Game over für Doc Nukem?

23. März 2010
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Während der Iran verkündet, man habe mit der Produktion von Uran für den medizinischen Forschungsreaktor begonnen, ist die restliche Welt auf der Suche nach neuen Quellen. Alternativen braucht man bald, denn es zeichnet sich ein Engpass bei Radioisotopen ab.

Medizinische Radioisotope oder –nuklide, die nur in speziellen Forschungsreaktoren produziert werden können, kommen in erster Linie in der Diagnose und zu einem kleineren Prozentsatz in der Therapie zur Anwendung. Sie werden zur Erstellung von so genannten Szintigrammen u.a. zum Aufspüren von Tumoren, bei Gehirnerkrankungen, zur Herzinfarkt-Früherkennung oder als Kontrastmittel genutzt. Ungeplante Ausfälle von Reaktoren sorgten in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach für Engpässe in der Nuklearmedizin, berichtet Götz Jonas von der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin e.V. (DGN). Ein Mangel an Isotopen könnte auch momentan wieder wegen Reparatur- und Wartungsmaßnahmen an den beiden größten Reaktoren in Petten/Niederlande und Vancouver/Kanada auftreten. Zusammen decken diese rund 70 Prozent des weltweiten Bedarf ab. Wenn Reaktoren ausfallen, entsteht in erster Linie ein Defizit an Technetium-99m (Tc-99m), ein Isotop, das bei rund 80 Prozent aller nuklear-medizinischen Behandlungen zum Einsatz kommt. Hierzulande werden jährlich rund drei Millionen Untersuchungen mit Tc-99m durchgeführt.

Ausweichen auf PET-Untersuchungen

Die derzeitige Versorgungslücke soll der französische Forschungsreaktor Osiris von CEA mit einem entsprechenden Produktionsplan für 2010 so gut wie möglich schließen. Trotzdem wird man auch in Deutschland bei der Terminierung von Untersuchungen sehr umsichtig planen oder auf andere Isotope, die unter Umständen nicht mehr dem neuesten medizinischen Standard entsprechen, ausweichen müssen. Für Entspannung sorgt eine Übergangsregelung, die es seit dem Radionuklid-Engpass in 2008 gibt und gerade noch einmal auf Betreiben des Bundesgesundheitsministeriums bis zum 30. Juni 2010 verlängert wurde. Die Regelung sieht vor, dass die gesetzlichen Krankenkassen übergangsweise einen Anteil der Kosten für Positronen-Emissions-Tomographie (PET)-Untersuchungen mit 18-Fluorid übernehmen, wenn sie zum Nachweis therapieentscheidender Untersuchungen bei Malignomen dienen. Fluor-18 wird nicht im Reaktor sondern in so genannten Zyklotronen, die in den Kellern größerer Kliniken stehen, erzeugt. Allerdings reicht die Zahl der verfügbaren PET-Geräte – ca. 100 in Deutschland – nicht aus, um beispielsweise die gut 16.000 Knochenszintigraphien pro Woche zu erstellen. Da die Investition in ein PET-Gerät mit durchschnittlich einer Million Euro sehr hoch ist und es bisher keine Kassenziffer für die Untersuchung gibt, wird sich daran so schnell nichts ändern, so PD Dr. Dr. Lutz Freudenberg, niedergelassener Arzt am Zentrum für Radiologie und Nuklearmedizin (ZRN) Grevenbroich.

Aus für alte Reaktoren

Ein zukünftiger Versorgungs-Engpass zeichnet sich aufgrund des hohen Alters der Forschungsreaktoren ab. In der “westlichen Welt” gibt es insgesamt fünf Reaktoren – Kanada, Niederlande, Belgien, Frankreich und Südafrika -, in denen das Mutternuklid von Tc-99m, das Molybdän-99, gewonnen wird. Vier dieser Reaktoren produzieren 96 Prozent des Bedarfs. Und das sind ausgerechnet die ältesten. Sie gingen in den Fünfzigern und Sechzigern ans Netz. Experten erwarten deswegen, dass diese Reaktoren in naher Zukunft – 2015 bis 2016 – aus sicherheitstechnischen Gründen abgeschaltet werden müssen. Das geht aus einer Studie hervor, die im Auftrag des holländischen Ministeriums VROM von Technopolis erstellt und im Dezember 2008 veröffentlicht wurde.

Ersatz für Tc-99m nicht in Sicht

In der holländischen Studie heißt es weiterhin, dass die geplanten neuen Reaktoren, wie beispielsweise der französische Jules Horowitz-Reaktor, nicht ausreichen werden, um den bestehenden Bedarf an Tc-99m zu decken. Vor allem auch, weil die Nachfrage weiter wachsen wird. In den letzten zehn Jahren stieg die Verwendung von Radioisotopen um fünfzig Prozent. Die Experten schätzen, dass sich an dem Tempo kurzfristig nichts ändern wird. Daher stellten sie sich die Frage, ob und wann neue Bildgebungsverfahren, die nicht auf Technetium-Verbindungen basieren, zur Verfügung stehen. Das Ergebnis ihrer Untersuchung deutet darauf hin, dass es aus heutiger Sicht bis 2015 keinen Ersatz für Tc-99m geben wird. Für die Zeit bis 2025 sind die Experten gespaltener Meinung. Und was passiert in der Zwischenzeit? Umfragen weisen laut Studie darauf hin, dass der Einsatz von PET stark zunehmen wird, speziell auch in Kombination mit CT oder MRT. Der Anteil der Single-Photon-Emissionscomputertomographie (SPECT) bleibe vermutlich stabil, so die Verantwortlichen der Studie, allerdings sei auch hier ein Trend zur SPECT/CT und später zur SPECT/MRT zu erwarten. Bei neuen Technologien, die allerdings noch nicht in Sicht seien, müsse man mit einer Entwicklungszeit von 18 Jahren rechnen.

Praxis unbesorgt

Die Aussichten sehen nicht rosig aus. Bedeutet das den Exitus für die Nuklearmedizin? Der Praktiker Freudenberg verneint das. Es sei auch bei den bisherigen Ausfällen nicht zu gravierenden Engpässen gekommen. Alle lebenswichtigen Untersuchungen seien durchgeführt worden. “Ich sehe die Zukunft der Nuklearmedizin insgesamt positiv, da

  • PET zunehmend an Bedeutung gewinnen wird und auch in Deutschland nicht langfristig verhindert werden kann
  • nuklearmedizinische Therapie immer weiter an Bedeutung gewinnen werden (Stichwort individualisierte Therapie oder Gentherapie)
  • die konventionelle Nuklearmedizin neben der PET auf längere Sicht die einzige „molekulare Bildgebung“ sein wird die auch im klinischen Alltag funktioniert
  • SPECT/CT langfristig (wie auch schon beim PET/CT) zu vermehrten Nachfragen nach nuklearmedizinischer Diagnostik führen wird
  • und das nuklearmedizinische Konzept der physiologischen Bildgebung und Therapie sehr überzeugend ist.”

Zu dem angeblichen Vorstoss der Iraner auf dem Gebiet der Nuklearmedizin will Freudenberg sich nicht äußern. Ihn bewegt vielmehr die Frage, weshalb die Politik nicht bereit ist, in einen deutschen Forschungsreaktor zu investieren.

54 Wertungen (4.15 ø)
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4 Kommentare:

Kristina Walker
Kristina Walker

Ich glaube dem Iran inzwischen – die Monopolstellung im medizinischen Sektor ist doch viel interessanter als Bombenbauen. Der Iran kann dann den Hahn zudrehen, so wie Putin die Gashähne.

#4 |
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die restliche Welt auf der Suche nach neuen Quellen, Alternativen?
Was liegt näher als: Man kaufe sein Zeug in Iran.

#3 |
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Das Problem ist so einfach wie auch bekannt. Alte Technologien werden -teilweise auch zu recht- nicht mehr toleriert und neue Entwicklungen werden mit dem Hinweis, dass diese nicht hinreichend evaluiert sind, blockiert.

#2 |
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MR.Prim.Dr, Friedrich Pesendorfer
MR.Prim.Dr, Friedrich Pesendorfer

SEHR GUT

#1 |
  0
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