Asperger-Syndrom: Mädchen unterm Radar

6. August 2013
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Das Diagnosesystem zielt hauptsächlich auf betroffene Männer ab. Die oft erst im Jugendalter gestellte Diagnose beschert Mädchen und Frauen mit Asperger-Syndrom meist lange Leidenswege, die vermeidbar wären. Ein Ratgeber will Abhilfe schaffen.

„Mädchen und Frauen mit Asperger-Syndrom sind fast unsichtbar – eine Minderheit innerhalb einer Minderheit. Sie fallen zu oft und zu lange durch das auf männliche Ausprägungen angelegte Diagnosesystem“, so die zentrale Aussage der Autorin Dr. Christine Preißmann – Ärztin und selbst betroffen – in ihrem Buch „Überraschend anders – Frauen und Mädchen mit Asperger“ beschreibt.

Mehr Mädchen betroffen als angenommen

Lange ging die Fachwelt von einem Geschlechterverhältnis von einem Mädchen mit Asperger-Syndrom auf sechs bis acht betroffene Jungen aus. Inzwischen diskutieren Experten darüber, ob eine Verteilung von 1:4 oder 1:2,5 nicht eher der Realität entspricht. Viele europäische Länder berichten von einer steigenden Anzahl von Mädchen und Frauen mit einer Diagnose aus dem autistischen Spektrum. Doch anders als bei Jungen wird diese meist erst im Jugendalter gestellt. „Im Moment scheinen die richtige Diagnose und die adäquate Unterstützung eher Glückssache zu sein“, so Preißmann. Darunter leiden die betroffenen Mädchen meist sehr, denn sie fragen sich oft jahrelang nach dem Grund ihres Andersseins und der damit häufig verbundenen Einsamkeit. Schuld daran seien vor allem die geltenden Diagnosekriterien, die eher die männliche Ausprägung des Asperger-Syndroms berücksichtigten. „Höchste Zeit also für ein Buch, in dem es um die weibliche autistische Sicht geht“, so die Allgemeinärztin über ihre Intention.

Mädchen fallen durchs Diagnoseraster

„Die Symptome des Asperger-Syndroms äußern sich bei Mädchen subtiler und sind meist weniger stark ausgeprägt“, weiß Preißmann aus eigener Erfahrung. Mädchen seien in der Regel ruhiger und könnten ihr Verhalten besser kontrollieren als betroffene Jungen. Daher würden sie eher als „seltsam“ wahrgenommen werden, nicht jedoch als umfassend beeinträchtigt. So werde beispielsweise der mangelnde Blickkontakt bei Frauen eher auf Schüchternheit zurückgeführt, als mit Autismus in Verbindung gebracht. „Um nicht aufzufallen und möglichst „unsichtbar“ in einer Gruppe mitlaufen zu können, ahmen Mädchen mit Asperger-Syndrom oft andere Mädchen nach und versuchen deren Verhalten, die Mimik und Gestik der anderen Mädchen zu kopieren“, schreibt Preißmann. Im Gegensatz zu den meisten Jungen könnten Mädchen mit Asperger-Syndrom durchaus eine beste Freundin haben. Die für das Asperger-Syndrom typischen Spezialinteressen, die durch häufiges Anordnen und Kategorisieren geprägt sind, werden meist alleine ausgelebt. Das ist bei Jungen ähnlich. Doch die Spezialinteressen betroffener Mädchen ähneln oft denen ihrer Altersgenossen und fallen daher nicht auf. Es sei vielmehr die Intensität und die Qualität dieser Interessen, die besonders sei. All diese Kriterien müssten bei der Diagnosestellung berücksichtigt werden, „um das stille Leiden vieler Mädchen und Frauen mit Autismus zu beenden“, so die Ärztin.

Aufmerksamkeit der Lehrer gefordert

Preißmann weist auch auf die einzigartige Stellung von Lehrern hin, wenn es darum geht, Auffälligkeiten bei Mädchen zu bemerken. In der Regel sind nur sie in der Lage, eine Schülerin mit der gesamten Klassengemeinschaft zu vergleichen. Bei einer Kombination folgender Merkmale sollten Lehrer und Psychologen laut Preißmann eine autistische Störung bei Mädchen in Betracht ziehen:

  • soziale Zurückgezogenheit und Isolation
  • soziale Unreife und Naivität
  • Hänseleien durch gleichaltrige Mädchen
  • Unsicherheit im Kontakt mit anderen
  • Passivität im Unterricht und mangelndes Interesse an außergewöhnlichen schulischen Aktivitäten
  • Interessen, die in ungewöhnlicher Ausprägung ausgelebt werden
  • mangelnder Augenkontakt
  • schlechte Handschrift
  • repetitive Verhaltensweisen
  • motorische Schwierigkeiten
  • schlechtere schulische Leistungen als aufgrund der Intelligenz zu erwarten
  • insgesamt als „merkwürdig“ und nicht altersgemäß beschriebenes Verhalten

Was nützt eine frühe Diagnose?

„Eine frühzeitige Diagnose kann viele Schwierigkeiten, Demütigungen und Verletzungen verhindern, die die Betroffenen auf ihrem Lebensweg erfahren“, so Preißmann. Auch im Hinblick auf eine angemessene Unterstützung sei eine frühe Diagnose vorteilhaft. Diese benötigten Mädchen und Frauen mit Asperger Syndrom vor allem in folgenden Lebensbereichen:

  • Kommunikation
  • Sozialverhalten und soziale Erwartungen
  • Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft
  • Selbstvertrauen und psychische Gesundheit
  • körperliche Gesundheit und Wohlbefinden
  • adaptive Fertigkeiten in Zeiten der Pubertät, des Erwachsenwerdens und auch des Alterns (Menstruation, Hygiene, Sexualität erleben in den Wechseljahren etc.)
  • Freizeitaktivitäten und sportliche Betätigungen, die sich an ihren Interessen, Fähigkeiten und Voraussetzungen orientieren
  • berufliche Möglichkeiten und Karriereplanung
  • ihre persönliche Entwicklung
  • die vielfältigen Möglichkeiten der Lebensgestaltung

Dabei hätten sich sowohl ein Training in Gruppen, als auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen oder Einzelmaßnahmen aus Psycho- und Ergotherapie als hilfreich erwiesen.

Kleine Hilfestellungen mit großer Wirkung

Oft sind es auch ganz kleine, unkomplizierte Dinge, die Mädchen mit Asperger-Syndrom das Leben beträchtlich erleichtern können. So beschreiben alle Betroffenen in Preißmanns Buch ihre Schulzeit als grausam und extrem belastend, denn Schule bedeutete für sie Isolation, Stress und Verwirrung. Viele Mädchen mit Asperger-Syndrom haben mit unerwarteten Ereignissen große Probleme und sind schnell reizüberflutet. Wenn sie dagegen rechtzeitig über anstehende Veränderungen wie Raumwechsel oder Freistunden informiert sind, reduziert sich die Angst der Mädchen oft beträchtlich. Sich während der Pausen in einen ruhigen Klassenraum zurück ziehen zu können oder für Leistungsabfragen wie Klassenarbeiten etwas mehr Zeit zur Verfügung zu haben, beschreiben die meisten Mädchen auch als große Erleichterung in ihrem sonst belastenden Schulalltag. Diese Besonderheiten sind für Lehrer mutmaßlich nicht allzu schwierig umzusetzen, wenn sie denn bekannt sind.

Ein Weg zwischen falscher Anpassung und äußeren Klischees

Preißmann weiß, wie wichtig Individualität für die Betroffenen ist. Frauen mit Asperger-Syndrom seien auf Hilfe angewiesen, wenn es darum geht, sich an bestehende gesellschaftliche Konventionen anzupassen – oder eben auch nicht und ganz bewusst auf ihre ganz eigene Weise glücklich zu sein. Ihr Ratgeber zielt weniger auf eine „Normalisierung“ der betroffenen Mädchen und Frauen, als vielmehr darauf, die belastende Symptomatik zu reduzieren und die Familien zu entlasten. Wer Anlaufstellen sucht, gelangt über den Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus „Autismus Deutschland e.V.“ zu den Kontaktdaten der Landesverbände.

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8 Kommentare:

Silke
Silke

Danke für diesen wichtigen Artikel. Auch ich war eines der seltsamen Mädchen, die nicht eingeordnet werden konnten, teils mutistisch, oftmals übersehen. Die Erinnerung daran schmerzt immer noch. – Erst nach der Asperger-Diagnose (Mitte 40) fange ich an mein Potential zu leben.

#8 |
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Gast
Gast

Danke für meine Biografie. Stimmt alles so.
Asperger wäre bei mir wahrscheinlich aufgrund meiner Eloquenz nie entdeckt worden. Es verhielt sich aber ähnlich wie bei sprechenden Vögeln, die nicht wirklich kommunizieren. Ich habe zwar ein Gegenüber bei der Kommunikation wahrgenommen, aber nicht wirklich Kontakt mit ihm aufgenommen oder ihm zugehört — über die Lieferung von Stichworten für meine Interessen hinausgehend.
An der Motorik hätte man es vielleicht merken können — ich weiß nicht wirklich, wo meine Füße gerade sind, ich muss nachsehen. Auf die Schrift und vor allem auf die Fähigkeit zu zeichnen hatte das allerdings keine Auswirkungen.
Man hätte es am Sozialverhalten bemerken können, dass ich Aspie bin, ein Verhalten, das meine Großmutter als “herzlos” zusammengefasst hat.
Kleiner Hinweis noch: “Zurückziehen” schreibt man zusammen.

#7 |
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Petra Müller
Petra Müller

Vielen Dank für diesen Artikel, Frau Schmitzer.

Ich gebe Frau Preißmann Recht.

Mit Diagnose wäre die Schulzeit für mich um einiges einfacher gewesen.
10 Jahre gehänselt, ausgenutzt und ausgegrenzt, die Pein, immer und immer wieder im Mündlichen vor der Klasse zu versagen, hätten nicht sein müssen.

Im Gegensatz zum Artikel war ich eine sehr gute Schülerin. Ich hatte die Begabung, in kurzer Zeit große Texte, ganze Bücher auswendig zu lernen und habe mich so mit Erfolg durch die Schulzeit gemogelt. Meine Logik war immer eine andere, die Lösung die gleiche.
Während andere spannende Bücher lasen und sich für Musik interessierten, verschlang ich Fachliteratur und Lexika.

Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, mich anzupassen, andere beobachtet und nachgeahmt – meinte immer, ich müsse funktionieren, egal um welchen Preis. Das hat viel Kraft gekostet und mich kaputt gemacht.

Ich weiß nun, warum ich beruflich nur eine Erfolgsphase hatte. Sie stand im Zusammenhang mit meinem Spezialinteresse, da sich schon seit ich etwa 12 Jahre alt war, auslebte. Zu allem anderen bin ich nicht zu gebrauchen, weil mir der Bezug dazu fehlt.

Ich laufe nun seit längerem mit einer Verdachtsdiagnose herum, eine gesicherte kann und möchte bisher niemand stellen.

Wäre ich in der Kindheit diagnostiziert worden, wäre mir viel Leid erspart geblieben. Dann hätte ich mein Interesse zum Beruf machen können und nicht irgendeinen Beruf erlernen müssen, der mir nicht liegt, weil im damaligen Arbeiter- und Bauernstaat nicht jeder studieren konnte. Zudem hat mir das auch niemand zugetraut. Mit Unterstützung wäre mir das bestimmt gelungen.

Ich hätte evtl. nicht ein Leben lang an Depressionen und schwerwiegenden somatoformen Störungen leiden müssen, wäre selbstbewusster, hätte nicht auf Grund einer schon lange andauernden Pseudodemenz mein gutes Gedächtnis verloren, denn das war mein Kapital, auch beruflich.

…. und ganz sicher wäre ich mit Diagnose und Rücksicht niemals ein Fall fürs Wohnheim oder eine Behindertenwerkstatt geworden – im Gegenteil, ich hätte Abitur gemacht, studiert und würde beruflich entsprechend meines Interesses arbeiten.

Das Asperger-Syndrom bringt zudem auch viele andere Unannehmlichkeiten mit sich – wie starke Geräusch-, Geruchs- und Geräuschempfindlichkeit, Ablenkbarkeit, an nichts anderes mehr denken können, massive Ein- und Durchschlafstörungen, geringere Belastbarkeit und vieles andere mehr.

Petra Müller

#6 |
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Heilpraktikerin

@ Frau Dr. Jens:
Asperger-Autisten sind keinesfalls unfähig selbständig zu leben. Sie werden in der Regel auch nicht in betreuten Wohnheimen untergebracht. Die Diagnosestellung ist in ihrer Auswirkung auf den Betroffenen nicht zu unterschätzen. Wenn man erst mal weiß dass man tatsächlich “anders tickt” als die anderen und dass dies auch so in Ordnung ist, geht man bewusster durchs Leben, beobachtet sich und die Anderen und lernt durch deren Reaktion. Auch kann man den “normal tickenden” Menschen einiges erklären warum man manchmal “komisch ” ist. Das allein macht das Leben schon leichter.
Ich spreche aus Erfahrung.

Vielen Dank an Frau Schmitzer für den Buchtipp.

#5 |
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Uwe Niese
Uwe Niese

Das haben Sie schön zusammengefasst, Frau Schmitzer.
Herzliche Grüße an Frau Preißmann – ich erinnere mich noch gerne an ihre Ausstellung in Eberswalde!

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Bruna Crameri-Capelli
Bruna Crameri-Capelli

Liebe Frau Schmitzer

Als Hauswirtschaftslehrerin kann ich mich gut vorstellen, dass die Mädchen nicht so auffallen. Es sind mir bei ihrer Beschreibung ein paar ehemalige Schülerinnen wieder in Erinnerung aufgetaucht, die ich nicht richtig einordnen konnte und auf Grund ihrer Eigenarten gut zu den Symptomen der Asperger Syndrom passten.
Am Anfang ist vielleicht enttäuschend zu erfahren, dass unsere Symtome zu einer Krankheit gehören, aber die Diagnose wird schnell zu einer Entlastung, weil endlich das Leiden anerkannt ist und ein Anrecht auf Unterstützung gewährleistet wird.
Leidende menschen werden ernst genommen. Aus diesem Grund lohnt es sich als Erziehungspersone die Augen und die Ohren für neue Erkenntnissen offen zu halten.

Bruna Crameri-Capelli
Hauswirtschaftslehrerin und Ernährungsberaterin.

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Medizinisch-Technischer Assistent

Jens ist aber n komischer Frauenname… *scnr*

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Dr. med. Jens Freiburg
Dr. med. Jens Freiburg

Sehr geehrte Frau Sonja Schmitzer,
ich bin 58 Jahre jung, weiblich und wurde vor 5 Jahren mit dem Asperger Autismus nach einem sehr sehr langen Leidensweg diagnostiziert.
Wäre ich 50 Jahre später geboren worden, wäre alles anders gelaufen.

Was ich aber unbedingt anmerken möchte, ich habe mich mein ganzes Leben durchkämpfen müssen um meine Stellung zu behaupten, mit einer Diagnostik im frühen Jugendalter hätte ich das sicherlich nicht machen müssen. Dies hätte sehr wahrscheinlich zur Folge ghabt, dass ich heute nicht diese meine Stellung im Beruf habe, sondern wahrscheinlich in einem betreuten Wohnheim für Autisten leben würde, wo einem alles abgenommen wird.

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