Antirheumatika: Ohren zu und durch

18. März 2010
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Nicht-steroidale Antirheumatika haben es nicht leicht. Alle lieben sie, aber dauernd gibt es schlechte Presse. Eine epidemiologische Langzeitstudie aus Boston hat jetzt Hinweise gefunden, dass Aspirin, Paracetamol und Co auf die Ohren gehen könnten. Auch das noch.

An allem schuld sind die COX-2-Inhibitoren. Als Big Pharma vor einigen Jahren die mehr oder weniger selektive Hemmung der Cyclooxygenase 2 als scheinbaren Königsweg hin zu einer Schmerzlinderung ohne Magen-Darm-Probleme einführte, fiel den Konzernen die Sache bekanntlich einigermaßen auf die Füße. Die Medikamente, die wegen der strengen Zulassungsanforderungen an neue Medikamente sehr viel intensiver untersucht worden waren, als das bei konventionellen nicht-steroidalen Antirheumatika jemals der Fall war, zeigten ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Sie fielen in Ungnade. Und trotz vereinzelter Patientenproteste verschwanden viele vom Markt.

Schmerzmittel: Stressnudeln fürs Ohr

Die Folge der Coxib-Debatten war zum einen eine Rückbesinnung auf konventionelle Schmerzmittel. Als Medikament der Wahl wurde damals von vielen Seiten und immer wieder Paracetamol genannt: Lang erprobt, gut bekannt, kardiovaskulär unbedenklich, das war der Tenor. In der Folge fing eine ganze Reihe von Wissenschaftlern allerdings damit an, Registerdaten zu konventionellen NSAR und auch zu Paracetamol etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Relativ schnell wurde damals klar, dass konventionelle NSAR ähnliche kardiovaskuläre Probleme machen können wie Coxibe. Das war dann aber nicht mehr so skandalträchtig und wurde entsprechend wenig öffentlich diskutiert. Neben Registeruntersuchungen gibt es mittlerweile auch einige prospektive epidemiologische Studien zu den unerwünschten Folgen von NSAR. Eine sehr große Untersuchung hat jetzt die Ärztin Sharon Curhan vom Brigham and Women’s Hospital der Harvard Medical School in Boston im American Journal of Medicine veröffentlicht. Die Arbeit ist im Internet im Volltext einsehbar. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Einfluss von Substanzen wie Aspirin, Paracetamol und Co auf das Hörvermögen der Patienten. Der Zusammenhang ist nicht völlig neu. Dass Aspirin in hoher Dosis Hörprobleme machen kann, ist bekannt. Und auch bei konventionellen NSAR gibt es zu diesem Thema zumindest Fallberichte.

Paracetamol irritiert nicht nur die Leber

Curhans Studie hat jetzt prospektiv untersucht, wie sich regelmäßiger Schmerzmittelkonsum – definiert als mindestens zwei Tabletten pro Woche – über lange Zeiträume hinweg auf das Hörvermögen auswirkt. Ein besonderes Augenmerk gilt eben jenem scheinbar harmlosen Paracetamol. Die Studienkohorte bestand aus Teilnehmern der Health Professional Follow-up-Studie, über 51000 Männer, die im Jahr 1986 in die Studie eingeschrieben wurden und dann alle zwei Jahre einen Fragebogen ausfüllten. Das taten sie bemerkenswert gewissenhaft: Beim 18-Jahres-Follow-up im Jahr 2004 waren noch über 90 Prozent dabei. Ärzte halt. Nachdem Probanden mit vorher bekannten Hörschäden, ototoxischen Krebstherapien und hohem Alter ausgeschlossen worden waren, blieben immer noch fast 27.000 auswertbare Datensätze übrig.

„Die Ergebnisse haben uns wirklich umgehauen“, sagt Curhan. 3488 Probanden wurden im Studienzeitraum schwerhörig. Und dabei korrelierte die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln eindeutig mit dem Auftreten von Schwerhörigkeit. Diese Korrelation war altersabhängig: „Wir haben herausgefunden, dass der Zusammenhang bei jungen Männern besonders stark ist“, berichtet Curhan. Und am allerausgeprägtesten war der Effekt bei Paracetamol: Das Risiko für Hörschäden bei unter 50jährigen Männern ist bei regelmäßiger Paracetamol-Einnahme den Daten zufolge doppelt so hoch wie normal. Aspirin-Konsum geht mit einem immer noch 50 Prozent höheren Risiko einher. Und andere NSAR steigern die Quote an Hörschäden um 61 Prozent. Wurden in der Auswertung alle Altersgruppen berücksichtigt, so sehen die Zahlen etwas besser aus. Paracetamol erhöht das Risiko von Hörschäden dann nur noch um 22 Prozent. Die Wissenschaftler erklären das damit, dass die altersbedingt ohnehin auftretende Schwerhörigkeit den Einfluss der Analgetika statistisch verdünnt.

Weniger Schmerz, aber auch weniger Schutz?

Was könnten die Gründe für die beobachteten Effekte sein? Und welche Rückschlüsse sollten gezogen werden? Ein Erklärungsansatz besteht in den bekannt ungünstigen Effekten von NSAR auf die Durchblutung des Innenohrs. Weniger Blut, mehr kaputte Zellen, das leuchtet zumindest ein. Auch oxidativer Stress spielt vielleicht eine Rolle: „Paracetamol könnte dazu führen, dass der Glutathion-Gehalt in den Cochlea-Zellen abnimmt“, sagt Curhan. Das antioxidative Glutathion gilt unter anderem im Zusammenhang mit Lärmexposition als ein protektiver Faktor für das Ohr.

Klinisch plädieren die Studienautoren für Zurückhaltung beim Einsatz von Analgetika, wo immer das möglich ist. Die wichtigste Botschaft der Arbeit dürfte sein, dass es das eine unbedenkliche Schmerzmittel für alle Lebenslagen nicht gibt. Coxibe sind es nicht. Ibuprofen ist es nicht. Diclofenac ist es nicht. Und Paracetamol ist es auch nicht, und das nicht nur wegen der bekannten Leberproblematik.

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Allgemein

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6 Kommentare:

Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Menschliches Hörorgan ist mit Abstand der auf die geringste
Energie ansprechende Sinnesempfänger, empfindlicher als das
durchs Fernsehen so bevorzugte Auge. Blinde werden bedauert,
Doofe verspottet.Sollten Blinde ihre Blindeheit gegen völlige
Taubheit eintauschen bleiben sie sämtlich lieber blind.
Die polycausale Schädigungsmöglichkeit userer Ohren hindert mich an einer Stellungnahme pro oder contra und zeigt die Problematik
solcher Schwatzbude wie hier!.-Übrigens “schwätzen” in Schwaben
sogar die NOBEL-Preisträger. Es möge sich also niemand auf den
(wohl kaum noch getragenen) Schlips getreten fühlen.
NeuroPsychiater sind im allgemeinen friedliche, gut zuhörende
Menschen sogar was bemühte Heilptaktiker anbetrifft.
Streiten gern aber bitte etwas gepflegter! tre

#6 |
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Vielen Dank für Ihre Feedbacks.
@ Rohr: Ich würde mich über eine weniger polemische Diskussionskultur freuen, vielleicht können Sie ja auch dazu beitragen. Ich kann hier nur für meine Praxis sprechen und sagen: Ich “bete” niemanden gesund. Ich arbiete mit immunologischer, orthomolekularer und osteopathischer Diagnostik.
Menschen, die tatsächlich Zeit und Mittel aufwenden, um sich in meiner Praxis behandeln zu lassen, sind in aller Regel verzweifele “Dropouts”. Die haben Praxen wie die Ihre bereits durchlaufen und suchen nun nach einem letzten Strohhlam.
Ich arbeite seit 16 Jahren in eigener Praxis und habe zum Thema Orthomolekularmedizin und Autoimmunopathien zahlreiche Publikationen verfasst. Ich weiß also, wovon ich rede. Meine ganz persönliche Meinung: Ressentiments bringen uns nicht weiter, weder bei der Behandlung von Betroffenen (darum geht es ja eigentlich), noch bei der Diskussion in diesem Forum.
@ Jürgen Streich: Sie haben abslout recht, mit ein wenig Brennessel und ein wenig Teufelskralle ist bei schweren Formen von rA nichts zu holen. Leider sind die in meinem Posting aufgeführten Therapien, v.a. professionell angewendete Orthomolekularmedizin, in Deutschland noch ein “Mauerblümchen”. Wie oben bereits erwähnt: Aus naheliegenden Gründen wenden sich meine Patienten in der Regel als “letzten Strohhalm” an meine Praxis. Jede Verbesserung wäre bei diesen Menschen aus schulmed. Sicht ein kleines “Wunder”. Dabei geht es nur darum, aktuelle Erkenntnisse aus Biochemie, Immunologie, Orthomolekularmedizin und Osteopathie miteinander zu vernetzen und konsequent anzuwenden.

#5 |
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Schon vor mehr als 30 J.habe ich als Student gelernt,daß es Studien gibt,die belegen,daß 20 % der Todwesfälle mit der Einnahme von NSAR assoziiert sind.Spätestens seit Otte ist klar,daß Schmerzen am H.u.B.-App.hauptsächlich nozizeptive Schmerzen sind und neben einer Analgesie eine Antiphlogese bedürfen,sonst haben wir als Behandler keine Chance,auch nicht mit kritikloser Anwendung Stufe 2-3 Analgetika,die hoch umworben sind u.v.der unseligen leider zunehmend auch in der Orthopädie aktiven sog.Schmerztherapie etabliert sind.Der Haupteffekt dieser ist Unwohlsein Übelkeit und erhöhte Sturzgefahr mit folgenden Frakturen,die teuer sind u.das Leben kosten können.Mir scheint wichtig,daß NSAR kuzfristig u.beschwerdeadaptiert genommen werden müssen, nicht gewohnheitsmäßig.Dann ist ihre Potenz optimal zu gunsten unserer Patienten.Stufe 2-3 Analgetika sind den neuropathischen Schmerzen vorbehalten.Am H.u.B.-App. selten notwendig.

#4 |
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Jürgen Streich
Jürgen Streich

In der Tat ein interessanter und gut geschriebener Artikel. Mich würde sehr interessieren, wie der Autor und die Mit-Diskutanten in diesem Zusammenhang den Wirkstoff Indometacin bewerten bzw. einschätzen.

An Herrn Nischinski: Es stimmt, was “Rohr” (wie wäre es mit Klarnamen? – Das ist doch angenehmer!) einwirft. Ich bin selbst Betroffener (multi-kausale Polyarthritis) und stehe der Naturheilkunde positiv gegenüber. Doch hätte ich mich auf Brennessel, Teufelskralle etc. verlassen, wäre ich längs arbeits-, vielleicht lebensunfähig.

#3 |
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Bei ASS ist zur Frage der Einzeldosis noch nichts gesagt worden. Ist zur Schädigung des Gehörs auch eine Dosis von 50 mg in der Lage (als Aggregationdhemmer) ?
gdegenhardt@web.de

#2 |
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In Deutschland werden jährlich ca. 400 Mio Euro für Rheumatherapie ausgegeben und in etwa nochmal die selbe Summe zur Behandlung der Nebenwirkungen der standardmäßig durchgeführten Therapien. Dabei gibt es so viele Alternativen zu NSAR.
Einige Beispiele:
Brennessel hemmt signifikant TNF-alpha;
Teufelskralle hemmt IF1ß, und damit u.a. die Matrix-Metalloproteinasen;
EPA senkt die Zytokinspiegel der TH1-Achse;
ALA hemmt Arachidonsäure als Vorläufer für Serie II Eicosanoide;
Vitamin D-Mangel = erhöhte Krankheitsaktivität und mehr betroffene Gelenke bei rA;
Bereits in den 40’er Jahren behandelte der US-amerikanische Arzt William Kaufmann Rheumatiker mit hohen Dosen von Niacinamid. Seine Beobachtungen wurden im Jahr 2003 durch Untersuchungen der Veränderung der Zytokinmuster unter Therapie mit Niacinamid bestätigt.
Die Liste ließe sich bequem weiter fortsetzen. Und diese Informationen stammen aus durchaus seriösen Quellen wie “Rheumatology”.
Ich würde mich sehr freuen, wenn sich mehr schul- bzw. alternativmedizinische Therapeuten näher mit Orthomolekularmedizin beschäftigen würden.
Herzliche Grüße aus dem Vordertaunus

#1 |
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