Krätze: Jetzt noch milber

26. März 2018

In Deutschland breitet sich Skabies weiter aus, wie aktuelle Zahlen zeigen. Dermatologen erkennen die Erkrankung zwar zuverlässig, doch es gibt andere Probleme: Es kam erneut zu monatelangen Lieferengpässen bei einem wichtigen Arzneistoff für die systemische Therapie.

Die Barmer hat untersucht, wie oft Ärzte Medikamente zur Skabies-Therapie aufschreiben. Zwischen 2016 und 2017 hat sich die Gesamtzahl an Rezepten bei Versicherten von 38.127 auf 61.255 erhöht. Das entspricht einem Plus von 60 Prozent.. Bei der medikamentösen Therapie gibt es drei Möglichkeiten: Permethrin, Ivermectin und Benzylbenzoat – zumindest in der Theorie. In der Praxis stehen meistens nicht alle drei Arzneimittel zur Verfügung. Der Grund sind Lieferengpässe.

„Ärzte verschreiben wieder deutlich mehr Krätze-Medikamente, und zwar in allen Regionen Deutschlands“, sagt die Dermatologin Dr. Utta Petzold. Besonders stark war der Zuwachs in Schleswig-Holstein (127 Prozent), gefolgt von Bremen (98 Prozent) und Rheinland-Pfalz (89 Prozent).

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© Barmer

Die Expertin geht ebenfalls davon aus, dass Hautärzte entsprechende Infestationen rasch erkennen: „Ähnlich stark dürfte auch die Anzahl der Erkrankten gestiegen sein.“ Beschwerden wie nächtlicher Juckreiz, aber auch gerötete Papeln in Hautfalten liefern erste Hinweise. Die Erkrankung ist bei ambulanter Therapie nicht meldepflichtig. Deshalb existieren keine akkuraten Zahlen.

Unterschiedliche Erscheinungsformen

Auslöser der Beschwerden ist die Krätzemilbe (Sarcoptes scabiei var. hominis), ein Spinnentierchen. Je nach immunologischem Status des Patienten treten unterschiedliche Formen auf. Die gewöhnliche Skabies tritt bei Patienten mit intaktem Immunsystem auf. Dermatologen achten nicht nur auf Ekzeme als Folge der Immunreaktion. Unter dem Mikroskop erkennen sie kommaartige, unregelmäßig gewundene, wenige Millimeter lange, weißliche Gänge. In den meisten Fällen ist eine ambulante Therapie möglich.

Hoch ansteckend: Skabies crustosa

Im Unterschied zur gewöhnlichen Skabies mit überschaubaren Milbenzahlen breitet sich der Parasit bei Skabies crustosa millionenfach aus. Patienten haben häufig ein supprimiertes Immunstem. Auch bei körperlichen Einschränkungen, die Patienten hindern, sich zu kratzen, kann es zu dieser Form kommen. Das sind Demenzen, Paresen oder Paraplegien. Skabies crustosa ist hoch ansteckend. Bereits kurze Hautkontakte mit anderen Personen können zur Infestation führen. Deshalb sollten Patienten rasch isoliert werden. Der ansonsten typische Juckreiz ist abgeschwächt oder fehlt komplett. Auffällig sind Hyperkeratosen, also starke Verhornungen der Haut.

Dermatologen versuchen bei der Therapie, Skabies-Milben, Larven und Eier mit geeigneten Wirkstoffen abzutöten. Das Robert Koch-Institut nennt lokal anzuwendende Präparate mit Permethrin, Benzylbenzoat und Crotamiton:

  • Permethrin 5-prozentig als Creme, einmalig 8 bis 12 Stunden (zum Beispiel über Nacht)
  • Benzylbenzoat 25-prozentig für Erwachsene beziehungsweise 10-prozentig für Kinder an drei aufeinanderfolgenden Tagen auftragen und am vierten Tag abwaschen
  • Crotamiton 10-prozentig als Lösung, Creme oder Salbe beziehungsweise 5-prozentig als Gel an drei bis fünf aufeinanderfolgenden Tagen auftragen und dann abwaschen

„Grundsätzlich ist Permethrin topisch das Mittel der ersten Wahl“, heißt es im Epidemiologischen Bulletin. Das Präparat kann ab dem dritten Lebensmonat eingesetzt werden. Patienten müssen es nur einmal auftragen.

Fünf von fünf Apotheken hatten den Arzneistoff nicht

Bei Bianka K. wählte der Dermatologe eine andere Strategie. Die Patientin arbeitet in der Kita. Deshalb wurde sie nicht nur krankgeschrieben, um eine weitere Ausbreitung zu stoppen. Sie sollte außerdem orales Ivermectin einnehmen. Hier werden einmalig 200 µg des Wirkstoffs pro Kilogramm Körpergewicht gegeben. „Das Medikament wirkt sehr zuverlässig und ist vor allem bei Kindern hilfreich, bei denen der Einsatz von Cremes oft nicht ausreicht“, sagt Dr. Heinrich Rasokat, Dermatologe an der Uniklinik Köln.

Schön und gut, nur hörte die Patientin in fünf Apotheken die gleiche Geschichte: Ivermectin-haltige Präparate seien momentan nicht lieferbar. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat Engpässe bis März 2018 dokumentiert. Woran das liegt, ist unklar. Der Hersteller wurde möglicherweise vom hohen Absatz überrascht.

Ärzten blieb nur Permethrin als Alternative. Sollten Patienten nicht auf diesen Wirkstoff reagieren oder sollten sie an Skabies crustosa leiden, sieht es ohne Ivermectin schlecht aus. Auch bei unklarer Mitarbeit des Patienten präferieren Ärzte orale gegenüber topischen Therapien. Aktuell entspannt sich die Lage wieder und Apotheken können entsprechende Rezepte liefern. Wann der nächste Engpass droht, ist eine andere Frage.

Saubere Sachen

Mit der Gabe von Arzneimitteln ist es jedoch nicht getan. Das RKI rät außerdem zu folgenden Maßnahmen, auf die Ärzte im Gespräch mit Betroffenen unbedingt eingehen müssen:

  • Kleidung, Bettsachen und Handtücher bei mindestens 50°C waschen oder mit heißem Dampf behandeln
  • Hitzeempfindliche Gegenstände können in Plastiksäcke verpackt 72 Stunden lang bei mindestens 21°C gelagert werden. Aufgrund ihres Lebenszyklus und fehlender Wirte gehen Parasiten ebenfalls zugrunde. Alternativ sind zwei Stunden bei minus 25°C möglich.
  • Polstermöbel, Sofakissen oder Teppiche werden abgesaugt. Die Filterbeutel sind zu entsorgen.

Enge Kontaktpersonen sollen vom Arzt darüber informiert werden, dass sie – speziell bei Skabies crustosa – andere Personen infizieren, bevor sie Symptome bemerken. Falls es zu Juckreiz oder zu Hautveränderungen kommt, ist sofort der Hautarzt aufzusuchen. „Standby-Verordnungen“, wie in den USA üblich, findet man bei uns eher selten. Dabei erhalten Patienten eine Verordnung mit dem Hinweis, beim Auftreten von Beschwerden ihr Arzneimittel abzuholen und anzuwenden.

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18 Kommentare:

Ärztin

#16: Wilkinson Paste lässt sich als Wilkinson Salbe googeln, besteht aus Schwefel, Petrolatum, Teer, Calciumcarbonat, grünen Seifen und Wasser.

#18 |
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„Die Erkrankung ist bei ambulanter Therapie nicht meldepflichtig. Deshalb existieren keine akkuraten Zahlen.“
Warum ist das so? Wenn das so weiter geht breitet sich eine Epidemie aus. Eine Meldepflicht wäre sinnvoll.

#17 |
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Heilpraktikerin

Mich würde auch interessieren was Wilkinson Paste ist.

#16 |
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Cave Störwirkungen Ivermectin
Arznei-Telegramm 03/18 Pharmakovigilianz- Daten
Berichte über 29 Fälle aus D,F,NL,Jap betreffend schwere neurotox.Symptome
Innerhalb Stunden bis 14 Tagen kam es zu
Sehstörungen Bewußtseinsverlust Krampfanfälle, Enzephalopathie, Koma bei 1 Pat nach Reexposition nach 2 J erneut , 2 Todesfälle gemeldet
Patienten waren mit korrekter Dosierung wegen Skabies behandelt worden

Bei Tieren seien ähnliche Symptome bei Genmutation eines MDR1-GENs nachgewiesen.

#15 |
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Gertraud Schmid
Gertraud Schmid

Gertraud Schmid, Heilpraktikerin

Mir wurde von einem Fachmann mitgeteilt, dass die Waschtemperatur in den modernen Waschmaschinen niedriger ist, als man sie außen eingestellt hat. Hintergrund sei die Energie-Effizienz.
Wenn das stimmt, müsste man sicherheitshalber höhere Waschtemperaturen einstellen.

#14 |
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Sehr geehrter Herr Prof. Mach,
was ist Wilkinson Paste?

#13 |
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Apothekerin Heike Lengsfeld
Apothekerin Heike Lengsfeld

Aus meiner Sicht als Apothekerin, breitet sich die Krätze auch deshalb weiter in Deutschland aus, da unter Budgetdruck von den Dermatologen leider auch den Asylbewerbern (cave: Gemeinschaftsunterkünfte) und anderen finanziell Schwachen, zunehmend das frei verkäufliche, recht teure Benzoylbenzoat Präparat auf Privatrezept, leider auf Nachfrage sehr häufig ohne Kommentar zur Anwendung verschrieben wird. (Zeit ist Geld, wer vergütet den Ärzten die aufwendigere Beratung?) Die Anwendung wird, sofern sich der Betroffene es sich dann leistet, hoffentlich von allen Abgebenden in den Apotheken geduldig so erklärt, dass auch nicht der deutschen Sprache mächtige Patienten, es dann häufig genug und richtig anwenden (die Schlange der Wartenden in der Apotheke ignorierend……) Hier müssten auch die Kassen und alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen erkennen, welche Gefahr hier droht. Das gleiche Problem sehe ich bei den immer wieder auftretenden Läuseepidemien. Solange nur für Kinder unter 12 Jahren auf Kassenrezept die Läusebekämpfungsmittel aufgeschrieben werden, wird dies ein Teufelskreis bleiben. Denn wie soll sich eine Hartz IV Familie oder jemand der von Transferleistungen lebt all die teuren Mittel zur Behandlung der Familienangehörigen, über 12 Jahre alt, leisten können……………

#12 |
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Sehr geehrter Herr Kollege Becker,
da hätte aber Neuseeland die Nummer 1 bei BSE sein müssen.
Ich war da in den Neunzigern als Praktikant und habe zu meiner Verwunderung wahrgenommen, wie von den Bauern Ivomec hektoliterweise beim Tierarzt abgeholt wurde, so daß noch nicht mal mehr ein Regenwurm im Boden überlebt hat. Für Ihrer Vermutungen fehlen wirklich die Belege.

#11 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Lieber Herr Wilke,

vielen Dank für den Hinweis.
Wir haben es geändert.

Viele Grüße aus der DocCheck News Redaktion

#10 |
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Mitarbeiter von DocCheck

@ Dr. med. Elmar Borsdorff:

Lieber Dr. med Borsdorff,
auch unter den Blogbeiträgen müssen sich die User einloggen, können dann aber – wie Sie bemerkt haben – anonym kommentieren. Unseren Blogbeiträgen liegt ein anderes Content Management System zu Grunde, das diese Auswahlmöglichkeit anbietet. Das CMS hinter den Artikeln bietet diese Möglichkeit derzeit leider noch nicht.

Viele Grüße aus der DocCheck News Redaktion

#9 |
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Dr. Petra Urbach
Dr. Petra Urbach

Interessant, Herr Kollege Becker. Ich habe eine kleine Schleife gedreht und mich mal kurz den Prionen, der Wirkung von Avermectinen, GABA- und GABA-Rezeptoren gewidmet. Bin bisher nie auf diese Zusammenhänge gestoßen.

#8 |
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Korrekt muss es Infestation heißen und nicht Infektion mit Krätzmilben!

#7 |
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Dr. med. vet. Andreas Becker
Dr. med. vet. Andreas Becker

Kollege Gabriel, das Thema ist zu ernst, um darüber Witze zu machen! Ich habe das BSE- und das Nodding Syndrom Rätsel gelöst, aber es winkt kein Nobel Preis! Das Nobelpreiskomitee hat Prusiner 1997 für die halbe Wahrheit den Medizinnobelpreis verliehen. Ohne Ivermectin als Co-Faktor hätte die BSE Krise nicht stattgefunden. Das Aufdecken der ganzen Wahrheit wird verhindert, indem das Komitee 2015 den Medizinnobelpreis an Campbell (Merck US Pharma) und Omura für die Entdeckung und Entwicklung der Avermectine verleiht. Der Einfluss der Pharmalobby, das Fehlen investigativer Medizinjournalisten – auch Michael van den Heuvel ist nur ein Auftragsschreiber-, das Versagen der Politik sowie die Ignoranz und Arroganz der Prionforscher sind nur schwer zu überwinden. Das Bild einer akuten Ivermectin-Vergiftung bei einem MDR1+/+ Hund dürfte Ihnen als Kleintierpraktiker bekannt sein; eine chronische Ivermectin-Vergiftung in kleinsten Dosen über 3 bis 4 Jahre, wie leider in Großbritannien passiert, war die Basis für klassische BSE.

#6 |
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Dr. med.vet. Stefan Gabriel
Dr. med.vet. Stefan Gabriel

HEY, Kollege Becker ! haben Sie das BSE Rätsel lösen können ? Der Nobelpreis winkt !
….
Lassen Sie uns an Ihren Erkenntnissen teilhaben, bitte. Das Thema ist zu ernst, um darüber Witze zu machen !

#5 |
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Die sicherste Behandlung ist die Wilkinson Paste. Diese kann man mit Zinkpaste verdünnen.

#4 |
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Dr. med. Elmar Borsdorff
Dr. med. Elmar Borsdorff

Erst mal die Frage an die Redaktion, warum man in Blogbeiträgen anonym kommentieren kann, bei Beiiträgen der Redaktion aber nicht? Eine einheitliche Linie wäre angebracht.

Zwotens @ Dr. Becker: Belege??

#3 |
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Dr. med. vet. Andreas Becker
Dr. med. vet. Andreas Becker

Cave Ivermectin!

1. wichtigster Co-Faktor für BSE
2. Ivermectin = Mectizan = Ursache für Nodding Syndrom

#2 |
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Was mir so als Ursache für die Lieferschwierigkeiten von Ivermectin einfällt: Tier- und Humanarzneimittel dürfen ja nun seit geraumer Zeit keine Produktionswege mehr teilen, was zu teils erheblichen Liefereinschränkungen oder auch dem Ruhen von Zulassungen geführt hat. Ivermectin für Rinder und Schweine ist super lieferbar:)

#1 |
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