Tremor: Schallwellen im Zittertal

2. August 2013
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Viele alte Menschen leiden am essenziellen Tremor. Ein unkontrolliertes Zittern ihrer Hände erschwert ihnen das Greifen und Halten von Gegenständen und schränkt ihr soziales Leben ein. Ein neues Verfahren könnte nun die Beschwerden der Betroffenen lindern.

Meist zittern die Arme und Hände, oft auch der Kopf oder die Stimme. Beim essenziellen Tremor, der häufigsten Bewegungsstörung bei Menschen über 65, führen diese Symptome dazu, dass viele Betroffenen Alltagsaktivitäten wie Trinken oder Schreiben kaum noch wahrnehmen können. Über die genauen Ursachen der Krankheit ist noch wenig bekannt. Bisher weiß man nur, dass bestimmte Gehirnareale wie Kleinhirn, Thalamus und Hirnstamm am Ausbruch der Krankheit beteiligt sind. Neurologen stehen für die Therapie des essenziellen Tremors eine Vielzahl von Medikamenten zur Verfügung, doch diese helfen nicht allen Patienten oder verlieren im Lauf der Behandlung ihre Wirksamkeit. Zudem begrenzen oft Nebenwirkungen ihren Einsatz.

Eine Operation, bei der eine Elektrode in den Nervenkern des Thalamus eingesetzt und mit elektrischen Impulsen das Zittern unterdrückt wird, ist für viele Betroffene die letzte Hoffnung. Die auch als Tiefe Hirnstimulation bezeichnete Methode bewirkt bei etwa 70 Prozent der behandelten Patienten eine dramatische und lang anhaltende Besserung. Jedoch besteht bei dem chirurgischen Eingriff ins Gehirn das Risiko von Blutungen und Infektionen.

Ultraschallwellen werden fokussiert

Nun berichten Wissenschaftler um Professor Andres M. Lozano von der Universität Toronto in der Fachzeitschrift The Lancet Neurology über eine neue Möglichkeit, Tremorpatienten erfolgreich zu behandeln, ohne dabei deren Schädeldecke zu öffnen. Bei diesem Verfahren liegt der Patient wach in der Röhre eines Kernspintomografen, mit dessen Hilfe der nur zwei Millimeter große Zielbereich im Inneren des Thalamus aufgespürt wird. Gleichzeitig ist sein Kopf in einer stereotaktischen Apparatur fixiert, die von 1024 Positionen aus Ultraschallwellen durch den Schädel auf den Zielpunkt senden, so dass sich im Schnittpunkt dieser Wellen das Hirngewebe erhitzen und inaktivieren lässt. Die Therapie mit fokussiertem Ultraschall wurde vor einigen Jahren ursprünglich zur Entfernung von Tumoren entwickelt.

Im Rahmen einer Studie untersuchten Lozano und seine Mitarbeiter das Verfahren an vier Patienten, deren Tremor sich nicht mehr mit Medikamenten unterdrücken ließ. Unmittelbar nacheinander erhielten die Testpersonen zwischen 12 und 29 Beschallungszyklen, die jeweils 10 bis 25 Sekunden lang waren. Die Ultraschallwellen waren so eingestellt, dass nur auf einer Seite des Thalamus ein Teil des Nervenkerns zerstört wurde. Die Temperatur steigerten die Wissenschaftler von anfänglich 44 auf bis zu 63 Grad, während sie die Patienten wiederholt auf Wirkung und Nebenwirkungen testeten. Die Behandlung erfolgte so lange, bis das Zittern des dominanten Arms auf der anderen kontralateralen Körperhälfte fast vollständig verschwunden war.

Verlorene Fähigkeiten kehren zurück

Wie Lozano und seine Kollegen in ihrem Artikel schreiben, erfuhren die Studienteilnehmer eine unmittelbare und anhaltende Verbesserung ihrer Symptomatik: Das Zittern im behandelten Arm hatte sich nach einem Monat um durchschnittlich 89,4 Prozent verringert, nach drei Monaten waren es immer noch rund 81,3 Prozent. Bereits verlorene Fähigkeiten, wie den Namen zu schreiben oder ohne Strohhalm aus einer Tasse zu trinken, kehrten nach der Behandlung wieder zurück.
Allerdings ist auch die neue Methode nicht frei von Nebenwirkungen: Ein Patient hatte Missempfindungen in Daumen und Zeigefinger, die auch nach Studienende noch nicht verschwunden waren, ein weiterer erlitt während der Prozedur eine tiefe Venenthrombose, die drei Monate lang mit Arzneien behandelt werden musste. Für die Behandlung eines Kopf- oder Stimmtremors scheint die neue Methode weniger gut geeignet zu sein: Wenn beide Seiten des Thalamus-Nervenkerns mit Ultraschallwellen behandelt würden, sei das Risiko von Sprachstörungen bei den Patienten wahrscheinlich deutlich erhöht, schreiben Lozano und seine Kollegen in der Veröffentlichung.

Methode ist nicht reversibel

Andere Experten äußern sich vorsichtig optimistisch über die Arbeit der kanadischen Wissenschaftler: „Es handelt sich um eine interessante Machbarkeitsstudie, die zeigt, dass ein völlig neues Therapieprinzip bei schwer zu behandelnden Patienten mit essenziellem Tremor wirksam ist“, sagt Professor Günther Deuschl, Direktor der Klinik für Neurologie an der Universität Schleswig-Holstein in Kiel, der in der gleichen Ausgabe von The Lancet Neurology auch einen Kommentar über Lozanos Studie geschrieben hat. „Zwar sind in der Studie Nebenwirkungen wie lokale Blutungen oder sich postoperativ ausdehnende Läsionen nicht aufgetreten, aber aufgrund der geringen Zahl von Testpersonen kann man sie nicht sicher ausschließen.“ Auch habe, so Deuschl, die Methode den Nachteil, dass im Gegensatz zur tiefen Hirnstimulation eine Inaktivierung des Gewebes nicht reversibel sei.

Der Mediziner plädiert für eine multizentrische Studie mit vielen Patienten und klaren Vorgaben, in deren Rahmen das neue Verfahren im Vergleich mit der tiefen Hirnstimulation getestet werden sollte, um so statistisch belastbare Daten über Wirksamkeit und Sicherheit zu erhalten. Ginge, so Deuschl, der fokussierte Ultraschall daraus erfolgreich hervor, könnte dieser eventuell auch zur Behandlung anderer Bewegungsstörungen wie der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden.

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Chirurgie, Medizin, Neurologie

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10 Kommentare:

Dr. med. Danny Fritzsche
Dr. med. Danny Fritzsche

Es gibt langjährige Expertise und eine gute Evidenz für das Verfahren stereotaktisch-ablativer Thalamotomie (Freiburg/Köln). Ob mit Linearbeschleuniger, Gamma-Knife, HF-Elektrode oder Ultraschall spielt im Endeffekt kaum eine Rolle, allenfalls bzgl. der Nebenwirkungen.
Ob eine tiefe Hirnstimulation keinen irreversiblen Schaden anrichtet ist m.E. nicht erwiesen. Man kennt mit der Zeit entstehende Glioseherde um die tiefen Hirnstimulations-Elektroden herum und die “Mikrothalamotomie” durch den Vorschub der Elektrode besserte nach meiner Erfahrung schon bei einigen Pat. intraoperativ die Beschwerden, dass von einer relevanten strukturellen Veränderung/”Schädigung” ausgegangen werden muss.
Die potenzielle Gewebeschädigung durch Ultraschall ist gut untersucht und basiert auf verschiedenen Mechanismen. Die sollte man sich bei den zunehmenden graphischen Möglichkeiten der Sono-Geräte immer bewusst sein, insbesondere Farbduplex und 3D-Mode etc…man achte mal auf den MI (mechanischen Index).

#10 |
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Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Vogel
Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Vogel

Mal was Grundsätzliches: Ich kann Menschen gut verstehen, die über Manches nicht scherzen mögen. Über die manchmal etwas BILD-haften Titel kann man aber auch hinwegsehen, wenn man den Stil nicht mag. Andererseits bleibt bei mir so manches Thema und v. a. die Quelle auf diese Weise recht gut im Gedächtnis. Eselsbrücken dürfen ja durchaus auch mal etwas Absurdes haben. Ich bin eher für “Weiter so”.
Nun zum Artikel noch drei Worte: hoch interessant. Danke.

#9 |
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Hallo MitleserInnen,
ein hochaktueller und spannender Beitrag und Therapiemöglichkeit der Zukunft bei einem schweren neurologischen Problem.— Mich überrascht, als frühen Ultraschall- Anwender ab Beginn der 80-er Jahre in der Kinderheilkunde, ein wenig, daß “fokussierter” Ultraschall tatsächlich d o c h ( wenn auch kalkulierbare, lokalisierte ) thermische Schäden im Gewebe erzeugen kann. Uns “frühen” Sonographern wurde aber immer versichert, daß auch bei längerzeitiger Beschallung keinerlei Gewebe geschädigt werde und ich hoffe, daß dies für die übliche sonographische Diagnostik aller Arten immer noch zutrifft. — Durch die Kommentare m.E. humorloser MitleserInnen merke ich überhaupt erst die Anspielung auf das Zillertal ( “Zittertal”), werde es auf meine Prioritätenliste für private Reisen setzen, war noch nie dort. MfG, GB

#8 |
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Gast
Gast

Nicht nur alte Menschen werde von Essentielle Tremor betroffen! Oder?
Ich habe es seit ich 20 Jahre Alt bin!
Und ich kenne viele junge Leute die betroffen sind.
Das stoert mich viel, weil in meinen Beruf die fein Motorik ganz wichtig ist!
Meinstens habe ich es im Griff, weil ich nicht immer stark zittern.
Aber es gibt Phasen die gar nicht geht, dass das Zittern sehr stark ist und ich kann nicht die peinliche Situationen vermeiden.
Manche Arbeitskollegen denken, dass ich Probleme mit Alkohol habe! Die sagen es nicht Direkt, wird aber angedeutet.
Und das, obwohl ich ganz selten Etwas trinke!
Dass ist mir sehr peinlich, und hatte mir schon mehr mals belastet.
Ich nemme keine Medikament, habe ich schon genommen (Betablocker), es hat eine Zeit gut geholfen, dann musste die Dosis immer erhoet werden und ich wollte es nicht.
Dann war alles wieder sehr schlimm ohne Medikament.
Aber ich habe es gemerkt, dass wenn ich meine Emotional im Griff habe (mit Entspannungsuebung zum Beispiel) , ist das Zittern nicht so viel und ich bin weniger eingeschraenkt, und wenn es so bleibt kann ich damit leben. ichh weiss aber dass es nicht so bleibt, dass es mit der Zeit zunimmt. Dann versuche ich immer mehr Gut mich ernaehren und fit im Kopf bleiben in der Hoffnung dass ich die Verlauf der Erkrankung etwas verzoegere kann.
Damit Klar zu kommen hat es ganz viel Zeit gedauert, Heute habe ich 38 Jahre, 18 Jahre habe ich gebraucht!
Ich freue mich auf weitere Forschungen in diesen Gebiet!

Vielen Dank duer die Artikel Herr Braun!
Und es tut mir Leid fuer die so viele Schreibefehler!

#7 |
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Bei ganzen v i e r Patienten wurde diese fokussierte Ultraschall-Technik im Thalamusgebiet zielgenauer als bisherige neurochirurgische Methoden und angeblich mit weniger Kollateralschäden angewendet . Das hier beschriebene Verfahren ist noch im experimentellen Erprobungsstadium (“proof of concept”). Der schwere, essenzielle, therapieresistente Tremor ist für unsere Patienten eine extrem belastende Situation. Alltagstauglichkeit und Teilhabe sind erheblich eingeschränkt.

Doch wenn als Ergebnis betont wird, dass eine sofortige und nachhaltige Verbesserung des Tremors in der dominanten Hand gezeigt wurde. Zugleich aber die mittlere Reduktion im Tremor-Score nach 1 Monat 89,4 Prozent und nach 3 Monaten 81,3 Prozent betrug, frage ich mich nach den wesentlich “nachhaltigeren” 1-Jahres- bzw. 5-Jahres-Ergebnissen [“Patients showed immediate and sustained improvements in tremor in the dominant hand. Mean reduction in tremor score of the treated hand was 89.4% at 1 month and 81.3% at 3 months.”]. Eine tiefe Bein-Venenthrombose ist übrigens keine zu vernachlässigende Komplikation und liegt mit 25 Prozent Risiko eindeutig zu hoch.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#6 |
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Karin Strigl
Karin Strigl

Was hat das nun mit dem Zillertal zutun?

#5 |
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K.Schiemenz
K.Schiemenz

Was soll das mit dem “Zittertal” und dem Bild dazu? Soll das geistreich sein oder was?

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Die Überschriften sind fast alle geschmacklos, reisserisch und eines Bild-Artikels würdig! Dabei wenden sich die Artikel doch eher an einen anspruchsvolleren Leserkreis !?

#3 |
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Die Überschrift ist geschmacklos!

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

sehr informativ

#1 |
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