Tilidin: Skepsis gegenüber BtM-Pflicht

30. November 2012
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Das Schmerzmittel Tilidin wird in Tropfenform von zahlreichen Jugendlichen als Droge missbraucht. Ab Januar 2013 soll es in dieser Form unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Ob das den Missbrauch reduzieren wird?

Der Amokläufer, der bei der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofes im Jahr 2006 wahllos auf 38 Menschen mit einem Messer einstach, soll es genommen haben. Tilidin – ein Schmerzmittel, das immer wieder als Droge missbraucht wird. “Tilidin wirkt nicht nur schmerzstillend, sondern auch enthemmend im Sinne reduzierter Verhaltensregulation”, so Dr. Sebastian Ivens, Arzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin. “Tilidin kann so bei emotionaler Erregung eine Eskalation aggressiven Verhaltens begünstigen – ähnlich wie Alkohol“, erklärt er.

Opioid für starke Schmerzen

Tilidin ist ein Schmerzstiller aus der Gruppe der Opioide, der zur Behandlung starker und sehr starker Schmerzen, etwa bei Krebspatienten oder nach schweren Operationen, eingesetzt wird. Seine analgetische Potenz, ein Maß für die Wirksamkeit der schmerzstillenden Wirkung, liegt bei 0,1 bis 0,2 im Vergleich zur Referenzsubstanz Morphin. Tilidin ist ein Prodrug, hat selbst kaum eine analgetische Wirkung und wird erst in der Leber zu den aktiven Metaboliten Nortilidin und Bisnortilidin verstoffwechselt. Von diesen ist hauptsächlich Nortilidin für die schmerzstillende Wirkung verantwortlich. Ein Schmerzpatient nimmt etwa 30 bis 40 Tropfen Tilidin als Einzeldosis ein. Abhängige Jugendliche 80 bis 100 Milliliter.

“Unter hohen Tillidin-Dosen kommt es zu einer stark verminderten Schmerzwahrnehmung; es kann zu einer Fehleinschätzung eigener Fähigkeiten und Grenzen kommen”, so Dr. Ivens. Wer sich mit Tilidin Mut antrinke, sei kaltblütig und schmerzfrei genug, andere Jugendliche abzuziehen, eine Schlägerei zu gewinnen oder eine Tankstelle auszurauben, berichtete der Spiegel über Tilidin-Konsumenten im Jahr 2008.

Überdosierung lebensgefährlich

Dass Tilidin aggressiv macht, kann Jürgen Schaffranek, Sozialarbeiter beim Berliner Verein Gangway e.V., nicht bestätigen. “Die jugendlichen Tilidin-Konsumenten, mit denen ich zusammenarbeite, berichten ausnahmslos von euphorischen Gefühlen.” Während der Wirkungshochs könnten seine Klienten die ganze Welt umarmen, so Schaffranek. Erst wenn die Wirkung des Tilidins nachlasse, komme es zu übersteigerter Gereiztheit und Aggressivität. Doch nicht nur ihr Umfeld leidet unter den Folgen des Tilidin-Missbrauchs, auch die Konsumenten selbst. “Nach hochdosierten Einnahmen kann es zu einer potentiell tödlichen Atemdepression kommen. Tilidin kann Übelkeit und Erbrechen auslösen, was im Schlaf leicht zum Erstickungstod führen kann. Diese Risiken sind unter der häufigen Mischintoxikation mit Alkohol noch deutlich erhöht”, schildert Dr. Ivens.

Längst keine Migrantendroge mehr

Noch vor einigen Jahren berichteten die Medien, dass Tilidin fast ausschließlich von jungen muslimischen Migranten missbraucht würde. Drogen sind unter Muslimen verpönt und verboten. Tilidin sahen viele aber als Medikament an, nicht als Droge. Der Missbrauch von Tilidin scheint sich heute bei weitem nicht mehr nur auf muslimische Migranten zu beschränken. “Wir verzeichnen eine ethnische und kulturelle Egalisierung bei den Tilidin-Konsumenten”, berichtet Jürgen Schaffranek. “Seit etwa anderthalb Jahren beobachten wir eine deutliche Zunahme des Tilidin-Missbrauchs”, so Jürgen Schaffranek. Auch die Suchtberatungsstellen hätten einen Anstieg des Tilidin-Konsums unter Jugendlichen verzeichnet. Ein besonderer Anstieg hinsichtlich Rezeptfälschungen oder sonstigen Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Tilidin sei derzeit nicht zu beobachten, äußerte sich hingegen die Sprecherin des Verbandes der Ersatzkassen e.V. (vdek), Michaela Gottfried.

Leichter zu beschaffen als andere harte Drogen

Im Vergleich zu anderen Drogen ist Tilidin relativ straffrei zu beschaffen. Man bekommt es in jeder Apotheke, allerdings nur mit einem gefälschten Rezept. “Bei einer Rezeptfälschung kommen die Täter relativ glimpflich davon – anders als beim Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz“, erläutert Schaffranek. Auch auf dem Schwarzmarkt sei Tilidin zu bekommen – oft aus Importen aus dem Ausland.

Abhängigkeitsverlauf wie bei Heroin

Der Abhängigkeitsverlauf gleiche etwa dem von Heroin, erklärt der Sozialarbeiter. “Die ersten beiden Jahre läuft für die Abhängigen meistens alles ganz gut. Ihre Probleme treten durch das Medikament in den Hintergrund. Dann kommt es häufig zu einem enormen Gewichtsverlust. Auch die euphorischen Gefühle lassen spätestens zu diesem Zeitpunkt stark nach. Die Konsumenten brauchen dann Tilidin, um den Entzug nicht zu spüren. Viele erleiden Depressionen, Unruhe, Schlaflosigkeit und Krampfanfälle“, so Schaffraneks Erfahrungen.

Naloxon sollte Suchtgefahr verhindern

Der Wirkstoff Tilidin war schon immer den betäubungsmittelrechtlichen Regelungen unterstellt, also auch in Anlage III zum Betäubungsmittelgesetz (BtMG) aufgeführt. Um Tilidin aber besser für die Therapie verfügbar zu machen, wurden so genannte ‘ausgenommene Zubereitungen’ formuliert. Diese Zubereitungen unterstanden bezüglich der Verschreibung nicht den betäubungsmittelrechtlichen Regelungen. Es handelte sich um Fertigarzneimittel, die aus einer Kombination von Tilidin mit Naloxon bestanden. Naloxon hebt insbesondere nach intravenöser Gabe – jedoch nach oraler Gabe in therapeutischen Dosierungen vernachlässigbar – die Wirkung des Tilidins auf. Durch das Hinzufügen von Naloxon war sichergestellt, dass diese Arzneimittel für den intravenösen Missbrauch ungeeignet waren. Denn Naloxon hätte bei intravenöser Verabreichung zu schweren Entzugserscheinungen geführt.

Tropfen vs. Ratard-Präparate

In den vergangenen Jahren habe es jedoch immer wieder Hinweise auf einen verstärkten Missbrauch von Tilidin/Naloxon-Tropfen gegeben, sodass die Problematik von einer Expertengruppe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) neu bewertet wurde. “Diese Vermutung des Missbrauchs von Tropfen wird durch die Tatsache gestützt, dass sich aufgedeckte Rezeptfälschungen weitestgehend auf Tilidin/Naloxon-Tropfen beziehen und ein ungewöhnlich hoher Anteil von Tropfen auf Privatrezepten verschrieben wird”, erklärt Michaela Gottfried. Zur Verhinderung von Missbrauch und Abhängigkeit hält die Arbeitsgruppe des BfArM die “vollständige Unterstellung der schnell freisetzenden Darreichungsformen der fixen Kombination aus Tilidin und Naloxon unter die betäubungsmittelrechtlichen Regelungen für gerechtfertigt und begründbar”. Eine Unterstellung der Darreichungsformen mit verzögerter Freisetzung (Retard-Präparate) ist aber aus Sicht der Arbeitsgruppe wissenschaftlich nicht begründbar.

Widerstand der Pharmaindustrie

“Tilidin wird insbesondere in Tropfenform als Droge missbraucht, da die Konsumenten nur so den euphorischen Kick spüren, den sie suchen”, weiß auch Jürgen Schaffranek. Die braunen Fläschchen der Tilidintropfen könnten außerdem gut als beispielsweise harmlose Magentropfen getarnt werden oder in Getränkeflaschen umgefüllt und so unauffällig oder heimlich konsumiert werden. Jürgen Schaffranek ist sich sicher, dass Tilidin augenblicklich aus der Szene verschwinden würde, wenn es ausschließlich als Retard-Tabletten dargereicht werden würde. “Aber damit wird die Pharmaindustrie nicht einverstanden sein”, vermutet er.

Betäubungsmittelrezept als Lösung?

Das BfArM sucht einen anderen Weg aus der Misere: Mit der 26. Betäubungsmittelrechts-Änderungsverordnung (26. BtMÄndV) vom 20. Juli 2012 werden die Anlagen des Betäubungsmittelgesetzes und die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) an den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse unter anderem zu Tilidin-haltigen Fertigarzneimitteln angepasst: Tilidin-haltige Arzneimittel mit schneller Wirkstofffreisetzung werden durch Anpassung der Ausnahmeregelung für Tilidin in Anlage III mit Wirkung vom 1. Januar 2013 den betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften unterstellt, das heißt, eine Verschreibung von flüssigen Tilidin-haltigen Fertigarzneimitteln ist ab Januar 2013 nur noch auf einem BtM-Rezept möglich. BtM-Rezepte sind farblich markiert und müssen vom Arzt durch die Arztnummer und die Betriebsstättennummer der Praxis vervollständigt werden. Sie sind daher schwieriger zu fälschen als GKV-Rezepte.

Bislang galt für die fixe Kombination von Tilidin mit Naloxon eine Ausnahmeregelung, so dass diese Kombination auf einem “normalen” GKV-Rezept verordnet werden konnte. Für feste orale Darreichungsformen (z.B. Tabletten, Retardtabletten) gilt diese Ausnahmeregelung weiterhin. Jürgen Schaffranek verspricht sich dadurch keine Verbesserungen für die Abhängigen – im Gegenteil: “Durch diesen Beschluss werden nur mehr Abhängige zu Kriminellen werden.”

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Medizin

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22 Kommentare:

Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

…alles bezieht sich auf die Angaben von dem Vorredner – von Gewinnung aus dem Kondensat war nicht die Rede, Ihre “klugen Tipps” und Hysterie, Herr Rieth, behalten Sie lieber für sich (und ob es sich da überhaupt was niederschlägt?! ist eine andere Frage)..

liebe Grüße!

#22 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

“Tilidin hat einen Schmelzpunkt bei etwa 100°C Naloxonhydrochlorid dagegen bei 205°C wenn sich da was verflüchtigen würde dann Tilidin zuerst. Man solle in solche Videos nicht soviel hineininterpretieren, sondern Gehirn zuerst benutzen.”
…. und einen spiegel über den erhitzten toast halten damit sich das tilidin sublimat daran niederschlägt!!
… so klappt’s dann mit dem rausch :) prost !!

#21 |
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Juliane Murzik
Juliane Murzik

Ich akteptiere es nicht daß ich als Heilpraktikerin systematisach ausgegrenzt werde.Tilidin und andere BtM-pflichtige Mittel sollten immer nur nach strenger Indikationsstellung verordnet werden.Gesetze werden auch künftig nichts an Drogenmißbrauch ändern.Wie wäre es da mit Aufklärung und ursächlicher Behandlung,dann könnte auf mancherlei Medikament verzichtet werden .Bin ebenfaalls seit 30 Jahren in der Schulmedizin tätig und weiß wovon ich rede.
Mit freundlichen Grüßen

Juliane Murzik Heilpraktikerin

#20 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Tilidin hat einen Schmelzpunkt bei etwa 100°C Naloxonhydrochlorid dagegen bei 205°C wenn sich da was verflüchtigen würde dann Tilidin zuerst. Man solle in solche Videos nicht soviel hineininterpretieren, sondern Gehirn zuerst benutzen.

#19 |
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Der ständige Vergleich mit Alkohol hinkt. Und zwar nur aus folgendem Grund: keiner würde auf die Idee kommen, Alkohol unter das Betäubungsmittel-Gesetz fallen zu lassen.
Tilidin ist obsolet als Schmerzmittel und das unsägliche Gesetz ebenfalls.

#18 |
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Apothekerin

An Frau Schmitzer,

sind Sie sicher, dass nicht auch die festen, unretardierten Darreichungsformen von der BTM-Pflicht betroffen sind ?

#17 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

P.S. Und zu den süchtigen Jugendlichen; eigentlich müsste man froh sein, wenn diese noch an einen so sicheren Stoff herankommen können, so haben sie vielleicht noch eine große Chance irgendwann aus ihrer Misere herauszukommen, ohne das sie eines Tages tot in der Gosse liegen, weil sie einen anderen Dreck, dessen Wirkbreite bei weitem nicht so hoch war wie des Tilidins, od. einen anderen Gemisch unklarer Zusammensetzung zu sich genommen haben!

#16 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Ich halte Tilidin nicht für eine entbehrliche Substanz im Ärztlichen Arsenal und wie der Herr Resow schon sagte es gibt keine Alternative dazu akute Schmerzzustände im Hausärztlichen Bereich zu behandeln ohne gleich Morphin oder anderes hochpotentes Opiat verordnen zu müssen. Außerdem hat es viele Vorteile mit schnellem Wirkungseintritt und die Atemdepression ist bei weitem ! nicht so ausgeprägt wie bei den Klassikern. Aus meiner frühen krankenpflegerischen Tätigkeit kenne ich auch keine Überdosierungen mit Atemdepression, bei den Klassischen Morphinen dagegen sehr wohl und auch Fälle mit schlechtem Ausgang. Falls man es überdosieren würde steht Naloxon(Überschuss, welches nicht gleich metabolisiert wird) in ausreichender Menge zur Verfügung um die Wirkung teilweise zu antagonisieren. Daher bringt bei Tilidin die Dosierung über 2 ml keine weitere Wirkungsverstärkung (daher verstehe ich auch keine Anpassung an neueste Wiss. Erkenntnisse). Und was den Missbrauch bei Jugendlichen angeht, wird es hier keine Probleme lösen, da meist in solchen Fällen auf viel gefährlichere Substanzen/Drogen/Designerdrogen “umgeswitscht” wird welche größeren Schaden, der vielleicht sogar irreversibel ist anrichten würde. Kommentare von den Ärzten “es ist ein höchstgefähliches Suchtmittel” halte ich für sehr oberflächlich und schlicht unprofessionell. Und dass man den Missbrauch über den Leid der Geplagten stellt finde ich ebenfalls nicht gerechtfertigt, da kann ich dem Vorredner völlig zustimmen.

#15 |
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BI Bernd Rathgeber
BI Bernd Rathgeber

Zum Kommentar von Ulf Schutter:
Das Problem ist in diesem Fall wohl nicht das Medikament, sondern die Kommunikation. Kennt sich jemand nicht aus, so sollte er doch jemanden fragen, bevor er eine Fehlentscheidung trifft. Es geht doch um die Gesundheit bzw. die Zukunft von Menschen.

#14 |
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BI Bernd Rathgeber
BI Bernd Rathgeber

Man sollte die Ursachen angehen, die zu den Problemen führen, dass Drogenkonsum oder Medikamentenmibrauch entsteht. Ob Tilidin oder andere Drogen, ursächlich besteht immer eine Ursache für den Konsum. Verbietet man etwas, so führt das immer zu illegalem Handel, damit ist eine Reinheit der Stoffe nicht mehr gewährleistet und es wird um so mehr Schaden angerichtet. Eine mögliche Richtung wäre es ein Produkt auf Rezept zu bekommen, was den wenigsten Schaden anrichten kann (Siehe USA), jedoch parallel dazu die Ursachen anzugehen. Familien mit problemen stärker zu unterstützen und entsprechende Mittel zur Verfügung zu stellen um Personal zur Unterstützung verfügbar zu haben.

#13 |
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Benno Mertens
Benno Mertens

Als Allgemeinmediziner verordne ich Tilidin nur als Retardpräparat – dabei hat es , wie schon von Hrn Dörschug (7) erwähnt durchaus seine Berechtigung. Tropfen halte ich allenfalls in der Palliativmedizin für sinnvoll. Dem Argument, dass BTM pflichtige Medikamente zurückhaltend verordnet würden, kann ich nicht zustimmen – ein BTM Rezept auszustellen ist nicht aufwändiger als ein normales Kassenrezept- und die Bundesopiumstelle ist in allen Unsicherheiten sehr kooperativ. Aggressionen aufgrung eines Tilidinkonsums (eher aufgrund eines Entzuges, oder?) kenne ich ebenfalls nicht. Ansonsten stimme ich Dr.Ayhan uneingeschränkt zu.

#12 |
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Medizininformatiker

Zitat
Wer sich mit Tilidin Mut antrinke, sei kaltblütig und schmerzfrei genug, andere Jugendliche abzuziehen, eine Schlägerei zu gewinnen oder eine Tankstelle auszurauben, berichtete der Spiegel über Tilidin-Konsumenten im Jahr 2008.
Zitat

Hochaktuelle Studie aus einer berufenen Quelle … das muss man auch als Zitat einem wissenschaftlichen Publikum nicht zumuten.

Zitat
Abhängige Jugendliche 80 bis 100 Milliliter.
Zitat

Die empfohlene Einmaldosis liegt bei 0,7 ml

Bei hundertfacher Überdosierung wird man wohl 99% aller Medikamente als gefährlich einstufen können.

Wer erinnert sich noch an Onkel Paracelsus ?

#11 |
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Zahnarzt

Da ich selbst gerade eine ca. zweiwöchige Tilidin-Episode hinter mir habe, hat das Thema natürlich sofort mein Interesse geweckt. Zur Missbrauchsproblematik will ich mich nicht äußern, auch wenn es mich wundert, dass der schon in defensiv therapeutischer Dosierung festzustellende Verlust an Libido gerade bei der erwähnten Klientel keine Rolle spielen soll.

Zu meiner früheren Berufstätigkeit gehörte natürlich nicht zuletzt Schmerzlinderung und die damit einhergehende Wiederherstellung von Lebensqualität. Im zahnärztlichen Bereich also überwiegend Routine, empfindet man sich bei komplexerer Gemengelage mit akuter Lumboischialgie jedoch schnell einem sehr unbefriedigenden System ausgesetzt, das für den schmerzgeplagten GKV-Patienten kaum mehr als Zumutungen bereit hält.

Bevor also eine konservativ physikalische Therapie lindert und andere Analgetika (u.a. Diclo-Injektionen beim Orthopäden) wenig wirken, ist man heilfroh, wenn der erfahrene Hausarzt wenigstens mit Mitteln wie Tilidin dem zermürbenden Schmerz etwas entgegenzusetzen weiß und das Leben aushaltbar zu machen versteht. Wenn also hier von fachlicher Seite von

“eine(r) völlig entbehrliche(n) Substanz” (!)

die Rede ist, bleibt diese Aussage, zumindest solange die nachweislich bessere Alternative nicht genannt wird, sorry, allenfalls im Rang forentypischen Laien-Geschwafels von dem das Netz leider ziemlich verseucht ist.

Da man nach langer Zeit falsch verstandener Suchtproblematik heute wenigstens zu einer weitgehend humanen Palliativmedikation ehedem geschundener Schwerstkranker gefunden hat, sollte mbMn auch hier der potentielle Missbrauch nicht über das elementare Interesse von leidgeplagten Betroffenen gestellt werden. In den Aussagen von Dr. Ayhan scheint mir daher der angemessene Umgang mit der Thematik sehr gut getroffen zu sein.

MfG

#10 |
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Tilidin ist, wie Rainer Kumm sagt, als Arzneimittel völlig entbehrlich, als Suchtmittel hochgefährlich.
Deshalb ist eine Rücknahme vom Markt eine meditzinethische Notwendigkeit!
Sucht verhindert man dadurch nicht! Das ist ein völlig anderes Blatt. Wenn das neue Entgeldgesetz für die Psychiatrie greift, dann werden wir erst den Eisberg sehwen, dessen Gipfel ja manche sogar verharmlosen.

#9 |
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Unternehmensberater

…ich kann Herr Ayhan nur Zustimmen und Vollkommen Recht geben, alles was er sagt entspricht der Realität.
Umdenken wäre jetzt angesagt!
mfG
Mihajlo Raskovic

#8 |
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Sebastian Dörschug
Sebastian Dörschug

Gerade im palliativen Bereich ist Tilidin m.E. – insbesondere in Tropfenform – das beste Präparat der Stufe II, da es sich in dieser Darreichungsform hervorragend titrieren lässt und dabei deutlich weniger NW hat als Tramadol. Gerade für opioidnaive Menschen vorangeschrittenen Alters stellen sie DIE Alternative zu NSAR dar. Oftmals verursachen die Klassiker der Stufe I Magenulcera, sowie chronische Nierenschädigungen. Ich befürchte die BTM pflichtige Lösung konterkariert die Bestrebungen der WHO schmerztherapeutisch von Beginn an Präparate der Stufe II zu verordnen.

#7 |
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Jens Schaefer
Jens Schaefer

Wie man ja aus der Erfahrung bestens weiß, verhindert die BtM-Pflicht ja jede Form der Sucht. Nicht zuletzt dieser Tatsache ist es geschuldet, dass es heutzutage ja keinerlei Heroinabhängige mehr gibt denn Heroin ist schließlich nicht ohne weiteres erhältlich!
Wie naiv kann man eigentlich sein?!
Diese jungen Menschen sind abhängig. Und wenn sie kein Tilidin kriegen, dann halt eben ein anderes Opioid. Und da alle anderen Opioide fast ausnahmslos höhere Wirkpotenzen besitzen, ist es die Frage, ob man sich mit dieser Maßnahme einen Gefallen tut…
Mit Verboten ist noch nie etwas erreicht worden!
Und es wird dann ab 1.1.13 für legitime Schmerzpatienten nur noch unnötig schwerer, eine Schmerzmittelversorgung zu bekommen, da wie man ja weiß die BtM-Pflicht von Präparaten viele Ärzte von der Verschreibung zurückschrecken lässt. (Ich spreche hier jetzt von den begründeten Verschreibungsfällen).
Ich habe das selbst zigfach erlebt, und diese Änderung wird vielen das schwere Leben als Schmerzpatient noch schwerer machen.
Die paar Leute die Missbrauch betreiben wird es immer geben egal ob BtM oder nicht.

#6 |
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..es wurde und wird immer noch zu schnell Tilidin verordnet, weil imn Rahmen einer Schmerztherapie unkritisch, weil zu wenig Grundwissen, vorgegangen wird.
Im Rahmen der Tilidinsucht wird sich nichts ändern außer, dass die illegale Einfuhr zunimmt.
Es ist schon interessant wie der Spiegel als eine meinungsbildende Journalje zitiert und dem Tilidin als Opioid eine agressiomnsfördernde Komponente zugeschrieben wird. Hier liegt ursächlich eher ein Mischkonsum mit Bensos vor

#5 |
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Dr. Michael Fischer
Dr. Michael Fischer

Diese Aktion ist wieder halbherzig und stümperhaft.
Die Antwort wird natürlich sein, das Retardpräparate gecrackt werden.
Zeitaufwand: 1 Min.
Materieller Aufwand: zwei Eierlöffel.

Dr. med. Michael Fischer
Schmerztherapeut

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Alles richtig, nur ist meiner Meinung nach Tilidin eine völlig entbehrliche Substanz. Von daher ist eine BTM Pflicht unsinnig – die Marktrücknahme wäre der bessere Schritt.

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Ulf Schutter
Ulf Schutter

Als Schmerztherapeut sehe ich nicht gerade selten Patienten mit einer Abhängigkeitskarriere aufgrund einer unkritischen Verordnung von nicht-retardierten Tilidin-Fertigarzneimitteln. Die meisten der betroffenen Personen starten ihre Karriere nicht auf dem Schwarzmarkt, sondern in der Arztpraxis. Sehr häufig sind es Patienten mit einer Schmerzerkrankung bei der es überhaupt keine Indikation für eine Analgetikatherapie, geschweige denn für eine Tilidintherapie gibt, nämlich solche mit einer somatoformen Schmerzstörung oder einer Fibromyalgie. Häufig lehnen diese Patienten eine fachgerechte Therapie (am besten multimodal, sofern verfügbar)ab. Hier werden von Kolleginnen und Kollegen, die über wenig Erfahrung und Ausbildung mit bzw. zu Schmerzerkrankungen verfügen unkritisch nicht-retardierte Tilidinzubereitungen gern eingesetzt. Der Zeitdruck in den Praxen und damit ein fehlendes Schmerzassessment tragen dazu nicht unwesentlich bei. Dann steigt die Dosis zunächst unmerklich, dann merklich an. Die Abhängigkeitsstörung erfolgt zwangsläufig.
Da davon auszugehen ist, dass die Hemmschwelle bei einem Btm-pflichtigen Präparat wegen des erhöhten Strafmasses nach Btm-VV auch bei diesen Kolleginnen und Kollegen höher ist, begrüße ich die Einordnung ab 01.01.2013 sehr. Die Situation auf dem illegalen Drogenmarkt wird sich dadurch nicht verbessern, aber die Nachzüchtung der Tilidinabhängigen wird geringer ausfallen.

U. Schutter
FA f. Anaesrgsiolgie
FA f. Allgemeinmedizin
spezielle Schmerztherapie

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Kann Jürgen Schaffranek nur Recht geben!
Entweder wird der illegale Import (Schmuggel aus z.B. Tschechien) von Tilidin rasant ansteigen, was zu einer starken Erhöhung der Schwarzmarktpreise führen wird und die Abhaengigen mehr zur Beschaffungskriminalitaet gezwungen werden und diese Gesetzesaenderung den Dealern noch mehr Butter aufs Brot schmieren wird!
Oder sie werden auf andere Opioide ausweichen, welche entweder zur WHO Stufe 1 gehören, oder völlig illegal sein werden, und das wird grössere Probleme mit sich bringen!
Ich wiederhole mich hier staendig, aber Verbote sind Gebote!
Nur wollen das die Herren und Damen Theoretiker hinter ihren Schreibtischen einfach nicht begreifen.
Auch kann und werde ich nicht akzeptieren dass Tilidin, wie auch andere Opioide eine aggressionsfördernde Komponente haben, sondern dies ein sozio-psychologischer Effekt ist der auf die Perspektivlosigkeit der Jugend, welcher durch die immer grösseren Erwartungen und die ungerechte Chancenverteilung der modernen Leistungsgesellschafft zurückzuführen ist!

m.f.& k.G.

Dr.med Mustafa Ayhan

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