Versandapotheken: Traue keiner Statistik…

18. März 2010
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Der Versandhandel gehört auf dem Arzneimittelmarkt zu den großen Gewinnern des Jahres 2009. Das satte Umsatzplus, das die Analysten von IMS Health ermittelt haben, beschränkt sich allerdings auf das OTC-Segment.

Eine gewisse Zurückhaltung bei der Interpretation von Statistiken gehört im Gesundheitswesen zum elementaren Rüstzeug. Wenn ein Medikament X im Vergleich zu einem Medikament Y die Tumorhäufigkeit verzehnfacht, dann klingt das schon grauenhaft. Wenn geschrieben wird, die Quote steige um 900 Prozent – was dasselbe ist – dann lässt sich das Grauen kaum mehr auszuhalten. Wenn aber beim Medikament X einer von zehn Millionen Menschen und beim Medikament Y zehn von zehn Millionen Menschen einen Tumor entwickeln, dann taugt das trotz Faktor zehn nicht für Panikmache. Statistik eben.

Plus 30 Prozent sagen die einen. Plus 3 Prozent die anderen.

Auf den Blickwinkel kommt es auch bei dem aktuellen Zahlenwerk zum deutschen Arzneimittelmarkt an, das die Analysten von IMS Health erstellt haben. Die wichtigsten Daten sind in einer Präsentation enthalten, die der Bundesverband Deutscher Versandapotheken BVDVA im Internet zugänglich macht. Demnach stagniert der OTC-Markt in Deutschland seit nun mehr mehreren Jahren bei plus minus 6,8 Milliarden Euro. Lag der Gesamtumsatz mit rezeptfreien Arzneimitteln und Gesundheitsmitteln 2008 bei 6,795 Milliarden Euro, so stieg er 2009 nur geringfügig um 0,9 Prozent auf 6,857 Milliarden Euro. Er bleibt damit weiterhin unter dem Niveau von 2007, als es 6,874 Milliarden Euro waren. Nix los an der OTC-Front also?

Die in den Zahlen steckende Dynamik offenbart sich erst bei der „Subgruppenanalyse“: Die Versandapotheken konnten ihren Umsatzanteil den IMS Health-Daten zufolge nämlich von 2007 auf 2008 um rund 20 Prozent und im Jahr 2009 dann nochmal um 29 Prozent steigern. Demgegenüber verbuchte das OTC-Geschäft in der Offizin sowohl in der Rubrik Selbstmedikation als auch bei den rezeptierten OTC-Präparaten im GKV- und im PKV-Umfeld Rückgänge, allerdings jeweils nur minimal um ein bis zwei Prozent. Das alles sind die relativen Raten und damit – aus Sicht des BVDVA – die rosarote Seite der Statistik. „Das Umsatzwachstum belegt die große Akzeptanz der Kunden für diesen modernen Versorgungsweg“, betont BVDVA-Vorsitzender Christian Buse folgerichtig. In absoluten Zahlen liest sich das alles allerdings doch und nach wie vor ein wenig ernüchternder: Von um die 6 Prozent stieg der Umsatzanteil des Versandhandels am OTC-Markt auf jetzt irgendwo zwischen 9 und 10 Prozent, bleibt also einstellig.

OTC-Rezepte sind für deutsche Versender fast irrelevant

Interessant und so bisher noch nicht dargestellt ist die Auswertung, die den Anteil der rezeptierten OTC-Präparate nach den Marktsegmenten aufdröselt. Im Offizin-Bereich fiel der Gesamtumsatz mit OTC-Präparaten zwischen 2007 und 2009 zwar von 6,46 auf 6,21 Milliarden Euro. Der Anteil der rezeptierten OTC-Präparate am Umsatz blieb aber mit exakt 22 Prozent faszinierend konstant. Nicht so im Versandhandel: Der Umsatzanstieg von 397 auf 622 Millionen Euro ließ die ohnehin schon geringe Bedeutung der rezeptierten OTC-Präparate von 5 Prozent im 2007 auf kaum noch relevante 2 Prozent im Jahr 2009 herunter rauschen. Soll heißen: Rezepte spielen im Versandhandel praktisch keine Rolle mehr. Den Grund dafür sieht Buse in den gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Versandhandel von Arzneimitteln in Deutschland, vor allem in den Nachteilen, die deutsche Versandapotheken im Vergleich zu niederländischen Versandapotheken hätten: „Sobald der deutsche Gesetzgeber den deutschen Versandapotheken die gleichen Wettbewerbsvorteile wie den niederländischen Versandapotheken einräumt, wird sich das ändern.“

Neuer Trend beim Zuzahlungs-Management

Die Stichworte, die Buse hier meint, lauten Boni für die Einreichung von Rezepten und das Erlassen von Zuzahlungen. Solche Modelle waren in der Vergangenheit von unterschiedlichen Gerichten kassiert worden. Ein noch recht neues Modell in diesem Zusammenhang sind Initiativen und Vereine, die Zuzahlungen ganz oder teilweise erstatten, wenn man ihnen beitritt. Derartige Angebote gibt es beispielsweise von der Deutschen Patienteninitiative DPI und von dem Verein Vivavita. Dort kann man Mitglied werden und erhält dann die Zuzahlungen von den Vereinen erstattet, sofern man in kooperierenden Apotheken einkauft.

41 Wertungen (3.8 ø)
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4 Kommentare:

Selbstst. Apotheker

Die Regierung kann mit den Apotheken verhandeln,indem es die Otc Präp.mit niedrigem Aufschlag festsetzt,d.h z.B. wie bei Rxpflichtigegen evtl anders,und sie verbietet sämtliche Versandhandel in der BRD.Dann sind wir Apotheker um die Ecke
keine Abzocker mehr für unser besonders kluge und schlaue Volk ,die durch die Medien belehrt sind und es gibt kein Versand mehr mit Arzneimitteln.Was würde Herr Dr.Rössler
davon halten.Der die Apotheker/in hätte dann den persönlichen
Beratungsvorteil für den Patienten oder Kunden.
Arzneimittel gibt es nur dann in der Apotheke um die Ecke.Sicherlich passt das wieder nicht vielen Kollegen/innen ,aber wie wollen Sie sonst diesen am Ende für den Verbrauchergefährlichen Versandhandel mit Arzneimitteln stoppen.Vieleicht haben Sie recht,dass wir in der Zukunft mehr zu tun,indem wir die kaputten Nieren,Leber , Gehirne und andere von Mmissbrauctenarzneimitteln versorgen zu müssen.
Brunnen Apotheke Löningen,B.Orhon

#4 |
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Rainer Beckmann
Rainer Beckmann

Man kann gar nicht oft genug auf die Manipulationen durch die Statistik hinweisen!

#3 |
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Selbstst. Apotheker

Der angebliche Erfolg der Versandapotheken im OTC – Bereich
basiert einzig und allein auf dem Angebot mit Niedrigstpreisen. Dabei wird offensichtlich auch mit Preisen
geworben, die unterhalb des Einkaufspreises liegen. Seriös
kalkulierende Apotheken werden somit in die Ecke der
Abzocker gestellt. Wo sind die Wettbewerbshüter, die diese
gesetzlich verbotenen Dumpingpreise angreifen ?

#2 |
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Dr. Jürgen Meyer-Wilmes
Dr. Jürgen Meyer-Wilmes

Sehr guter Überblick

#1 |
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