Wenn Diagnosen töten

25. März 2010
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Urologen müssen bei der Diagnose Prostatakrebs womöglich noch behutsamer sein: Schon zwei Tage nach Erhalt der schlechten Botschaft entscheiden sich Betroffene auffällig häufig für den Suizid - oder erleiden innerhalb eines Jahres einen tödlichen Herzinfarkt.

Der „Schwerpunktbericht 1“ zur „Epidemiologie des Prostatakrebses im Regierungsbezirk Münster“ ist seit Erscheinen der vom Epidemiologischen Krebsregister NRW herausgegebenen Publikation im Jahr 2006 eine wichtige Medizinlektüre. Nach Tumorstadien und -arten aufgeteilt und in vielschichtigen Diagrammen dargestellt, lassen sich die Überlebensraten der betroffenen Männer ablesen. Immerhin: Rund 80 Prozent der Krebspatienten leben fünf Jahre nach der Erstdiagnose immer noch.

Doch was für Münster gilt und auch bundesweit übertragbar scheint, geht nciht bei allen so glimpflich aus. Denn nur wenige Tage oder Monate nach der Diagnose entscheiden sich Männer mitunter für den Freitod, oder versterben auf Grund der enormen Belastung am Herzinfarkt, wie eine aktuelle Untersuchung des „Journal of the National Cancer Institute“ attestiert. Die an der Harvard Medical School Boston unter Leitung von Fang Fang durchgeführte Studie basiert auf mehr als 340.000 Patientendaten des amerikanischen Krebsregisters und deckt den Zeitraum von 1978 bis 2004 ab. Zu Fangs Überraschung verstarben 6.845 Männer vorwiegend innerhalb der ersten drei Monate nach Diagnoseerstellung am Herzinfarkt, 148 Prostatakrebs-Patienten begingen Selbstmord.

Unterschied mehr als signifikant

Diese Zahlen allein wären wenig aussagekräftig. Denn ob die Patienten in San Francisco, Detroit oder Seattle auch sonst ihrem Leben ein Ende gesetzt hätten, oder aber die Entscheidung mit dem Tumorfund zusammenhing, konnte Fang retrospektiv nicht eruieren. Dafür bediente er sich dann den Suizid-Statistiken des gleichen Zeitraums und daraus der zu erwartende Zahl der Selbstmorde. Danach hätten in der untersuchten Kohorte nicht 148, sondern lediglich 105 Männer den Freitod wählen dürfen – bezogen auf die extrem hohe Gesamtzahl an Patienten ist der Unterschied statistisch betrachtet mehr als signifikant.

Dass eine Krebsdiagnose den Freitod nach sich ziehen kann, wissen Mediziner seit geraumer Zeit zu berichten. So publizierten Forscher von der University of Washington im Jahr 2008 eine Studie, in der die Suizidraten von mehr als zwei Millionen Patienten untersucht wurden. Alarmierende Erkenntnis: Die Selbstmordrate lag doppelt so hoch wie jene der Allgemeinbevölkerung. Vor allem Männer mit Magen- oder Lungenkrebs und Kopftumoren entscheiden sich für den schnellen Freitod.

Frau und Kind als Überlebenshilfe

Weil aber neben dem Suizid auch der Herztod eine wesentliche Rolle zu spielen scheint, schließen Ärzte jetzt auf einen weitaus schwerwiegenderen Zusammenhang zwischen Primärerkrankung und sekundären Faktoren wie Angstzuständen und anderen extremen psychische Belastungen. Entsprechend erklärbar sei auch die Tatsache, dass Männer in stabilen Familienverhältnissen erheblich seltener der Herztod ereilt, meint Fang – Frau und Kinder erweisen sich als Überlebenshilfe.

Neben Zuneigung und Liebe der eigenen Familie wirkt auch die molekulare Medizin lebensverlängernd. So sei die Herztodrate nach der Einführung der PSA-Tests zurückgegangen, schreibt Fang, weil die Diagnosen als softer empfunden werden, und infolge dessen die Belastung des Patienten abnimmt.

103 Wertungen (4.24 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Angela Blumberger
Angela Blumberger

@4 muss in Bezug auf diesen Artikel ein Irrläufer sein ?!

#8 |
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Hildegard Bohnenkamp
Hildegard Bohnenkamp

Die Tumor-Diagnose ist erst mal ein Schock, für jeden. Wie (man) damit klar kommt, hängt ganz sicher davon ab, wie die
Nachricht vermittelt wird und ob (man) in einer stabilen Partnerschaft lebt, besonders auch bei Prostata-Krebs.
Mein Mann und ich hatten nach dem Schock Glück, dass “unser” Urologe die richtige Form der Vermittlung fand. Wir wurden aufgeklärt über die versch. Behandlungsmöglichkeiten, der statistischen Erfolgsquoten und sämtlicher Nebenwirkungen. Auch bekam mein Mann eine 24-Stunden-Notruf-Nr. mit. So kamen wir ganz gut zurecht.
Schlimm, wenn Menschen zu früh resignieren.
Trotzdem bin ich auch für freie Entscheidung und Hilfe in aussichtlosen Fällen.

#7 |
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Gabriela Bähre
Gabriela Bähre

Als Tierärztin darf ich dem Leid schwer kranker Tiere ein Ende setzen und ich beneide sie darum, daß ihnen dieser Weg offensteht, wenn sie sich auch nicht selbst dafür entscheiden können. Aber bei meinen eigenen Tieren habe ich es immer wieder gefühlt, daß sie mir “dankbar” waren, für ihre Erlösung. Nur der Mensch muß bis zum bitteren Ende leiden. Wohl dem, der noch in der Lage ist, sich dem durch den Freitod zu entziehen. Wann wird es auch bei uns Menschen möglich sein, sich erlösen zu lassen?

#6 |
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Moment, man sollte doch erst mal den Artikel LESEN! Es geht m.E. hier doch nur um die Darstellung eines statistischen Studie, die EBM-aufbereitet darstellt, was wir alle schon länger vermutet haben: Erhöhte Suizidrate nach Malignom-Diagnose, aber auch erhöhte Infarktrate! Jedoch nicht die Seele als Ursache (Nr.1) für Malignome, (wobei es meines Wissens als gesichert gilt, daß die Psyche einen nicht unerheblichen Einfluß auf das Immunsystem hat). Diese erhöhte Rate an Morbidität bei einer Erkrnkung mit 80% Fünfjahresüberlenemsrate finde ich erschreckend und zeigt doch meiner Ansicht nach vielmehr den sinn und Nutzen einer krebspsychologischen Beratung, im Rahmen derer die Patienten immer noch die Wahlfreiheit haben, Suizid zu begehen, aber doch dies nicht als Kurtschlußreaktion oder aus einem Gefühl des Alleingelassenseins.

#5 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Werte Teilnehmer 3 unde 4 . ich bin selten so mißverstanden
worden. Danke an Frau Claudia Gökdemir !
Meine ebenso sachliche wie neutrale Haltung ist ohne mein
Zutun überregional bekannt.
Traurig, daß einem Arzt selbstgewähltes Ende bei Zehnjährigen
( Lit. bei NISSEN u.a.) unbekannt blieb.-
Der “feinen” Gesellschaft, die immer noch den Selbst-“Mord”
verteufelt und über Kranke Witze macht, gehöre ich nicht an.
Die Zeit in der der Überbringer sachlicher, schlechter Nachricht Prügel bekam ist wohl vorbei.-
Wegen intensiver ehrenamtlicher anderweitiger Arbeit bitte ich herzlich darum, weitere Richtigstellungen in der hier ventilierten Sache nicht zu erwarten.-
Gott, oder, wie es beliebt, dem Urknall, befohlen ! EHT

#4 |
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Angela Blumberger
Angela Blumberger

Es gibt neueste Studien, die diesen ersten Verdacht (häufiger Suizid nach Prostata-CA) doch nicht erhärten… Wahrscheinlich kommt es letztlich, wie bei vielen Studien, nur darauf an, wer der Geldgeber für die Studie ist.

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ganz richtig Herr Dr. Eckart, jeder bekommt nur soviel aufgepackt, wie er erleiden kann. Der gewählten Weg eines Karzinompatienten sollte in meinen Augen gerade von Medizinern und ausübenden Heilberuflern vorbehaltlos akzepiert werden.

#2 |
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Dr Lutz Eckart
Dr Lutz Eckart

Die Seele als Ursache für Malignome? Leider ist dieser Schluß doch etwas zu allgemein und wird der Karzinogenese wohl nicht gerecht. ( Nur seelisch kranke Raucher bekommen Lungenkrebs? Das Ewing-Sarkom bei 11jährigen als Folge einer schweren Kindheit??)
Aber unabhängig dsvon finde ich die Tatsache, das Karzinompatienten eine erhöhte Suizidrate haben, weder erstaunlich noch alarmierend. Schlußendlich möchte nicht jeder eine Karzinomerkrankung bis zum Ende erleben und man sollte den “tapfer” etliche Chemotherapien erleidenden, mehr tot als lebendig auf sein Ende wartenden Patienten nicht gesellschaftlich höher werten, als jemanden, der diese Behandlung und den eigenen Verfall nicht erleben möchte und seinem Leben ein selbstgewähltes Ende setzt. Der Freitod sollte nicht mehr “schimpflich” sein und es muss hier m. E. auch ärztlicherseits nicht “gegengesteuert” werden.

#1 |
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