und Ö vermutlich recht gleich sein!

#3 |
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Gast
Gast

Wenn die Absolventen aus Österreich, als Voraussetzung für die Anerkennung einer Approbation in Deutschland, das hiesige zweite Staatsexamen (Zweiter Abschnitt der Ärztlichen Prüfung) ablegen müssten, würde sich das Problem evtl. ganz von alleine lösen.
Ich habe bereits mehrere Studentinnen und Studenten im Rahmen ihres Praktischen Jahres getroffen, die im Land des IMPP keine 40% erreichen würden und froh sind, dass es derartige Prüfungen in Wien, Innsbruck und Co. nicht gibt…vielleicht hat der Turnus ja doch einen Sinn gehabt?!

#2 |
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Maja Cerkez
Maja Cerkez

Leider !!! Wollen die eig oberärzte in österreich nicht dass der turnus abgeschafft wird sonst müssten sie ja mehr arbeiten …das turnussystem in österreich ist prinzipiell eine sehe gute idee leider ist die umsetzung schlecht …da auch schon oberärzte in ihrer turnuszeit von ihren oberärzten schikaniert wurden müssen diese die tradition weiterführen …. Glaube nicht dass das KPJ den turnus ersetzen kann ausserdem was bringt es dann haben sie eine neue form der systemerhaltung im KH geschaffen und behandeln dann diese wie dreck….

#1 |
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