Ärzte mit Grenzen

17. März 2010
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Noch vor wenigen Jahren war eine körperliche Behinderung ein „No-Go“ für ein Medizinstudium und den Beruf als Arzt. Nicht nur Gerichte und Zulassungsbehörden sehen das heute anders.

Schaut man nur auf die Statistik arbeitsloser Mediziner, scheint die Lage behinderter Ärzte so schlimm nicht zu sein. Denn im Jahr 2008 fanden sich unter den rund 2800 arbeitsuchenden Doktoren nur 82 mit einer schweren Behinderung. Im Hinblick auf den Ärztemangel außerhalb der großen Städte und des Arbeitsmarkts „…könnte dies ein Hinweis sein, dass diese Entwicklung selbst für Menschen mit schwerwiegenden Behinderungen gute Möglichkeiten der Berufsausbildung mit sich bringt“, beurteilt Patrick Schwarzbach der Bundesagentur für Arbeit die Chancen für Ärzte mit Handicap.

Es gibt einige Beispiele, bei denen schwerbehinderte Mediziner nicht nur nur Ihrem ärztlichen (Routine-)alltag nachgehen, sondern sogar Karriere gemacht haben. Immer jedoch gehört ein starker Wille dazu, gegen Widerstände im Studium und in manch schwieriger Ärztehierarchie anzukämpfen.

Ein Tauber wird Chefarzt

Einer der sich von seiner Behinderung nicht von seinem Traumberuf abbringen ließ, ist Roland Zeh. Als Siebenjähriger verlor er nach einer Hirnhautentzündung sein Gehör. Nach der Gehörlosenschule begann er an der Universität Freiburg sein Medizinstudium. Dort gelang die Verständigung mit den Dozenten meist mit einer MicroLink-Anlage. Sie verstärkt den Schall, der vom Mikrofon des Sprechers kommt und leitet ihn direkt in die Ohrmuschel des Schwerhörigen. Dennoch, so berichtet Zeh rückblickend, weigerten sich einige Dozenten, in das Mikrofon zu sprechen und ihn damit bei seinem Studium zu unterstützen.

Erst die Gerichte öffneten Zeh den Weg zur Arztkarriere. Denn trotz herausragender Studienleistungen verweigerte ihm das Prüfungsamt zunächst die Zulassung zur Abschlussprüfung. Dessen Begründung: „Herr Zeh ist hörbehindert und kann nicht allen klinischen Anforderungen eines Arztes genügen“. Per Gerichtsurteil absolviert er seinen AIP und bekommt dann die Möglichkeit, an der Baumrain-Rehaklinik in Bad Berleburg für Hörgeschädigte zu arbeiten. Dort bringt er es bis zum Chefarzt. Heute ist Zeh Chefarzt an der Kaiserberg-Fachklinik für Orthopädie und Innere Medizin im hessischen Bad Nauheim. Seine Erfahrung: Behinderte Ärzte haben weniger Probleme mit Patienten als vielmehr mit Kollegen. Manchmal sorgt seine Hörbehinderung – Zeh hat hat inzwischen ein Cochlea-Implantat – sogar für den intensiveren Patientenkontakt.

Chirurg im OP-Rolli: Vorbild für seine Patienten

Ähnliche Erfahrungen hat auch Frank Röhrich gemacht. Ein Absturz mit dem Segelflugzeug unterbrach das Rückenmark und damit die Karriere des angehenden Neurochirurgen, beendet hat er sie jedoch nicht. Verständnisvolle Chefärzte im thüringischen Bad Berka und an der Berufsgenossenschaftlichen Klinik Bergmannstrost in Halle ermöglichten ihm trotz Querschnitt-Lähmung nicht nur den Abschluss seiner Facharzt-Weiterbildung, sondern auch eine dauerhafte Stelle am Zentrum für Rückenmarksverletzte. Mit einem speziellen OP-Rollstuhl kann Röhrich während der Operation stehen und sich sogar vornüber beugen, obwohl er ab dem achten Brustwirbel abwärts gelähmt ist. „Ob die Anamnese ein Fußgänger oder ein Rollstuhlfahrer macht, ist im Ergebnis sehr unerheblich. Fast alle klinischen Untersuchungen lassen sich uneingeschränkt auch mit einer Paraplegie vornehmen“, beschreibt Röhrich seine Situation im Spiegel. Auch in Halle verhilft die Behinderung zu einem engeren Kontakt mit Patienten. „Als ich ihn sah, dachte ich, es kann weitergehen“, bekennt etwa ein 17jähriges Verkehrsunfall-Opfer, das ab dem fünften Halswirbel abwärts gelähmt ist.

Von Behörden behindert

Neben diesen „extremen“ Fällen gibt es zahlreiche Ärzte, die mit einem Diabetes praktizieren. „Sogar in chirurgischen Fächern, die mit stundenlangen Operationen verbunden sind, kann man als Diabetiker zum Beispiel mit Insulinpumpen kritische berufliche Situationen gut meistern“ beurteilt Hermann Finck, niedergelassener Internist und Typ-1 Diabetiker, eine Situation, die er von seiner Arbeit im Sozialausschuss der Deutschen Diabetesgesellschaft gut kennt. Dennoch, so berichtet er, gäbe es immer wieder Fälle, in dem etwa einem Chirurgen ein Bankkredit für seine Arztpraxis aufgrund seiner Einschränkung verwehrt wurde.

Nach einer Reform der Approbationsordnung dürfen seit 2003 Studenten mit Behinderungen nicht mehr von vorne herein vom Medizinberuf ausgeschlossen werden. Dass Ärzte mit Handicap nicht darauf bauen können, aufgrund einer Quote oder einer sozialen Ader in den Kliniken eingestellt zu werden, ist auch Frank Röhrich klar. „Als Arzt weiß ich, dass das OP-Risiko für die Patienten nicht erhöht sein darf, nur weil ich eine Behinderung habe. Würden mir ärztliche Fehler unterlaufen, weil ich während einer schwierigen Operation nicht die optimale Position einnehmen kann, hätte ich damit große Probleme.“

Wo aber technische Lösungen die Einschränkung überwinden, finden sich in der Statistik unter Behinderten wahrscheinlich mehr hochmotivierte Mediziner als im Durchschnitt. Sie haben gelernt, Grenzen und Hindernisse zu überwinden.

99 Wertungen (4.55 ø)
Allgemein

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9 Kommentare:

Patienten sind motivierter wenn sie hören, dass man selber schon mal schwerkrank war. Was nicht unerheblich ist, dass man Angehörigen viel besser mitteilen kann, wie sich der erkrankte Angehörige fühlt. Das kommt wesentlich glaubhafter rüber wenn ich nach TIA und Prind meinen Schlaganfallpatienten sage, dass es weitergehen kann wenn auch im anderen Tempo und mit anderen Lebensschwerpunkten.

#9 |
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Heitraud Köhn
Heitraud Köhn

Behindertes medizinisches Personal (Ärzte, Schwestern u.v.a. sind in der Betreung und Versorgung von Patienten besser, glaubwürdiger und mitfühlender. War selbst betroffen. Die gesunden, sehr sportlich motivierten Ärzte, die auch noch Perfektionisten sein wollten, schenkten mir keinen Glauben, dass ich nach der Ostheosynthese einer bimaleolaren Sprunggelengsfraktur überheftige Schmerzen klagte. Es erfolgte keine Abklärung der Ursachen, keine Physiotherapie und trotz der nicht heilenden, meistens eiterndenen, rot und geschwollenen Operationswunde keine Antibiose. Erst ein Arztwechsel brachte mir Hilfe, denn dieser Arzt war leicht gehbehindert und seine Erfahrungen , die er als Student machte während der Erkrankung ähnelten meinen Erlebnissen. Behindertes Personal hat mehr Verständnis und mussen um ihre Anerkennung im Beruf kämpfen. H.K.

#8 |
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Ärztin

Hallo,
vielen Dank für das wichtige Thema und größte Hochachtung all den Kämpfern wie Frank Röhrich, Roland Zeh, Lesern/Kollegen wie Olaf Stoltze, Angelica Wegener….!!!
Für unsere Patienten sind solche authentischen Ärzte eine unglaubliche Bereicherung und menschlich viel näher dran.

#7 |
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Ich arbeite seit Jahren in Dänemark und habe nie darüber nachgedacht, dass es anscheinend etwas besonderes ist, dass ich sowohl eine schwer von Polio gezeichnete, einen Unterschenkelamputierten, eine Typ 1 Diabetikerin und schwerhörige Kollegen habe und hatte?! Ich bin eingentlich schockiert, dass es von Seiten der Zulassung schon Probleme geben könnte. Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ich in Deutschland keine behinderten Ärzte kennengelernt habe. Abgesehen von meinem Grossvater, der lebenlang verbittert war, dass er nach einer Kriegsverletzung nur noch Amtsarzt sein durfte… ich dachte dass waren nur die Zeiten.
Wieder einmal bin ich froh, dass ich bin wo ich bin und habe NIEMALS Prbleme oder Einschränkungen bei diesen Kollegn erlebt, die schwerwiegender gewesen wären, als meine eigenen mit 3 kleinen Kindern…

#6 |
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Bin selber als niedergelassener Freuenarzt in Hamburg tätig,obwohl ich durch eine sek. chron. progrediente MS 90% des Arbeitslebens im Rollstuhl verbringe.Bei den Patientinnen erfahre ich fast ausschließlich positive Resonanz, kann also alle anderen ebenfalls Betroffenen nur ermutigen in ihrem Vorhaben,den Beruf, der mir viel Lebensfreude bringt, auszuführen!!!

#5 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Hallo,
neulich wurde ja in einer Veröffentlichung hier bemängelt, daß es einem nicht unerheblichen Teil der Mediziner an den nötigen psychosozialen Kompetenzen und Durchhaltevermögen mangele.
Deshalb wurde ja sogar laut in Richtung “NC lockern und dafür lieber assessment-center einrichten” gedacht.

Wer als Mensch mit Einschränkungen eine anspruchsvolle Ausbildung wie sie das Medizinstudium ist absolviert, kann später auf jeden Fall seinen Beruf ausüben. Denn er hatte es auf jeden Fall in mehrerer Hinsicht schwerer als seine Kommilitonen. Und es trotzdem geschafft.

Es gibt sehr viele Adaptionen.

Insgesamt wird es wohl die meisten im Gesundheitswesen Tätigen mehr Kraft kosten, die Fehler, die substanzmittelabhängige KollegInnen machen auszubügeln bzw. auszuhalten als ein wenig Flexibilität in der Zusammenarbeit mit behinderten KollegInnen zu zeigen.

Ich bin selbst seit 40 Jahren Typ1-Diabetikerin und leiste in meinem Beruf (Ergotherapeutin) weitaus mehr als üblich.
Besondere Unterstützung habe ich nie eingefordert und mittlerweile stößt sich niemand mehr an meiner chronischen Krankheit.

Das war in meiner Jugend noch anders. Meinen Eltern wurde geraten, mich in einer Behörde unterzubringen, da man annahm, daß ich dort “nicht so viel arbeiten” müsse.

Sic!

Ich bin Inhaberin einer großen Praxis und absolviere mit Freude und Engagement und ohne große gesundheitliche Beeinträchtigungen eine 60-Stundenwoche.

Erfreulich, daß der Nachwuchsmangel “Minderheiten” wie Frauen und Behinderte nach oben spült.

Nachhaltiger als jede Quote.

#4 |
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Leider hat sich in den letzten 40 Jahren immer noch nicht so viel geändert: Ich bin seit meinem 2. Lebensjahr durch Kinderlähmung stark behindert. gegen viele Widerstände habe ich in den 1970er Jahren mein Medizinstudium absolviert, hatte das Glück, von einigen wenigen Kollegen gefördert zu werden.Seit 26 Jahren betreibe ich eine kleine Hausarztpraxis “mit allem Drum und Dran”. Das geht natürlich nur mit motivierten Mitarbeitern und – nicht zuletzt – mit Patienten, die die Behinderung akzeptieren und “mitmachen”. Am meisten schockiert hat mich, als ich nach der Geburt meines 4. Kindes für eine Weile aus dem Notdienst herausgenommen werden wollte, weil sich meine Symphyse gelockert hatte: Die Reaktion der Kollegen: “Wenn sie Praxis machen kann, kann sie auch Notdienst machen”!!! Schon mal was von behindertengerechtem Arbeisplatz gehört, liebe Kollegen? An der Mann/Frau volle Leistung erbringen kann, und dazu noch richtig gut!

#3 |
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Annette Peter
Annette Peter

Warum sollte das Leben vorbei sein, wenn der Körper ein Handicap hat ? Es wird Zeit, dass hier Grenzen abgebaut werden, jeden kann es jeden Tag erwischen, wenn er übermüdet an der Leitplanke vorbeidonnert und hoffentlich nicht dagegen fährt.

#2 |
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Studentin der Humanmedizin

Man hat nicht nur gelernt, Grenzen und Hindernisse zu überwinden, sondern man hat auch erfahren, was es heißt, aus diesen Betten auch heraus zu schauen und nicht nur hinein.
Ich habe manchesmal gedacht, die beste Zugangsvoraussetzung zum Medizinstudium ist, mindestens einmal im Leben so krank gewesen zu sein, dass man fremder Hilfe ausgeliefert war.
Dann bliebe einem manch überheblicher Spruch am Patientenbett im Halse stecken.

#1 |
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